#OUTINCHURCH

Hier gehts zur Hompage

Ein paar pastoraltheologische Anmerkungen

1

Man muss die Verurteilung der Homosexualität in der Bibel im Kontext lesen. Es war eine Zeit, in der das biblische Prinzip lautete: Wachset und mehret Euch! Alle sexuellen Begegnungen, die nicht generativ waren und Kinder hervorbringen konnten, waren verwerflich. Auch Onanieren. Zudem spielten heidnische Kulte eine Rolle, welche Homosexualität implementiert hatten. Mit der Homoxeualität wurden auch diese Kulte verworfen.

In den griechischen Kulturen gab es teilweise eine andere Bewertung. Bei Platon wird nachgedacht, ob Mann und Frau nicht Sonne und Mond abbilden. Diese können sich unterschiedlich verbünden. Sonne mit Mond (Mann mit Frau) war gängig, aber das am wenigsten wertvolle. An der Spitze stand Sonne mit Sonne. Aus solchen Beziehungen von Mann mit Mann sollten die Politiker und Philosophen genommen werden.

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In der jüngeren Vergangenheit widmeten sich viele Wissenschaften der Homosexualität. Manche hielten sie (und halten sie bis heute) biologisch für genetisch. Entwicklungspsychologen vermut(et)en, dass zumal Männer in ihrer homoerotischen Entwicklungsphase stecken bleiben, manchmal auch aus Verführung. Die Tiefenpsychologie von Freud versuchte wieder eine andere Erklärung. Damit hing die Frage zusammen, ob eine sexuelle Orientierung veränderbar, noch mehr „heilbar“ sei. Die WHO (Weltgesundheitsorganisation) führte bis 1990 Homosexualität als Krankheit. Kämpferische Gegner der Homosexuellen wie etwas das Dritte Reich, aber auch andere Kulturen der Welt in Afrika, Asien, Russland setz(t)en bis heute zur Heilung grausame Mittel ein, Elektroschocks, hochdosierte Östrogenbehandlung über lange Zeit. Nicht wenige landeten in den Konzentrationslagern und wurden ermordet.

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Die Kirche hängt in dieser bewegten Geschichte voll drinnen. Der verstorbene Altbischof Fischer vertrat die Heilbarkeit. Daskirchliche Arbeitsrecht verhindert formell die Weihe, wird aber keineswegs immer angewendet (Kardinal Meissner erzählte mir bei einem Besuch, dass er gerade vier Homosexuelle geweiht hatte, weil sie zölibatäres Leben versprachen). Bei uns wird unterschieden, in welchem Dienst jemand wirkt. Zugleich hat sich eine sehr starke „Regenbogenpastoral“ entwickelt, etwa von Franz Harant in Linz. Die Deutschen Bischöfe haben eine Veränderung ihres Arbeitsrechts auf der Tagesordnung des Synodalen Weges: Nicht wenige deutsche Bischöfe halten die derzeitige Position des Arbeitsrechts für unhaltbar und haben sich positiv zu #OUTINCHURCH geäußert (Bode-Osnabrück; Heße-Hamburg, Dieser-Aachen,Timmerevers-Dresden).

4

Einige pastorale Leitlinien zeichnen sich ab:

  • Trag im Umgang und mit soliden Argumenten Deinen Teil dazu bei, dass überkommene Diskriminierungen aufhören.
  • Respektiere das Gewissen der Betroffenen. Es ist ihr Leben. Sie haben einen Anspruch auf Wahrhaftigkeit, also auch öffentlich zu ihrer sexuellen Begabung zu stehen. Begleite sie, wenn sie sich unsicher oder verunsichert sind. Es gibt ja auch dramatische Fälle von Personen, welche männliche und weibliche Geschlechtsorgane seit Geburt haben. Juristen ringen darum, ob die Eltern eine Operation veranlassen dürfen oder nicht.
  • Vermittle ihnen die Grundbotschaft des Evangeliums, dass Gott jede einzelne Person liebt. Füge bei, dass Gott auch in Fragen der Evolution der sexuellen Orientierung aller Lebewesen (phylogenetisch) wie der einzelnen Person (ontogenetisch) den Reichtum offenbar nicht nur zulässt, sondern auch liebt.
  • Und an die Kirchenleitung gerichtet: Überprüft das Arbeitsrecht ebenso wie die Lehraussagen im Katechismus der Weltkirche. Ethische Normen entstehen in der Begegnung zwischen empirischen Fakten, wachsenden (wissenschaftlichen) Einsichten und deren anthropologischer Deutung. Das führte Beispielsweise zur Revision der kirchlichen Lehrposition zur Todesstrafe oder zum Suizid.

Bleiben noch die Mitglieder der Kirche und wie diese die Bibel lesen. Manche lesen sie wortwörtlich. Daraus leiten sie ab, dass jede sexuelle Begegnung, die nicht in einer ehelich en Verbindung geschieht und zu Kindern führen kann, unmoralisch ist. Es braucht aber auch ein ethisches Lernen. Da Herz des christlichen Glaubens ist Gottverbundenheit und das Wissen um einen unbeirrbar treu liebenden Gott (Dtn 32,4), und hängt nicht von einer sexuellen Orientierung ab, sondern ermutigt zu einem gewissenhaften Leben mit dieser.

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4 Antworten zu #OUTINCHURCH

  1. Prof. Dr. Edgar Marsch schreibt:

    Am Beispiel der (inner)kirchlichen Diskussion über die Homosexualität zeigt sich wieder einmal, wie fragwürdig es ist, aus dem AT überzeitlich gültige Normen abzuleiten. Alles hat seine (ihm eigene, d. h. eigentümliche) Zeit! Sein Saeculum! Säkularisierung bedeutete Entstehung, auch Schaffung neuer Ordnungssysteme mit Schlüsselnormen wie Autonomie, freier Wille, Toleranz, Menschenwürde, Selbstbestimmtheit, Freiheit, Vernunft, Humanität usw. Ordnungssysteme dürfen nicht stehen bleiben. Mensch und Gesellschaft entdecken sich immer wieder neu und erschaffen sich immer wieder neu, in ihrem Saeculum. Gott hat diesen Drang, dieses Streben im Menschen angelegt. Das sollte auch kirchen“eigentümlich“ sein. Stillstand bedeutet, dass sich die glaubenden Menschen von ihr wegentwickeln oder abwenden, wie es heute auf erschreckende Art und Weise in Mitteleuropa geschieht. Kirche wird es in Zukunft nur geben, wenn aus der „alten Kirche“ eine „immer neue Kirche“ entsteht.

    • derChristian schreibt:

      Zu der Frage, ob aus der Bibel und insbesondere aus dem AT überzeitlich gültige Normen abgeleitet werden können und sollen, möchte ich auf ein Buch verweisen: „Das Tagebuch der Menschheit“ von Carel van Schaik und Kai Michel. Viele Fragezeichen und Widersprüche sind für mich durch die klare und schlüssige Interpretation der jeweiligen Texte der Bibel unmittelbar verständlich und nachvollziehbar geworden. Voraussetzung dafür war, dass die Hermeneutik und Exegese nicht von Menschen mit dem theologisch geformten Tunnelblick (sehr wohl jedoch theologisch gebildet) betrieben wurde; und möglicherweise wird ein gestandener Alttestamentler den beiden Autoren das Recht dieser anderen Auslegung absprechen wollen, der sollte sich aber stattdessen lieber mit dem Inhalt auseinandersetzen. – Jedenfalls würde nach dieser Lektüre wohl niemand mehr auf die Idee kommen, Regelungen, die vor 3000 Jahren verständlich, wertvoll und richtig waren, 1:1 heute noch so anwenden zu wollen.
      Der zweite Teil des Statements zielt meines Erachtens auf die entscheidende Frage überhaupt: Welche Rolle kann eine Kirche in Zukunft überhaupt noch spielen – auch wenn sie eine „immer neue“ wäre? Denn nicht jedes Streben, das im Menschen (von Gott?) angelegt ist, gereicht zum Wohl des Einzelnen oder der Menschheit. Nach welchen Kriterien sollen dann Normen und Gebote abgeleitet werden? Ist die Kirche hier nicht schon längst durch die – allgemein formuliert – Menschenrechte abgelöst worden?
      Eine immer neue Kirche nach meinem Verständnis muss sich nicht laufend ändern und anpassen. Eine neue Kirche soll helfen, trösten, Mut machen, unterstützen, Gemeinschaft fördern/ermöglichen und eine frohmachende Botschaft verbreiten – und zwar ausnahmslos jedem. Dazu braucht es keine neuen Gebote.
      Nicht soll sie (ver)urteilen, verdammen, mit Hölle und Fegefeuer drohen, sich als per se moralische Instanz sehen, sich als Richter über Gut und Böse darstellen. Der spirituelle Missbrauch mit Hölle, Fegefeuer, etc. ist ja leider so tief verwurzelt, dass er als solcher gar nicht mehr wahrgenommen wird. Nur in so einer Kirche würde man auch Gebote und Verbote definieren müssen – immer neue oder ewig die gleichen wäre aber in dem Fall belanglos.
      Man mag mir Blauäugigkeit vorwerfen, eine Vision für eine neue Kirche, nach der sich alle weiteren Entscheidungen bzgl Struktur, Organisation, Tätigkeitsfelder, etc. ausrichten, ist es allemal. Aber gab es diese neue Kirche nicht schon einmal? So ganz am Anfang…

  2. Brand, Hildegard schreibt:

    Natürlich kann ich eine Vielzahl von dicken Buch-Bänden vergleichender Kulturwissenschaften neben mich stellen, in denen Durchforstungen des „Phänomens“ Homosexualität vor allen möglichen historischen, kuturellen incl. religiösen, gesellschaftlichen, politischen Hintergründen von Anbeginn der Entwicklung der menschlichen „Kultur“ mit ihren Lebensformen und politischen Systemen und Regelungen dokumentiert sind – mit mehr oder weniger sicheren oder vagen, offenen Ergebnissen. ( Ich denke, die Form von homosexuellen Beziehugen und Handlungen hat es “ immer schon “ gegeben. ) Und diese Forschung mag bei aller Mühseligkeit sehr spannend sein. In Bezug auf „die“ Bibel kann uns m.E. die historisch-kritische Forschung lehren, dass es „die“ Bibel als einheitliches Ganzes gar nicht gibt – was die vielen einzelnen „Bücher“ mit verschiedenen Autoren in unterschiedlichen historischen, kulturellen Kontexten und die jeweiligen Ausssagen betrifft. Weder n u r das AT noch n u r das NT ist für sich „die“ Bibel.
    Interessant ist, dass sich in den EVANGELIEN nur wenige Stellen, z.T. auch mehrdeutige, finden, die wichtig für das Thema “ Homosexualität“ sind. . Das ist evt. deshalb aufschlussreich , weil es den Schreibern als Vermittlern der „Botschaft Jesu“ gar nicht wichtig war, das zum Problem zu machen ( alttestamentlich-jüdische Tradition hin oder her ).
    In den Paulusbriefen gibt es mehr, aber auch nicht immer eindeutige Stellen, die umfassend im Kontext zu analysieren sind…
    Wie auch immer die Ergebnisse ausfallen – da stimme ich sowohl Prof. Marsch als auch Prof. Zulehner zu -:
    wichtig ist die „Transformation“ in unsere Zeit, und zwar m i t der jesuanischen Botschaft, welche nach den uns vorliegenden Texten die eines Menschenrechtlers gewesen ist und bleibt. Deshalb bleibt “ Christen“ und auch Menschen mit anderen Weltanschauungen nichts anderes übrig, sich „nur“ daran zu halten Mit dieser Haltung der Einhaltung der Menschenrechte, der Gleichheit aller Menschen vor dem Gesetz und Gott hätte sich das Leid einer Vielzahl von diskriminierten, sogar grausam hingerichteten Homosexuellen über Jahrhunderte verhindern lassen könnnen.
    Leitlinien sind sicher hilfreich, weils immer noch nicht in allen Köpfen angekommen ist. Und leider hat alles zu lange gedauert und dauert immer noch …. bis es in der obersten Spitze
    der „Heiligen- Herrschaft“ angekommen ist. Anklagen gegen diese , gegen betonartig Denkende und Agierende sind längst überfällig.

  3. Brand, Hildegard schreibt:

    … ein später Nachklang ( zu Homosexualität )
    zum aktuellen Brief des Vorsitzenden der polnischen Bischofskonferenz an den Vorsitzenden der deutschen Bischofskonferenz: Bericht darüber in : katholisch.de, 22.02.2022
    ( m.E. mit hanebüchenen Positionen vom polnischen Bischof)

    Es ist schon über-wältigend, welche „Welten“ sich gegenüberstehen:
    Der polnische Bischof selbst stellt die Welten gegeneinander: “ getreu“ „der Lehre der Kirche“ ,
    im Kathechismus manifestiert, wonach Homosexualität nicht der „Natur“, d.h. deshalb nicht der Ordnung in Gottes Schöpfung entspreche, deshalb sündhaft sei, die Menschen bräuchten „Mitleid“, ( gnädigerweise ) auch „Achtung“ ;

    die andere Welt –
    „aktuelle Entwicklungen in Psychologie und Sozialwissenschaften“ .Dabei hat der Bischof eine klare Vorstellung von einem „richtigen“ und „falschen Menschenbild“ . Offenbar haben die Vertreter der „aktuellen Entwicklungen“ immer das „falsche Menschenbild“ , die kein Recht haben, Jesu Lehre zu vetreten.
    So werden auch die hochberechtigten Forderungen u.a. vom deutschen „synodalen Weg“
    als “ abgedroschene Slogans“ abgewertet. Abwertung des “ Gegners“ ist immer gut für die Aufwertung der eigenen Position: Dabei ist es ein Hohn mit völliger, erschreckender Verdrehung von geschichtlichen Zusammenhängen, wenn er „aktuelle Erkenntnisse über Homossxulität als vergleichbar „mit zu Beginn des 20. Jahrhunderts vertretenen Positionen des Rassismus und der Eugenik.“ einschätzt. Die aktuellen Erkenntnisse seien “ ideologische Täuschungen“ .
    Wie er der “ Gegenseite“ abspricht, sich auf Jesus zu berufen, so sieht er „seine Welt „, damit „seiner Kirche“ , offenbar ganz Jesus-konform.
    Meine Position: In Bezug auf Menschenrechte lässt sich unser lieber Herr Jesus auf keinen Fall – da bin ich 100% sicher – von Ihrem „falschen Menschenbild“ vereinnahmen , lieber Herr Bischof Gadecki,
    und Sie bleiben uns Textsstellen , Worte Jesu aus den Evangelien ( ipsissima vox Jesu ) schuldig.
    Auch Beton hält keine tausend und abermal Tausend Jahre.
    Da wünsche ich Georg Bätzing, seinen offenen Kollegen und den deutschen Synodal*Innen viel Standfestigkeit gegen die wirklich „falschen Menschenbilder“, … .

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