Sind wirklich die 68er am Missbrauch schuld?

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Es ist schon viel gesagt und geschrieben worden über den Umgang der katholischen Kirche mit dem Missbrauch in der Vergangenheit. Das Missbrauchsgutachten im Erzbistum München und Freising über die Zeit von 1945 bis 2019 hat die Diskussion in den letzten Tagen weiter aufgeheizt. Betroffenenorganisationen sind enttäuscht und wollen Taten sehen, nicht nur beschwichtigende oder selbstanklagende Worte aus dem Mund der Verantwortlichen hören. Einzelne kirchliche Gruppen widerstehen manchmal nicht hinreichend der Versuchung, das Leid der Betroffenen vor ihre Reformforderungen zu spannen. Bischöfe zeigen sich reumütig, entschuldigen sich für zurückliegende Versäumnisse und versprechen nachhaltige Heilung dieser tiefen Wunde der Kirche durch professionelle Prävention. Zwischen den Zeilen kommt es in seltenen Stellungnahmen auch zu einem aggressiven Kirchenbashing, was schon allein anzudeuten aber nicht political correct ist.

Es hat den Anschein, dass nicht nur die Kirchen, sondern auch die Gesellschaft inzwischen gelernt haben, dass das Wohl aller Kinder an erster Stelle rangiert. Denn alle Kinder sind schützenswert, und das in allen Bereichen der Gesellschaft, von der die Kirche nur ein Teil ist. Schade, dass einige der Kirche, Täter und Vorgesetzte, nicht das Jesuswort beherzigt haben: „Bei euch soll es so nicht sein!“ (Mk 10,43). Aber auch diesbezüglich trifft die Kirche entschlossen Vorsorge, dass Taten unwahrscheinlich(er) werden wie deren Vertuschung keine Chance mehr hat. Es scheint mir angebracht, diese Entschlossenheit den Verantwortlichen der Kirche von Papst Franziskus abwärts abzunehmen.

Mich beschäftigen allerdings zwei keineswegs belanglose Teilaspekte, die oft im Hintergrund verbleiben und ein Bedenken mit besorgtem Herzen und kühlem Verstand verdienen.

Die große Zahl der enttäuschten Engagierten

Ein erster Aspekt: Mich bekümmert sehr, dass die vielen Menschen, welche sich für ein evangeliumskonformes Handeln in der Kirche einsetzen, zu den Leidtragenden zählen. In der Ehrenamtsstudie 2021 vermerkte ein Teilnehmer: „Mein größtes Problem in meiner ehrenamtlichen Bildungstätigkeit ist, dass viele Menschen die Kirche als Institution, die wertvolle Impulse für die persönlichen Lebensgestaltung geben kann, ‚abgeschrieben‘ haben. – Zitat: ‚Ist eh gut, was du machst, aber lass mich mit der Kirche in Ruh!‘“ (Mann *1958) Daran ändert wenig, dass die Skandale von wenigen schwarzen Schafen verursacht werden, wie ein Befragter vermerkt: „Ich finde es furchtbar, wie die Kirchen in den Medien ständig nur schlecht geredet werden nur wegen einigen wenigen, die Schlimmes getan haben. Die Mehrheit der Geistlichen, Gläubigen allgemein und Ehrenamtlichen sowie Hauptamtlichen sind meiner Erfahrung nach nur gute, hilfsbereite und wirklich christlich lebende Menschen.“ (Mann *1943) Zu diesen einzelnen Personen sind Organisationen hinzuzufügen, welche sich mit handfesten Taten auf die Seite der Menschen stellen, aus der ArbeitnehmerInnenbewegung, aus der Caritas, den vielen Bildungseinrichtungen, hier nicht zuletzt im Religionsunterricht.

Der Missbrauch betrifft also – Gott sei es geklagt – nicht nur Kinder und Jugendliche. In einer oft übersehenen, gänzlich anderen, aber bedrückenden Weise „betroffen“ sind die vielen haupt- und ehrenamtlich Engagierten, deren Anliegen – wieder zitiere ich aus der Ehrenamtsumfrage – einzig in Folgendem besteht: „Ich engagiere mich ehrenamtlich, weil ich durch meinen Einsatz die Welt zu einem besseren Ort machen möchte, als wenn ich mich nicht einsetzen würde. Meine Basis dafür ist das Evangelium mit der Botschaft vom Reich Gottes, das schon hier und jetzt beginnt und für jeden Menschen ein menschenwürdiges Leben will.“ (Frau *1946) Allerdings soll auch nicht verschwiegen werden, dass manche Gemeinden ihrerseits am Vertuschen beteiligt waren, um „ihren“ Priester zu schützen und behalten zu können.

Nicht nur wegen aller schützenswerten Kinder, sondern auch wegen der großen Zahl treuer und engagierter Kirchenmitglieder (der Katholische Deutsche Frauenbund zählt allein 400.000 engagierte Frauen als Mitglieder) muss die Kirche entschlossen aufarbeiten und sich um eine wirksame Prävention kümmern. Das sind alle Kirchenverantwortlichen den eigenen Leuten schuldig.

Den Ursachen auf die Spur kommen

Nachhaltige Prävention steht und fällt allerdings damit, dass man die wahren Ursachen des Missbrauchs kennt. Sonst gleicht man einem Arzt, der den Schmerz eines Herzinfarkts mit Schmerzmitteln behandelt. In einer Studie über die Kirche unter Papst Franziskus waren auch eine Reihe von Fragen zum Missbrauch implementiert (Zulehner, Paul M.: Kirche hört auf die Menschen, Ostfildern 2021, 84-120). Die Ergebnisse haben mich nachdenklich gemacht.

Benedikt XVI. hat einmal darauf hingewiesen, dass am Missbrauch die 68er mitschuldig seien. Ich habe diese Zeit selbst miterlebt Auch habe ich das „Rote Schülerbüchlein“ gelesen. Dort riet man dazu, sich hinsichtlich der Sexualität nicht an die repressiven Normen der Kirche zu halten. Die Grünen wollten eine völlige Freigabe sexueller Handlungen ohne Altersgrenze. Die Kommune des Otto Mühl praktizierte das unverhohlen. Aber Mühl ist tot, die Grünen distanzierten sich längst von dieser Position. Solche Ausflüge in die Geschichte zeigen zudem, wie unangemessen es ist, mit heutigen Kriterien die Aussagen und Taten von früher zu bewerten: das betrifft die Position der Grünen ebenso wie die Annahme der Wissenschaft über die Heilbarkeit einer Missbrauchsneigung, welche vielen Entscheidungen von wissenschaftsgläubigen Kirchenleitungen zugrunde lagen. Immerhin haben aber die 68er den Anstoß zu einer Neubesinnung auf die überkommene Sexualkultur gegeben, die freilich durch kräftige Mitwirkung aller christlichen Kirchen entstanden war.

Was freilich nachdenklich macht ist, dass es heute trotz dieser neuen Sexualkultur nicht weniger Missbrauch von Kindern gibt. Das kann auch nicht allein dadurch erklärt werden, dass eben der Missbrauch heute an die Öffentlichkeit kommt: zum Glück für die gefährdeten Kinder. Trotz aller Fortschritte hinsichtlich des Umgangs mit Sexualität gibt es aber Missbrauch vor allem in den familialen Lebenswelten, in Heimen und im Sportbereich, und zu einem Bruchteil auch in den christlichen Kirchen, was diesen kirchlichen Missbrauch nicht in seiner Erbarmungslosigkeit wie Evangeliumswidrigkeit beschönigt. Wie prekär die Lage für viele Kinder ist, zeigt sich auch daran, dass die Politik eigene Einheiten abstellen muss, um grauenvollen Kindesmissbrauch, mit dem zudem Geschäfte gemacht werden, aus dem Darknet ans Licht zu bringen.

Von diesen bedrückenden Fakten aus kann man sich den tiefsitzenden Ursachen und dann darauf aufbauend dem wirklichen Versagen der Kirche annähern. Missbrauchstäter fallen ja nicht in der Kirche vom Himmel. Sie werden in ganz normalen Familien geboren, wachsen dort auf und formen dort ihre tragisch ungezügelte, im Effekt kriminelle Neigung aus. Das, so die Studie, ist in den Augen vieler Befragten die Hauptursache: Es wachsen offenbar auch in unserer aufgeklärten Kultur gar nicht so wenige erotisch-sexuelle unreife Männer und – deutlich weniger – Frauen auf. Diese Neigung nehmen sie in ihre Ehen und Partnerschaften mit, in Sportvereine, zum Bundesheer, in Heime, und viele andere Orte. Und auch ein immer kleinerer Teil klopft an die Tore der Kirche, will ordiniert werden oder als Laie in den pastoralen Dienst treten.

Hier liegt das eigentliche Versagen der Kirche, das man durchaus „strukturell“ nennen kann. Es gibt kein taugliches Screening beim Eintritt in ein Priesterseminar. Die frauenfreie Männergesellschaft eines Priesterseminars ist auch kein ein günstiger Reifungsort. Vor der Weihe schauen angesichts der dramatisch gesunkenen Priesteramtskandidatenzahlen die Verantwortlichen viel zu oft weg; manch einer wurde in den letzten Jahren trotz schwerer Bedenken der Seminarleitung geweiht – auch das ist ein Teil der Schuld vereinzelter Bischöfe. Als ich 1967-69 in der Leitung des Wiener Priesterseminars war, gab es immerhin einen Pflichttermin für alle Weihekandidaten bei einer Psychologin. Und dann gehen dergestalt unreife Personen als Einzelkämpfer in jene pastoralen Felder, in denen sie ihre Neigung, wenn sie diese in ihrer Tragweite nicht erkennen und zu beherrschen vermögen, ausleben können. Teamteaching wird nicht praktiziert, obgleich schon Jesus seine Jünger zu zweit aussandte (Lk 10,1). Auch gibt es für Personen, die mit Kindern arbeiten, welche nachweislich oft Nähe brauchen und auch suchen, keine Supervision.

Bei Priestern kommt dann noch eine Theologie der Priesterweihe hinzu, die zu einer gefährlichen Überhöhung führt. Primizfeiern sind immer noch – vor allem in ländlichen Gebieten – eine rituelle Demonstration dafür: keine Taufe, obgleich grundlegender, wird so gefeiert. Diese Überhöhung findet sich aber nicht nur im Selbstbewusstsein der Ordinierten, sondern wird in Familien erlernt und findet sich somit leider auch in vielen Kinderherzen. Die erotisch-sexuelle Unreife geht mit dieser Überhöhung ein toxisches Gemenge ein.

Gemeinsam eine Lobby für Kinder

Stimmen diese Analysen, die in der Studie hohe Zustimmung finden, dann ist klar, dass die Verantwortlichen der Gesellschaft und unter diesen auch die Verantwortlichen der Kirche um der betroffenen Kinder willen kooperieren müssen. Je mehr zumal Männer in den Familien die Chance haben, erotisch-sexuell heranzureifen, umso besser für alle Kinder im Land. Alle, denen an den schutzlosen und liebesbedürftigen Kindern des Landes liegt, könnten gemeinsam eine Lobby für Kinder bilden.

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9 Antworten zu Sind wirklich die 68er am Missbrauch schuld?

  1. Brand, Hildegard schreibt:

    Was ist das Spezielle, das möglicherweise „Andere“ in Bezug auf den Missbrauch in der kath. Kirche im Vergleich mit anderen Bereichen, in denen Missbrauch vergleichsweise noch häufiger
    zu verzeichnen ist?

    In vielerlei Hinsicht hat sich die „Institution kath. Kirche“ über Jahrhunderte
    – auch in den letzten 2 Jahrhunderten überwiegend als einer der mächtigsten „Moralapostel “ und Sittenwächter ( maskulinum hier angebracht) in Kirche und Welt besonders bezüglich der Sexualmoral „aufgespielt“. ( Nebenbei: Kardinal Ratzinger hat der ev. Kirche in den 90ger Jahren noch das „Kirche-Sein“ abgesprochen und nur den Status einer Glaubensgemeinschaft zugebilligt.)
    Besonders die Sexualmoral war für uns Kinder in der kirchlichen Erziehung in den 50ger, 60ger Jahren vielfach ungut prägend – besonders im Zusammenhang mit der Beichte: nicht wenige Kinder hatten das „Vergehen“ der „Unkeuschheit“ – „allein oder mit anderen“ ( vgl. „Beichtspiegel“) verinnerlicht mit der Folge eines permanenten Schuldgefühls nach der Entdeckung der eigenen kindlichen, schönen Empfindungen bei sexuellen Handlungen – überwiegend mit sich selbst,
    ( lieber Herr Beichtvater!). Doktorspiele unter Kindern fanden mit Gleichaltrigen statt. ( Das ist eben der Unterschied zum Missbrauch von Kindern durch einen Erwachsenen) . Sogar Eheleuten wurde eingebläut, ein sexueller Akt diene nur der Kinderzeugung ( wenn das mal nicht gelungen – Schuldgefühle auch bei Erwachsenen ) …
    Wir wissen alle, dass Sozialisation nicht nur in der Familie stattfindet – eben sehr stark direkt und indirekt bisher auch durch christliche Kirchen , (neben Schulen und Vereinen)…. wenn auch abnehmend in der Akzeptanz.
    Jetzt die Parallelwelten:
    – „Moralpredigten“ auf der einen Seite über Jahrzehnte ( wahrscheinlich über Jahrhunderte)
    – auf der anderen Seite Missbrauch durch eben bestimmte „Moral-Prediger“ , einher gehend mit mangelnder Wachsamkeit von anderen „Predigern“ , die darum wussten und diese Täter nicht stoppten. Zur „Moral- Predigt“ gehört parallel die “ Verteufelung“ von Homosexuellen und Homosexualität in Homophobie. Das Ganze spiegelt die „Doppelmoral“ .

    Zu all dem passt jetzt noch einmal Folgendes , das „Fürchterliche“ zuspitzend :
    Die BEGRÜNDUNG der Bewert-ung durch Benedikt in seiner 81-seitigen Stellungnahme und darin seine Relativierung, m.E. „Ent-Schuldigung“ , der Tat eines Priesters, eines Exibitionisten vor einem 10-jährigen Mädchen ist für mich die Spiegelung eines diffusen, verkehrten , verdrehten ( lat. pervertere = per-vers) Verhältnisses zur Schwergewichtigkeit einer sexuellen Handlung im Missbrauch, wenn es auch noch dazu dem Kirchenstrafrecht entnommen ist.
    In dieser Begründung spiegelt sich zugleich in erschütternder Weise eine gänzlich mangelnde Achtung, Wahrnehmung der so vielfach beschworenen Würde einer PERSON eines KINDES im entscheidenen Entwicklungsstadium.
    ( Ich kann als Entschuldigung auch eine mögliche Erklärung nicht akzeptieren, dass dem Ex- Papst Benedikt diese „Begründung“ evt. „untergejubelt“ wurde.)
    Auch an diesem Beispiel der Relativierung der Schwere der Tat wird noch einmal deutlich, wie wenig Respekt dem Mädchen gezollt wird. Stattdessen wird wieder der Täter, Exibitionist,
    „ent-schuldigt“ ((… ist ja nicht so schlimm wie „berühren“, ( ein zugleich zynisches wie menschenverachtendes Argument – und- mir wird schlecht … ) )

    Es macht auch deutlich, dass der Haltung ein verzerrtes Verständnis von Person-Sein , Persönlichkeit mit seiner/ ihrer Würde zugrunde liegt : Eine Person, AUCH und in besonderer Weise die Person eines Kindes ist ein ganzheitliches „Wesen“ in seiner Einheit von Leib, Seele, Geist , Bewusstsein, Unterbewusstsein, Gedächtnis, Einheit mit allen Sinnesorganen, Sehen, Hören, haptisch fühlend, tastend, mit allen Wahrnehmungsorganen. Die Grenzen zu dieser Person dürfen auch nicht durch ( im Urteil : “ harmloses“ ) Zeigen des Exibitionisten überschritten werden. Auch dieses die Person verachtende Überschreiten der Grenze, welche um die Persönlichkeitsssphäre eines körperlich unterlegenen kleinen Menschenwesens gezogen ist, wirkt traumatisch. Die Würde der Person ist auch in diesem Fall un- antast-bar; das gilt auch für die Un- antast-barkeit des symbolstarken Auges – als Wahrnehmungsorgan für das Sehen, das auf diese Weise nicht erzwungen werden darf. Auch die erzwungene Wahrnehmung durch das Sinnesorgan “ Auge“ ist Gewalt mit traumatisierender Schockwirkung. Das Kind, wie alle Opfer, wurde zum Objekt degradiert.
    Dahinter steckt auch , dass mit dieser „Art “ des Verständnisses, der Bewertung von sexuellen Handlungen, einer „Gewalt- Handlung“ nicht die Ganzheitlichkeit einer Person gesehen wird; sondern die „Sexualität“ wird ( abstrus ausgedrückt – samt seinem Geschlechtsorgan- , um es deutlich zu sagen) abgespalten. Auch der Täter wird soo von Benedikt nicht mehr als ganzheitliche Person mit Verantwortung wahrgenommen und bewertet.
    Dieses „Menschenbild“ ist es , was mich noch einmal in gesteigertem Maße empört, Empörung auch über den gleichzeitigen „überhöhten“ Anspruch der eigenen Person, Stellvertreter Gottes auf Erden sein wollten. ..

    Und parallel zu allen „unter der Decke gehaltenen“ Missbrauchstaten waren so manchen „Stellvertretern“ die politisch motivierten Maßregelungen von z.B. Befreiungstheologen und anderen unliebsamen Theologen/ Theologinnen durch Berufsverbote, Reiseverbote – zeitgleich zu den Missbrauchstaten weltweit – wichtiger als deren Strafverfolgung .

    So weit mein Menschenbild und m e i n e “ Moralpredigt“ …..

  2. Kurt Schober schreibt:

    Die 68iger mitverantwortlich an Missbräuchen zu machen ist strikt zurückzuweisen. Das ist historisch falsch und eine plumpe Ausrede. Die internationale, breite Jugend- und Studentenbewegung protestierte damals gegen verkrustete Strukturen in Staat, Gesellschaft, Wirtschaft , Bildung usw. Sie forderte u.a. mehr Mitbestimmung/ Mitsprache in den Schulen , auf den Universitäten, in den Betrieben. Vieles von dem konnte in den 70iger Jahren in den westlichen, parlamentarischen Demokratien auch umgesetzt werden . „Freie Liebe / Sexualität „gehörte wohl auch zu den Schlagwörtern, nicht aber die Pädophilie oder ein Aufruf zu Misshandlung/ Missbrauch von Kindern. Übrigens : der jetzt so oft erwähnte Otto Mühl wurde rechtskräftig wegen Kindesmissbrauchs und Verstoß gegen das Suchtmittelgesetz verurteilt und verbüßte eine Haftstrafe.
    Was wäre jetzt zu tun: kurzfristig
    1. Breite, offene Diskussionsrunden in den Pfarren , z. b. nach der Sonntagsmesse, zur aktuellen Situation der kath. Kirche und Erarbeitung von Vorschlägen für die Zukunft, die an die Bischöfe
    gehen zur Weiterleitung in den Vatikan.
    mittel- und langfristig
    2. Abschaffung des Pflichtzölibats, Einführung der Frauenordination. Die theologisch/akademisch ausgebildeten PriesterInnen sollen ihren Dienst in der Kirche erst nach Erlernung auch eines anderen Berufs ( Handwerker bis Akademiker und in der Praxis bewährt ) antreten dürfen. Ihre „private “ Lebens- Familien,- Partnerschaftsform können sie frei wählen Ihre sexuelle Orientierung spielt dabei keine Rolle.
    3. Verkündigungen von Lehrmeinungen und div. Anweisungen zur “ Sexualmoral “ und dgl. sollten auf allen Ebenen der Gesellschaft, insbesondere in den Schulen , unterbleiben ( müssten sich auch andere Kirchen / Glaubensgemeinschaften überlegen ).
    4. Verhältnis : Staat / Religionsgemeinschaften / Kirchen/ auf neues Fundament stellen :
    Mehr Transparenz über das Wirken von Religions- und Glaubensgemeinschaften und eventuelle Verfehlungen gegenüber staatlichen Institutionen und damit der Öffentlichkeit: z.B. regelmäßige , verpflichtende Tätigkeitsberichte an das Parlament sowie Beratungen in den parlamentarischen Ausschüssen dazu.
    Untersuchungen/ Aufklärung über gemeldete Verdachtsfälle von Missbräuchen/ Misshandlungen . in Untersuchungsausschüssen des Parlaments.

  3. Brand, Hildegard schreibt:

    Meine Zustimmung zu Kurt Schober!
    68er: Es ging auch um den Protest gegen denn Vietnamkrieg und innenpolitisch um die Lüftung vom „Muff unter den Talaren“ , unter denen sich Nazivergangenheiten „verbargen“ – bei Personen, die in der BRD weiterhin hochrangige Verantwortungsposten übernahmen, z.B. in Bereichen der Justiz, der Leitung von Psychiatrien- auch für Kinder- , bei Personen auf hohen und höchsten politischen Verantwortungsposten u.a….
    Die „Verkündigung“ der “ freien Liebe“ nach der berühmt-berüchtigten Parole :
    „Wer zweimal mit derselben pennt, gehört schon zum Establishment!“ hatte oberflächliich betrachtet nicht so viel mit der prakktischen Lebensführung und – haltung von vielen politisch Bewegten zu tun, eher mit dem Aufbrechen von Rollenklischees und – Rollenfestlegungen, incl. Loslösung von regider, schuld – belastenden, besonders kirchlich geprägter Sexualmoral ( ev. und kath.). Und in Wohngemeinschaften ging es mitnichten “ drunter und drüber“ ( vielleicht in den Fantasien von Außenstehenden) .

    Auch wenn die Aufdeckung der Hintergründe von Missbrauch in der kath. Kirche in keinster Weise mit der Aufdeckung von Nazivergangenheiten in 68er ff. Jahren ( „unter den Talaren“ ) vergleichbar ist ( bitte um Himmels Willen hier kein Missverständnis !) so kann mit dem „Bild“ „Unter den — heiligen – Gewändern“ doch deutlich werden, dass Schuld und nicht wahrgenommene Verantwortung über einen langen Zeitraum mit kostbarem Tuch von Gewändern verschleiert wurde. Und diese Ent-deckung muss europa- und weltweit weiter gehen.
    Dazu müsste auch in erster Linie die Hierarchie im Stile einer Ständepyramide (haben wir in der Schule als Grafik zur Abbildung des Absolutismus kennengelernt ) auf den Sockel heruntergebrochen werden, bzw. „vom Kopf auf die Füße gestellt werden“ … = „Umstülpung der Verhältniissse von oben und unten…Ob ichs noch erlebe , evt langsam über den synodalen Weg?

  4. Ulrike Brustmann-Sieber schreibt:

    Die gesellschaftliche Entwicklung der letzten Jahrzehnte spielt sicher eine Rolle dabei (auch die 68 er Bewegung dürfte dabei einen Anteil haben) Vor über 40 Jahren !!!!!! hat bereits Christa Meves (Kinder und Jugendpsychotherapeutin) vor derart möglichen Entwicklungen gewarnt !!! Später auch Alice Schwarzer…und sicher auch andere… Warum liesst man solch warnende Stimmen nicht ?!?!?!

  5. Brand, Hildegard schreibt:

    Christa Meves ist eine sehr umstrittene, in mancher Beziehung durchaus ideologiebelastete Psychologin ( es wird ihr sogar Rechtslastigkeit vorgeworfen) , auch aus Sicht ihrer heutigen Kolleginnen und Kollegen mit fortschreitendem Erkenntnisstand.
    Nicht erst als 95 – Jährige setzt sie z.T. sehr undifferenziert Pauschalisierungsbegriffe ein, die aus heutiger Sicht kaum mehr zu ertragen sind, was u.a. den „Naturbegriff“ ( bes. im Zusammmenhang mit Rollenfestlegungen für die Familie) , die sogen „menschliche Triebstruktur“, z.B. im Zusammenhang mit Sexualität, Unterstellungen in Bezug auf den Zusammenhang
    von „den“ sogen. 68ern mit ihren angeblichen „Entfesselungen sexueller Triebe“ oder sogen. „Frühversexualisierungen“ betrifft ( gegen diesen Zusammenhang verwahre ich mich, besonders, wenn es um sexuelle Gewalt im Missbrauch von Minderjährigen, aber auch um Vergewaltigungen von erwachsenen Frauen und Männern durch Priester geht).
    Christa Meves´ Stimme kann m.E. nicht hilfreich sein für die notwendig äußerst differenziert vorzunehmende Aufarbeitung und die Erklärung von sexueller Gewalt durch Priester.
    Und dabei zum „68er – Argument“: Wie sind dann die Missbrauchsstaten seit 1945 b i s 1968 zu erklären – und auch die in „hoch-katholischen Ländern“ mit einem Diktator wie General Franco, unter dem die sogen. 68er-Bewegung gar keine Chance gehabt hatte – oder in südamerikanischen Ländern, auch mit Blick z.B. auf die erschütternden Verbrechen des Priesters und Begründers
    der „Legionäre Christi“ in Mexko, Marcial Marciel ( * 1920 + 2008 ), dessen ca. 60 Missbrauchstaten und Vergewaltigungen von Minderjährigen und Frauen.

    Papst Johannes Paul II. muss ihn wohl noch 2004 zum „Vorbild der Jugend“ erkllärt haben..
    Papst Benedikt XVI. setzte ihn dann endlich 2005 „außer Gefecht“.

    • Ulrike Brustmann-Sieber schreibt:

      …..mindestens war Christa Meves einer der warnenden Stimmen,,
      Ich habe geschrieben „68 er Bewegung dürfte dabei einen Anteil haben“. Die 68 er waren halt das andere Extrem (auch nicht alles Friede Freude Eierkuchen)
      zu Marcial Marcel – Diese Geschichte ist unpackbar und nicht zu verstehen (er wurde jedenfalls zu Beginn ein Mal aus einem Priesterseminar ausgeschlossen….- laut Wikipedia )

  6. Brand, Hildegard schreibt:

    aktuell: zur neuen „Einlasung“ von Ex-Papst Benedikt XVI. :
    ein Literatur- Hinweis zu sehr aufschlussreichen Artikeln von Felix Neumann und Tobias Glenz in „katholisch.de“ . ( 09.02.2022) – sehr empfehlenswert.

    Felix Neumann: “ Schuld ohne Verantwortung -…“
    M.E. eine sehr fundierte Textanalyse von Benedikts neuestem Stellungnahme-Text.
    Neumanns Methode lässt stark die wissenschaftlichen Methoden von Textarbeit erkennen – ähnlich den Methoden in der „historisch-kritischen-Exegese“ – auch mit Deutungsoffenheiten.

    Ergänzend dazu die Analyse von Tobias Glenz : “ Benedikts persönliche Stellungnahme kann nicht zufriedenstellen.“ Darin u.a.. seine Analyse des inhaltlichen Aufbaus, der u.a. zum Ausdruck bringt, dass nicht die Missbrauchs – Opfer an erste Stelle gestellt werden, sondern dass Benedikt zuerst sich selbst zum Opfer von Unterstellungen macht.

    Und von mir noch einmal eine Anmerkung zum „Zeitgeist“ „hin oder her“:
    „Zeigeist“ „herrscht“ immerzu. Als Freundin von historischen, historisch – kritischen Forschungen und Analysen sperre ich mich jedoch immer dagegen – welcher Problembereich in welcher “ Zeit“ auch immer , ob in „Welt“ oder “ Kirche“ , betroffen ist, wenn „Erklärungen“ auch nur ansatzweise als Grundlagen für „Entschuldigungen“ im Nachhinein dienen. Missbrauch, dessen Vertuschung oder angebliches „Nicht-Wissen“ auf höchstem Verantwortungsposten sind en“früher“ und bleiben heute und immer schuldhaft und gehören ein für alle Mal ohne alles „historische“ Herum-Geeiere“ in das juristische Strafregister. Punkt.
    Letztlich darf auch “ Geschichtsschreibung“ m.E. nie wertneutral bleiben. Dabei vertraue ich immer noch auf das hochentwickelte menschliche Gehirn, das zum moralischen,
    persönlichem Urteil, ( auch über sich selbst ) und zu gemeinschaftlichen Konsensbildungen u.a. in Bezug Verhalten in sozialen Lebens-Zusammenhängen fähig ist , besonders wenn es
    um “ Extremfälle“ von „Fehlverhalten“ , Schuld und Verbrechen wie Missbrauch, geht.

    • zulehner schreibt:

      Geschätzte Frau Brand: Und was machen wir mit der WHO, die bis 1990 Homosexualität als Krankheit einstufte? Mit allen Folgen für Betroffene, wohlgemeinte brutale Hormontherapien, in manchen Kulturen Gefängnis? Wie steht es da um Schuld? Und wer ist schuldig?

      • Brand, Hildegard schreibt:

        Danke nochmal für Ihren guten und berechtigten, kritischen Einwand,
        geschätzter Prof. Paul M. Zulehner !
        Natürlich gehen auch mir während des Kommentarschreibens immer viele Widersprüche durch den Kopf; dabei auch mögliche Unterscheidungen zwischen u.a.
        „Verantwortung -Tragen“ , „Schuldig-Werden“ , „Schuldig – Sein“ , persönliche Verantwortung und Schuld, nicht personalisierbare Ursachen für etwas, entpersonalisierte,
        über Jahrhunderte gewachsene, sich wandelnde oder verfestigende Strukturen mit ihren Regularien – immer wieder über Jahrhunderte in Generationenabfolgen weitergegeben;
        gerade eine „entpersonalisierte“ Struktur ( z.B. auch bei „struktureller Gewalt“ ) halte ich für ein großes Problem.
        Die Kategorien von “ richtig “ und „falsch“ werden auch bei Grundlagen und Folgeab – und – einschätzungen, Bewertungen von Strukturen eingesetzt. Und dabei geht es ja immer um die Organisation eines gelingendes , möglichst ( idealiter) leid -„freies“ Zusammenleben in menschlichen Gemeinschaften/ Gesellschaften, die dafür Regularien auf Wertegrundlagen und Handlungskonsequenzvorgaben brauchen. Darauf gründen auch Be-Wert-ungen in einzelnen Kulturgemeinschaften, die wiederum oft „interesse-geleitet“ sein können.
        In diesen Komplex der Entpersonalisierung ordne ich auch eine Weltorgnaisation wie die WHO ein. So kann ich natürlich sagen, die „Grundlagen“ für die Kategorisierung als „Krankheit “ war bis 1990 „falsch“ , weil auch die medizinische, somatische, wissenschaftliche Grundlage, von welchen Fachwissenschaftlern auch immer vermittelt, „falsch“ war . „Wisenschafts -Verantwortung“ für ihr „Ergebnis“ tragen dann jeweils die Wissenschaftler ( Mediziner? ). Personen als „Verantwortungsträger“ lassen sich evt. herausfinden, die es schon vor 1990 hätten besser analysieren können. Nun geht es auch um „moralische Verantwortung“, wenn dieses Ergebnis Eingang findet in das gesellschaftliche Zusammenleben mit der Folge von Stigmatisierungen von Homosexellen. Welche Wissenschaftler haben ihre „Diagnose“ wann in die Welt gesetzt; welche Vertreter der WHO haben das kritiklos übernommen? Lässt sich das alles „personalisieren“ ?
        Und jetzt doch noch einmal aus „historischer Perspektive“ gefragt : vor dem Hintergrund der auch von „den“ sogen. 68ern losgetretenen öffentlichen Debatte hätte eine andere Einschätzung schon sehr viel früher erfolgen können?
        Und dabei könnte es auch um „interesse-geleitete“ Erkenntnisse und ideologisch geprägte Moral gegangen sein, zumal die WHO stark auch von Spendengelderrn vonseiten bestimmter Firmen und stark von bestimmten Ländern abhänging war und immer noch ist.
        Schuldig könnten eventuell Personen sein, welche die „Stimmen der Zeit “ – schon vor 1990 laut gegen Diskriminierung vernehmbar – achtlos überhört haben oder wollten.
        Mein „Urteil“ : Die Kategorisierung: Homosexualität = Krankheit“ ist falsch und hätte schon weit vor 1990 als “ falsch“ eingeschätzt werden k ö n n e n . Deshalb hier möglicherweise
        eine wissenschafftliche Verantwortung , eine „moralische Verantwortung“, weil die Folgen für Menschen unter Umständen fatal waren. Tja, lassen sich die Personen seit Beginn der WHO dafür herausfinden?
        Moralisch als „falsch“ , evt. sogar schuldbelastend lässt sich auch die viel zu spät getätigte Gesetzesänderung in Bezug auf die Strafbarkeit von homosexuellen Handlungen und Beziehungen in der BRD bewerten ( erst 1994) , w e i l die besseren Erkenntnisgrundlagen schon längst vorlagen. Lassen sich Personen herausfinden, die für eine derartige Verzögerung mutmaßlich verantwortlich waren, zur Verantwortung gezogen werden könnten?
        Ach, lieber Paul M. Zulehner, an dieser langen Ausführung sehen Sie und andere Leser*innen, wie komplex alles ist, bes. wenn jetzt auch noch der Moralorientierte Begriff „Schuld“ durchgespieltt werden müsste!
        Ist hier nicht auch der Unterschied zur Missbrauchsdebatte: M.E. lassen sich hier – bei aller „Strukturdebatte“ – sehr wohl bestimmte Zusammenhänge „personalisieren“ .
        Und alles sollte dazu dienen , die Zukunft anders zu gestalten. Was ja auch in Ihrem Folgebeitrag deutlich wird.
        In diesem Sinne
        bleiben wir im Gespräch…
        Hildegard Brand

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