Das Erbe Benedikts

Die Kommentare zu Benedikts Tod kreisen um wenige, ja zu wenige Punkte. Schnell landen die Diskussionen bei Missbrauch und Rücktritt. Wichtige Themen, die aber nicht das einfangen, was bleiben wird.

Rücktritt

Obgleich der Rücktritt viel Sprengkraft enthält. Manche Kommentare beobachten eine Vermenschlichung, ja Entgöttlichung des Papstamtes. Möglicherweise ist der Rücktritt aber auch ein erster Schritt zu einer weiteren Modernisierung in mehreren Stufen:

  • Die erste Stufe: Der Papst selbst begrenzt seine Amtszeit. Sie muss nicht mehr mit seiner Lebenszeit identisch sein.
  • Denkbar ist ein weiterer Schritt: Das Amt wird von Haus aus kirchenrechtlich begrenzt: etwa auf drei plus drei Jahre wie bei vielen Ordensober:innen.
  • Eine dritte Stufe: Das Wahlverfahren wird synodalisiert. Es wählen nicht mehr die Kardinäle. Vielmehr werden aus der Weltkirche (etwa den kontinentalen Kirchen) vor Ort gewählte Vertreterinnen und Vertreter entsandt, die den Papst wählen. Nach Ablauf einer halben Amtszeit gibt der Papst eine Zwischenbilanz und wird im Amt bestätigt – oder auch abgewählt.

Gotteskrise

Das für die künftige Entwicklung aber entscheidende Thema werden die Gotteskrise gerade in den modernen Kulturen (Nordamerika, Europa) sowie der Umgang mit dieser sein. In dieser Kernfrage gibt es einige Gemeinsamkeiten wie beträchtliche Unterschiede:

Gemeinsamkeiten

Dass es diese Gotteskrise gibt, darin sind sich die meisten Fachleute einig. Das Christentum hat in modernen Kulturen an Kraft verloren. Benedikt beklagte eine Verweltlichung selbst der Kirche; Metz eine Verbürgerlichung der Christ:innen. Johann B. Metz formulierte pointiert: Viele machten „aus einem unpassenden einen uns passenden Gott“. Das Christentum habe seine prophetische Kraft verloren.

Von allen wird deshalb das Wort von der „(Neu-)Evangelisierung“ als Chiffre für den Auftrag der Kirche akzeptiert. Das Evangelium soll die Welt durchformen.

Ursachen

Unterschiede finden sich hingegen in der Einschätzung der Ursachen. Benedikt machte die modernen Kulturen und hier wieder die Achtundsechziger-Kulturrevolution dafür verantwortlich. Diese seien in ihrem Ringen um Humanität von einen Relativismus geschwächt: Es sei nicht möglich, eine Wahrheit zu erkennen oder gar unhinterfragbare Normen abzuleiten. Alles stehe zur Disposition und unterliege dem ungebundenen gesellschaftlichen Diskurs. Um Johann B. Metz zu zitieren: „Hatte Luther gesagt, hier stehe ich und kann nicht anders, sagt der Relativist: Hier stehe ich und kann jederzeit anders.“

Aber vielleicht liegen die Ursachen der Gotteskrise zumal in Europa nicht (nur) in der „Moderne“. Der Religionssoziologe Shmuel Eisenstadt hatte schon vor Jahren von „multiple modernities“ geredet, religionsverträglichen wie religionsunverträglichen.

Zudem verweist die Forschung darauf, dass vor allem der Missbrauch Gottes zur Rechtfertigung von Gewalt Gott in Misskredit gebracht habe. Die Entkirchlichung sowie das Aufkommen des Atheismus in Europa ist eine Konssequenz des blutigen Dreißigjährigen Krieges. „Landfrieden“ konnte nur ohne die kriegstreibenden Konfessionen erreicht werden: also durch eine kirchenfreie Religion der Philosophen (Voltaire) oder ganz ohne Gott (französische Atheisten). Die Krise des Islams oder auch der Russischen Orthodoxie leiden heute wegen des Missbrauchs Gottes für Terror und Krieg unter einem enormen Glaubwürdigkeitsverlust. Das hat mit Moderne wenig zu tun: Im Gegenteil – die Moderne duldet eine solche religiöse Legitimation von Unmenschlichkeit eher nicht.

Somit ist die Frage, wie sich eine Moderne entfalten kann, die kompatibel mit Religion, mit dem Evangelium ist. Daran sollte die Kirche kraftvoll mitwirken, statt die Moderne undifferenziert zu verteufeln. Benedikt hatte dazu beizutragen versucht durch sein Bemühen, Glaube und Vernunft zusammenzuhalten. Er sah auch durchaus Elemente in der Moderne, die mit dem Evangelium kompatibel sind. Seine Relativismusannahme klingt daher in den meisten Diskussionen zu undifferenziert. Sie kommt „schwarz-weiß“ daher: Moderne gilt dann als relativistisch also böse, die Lehre der Kirche hingegen als das gute Gegenstück.

Konsequenzen für die Arbeit der Kirche

Eine Kirche, welche in der Moderne nur das Böse sieht, kann von dieser auch nichts lernen. Sie lehrt dann einfach. Schrieb deshalb der Lehrer Joseph Ratzinger Bücher über das Christentum und als Papst sodann über Jesus Christus und ließ er deshalb den Katechismus der Katholischen Kirche überarbneiten und publizieren?

Papst Franziskus setzt (wie zuvor auch schon Johann B. Metz) den Akzent anders. Er setzt weniger auf das Wort (das macht er natürlich auch), sondern auf die Tat. Er setzt Zeichen wie die Fußwaschung; er will dass die Kirche an die Ränder der Gesellschaft und des Lebens geht. Er verlangt nach einer Kirche por les pobres, mit den Armen (die Option für die Armen hatte allerdings Papst Benedikt bei der Eröffnungsrede in Aparecida 2007 in der Christologie begründet und damit lateinamerikanische Opus-Dei-Bischöfe sowie US-amerikanische Gegner der Befreiungstheologen nachhaltig verärgert[1]). Franziskus interveniert in seinen großen Enzykliken Laudato si und Fratelli tutti sehr konkret politisch.

Benedikt war hinsichtlich der politischen Einmischung hingegen sehr zurückhaltend, was vielen konservativen Politikern auch sehr gefallen hat; er setzte primär auf die Nächstenliebe der einzelnen Kirchenmitglieder (Deus caritas est). Franziskus hingegen mischt sich von amtswegen politisch ein und verlangt dies auch ausdrücklich von der Kirche und ihren Amtsträgern, so in Fratelli tutti. Dadurch wird die Kirche nicht zu einer politischen Partei, sie ist aber politisch parteilich.

Vielfalt der Kulturen in der einen Kirche

Einen nicht belanglosen Unterschied zwischen Benedikt und Franziskus bildet die Frage der Inkulturation. Benedikt interpretierte die Tradition mit Vorliebe im Rahmen der europäischen Philosophie. Anders Franziskus, der einen kreativen Dialog zwischen der ererbten Gestalt der Tradition und den vielen Kulturen der Menschheit fördern will: Er würde Matteo Ricci nicht mehr zurückpfeifen, der den Versuch machte, das Evangelium mit dem chinesischen Denken in einen schöpferischen Dialog zu bringen: was auch die Jesuiten Kardinal Jean-Claude Hollerich (Japans Kulturkenner) oder Louis Gutheinz (Taipeh) versuchen.

Kurzum, bei gleicher Diagnose einer wachsenden Gotteskrise sind die kirchenpolitischen Folgerungen daraus verschieden. Benedikt setzt – an der einheitlichen Lehre interessiert – auf das europäisierte Erbe (etwa im Katechismus der Weltkirche (!)), Franziskus hält eine pluriforme Gestalt des Christentums für möglich und fördert diese auch.

Das Problem für Benedikt war die kulturelle Vielfalt und damit die Dezentralisierung der Weltkirche, die er mehr als Bedrohung denn als Bereicherung ansah. Das Problem für Franziskus wird sein, inmitten des Reichtums der kulturellen Vielfalt die weltkirchliche Einheit zu wahren.

[1]https://www.katholisch.de/artikel/42880-ex-misereor-chef-ueber-befreiungstheologie-problem-war-nicht-ratzinger

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11 Antworten zu Das Erbe Benedikts

  1. Ulrike Brustmann-Sieber schreibt:

    Ja eigentlich würden sich Papst Franziskus und der verstorbene Papst Bendikt XVI doch wunderbar ergänzen in ihren Positionen, oder ?……

    • Jolina schreibt:

      So wie sich gut und schlecht ergänzen …

      • Ulrike Brustmann-Sieber schreibt:

        Wieso „gut und schlecht“ ?. Vielleicht einfach nur „anders“ ?! im Sinne von z.B Judith Butler. (Bezüglich dem Thema „anders“ ist Judith Butlers Standpunkt in der Dialogphilosophie gar nicht so schlecht…) – Beim Thema Evangelisation sind sich Papst Franziskus und Papst Benedikt XVI, meines Wissens jedenfalls einig. Und Evangelisation (in Wort aber auch Tat/Nächstenliebe bzw-hilfe…….) ist ein wichtiges Thema das im weltweiten synodalen Weg eindeutig derzeit noch entschieden zu kurz kommt………….

  2. Karl Michael Waltl schreibt:

    Und dann war da noch der „einfache Mensch“. Ich durfte ihn einige Male persönlich in seinem Rückzugsort im Vatikan treffen. Es waren dies beeindruckende und unvergessliche Momente, für die ich unendlich dankbar bin, dass ich sie erleben durfte. Ich denke mit großer Freude an ein längeres Gespräch mit ihm vor dem Kloster Mater Ecclesiae – „auf Augenhöhe“!

  3. L. Schulz schreibt:

    Nichts für ungut:
    … selbst Franziskus streut Benedikt mehr Rosen 😉…

    … möchte Paulus nach 2 Kor 13,11 zitieren:
    „Haltet fest zusammen und lebt in Frieden miteinander… Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus, die Liebe Gottes und die Gemeinschaft, die der Heilige Geist schenkt, sei mit euch.“

    Verbleibe im Gebet für einen besonders beliebten Papst – mir klingt noch immer das freudige „Benedetto“ bei seinen öffentlichen Auftritten in den Ohren – dieses wird ihn wohl auch jetzt im himmlischen Jerusalem erfreuen!
    Wie dankbar müssten wir eigentlich sein (egal ob gutgesinnt oder nicht) – ihn „alle(!)“ als unseren Freund und Fürsprecher nun ganz „oben“ bei seinem geliebten Jesus zu wissen…

  4. Albert Pichler schreibt:

    Sehr gute und einsichtige Zusammenschau der Einstellung von Benedikt dem XVI. im Vergleich mit Franziskus I. Jeder bringt in sein theologisches Denken und in die pastorale Einstellung seine Lebensgeschichte ein. Der eine die deutsch-europäische, der andere die aus Südamerika. Der eine die denkerische, der andere die soziale. Beide können helfen, die Zeichen der Zeit zu verstehen und im Lichte des Evangeliums zu deuten.

  5. Brand, Hildegard schreibt:

    … Na, lieber Herr Prof. Paul M. Zulehner, das ist ja mal eine wunderschöne, wenn auch ( leider) eine waghalsige, halsbrecherische Vision mit Ihrem „Drei-Stufen-Modell“ für die „Modernisierung“ der „Regierung“ eines Papstes.
    Hier mein humorvoller Ton:

    Klingt ja so erfrischend demokratisch – und das für eine „Weltkirche“ … Schade aber, dass „Visionen“ es oft an sich haben, dass sie zu Lebzeiten der Visionäre und Visionär:innen selten oder gar nicht Wirklichkeit werden oder sich per se auf ferne Zukunft beziehen.
    Ob Papst Franziskus der erste sein könnte, der zumindest einen „Diskurs“ darüber zuließe?
    Oder wäre irgendwann einmal die historische Entwicklung aus sich heraus reif für die Rolle als Gebieterin der „Stunde“ : „Jetzt aber….?!“

    Aber – ….oh je, was machen wir dann schon vorher mit dem antimodernistischen „Dogma der Unfehlbarkeit“ aus dem 19.Jht.? Kämen dann irgendwann mal alle drei Jahre „Unfehlbarkeitsdogmen“ heraus und der nächste „so “ gewählte Papst müsste sich damit herumschlagen und so fort? Das müsste zuerst geklärt werden. Hans Küng könnte ja dabei aus dem Himmel heraus Pate stehen. Er würd sich freuen, alles nochmal neu mit aufrollen zu dürfen… Gell?!

    Und noch eine Bemerkung zur sogen. „Befreiungstheologie“ :
    Der Artikel von Josef Sayer in „katholisch.de“ ( vgl. Anmerk. (1) hier im Beitrag) ist aus einer erfahrenen, anderen Perspektive sehr aufschlussreich.

    Aber auch hierzu weitere Bedenken:
    Auch wenn Joseph Ratzinger 1980 ( 1980 Ermordung von Erzbischof Romero ) noch nicht Präfekt der Glaubenskongregation war und ihn deshalb nicht der Vorwurf treffen kann, dass Papst Johannes Paul II. und er Romero mehr Gehör hätten schenken können/ müssen ( so laut meiner -vielleicht zum Missverständnis verleitende – Anfrage in meinem früheren Kommentar im BLOG “ Nachruf auf Benedikt XVI. “ ) , so bleibt doch die Frage – auf die nachfolgenden 80ger Jahre und folgende bezogen- welche Verantwortung er als Präfekt der Glaubenskongregation für die Reglementierungen von Theologen der Befreiung trägt.
    Sollten Johannes Paul II. und Joseph Ratzinger so “ schwach“ gewesen sein, dass sie den Hard-Linern u.a. von „Opus Dei“ und deren Forderungen klein beigaben ?

    Zeitlich ist es aber zu allem auch aufschlussreich, dass in die Amtszeit von Papst Benedikt XVI. wieder eine Reglementierung eines sehr angesehenen, wissenschaftlich fundierten Befreiungstheologen fällt, die vom Prof. Sobrino am
    14. März 2007 mit einer „Notifikation“ gegen ihn – aus der „römischen Glaubenskongregation“ kommend , unter dem Nachfolger von J. Ratzinger.

    Es ist schon bedenkenswert, dass dies ganz kurz vor der Vollversammlung der lateinamerikanischen Bischöfe im Mai 2007 geschah. Deren Schlussdokument wurde vom damaligen Kardinal Jorge Bergolio ( später Papst Franziskus) redigiert. Papst Benedikt gab sein Placet.
    Sobrino wurden 2007 vorgeworfen: Nichtübereinstimmung mit dem Glauben der kath. Kirche in Bezug auf die „Göttlichkeit“ Jesu Christi, Menschwerdung des Gottes Sohnes… Heilsbedeutung des Todes usw.
    Er bekam zwar kein Schreib – und Redeverbot, wohl aber konnte die „Notifikation“ womöglich einzelne Bischöfe dazu ermächtigen, die Lehrerlaubnis zu entziehen, so wie ich Informationen dazu habe.

    Der ebenso international als hochkarätige Wissenschaftler anerkannte Theologieprofessor ( 93 Jahre) und Lateinamerikakenner , Prof. Peter Hünermann
    hatte in der „Herder- Korrespondenz“ 4 /2007 eine sehr fundierte, detaillierte Analyse der Thesen und Ausführungen von Sobrinos Theologie und Christologie veröffentlicht und die Vorwürfe gegen Sobrino aus wissenschaftstheologischer Sicht für ungerechtfertigt, „falsch“ entkräftet. Gründlicher in den Begründungen konnte „man“ nicht sein. Er sah in der Notifikation auch einen Angriff auf andere Theologen, wie Exegeten und Dogmatik – Theologen.

    Alles in allem : Möge doch endlich nach Benedikt XVI. die Zeit der unbegründeten
    Anschuldigungen vorbei sein. Wünschenswert wäre auch, wenn Vertreter des “ Opus Dei“ nicht mehr solche verantwortungsvollen Aufgaben ( bes. in anderen Erdteilen )
    wie die eines Bischofs übertragen bekämen. Unter der Ära
    von Papst Johannes Paul II. und vom Präfekten der Glaubenskongregation, Joseph Ratzinger soll das wohl öfters geschehen sein. Warum?

    So weit – so viel – weil alles so komplex ist und meherer Buchbände bedarf- so auch die Ausführungen von Joseph Ratzinger / Papst Benedikt zum Verhältnis von Glaube und Vernunft ( wäre nochmal Thema für einen anderen Beitrag) …

  6. Brand, Hildegard schreibt:

    Hier noch kleine Anmerkungen zur sogen. „Gotteskrise“, „Moderne“ ,
    „Relativismus“ :
    Beim Durchblick zumindest durch die „europäische Ideengeschichte“ auch in ihrer Verbindung mit Religionen-Geschichte könnten wir im 21.Jht. doch mal weniger „aufgeregt“ sein ( besonders mit Blick auf die überwiegend männlichen Vertret- er der „Religionen“ , Philosophien)
    Weil :
    – nicht erst seit Beginn der Neuzeit und in folgenden Jahrhunderten gab es Skeptizismus, Agnostizismus bis hin zur „Gottesleugnung“ , sondern auch schon beispielsweise in der griech. Antike, auch aus naturwissenschaftlicher Position heraus ( Protagoras: Nichtwissen über Existenz Gottes, der Götter – Mensch sei das Maß aller Dinge) ;
    oder es gab die Infragestellung kulturell verehrter Gottheiten .
    Auch in dieser Zeit reagierten Herrschende mit der „Angst“ vor Nicht-Anerkennung „absoluter Werte“ , weil dadurch die staatliche Ordnung , garantiert durch „göttliche Ordnungsprinzipien“, auf gefährliche Weise ins Wanken käme.
    Diese „Angst“ führte sogar zur strafrechtlichen Verfolgung (Asebie) wegen „Gottlosigkeit“ .
    Unterdrückung im „Namen“ der Moral und einer staatlichen Ordnung? ( vgl. auch die Hinrichtung von Sokrates, als einem Jugend-Verderber – auch hier wegen „Relativismus“ / Skeptizismus = Gottlosigkeit?)
    Auch gab es schon so etwas wie die „Projektions-Hypothese“ : Religion mit ihren „Anthropomorphismen“ sei nur eine Erfindung zur Aufrechterhaltung der moralischen Ordnung.

    Vielleicht ist wenig bekannt, dass auch I. Kant bestraft wurde für sein kritisches Denken über die sogen. „Offenbarungsreligion“ , die letztlich durch „Vernunftreligion“ überwunden, aufgehoben werden sollte. ( Gott nur als Postulat / Hypothese zur Begründung eines moralischen Verhaltens in der Gemeinschaft) . Er ging aber durchaus durch christliche „Allegorien“ hindurch mit schönen Deutungen des “ Sohnes Gottes“ als einer Art „Ideengestalt“ , einer Art „Urbild“ für moralische Vollkommenheit .
    Anstoß erregte er wahrscheinlich durch seine Kritik an einer Religion, die sich in Gestalt von „Kirche“ nur auf Dogmen, Riten, „himmlische Einflüsse“ in sogen. Offenbarungen stützt mit ihrem Ziel einer bloßen Gott-Wohlgefälligkeit.
    Das sei ein „Afterdienst Gottes“ ( so Kant wörtlich)

    Die Strafe gegen I. Kant wurde vom Friedrich Wilhelm II. höchst persönlich verhängt
    Es gab ein Veröffentlichungsverbot und Gebot zum Verzicht auf weitere Stellungnahmen zu Religionsfragen im „Zeitalter der Aufklärung“ , nach Kant: Wir leben „noch nicht in einem aufgeklärten Zeitalter“ .

    Für uns heute sollte es bedeuten: Wir müssen uns kritisch mit dem
    „bloßen Fortschritts – u Technik- Machbarkeits- Glauben“
    auseinandersetzen ( in der „Dialektik der Aufklärung“), dürfen / können jedoch nicht hinter die guten , emanzipatorischen „Ideen“ der sogen. Aufklärung zurückfallen, d.h. nicht „blind“ in einem „Afterdienst Gottes “ mit alleiniger Orientierung an sogen. „offenbarten Wahrheiten“ – besonders der christlichen- ohne kritisches Hinterfragen
    zurückfallen.

    Vielleicht hat BENEDIKT ja eher darunter gelitten, dass letztlich in „Europa“ nicht mehr das „spezifisch Christliche“ „ohne Weiteres“ gilt – trotz seines Bemühens, Glaube und Vernunft zusammen zu bringen; Grundprämisse blieb für ihn vielleicht immer „die“ christliche Offenbarung. Und die kann nicht erst heute , aber besonders heute von vielen Menschen nicht mehr so ohne Weiteres mit „Vernunft“ eingesehen werden,
    Angst davor ist vielleicht die Sorge darum, dass die Welt zusammenbricht, wenn diese nicht mehr von der spezifisch christlichen Offenbarung gestützt wird.

    Übersehen wird dabei ein mögliches positives Menschenbild, mit dem Menschen durchaus in der Lage sind, moralische Prinzipien „nur“ durch „reine Vernunft“ zu begründen – entgegen dem „Vor-Urteil“ , als ob alle Atheist: innen, Agnostiker:nnen usw. zu Mördern werden müssten, weil sie ohne Gott und christliche Offenbarung
    k e i n e Moral in sich „spüren“ . In der Anthropologie, sogar auch in Verhaltensforschung gibt es gute Gründe, dass dem nicht so ist…

    Jetzt waren es doch „größere“ Ausschweifungen- Wenn´s jemand liest – Danke!

    • Brand, Hildegard schreibt:

      Korrektur zu meinem Kommentar ( 6.1.2023 , 17.13 )
      über ein „positives Menschenbild“
      „moralische Prinzipien ´nur´ durch ´reine Vernunft´ zu begründen“- :

      Wenn wir bei Kants Begrifflichkeit bleiben würden, müsste es eher heißen:
      durch „praktische Vernunft“…

  7. Renate Rupprecht schreibt:

    Als „normaler“ Christen-Mensch frage ich mich:
    Könnte sein, dass Benedikt XVI als ein Mensch, der versucht hat, „die leise Musik Gottes zu hören“, eben darin den Ruf zum Rücktritt als Papst vernommen hat?
    Könnte sein, dass es das Wehen des Heiligen Geistes ist, wodurch sein Nachfolger Franziskus so viel „näher bei den Schafen“ sein Hirtenamt ausüben kann?
    Könnte sein, dass manchmal das Papstamt zu sehr verabsolutiert wird? (Die Weihe zum Priester bzw. Bischof bedeutet Einprägung eines character indelebilis, die Wahl zum Papst nicht, sie ist kein Sakrament, sondern eine Funktion. Es kann daher auch nicht zwei Päpste geben- gibt es doch nur einen „Chefsessel“! Manche deutschen Bischöfe tun so, als ob „ihrem“ (konservativen) Papst Unrecht geschehen wäre.)
    Könnte sein, dass das, was jetzt in den unzähligen Wortmeldungen geschrieben wird, einfach „Geschwätz“ ist, vor dem Papst Franziskus immer wieder warnt? (Wer welche Notizen vernichtet oder nicht, wer wem „a Hack‘l ins Kreuz haut“, am 31.12. gezählte 37(!) Eintragungen auf kathpress.at)
    Und könnte sein, dass man den Tod eines Menschen, der hochbetagt an „Altersschwäche“ verstorben ist, ein wenig nüchterner und christlicher ( etwa: „….du Freund des Bräutigams, möge deine Freude vollkommen sein,….) betrachten kann?

  8. Brand, Hildegard schreibt:

    Liebe Frau Rupprecht, in Bezug auf die „Verabsolutierung“ des Papstamtes stimme ich Ihnen zu.
    Vielleicht ist auch ein Problem, dass ein Papst mehrere „Rollen spielen“ “ muss“
    – die eines Priesters ,“ eines „Hüters von geltenden Glaubenswahrheiten und Hirten und die eines Regierenden/ Verwaltenden ähnlich w i e in der Rolle und „Funktion“ eines „Staatsoberhauptes“ .
    Hinzu kommt dabei sicher,
    dass bestimmte Hierarchie- Strukturen aus früheren Jahrhunderten herrühren.

    Vielleicht sollte auch einmal die Begründung des Sakraments der Priesterweihe für den einzelnen Priester ( in Abhebung von der Vorstellung vom „allgemeinen Priestertum“ aller Getauften) überdacht und „entmythologisiert“ werden.
    Das würde vielleicht auch Auswirkungen auf die Überhöhung des
    „Papstamtes “ haben – und alles zusammen müsste zurückgeschraubt werden auf
    die „Wurzeln“ der Evangelien in ihren jeweiligen Einzelaussagen – besonders auch unter Berücksichtigung der mutmaßlich vorösterlichen Texte, zu deren Zeit es wohl derartige „Strukturen “ so noch nicht gab. Mensch muss nur nochmal nachlesen.
    Welch eine „evangel-ische Einfachheit“ schaut uns da an…

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