Vom hellen und dunklen Gesicht der Macht

Die Rücktritte prominenter Personen in der österreichischen Medienlandschaft sind eine wertvolle Chance, über die Macht und den Umgang mit ihr nachzudenken. Es eröffnet sich die Chance, die demokratische Machtkultur weiterzuentwickeln. Es ist eine gute Zeit für eine ernsthafte moralpolitische Nachdenklichkeit, eine Art kollektiver Bußakt.

Macht ist ambivalent

Wie vieles, was für das menschliche Leben und Zusammenleben wichtig ist, ist auch die Macht ambivalent. Sie hat zwei Gesichter: ein helles und ein dunkles.

  • Die benigne, gute Macht, dient dem Gemeinwohl.
  • Die dunkle, maligne Macht, bedient das Eigenwohl. Sie macht korrupt. Es ist Missbrauch der an sich nötigen und guten Macht.

Macht bringt Teufel wie Hitler und Heilige wie Dag Hammarskjöld oder den Markgrafen Leopold hervor.

Machtmissbrauch geschieht nicht nur heute. Oft waren und sind es Männerbünde, welche eine eigennützige Machtaneignung begünstigen. Verändert haben sich lediglich die Kommunikationsmittel, verbunden mit der naiven Annahme, dass Chats geheim bleiben.

„So sind wir nicht“, sagte Alexander van der Bellen angesichts aufgedeckten Machtmissbrauchs. Dem Großteil der Politiker kann begründet unterstellt werden, dass sie Gemeinwohlmacht ausüben möchten. Auch dafür lassen sich Chats verfassen.

Machtmissbrauch eindämmen

Ob eine demokratische Kultur gut entwickelt ist, zeigt sich daran, dass sie Gemeinwohl-Macht sichert und Eigennutz-Macht möglichst eindämmt und jeglichen Missbrauch von Macht möglichst unterbindet.

Gegen Machtmissbrauch in Demokratien mag eine Art Doppelbewegung helfen, welche berücksichtigt, dass der Machtmissbrauch durch einzelne Personen unterschiedliche Ursachen haben kann.

Die Versuchung zum Missbrauch von Macht ist in allen Menschen gegenwärtig. Manche Personen erliegen der Versuchung, weil sie –  so in Anlehnung an die Tiefenpsychologin Monika Renz – hoffen, dadurch tiefsitzende Ängste (wie der Angst zu wenig zu gelten) durch Gewalt, Gier oder Lüge zu zähmen. Macht korrumpiert also oftmals in Verbindung mit tiefsitzender Angst um sich selbst.

Bei der Eindämmung von Machtmissbrauch können die Theorie von Lawrence Kohlberg und seine Einsichten in die Entwicklung des Gewissens behilflich sein.

Gehorsamsgewissen

Manche Menschen stehen, so Kohlberg, auf der Stufe des „Gehorsamsgewissens“. Sie leben und handeln moralisch „außengeleitet“. Sie halten sich an Gesetze, wenn sie müssen. Wenn nicht, ist es ihr Bestreben, nicht ertappt zu werden. Für diese Personen braucht die Demokratie klare Gesetze, welche dem Machtmissbrauch Einhalt gebieten.

Insofern Personen mit einem Gehorsamsgewissen viel dafür tun, um nicht ertappt zu werden, kann auch investigativer Journalismus bei der Eindämmung von Machtmissbrauch eine wirksame Rolle spielen.

Derzeit arbeitet das Parlament daran, Machtmissbrauch durch gesetzliche Regelungen zu unterbinden. Dabei ist zu prüfen, ob das Ziel des derzeitigen Moraldiskurses wirklich die Formulierung moralisch gut begründeter Regelungen oder eher die Schwächung des politischen Gegners ist.

Die Politik kann sich bei der Formulierung gesetzlicher Standards für einen ethischen Machtgebrauch auf die zunehmende Sensibilität der Bevölkerung stützen: Korruption gilt – so die Europäische Langzeitwertestudie in zunehmend hoher Weise (der Mittelwert der Ablehnung von Korruption stieg von 1,6 auf 1,3 auf der 10teiligen Skala; 1=nie zu rechtfertigen).

Reifes Gewissen

Das Ziel der Gewissenbildung ist nach Kohlberg das reife Gewissen. Dieses handelt innengeleitet. Zu dieser Reifung kann vielfältige Bildung beitragen: Persönlichkeitsbildung, politische Bildung, ethische Bildung, religiöse Bildung.

Die vielleicht wirksamste Schule für die politische Gewissensbildung ist die Begegnung mit leidenden Menschen. In diesen kann sie die für gute Machtausübung wichtige Fähigkeit zum Compassion, Empathie ausbilden.

Wenn die politischen Parteien wirklich korrupte Machtunkultur eindämmen wollen, wird es nicht nur nötig sein, gesetzliche Regeln gegen den Machtmissbrauch zu beschließen und solchen hinreichend zu sanktionieren. Es wäre präventiv noch wichtiger, die politisch-ethische Bildung in der eigenen Partei zu fördern, für die vorhandenen und die künftigen Personen, welche die Politik braucht/die in die Politik drängen.

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4 Antworten zu Vom hellen und dunklen Gesicht der Macht

  1. Brand, Hildegard schreibt:

    Sehr gut – die Analyse!
    Ergänzend:
    Die maligne Macht steht m.E. überwiegend im Zusammenhang mit Gewalt.

    Schwierig wird es im Zusammenhang mit „struktureller Gewalt“ oder „indirekter Gewalt“ , eine einzelne Person für bestimmte Taten verantwortlich zu machen, weil z.B. eine Institution mit ihrem Regelwerk, die über einen längeren Zeitraum historisch gewachsen ist, entpersonalisiert, anonymisiert in ihrer Außenwirkung erscheint.
    Zugleich können auch „Strukturen“ den latenten Nährboden für subtilen Machtmissbrauch bereitstellen und diesen begünstigen. Die Strukturen ( d.h. das Regelwerk ) müssten dann dringend verändert werden. Gleichwohl sind es ja immer Menschen, Individuen, welche das Regelwerk, die Strukturen mit tragen, aufrecht erhalten. Diese Personen müssten dann bei Veränderungen mitwirken und wachsam sein, ein Gewissen entwickeln. Das Gleiche gilt für uns Mitglieder der Zivilgesellschaften, deren Bewusstsein, „Gewissen“ zur Wachsamkeit herangebildet werden sollte. Dazu gehört auch die sogen. 4 Gewalt, die Medienwelt.
    Ein großes Problem wird künftig die „Macht der Digitalisierung“ sein, wenn ganze Logarithmen anonymisiert indirekt Macht über die gesamte Weltgemeinschaft ausüben. Welche Individuen stecken dahinter? Wer missbraucht hier Macht im Sinne von sogar persönlichkeitsverändernder Einflussnahme ? Welche verantwortliche Person kann, sollte hier als Individuum „moralisiert“ werden? Oder sind wir es gar als Konsumenten : Im Sinne von Hegel- Der Herr kann nur so lange Herr sein wie der Knecht die Rolle des Knechtes spielt.

    Oder ein Beispiel für „Strukturelle Gewalt“ als Macht z.B. auf weltwirtschaftlicher Ebene:
    Der IWF als Institution ( Internationaler Währungsfond) trieb mit seinen harten „Strukturanpassungsmaßnahmen“ als Bedingungen für die Kreditvergaben an die sogen. „Dritt-Welt-Länder“ besonders in denn 80/ 90er Jahren eben diese Länder in schlimme Schuldenfallen und damit erst recht in die Armut, in der die Unversehrtheit von Geist, Körper und Seele nicht mehr gegeben ist. Das ist ein Zustannd einer permanenten Gewalterfahrung. Von den Zinsen profitierten die Geldgeber aus reichen Ländern. Auch das ist subtiler Machtmissbrauch unter dem Deckmantell der Hilfsbereitschaft.
    Wer ist jetzt dafür verantwortlich, personell dingfest zu machen? Ist es gar ein
    komplexes Wirtschaftssystem, hier das kapitalistische? Wie , wessen Gewissen kann hier „moralisiert“ , gebildet werden?
    Die „Moral von der Geschicht“:
    Besonders die Mitglieder der Zivilgesellschaften in der Welt müssen dafür „geschult“ werden ( = Bildung) , in Wachsamkeit „Macht-Strukturen“ zu durchschauen und damit auch Personen, welche in diesen Strukturen missbräuchlich agieren, sofern die Strukturen diesen Missbrauch zulassen oder begünstigen.

    • Joseph schreibt:

      „Die maligne Macht steht m.E. überwiegend im Zusammenhang mit Gewalt.“
      aber auch ganz leise anschleichend mit Selbstüberschätzung, mit GIER ! mit Angst (vor Machtverlust und dem damit verbundenen Einkommen).

      “ 2 Seelen wohnen ach ….. in einer Brust“

  2. Brand, Hildegard schreibt:

    Und noch ein kleiner Kommentar zu innerkirchlichen Machtspielchen, den ich mir einfach nicht verkneifen kann.
    Eine Bildbetrachtung ohne besonderen Tiefgang, bewusst in einem Höchstmaß von Oberflächlichkeit gehalten…
    Bezug: ein BILD : als Foto veröffentlicht am 17.11. 2022 in „katholisch.de“
    ( Bilder sprechen nunmal auch eine Sprache. )

    Szenario: 50 deutsche Bischöfe, ein Papst, Männer – 1x in Weiß, 50x in Schwarz mit pink-farbenen Tupferln auf den ehrwürdigen Köpfen und mit Banderln um die Hüften gekleidet.
    Versammelt und brav aufgereiht entlang den Wänden des geschichtsträchtigen Apostolischen Palastes.
    Ich unterstelle mal all diesen netten Männern ein Höchstmaß an Liebenswürdigkeit und gutem Willen. Vielleicht geht es ja in dieser braven Versammlung doch um Alles oder Nichts?

    Aber – Ich – bin nunmal ne Frau.
    Ich kanns nicht ändern – bei derlei Anblicken wirds mir immer ganz anders – als Frau, wie immer bei ähnlichen prozessionsartigen Auf – oder Eintritten,
    ganz anders heißt : schwindelig mit Unwohlsein. Ich kanns einfach nicht ertragen – über all die Jahrhunderte…

    Welche Frau könnte dann nicht zumindest in ihrer Vorstellung der Versuchung erliegen, ein neues Szenario aufzustellen mit ganz simplen, abgeänderten Spielregeln:
    Nämlich so: zuerst mal für die Sitzordnung:

    Eine Frau – ein Mann, eine Frau – ein Mann, eine Frau – ein Mann und so fort, bis die ca. 52 Plätze paritätisch besetzt wären. Es wäre dann ein Team ohne Boss ganz vorne … Die Plätze müssten in der Zahl allerdings paritätisch um 26 erweitert werden für LGBTQI+ Menschen.

    Das ist doch ein ganz simples Spiel und erfordert keine hochbegabte Intelligenz – nur ein wenig Spielfreude in dieser Gemeinchaft.
    Männer, welche dieses Spiel partout nicht mitspielen wollen, sind aus meiner laienpsychologishen Sich entweder angstgeleitet, haben Angst zu verlieren, nämlich ihre Dominanz ( auch Kinder können ja natürlicherweise Zeter und Mordio schreien, wenn sie verlieren ), oder sie leiden unter gyne-phobie oder leiden unter selbst – oder fremdverschuldertem Mangel an Vernunft oder unter notorischer Ignoranz der Tatsache, dass die Hälfte der Welltbevölkerung nicht einfach im Orcheestergraben oder in einer Krypta versteckt gehalten werden kann.
    Dabei könnte das neue Spiel mit einer neuen Sitzordnung allen Beteiligten soo viel Freude und freien Umgang miteinander bereiten und ganz viel andere Leute könnten
    mitspielen.
    Ach , lieber Franziskus, Dir würde es doch sicher auch viel Freude bereiten mit 50% Frauen und anderen um Dich herum. Das Spiel ist doch soo simpel. Spiel doch einfach mal mit. Du wirst sehen und der liebe Jesus hätte auch seine wahre Freud,
    vielleicht würde er wiederkommen und mitspielen…

  3. Brand, Hildegard schreibt:

    … und nochmal eine ernsthafte Ergänzung:
    zum Abschluss des Ad-Limina-Besuchs der Deutschen Bischöfe jüngst in Rom-

    Was ist das wieder einmal für eine Sprache ( offenbar von einigen Kurien-Kardinälen, u.a. zuständig für verschiedene Dikasterien) ! :

    bestimmte Inhalte (? ) seien „NICHT VERHANDELBAR“ .

    Stehen die Bischöfe als Vertreter des „Volkes Gottes“ mit dem Papst und den Kurienkardinälen in einer “ Handelsgemeinschaft“ , in der bestimmte „Handelswaren“ mit einem bestimmten ( materiellen ) Wert
    wie in einem Deal „aus-gehandelt“ werden, wobei schon vor allen „Verhandlungen“ sicher feststeht, wer nun der Vorteilnehmende, der „Be-Vorteilte“ ist ist ?
    Auf mich wirkt diese Sprache autoritativ demütigend für die so dialogbereiten, um das Kirchenvolk besorgten deutschen Bischöfe guten Willens. Und wieder einmal wie eine Sprache der MACHT der immer noch Machthabenden. Und wieder einmal gruselts mir dabei im 21. Jht.

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