Wer soll denn da umkehren?

Zur Instruktion der Kleruskongregation über die Pfarren und deren pastorale Umkehr

Es gibt helle Aufregung über die neue Instruktion der Kleruskongregation „Zur pastoralen Umkehr der Pfarreien“. Dabei ist zu beachten, dass Instruktionen auf der Skala der Gewichtigkeit kirchlicher Dokumente ziemlich weit unten stehen.

Eine wohlwollend-kritisch Lektüre lohnt sich allenthalben. Denn einige Aussagen verdienen durchaus Nach-Denken. Über andere sollte man den Mantel des befremdlichen Schweigens hüllen: zum Beispiel wie wenig ein Römisches Dokument die biblischen Quellen zitiert.

In wichtigen Punkten hinkt das Dokument weit hinter der Entwicklung in vielen Ortskirchen nach. So besehen hat es einerseits zukunftsfähige Aspekte, ist aber andererseits eine Art pastoraltheologisches Museum. Es ist wie in der dogmatischen Konstitution über die Kirche (Lumen gentium), dass widersprüchliche Aussagen unbekümmert nebeneinander stehen: Hier eine Priesterkirche, dort die Kirche als Gottesvolk. Die Instructio bietet das Schauspiel eines ekklesiologischen Eiertanzes! Die Verantwortung des ganzen Gottesvolkes wird zwar rhetorisch beschworen („Kraft des Priestertums aus der Taufe sind alle Gläubigen dazu bestimmt, den ganzen Leib aufzuerbauen.“ [109]), auch wird der Klerikalismus in gewohnter Franziskusmanier verdonnert (z.B. bei Diakonen: [80]), aber wenn es um die Entscheidungsmacht geht, bleibt das Dokument munter „klerikal“. Kein Wunder, dass ein Aufschrei geht durch die große Anzahl engagierter Mitglieder des Gottesvolks, die man deshalb – wie auch die Priester – „Laien“ nennt. Pastoraltheologisch schmerzt der Satz, dass der Pfarrer der „grundlegende Bezugspunkt für die Pfarrgemeinde“ ist (62). So frei vom auferstandenen Christus die Pfarrgemeinde zu definieren ist ziemlich kühn.

Anlass: Klagen klerikaler Kleriker

Zu begrüßen ist allein, dass das Thema aufgegriffen wird. Anlass ist wohl eine erfolgreiche Klage von Klerikern aus der Diözese Trier, welche die geplante Strukturreform ihrer Diözese ablehnen. Ähnliche Vorgänge können auch bei uns in Österreich, beispielsweise in Linz, studiert werden. Diese Klagen sind an den im Kirchenrecht festgelegten Rechten der Pfarrer orientiert. Die Instruktion gibt ihnen weithin Recht: Die Leitung einer Pfarre(i) kann nur in der Hand eines Pfarrers liegen. Zugleich wird dann diesen Inhabern der heiligen (Voll-)Macht vorgeschrieben, „gewissenhaft“ auf die Laien zu hören, sich (auch durch pastorale Räte) beraten zu lassen und zuzusehen, dass die Kirchenmitglieder das tun, wozu die Pfarren „umkehren“ sollen, nämlich die Evangelisierung und darin insbesondere den Dienst an den Armen.

Auch bei Strukturreformen Einzelfalllösungen

Eine der Stärken des Dokuments besteht darin, dass sie die geschichtlich gewachsenen Pfarrgemeinden in Schutz zu nehmen. Das Prinzip der Einzelfalllösung (Nr. 49), aus Amoris laetitia vertraut, wird angewendet. Pfarrgemeinden dürfen nicht Opfer flächendeckender diözesaner Strukturpläne werden. Dabei gilt im Dokument, dass pastorale Zusammenarbeit in größeren Räumen durchaus erwünscht ist: es zeigen sich Ansätze eines „Netzwerkmodells“, in dem die Pfarrgemeinden eine Art „Knoten“ sind – neben denen es aber viele andere „Knoten“ gibt (Bildungshäuser, Caritas, Gemeinden anderer Konfessionen, Moscheen, Organisationen der Laien: 115-118; 123). Diese Zusammenarbeit allein darf aber nicht Grund für die Auflösung einer Pfarre(i) sein. Strukturreformen (48) oder auch die Profanierung von Kirchen (51) haben nicht der Bewältigung des Mangels an Klerikern oder finanzieller Ressourcen zu dienen, so wird ausdrücklich betont. Die einzige Begründung für Strukturreformen liege in der Frage, welche pastoralen Vorgänge strukturell sichergestellt werden müssen, damit das Kerngeschäft der Kirche, die Evangelisierung, in der heutigen Kultur gut geschehen kann. Diesen Perspektivenwechsel könnte man in der Tat als eine Art „pastorale Umkehr“ begreifen und herbeiwünschen.

Inkonsequent und kryptoklerikal

Schade ist, dass diese Spur nicht konsequent verfolgt wird. Das ist die Kernschwäche der Instruktion: Sie will einerseits neue Strukturen für die Evangelisierung und bindet darin die Gemeinschaften des Evangeliums vor Ort (Pfarrgemeinden) ein. Andererseits geht es um die kirchenrechtliche Absicherung des Klerus, seiner Letztverantwortung und damit auch seiner Macht. Die Instruktion will nicht klerikal sein, und ist dennoch unverkennbar kryptoklerikal. Damit verhindert sie (durch Kränkung vieler engagierter Laien) letztlich, was sie erreichen will: die pastorale Umkehr möglichst vieler Mitglieder der vielen durchaus lebendigen Pfarrgemeinden zu einer kultursensiblen Verkündigung des Evangeliums durch den Dienst an den Armen, die Verkündigung des Wortes und die absichtslose Feier des österlichen Geheimnisses in Eucharistie, Sakramenten und Wortgottesfeiern.

Ungewollt innovativ?

Die Instruktion könnte sich aber (vielleicht ungewollt) dennoch als innovativ erweisen. Sie hält unmissverständlich fest, dass der Dienst der geistlichen Leitung einer Pfarrei in Verbindung mit dem Vorsitz bei der Feier der Eucharistie und der Sakramente an die Ordination gebunden ist. Auch betont sie, dass auch die Pfarrgemeinden aus der Eucharistie als „Leib Christi“ (109) geboren und genährt werden (6, 22, 40, 98f., 123). Zugleich wird der Mangel an Priestern durchaus wahrgenommen (89f.). Dieser dürfe zwar bei Strukturreformen nicht als Begründung herangezogen werden – obgleich genau dies laut Studien faktisch der Fall ist, weil die längst fälligen Strukturreformen in Zeiten ohne akuten Priestermangel nirgendwo konsequent in Angriff genommen worden waren, sieht man von der Errichtung von Pfarrverbänden ab.

Ich erhielt dieser Tage Post von einem Dechant. Er ist inzwischen für acht Pfarrgemeinden verantwortlich. Als Pallottiner fördert er, dem Geheiß des Ordensgründers folgend, Laien. Es gibt in seinem Umkreis auch genug kompetente Frauen und Männer in den Pfarrgemeinden, welche faktisch Leitungsaufgaben innehaben. Noch gibt es einen zweiten Priester im Pfarrverband: vorhersehbar aber nicht auf Dauer. Es ist angesichts der geringen Weihen von Neupriestern nicht einmal sicher, dass alle bisherigen Pfarrverbände morgen noch einen eigenen Pfarrer haben werden. Angesichts solcher sehr konkreten Situationen verbleibt die Instruktion im Abstrakten: Zentral sind ihr die Evangelisierung, die Feier der österlichen Liturgien (Eucharistie, Sakramente), der Dienst an den Armen, wobei es für Leitung und sakramentale Liturgien einen Ordinierten braucht.

Auswege

Es gibt pastoraltheologisch aus dieser Lage letztlich nur zwei Auswege: Entweder verzichtet die Kirche auf die Bindung von Leitung und Vorsitz bei sakramentalen Feiern an die Ordination, oder sie ermöglicht das hehre Ziel der Evangelisierung in gewachsenen Pfarrgemeinden, indem pastoral „erfahrene Personen“ (Altbischof Lobinger nennt sie „personae probatae“) aus den Gemeinden selbst ausgewählt, ausgebildet und ordiniert werden. Für die Suche nach solchen Personen finden sich in der Instructio sogar Anhaltspunkte, wenn es um die „niederen Weihen“ von Laien als Akolythen und Lektoren geht: „Diese Laien müssen in voller Gemeinschaft mit der katholischen Kirche stehen , eine Ausbildung erhalten haben, die den Diensten, die sie ausführen sollen, angemessen ist, und eine beispielhafte persönliche und pastorale Lebensführung aufweisen, die sie für die Durchführung des Dienstes geeignet erscheinen lässt.“ (97) Es ist nicht erkennbar, dass in diesem Satz nicht auch die Frauen gemeint sind.

Nimmt man zudem an, dass alle Getauften „Gottgeweihte“ (Justin der Märtyrer, + um 165) (18 mal kommt dieses Wort vor: 28,33,37,41,60,83f,87,90, 95f., 98, 112, 117, 123; die „Laien“ 30 mal) sind, dann könnte  der Ortsbischof allen Getauften auch die Dienste Wortgottesdienste feiern, taufen, beerdigen, trauen und predigen übertragen (98-100). Das antiquierte und praktisch auf Dauer unhaltbare Predigtverbot für Laien wäre dann unnötig (99).

Für solche zukunftsfähige Innovationen braucht es aber keine pastorale Umkehr der Pfarren, sondern der Entscheidungsträger der Weltkirche – vor Ort (!) und in Rom. Vielleicht folgt alsbald eine „Instruktion zur pastoralen Umkehr der Ortsbischöfe wie der Kleruskongregation“. Diese würde dann nicht im (kirchenrechtlichen) Rahmen reformieren, sondern den Rahmen selbst.

Hier der Link zum deutschen Text.

Die häufigsten Wörter im Text

 

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11 Antworten zu Wer soll denn da umkehren?

  1. Claudia Schmidt schreibt:

    Zulehner sehr zu empfehlen.

  2. Pingback: Eine Instruktion als Offenbarungseid von Klerikalismus - feinschwarz.net

  3. Maria Hagenschneider schreibt:

    Die Auswege sind stimmig. Danke!

  4. Johanna Spöth schreibt:

    Danke für die Klarstellung im 1. Absatz und alles Weitere!

  5. Hellers Milly schreibt:

    Danke Herr Zulehner, für die mutigen Überlegungen. Schade, dass Sie nicht in Rom sind!!!

  6. georg Oberrauch schreibt:

    Lieber Paul Zulehner
    haben Sie herzlichen Dank für Ihre wertvolle Analyse. Sie haben die Gabe auch im Desaster das Gute hervorzuheben. Persönlich bin ich der Meinung das wir mit aller Klarheit bessere Wege aufzeigen sollten, als jene dieser Instruktion.
    Es ist schwerwiegend und gleicht einer Kriegserklärung, was da in Rom passiert ist, darüber können auch sanfte (scheinheilige) Formulierungen nicht hinwegtäuschen. Ich bin überzeugt, dass da viele mündige Gläubige nicht mehr mitmachen wollen.
    LG
    Georg Oberrauch
    Vorsitzender der Katholischen Männerbewegung Südtirols

  7. Mitscha-Eibl Robert, Mag. schreibt:

    Lieber Paul,

    ich bin noch bis kommenden Montag auf Urlaub. Aber wie ich sehe, wirst du auch von der „Restredaktion“ gut betreut. Nachrichten inzwischen bitte an redaktion@kathpress.at.

    Dir einen herzlichen Gruß nach je einer Woche Bregenzerwald und Ossiacher See!

    Robert

  8. Dr. Elisabeth Sobota (Sr. Pia, FvB) schreibt:

    Ich bin nicht nur von Herzen dankbar für den klaren, klärenden Inhalt, mich fasziniert auch der (meinem Empfinden nach leicht ironische) Stil.

  9. Ulrike Brustmann-Sieber schreibt:

    Ich verstehe von diesem Thema nicht so viel….Nur soviel: Zitat sinngemäß „der grundlegende Bezugspunkt einer Pfarre“ kann doch letztlich nur Christus sein, oder ? Und was ist der Auftrag? So wie ich es verstehe: „verkündet das Evangelium, heilt Kranke,….“ Wo findet man das vor ?…… Alles andere: z.B. Verhältnis „Laien“ – Priester kommt doch danach. Ich denke da gibt es einen Gestaltungsspielraum, wie man das konkret regeln und gestalten will. Wenn uns wieder der grundlegende Bezugspunkt, nämlich Christus und der Auftrag des Evangeliums, mehr bewußt wird, lassen sich sicher Lösungen finden für alles andere, für die Strukturen, usw.. und es relativiert sich sicher das Eine oder Andere, dass zunächst enorm wichtig erscheint…
    Noch eine Bemerkung am Rande: der Begriff „Eiertanz“ gefällt mir: Ich stelle mir das so schön bildhaft vor: ein wackeliger Tanz auf Eiern, die Eier unter den Füssen hin und her tanzend auf den Buchstaben und Wörtern des Textes der Instruktion der Kleruskongregation „Zur pastoralen Umkehr der Pfarreien“…..Das gäbe doch was her, für eine tolle Karikatur, oder nicht ?……..Ich denke, ein Quäntchen intelligenten Humors kann nicht schaden und kann bei so ernsten Themen so manches entkrampfen……(manch Heiliger war so herrlich unkonventionell humorvoll, wie z.B. HL Phillipp Neri mit deinen Späßchen“)

  10. Brand, Hildegard schreibt:

    Lieber Paul Zulehner, das ist eine rasch reagierende, aber fundierte Analyse mit der – ein wenig schalkhaft formulierten ( „Eiertanz“) – Erkenntnis der dialektischen Zusammenhänge und Widersprüche oder gar, (pessimistisch ausgedrückt) des Dilemmas, in dem MitgliederInnen der kath. Kirche sich doch schon sehr, sehr lange befinden, vielleicht sogar Jahrhunderte/zwei Jahrtausende, wenn mensch urchristliche Zeiten einbezieht ) … Und jetzt – im 20.21. Jahrhundert spricht die Realität mit unüberhörbarer schreiender Macht: Priestermangel sowohl in Amazonasgebieten als auch in Europa ( vielleicht würde es ja gar nicht an Priesterinnen mangeln ! ) “ Priesteranleihen“ aus fernöstlichen Gebieten sollen Lücken schließen. Das alles gepaart mit dem sogen. „eucharistischen Hunger“ von Christenmenschen. Wer in dieser Situation nur Millimeter-Türspalten als „Ausweg“ aus dem Dilemma – sei es mit noch so hehrer, “ barmherziger“ Absicht – offen lässt, ist ein zynischer Verächter derjenigen, die eben diesen „Hunger“ verspüren. Und diese müssen selber noch wie eine Maus im Keller bei der Flucht vor der Katze diesen millimeterbreiten Spalt suchen und finden, statt dass der Hausbesitzer/-verwalter die Türen weit zur Befreiung der in Not Geratenen öffnet. Was spräche- verdammt nochmal- dagegen! ?
    In anderen Jahrhunderten hätte die Blockade gegen mutige Bischöfe, wie Bischof Bode auch als Kirchen-Frauen-Rechtler mit seinen gangbaren Lösungswegen einer ist – , zu einer Kirchenspaltung geführt. Seine Befehlsverweigerung gegen den uneinsichtigen, absolutistischen, patriarchalen Herrschaftsapparat im Vatikan hätte das Potential dafür. Wenn dann noch „Frauen auf den Barrikaden“ hinzu kämen, nein – die Treibenden wären nach dem Motto : “ Kampf den Palästen – Stillung des eucharistischen Hungers in den Gemeinden, des Hungers von Frauen nach menschenrechtlich verankerter Gleichstellung“ durch Aufsprengung der mit „Petri Schlüssselgewalt“ versperrten Tore, ginge ein gewaltiger Sturm durch Kirche und Welt auf dem Weg zurück zum Ursprung, der exegetisch-historisch-kritisch neu ( oder von Neuem) aufgespürt werden müsste.
    D a s wären „Zeichen der Zeit“ – Frauen und mit ihnen, für sie streitende „Männer der Barmherzigkeit“ an die „barmherzige Macht“ .
    Geschrieben als Zaungastin und „Ex-theologin“ vor den Toren der kath. Kirche – mit der Hälfte meines Lebens ( ca 35 Jahre ) i n der kath. Kirche, die andere Hälfte des Lebens v o r deren Tore, von wo aus ich mir immer mal wieder den „Eiertanz“ mit Trauer, Wehmut und Wut anschaue. Bewundernswert die geduldigen und mutigen Kämpferinnen und auch Kämpfer.
    Gesegnet sei ihr Weg!
    Hildegard Brand

  11. Fred Otterbach schreibt:

    Lieber Herr Zulehner,
    wieder einmal von Ihnen eine klare, hilfreiche und weitsichtige Darstellung zum Problemfeld „Veränderung in der Kirche“. Dafür herzlichen Dank! Kirche auf der Grundlage der „Vision Jesu“ sehen – so wie Sie – das wäre eine Riesenchance für die Zukunft.

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