Die stille Erübrigung der Ordination

Weitere Nachdenklichkeiten zur Instruktion „Zur pastoralen Umkehr der Pfarren“

Eine aufmerksamen Analyse bedarf die Aussage, dass „Gottgeweihte“, Akolythen und Lektoren, aber auch „Laien“ predigen (freilich nicht in der Eucharistiefeier), taufen, beerdigen, trauen dürfen, wenn Sie der Bischof beauftragt. Das ist deshalb brisant, weil hier nicht ordinierten Personen eine Reihe jener Tätigkeiten übertragen werden, die in der Instruktion im pastoralen Normalfall als ordinationsbedürftig gelten.

Eignung statt Weihe

Voraussetzung für die Übertragung solcher Befugnisse sind laut Instruktion bestimmte Fähigkeiten der zu beauftragenden Personen. Die Eignung rückt als Kriterium in den Vordergrund, die Weihe hingegen in den Hintergrund – eine Position, die von den Römischen Theologen die längste Zeit heftig bekämpft wurde; und das nicht zu Unrecht zum Schutz der Gläubigen: denn sonst wären alle sakramentalen Feiern von Ordinierten, die Kinder missbraucht haben, ungültig.

So lauten die geforderten Fähigkeiten:

„84. Der Beitrag, den die Gottgeweihten für die missionarische Sendung der Pfarrgemeinde leisten können, leitet sich in erster Linie von ihrem „Sein“ ab, d. h. vom Zeugnis einer radikalen Nachfolge Christi durch die Profess der evangelischen Räte , und nur in zweiter Linie auch von ihrem „Tun“, d. h. von ihren Werken, die dem Charisma der Institute entsprechen (beispielsweise Katechese, Caritas, Bildung, Jugendpastoral, Sorge für die Kranken). 

97. … Diese Laien müssen in voller Gemeinschaft mit der katholischen Kirche stehen , eine Ausbildung erhalten haben, die den Diensten, die sie ausführen sollen, angemessen ist, und eine beispielhafte persönliche und pastorale Lebensführung aufweisen, die sie für die Durchführung des Dienstes geeignet erscheinen lässt.“ (Schade ist hier, dann als Kriterium nicht die Erfahrung im gemeindlichen Leben genannt wird.)

Ordo als virtueller Baldachin

Was hier die Kleruskongregation unternimmt, bedeutet im Grunde eine Relativierung wenn nicht langfristig Erübrigung des Ordo, eine Art „Baldachinisierung“ also.  Die Weihe wird zu einer Art „Himmel“ wie  bei Fronleichnamsprozessionen. Die alte Lehre, dass bei der Feier von Sakramenten physische (analoge) Präsenz nicht nur der Feiernden, sondern auch des ordinierten Vorstehers der Feier verlangt wird, gilt sichtlich nicht mehr.

Liest man die einschlägigen Texte quer, ergeben sich folgende Einsichten:

  1. Der Priestermangel wird als unbehebbares Schicksal hingenommen.
  2. Die Ordination wird abgewertet und zu einem virtuellen Hintergrund für liturgische Aktivitäten ausgedünnt, für die im Normalbetrieb die Ordination selbstverständlich ist („in der Verantwortung des Pfarrers“: 98) Es braucht den Ordinierten gleichsam als virtuellen Baldachin über jene nicht ordinierten Akteure, welche beispielsweise die „Taufe spenden“ oder Eheassistenz leisten.
  3. Dabei ist zu beachten, dass die Kleruskongregation ihr eigenes Dokument nicht kennt, das bei der Taufe von der „Feier der Eingliederung in die Kirche“ spricht. Die Kleruskongregation schließt sich mit der Abkoppelung der Tauferlaubnis von der Ordination damit der landläufigen Abwertung der Taufe an, die im Vergleich zur Priesterweihe im Volk längst an Stellenwert verloren hat. Vergessen wird, dass das Aufnehmen in die Kirche lange Zeit Vorrecht des Bischofs war – woran die Firmung erinnert, die aus der Abspaltung der Salbungen am Ende der Aufnahmefeier entstanden ist.
  4. Letztlich wird auf Dauer die Ordination im kirchlichen Alltagsleben weithin unsichtbar: also auf die Dauer besehen schleichend überflüssig. Denn der „außergewöhnliche Zustand“ ist bei uns längst zum Normalfall geworden.

Einschlägige Texte

Hier zur Vergewisserung die einschlägigen Texte aus der Instruktion:

„87. Sodann gibt es für den Bischof eine weitere Möglichkeit – gemäß can. 517 § 2 – für den Hirtendienst in einer Gemeinde Sorge zu tragen, auch wenn es wegen Priestermangels nicht möglich ist, weder einen Pfarrer noch einen Pfarradministrator zu ernennen, der ihn vollzeitlich ausüben kann. In diesen problematischen pastoralen Umständen kann der Bischof, um das christliche Leben zu stützen und um die missionarische Sendung der Gemeinde fortzusetzen, einen Diakon, einen Gottgeweihten oder einen Laien oder auch eine Gemeinschaft von Personen (beispielsweise einen Orden oder eine Vereinigung) an der Ausübung der Hirtensorge einer Pfarrei beteiligen.

88. … Es ist daran zu erinnern, dass es sich um eine außerordentliche Form der Übertragung der Hirtensorge handelt, die der Unmöglichkeit geschuldet ist, einen Pfarrer oder einen Pfarradministrator zu ernennen. Sie darf nicht mit der gewöhnlichen aktiven Mitwirkung und mit der Übernahme von Verantwortung durch alle Gläubige verwechselt werden.

97. Gemäß can. 230 § 1 können Laien als Lektoren und Akolythen in beständiger Weise beauftragt werden. Der nichtgeweihte Gläubige kann nur dann als „außerordentlicher Beauftragter“ bezeichnet werden, wenn er tatsächlich von der zuständigen Autorität berufen worden ist, die stellvertretenden Funktionen gemäß cann. 230 § 3 und 943 wahrzunehmen. Die zeitlich begrenzte liturgische Beauftragung gemäß can. 230 § 2 verleiht dem nichtgeweihten Gläubigen keine spezielle Bezeichnung. Diese Laien müssen in voller Gemeinschaft mit der katholischen Kirche stehen , eine Ausbildung erhalten haben, die den Diensten, die sie ausführen sollen, angemessen ist, und eine beispielhafte persönliche und pastorale Lebensführung aufweisen, die sie für die Durchführung des Dienstes geeignet erscheinen lässt.

98. Über das hinaus, was den auf Dauer bestellten Lektoren und Akolythen zukommt , kann der Bischof gemäß seinem klugen Ermessen den Diakonen, den Gottgeweihten und den Laien unter der Leitung und der Verantwortung des Pfarrers einige Dienste in amtlicher Weise übertragen, wie zum Beispiel:

  • 1°. Die Feier eines Wortgottesdienstes an Sonntagen und gebotenen Feiertagen, wenn «wegen des Fehlens eines geistlichen Amtsträgers oder aus einem anderen schwerwiegenden Grund die Teilnahme an einer Eucharistiefeier unmöglich ist». Es handelt sich um eine außerordentliche Möglichkeit, auf die nur zurückgegriffen werden soll, wenn anders keine Abhilfe geschaffen werden kann. Wenn Diakone zur Verfügung stehen, sollen ihnen solche Liturgien anvertraut werden.
  • 2°. Die Spendung der Taufe unter der Rücksicht, dass «die ordentlichen Spender der Taufe der Bischof, der Priester und der Diakon sind» und dass das durch can. 861 § 2 Normierte eine Ausnahme bildet, die gemäß dem Ermessen des Ortsordinarius zu beurteilen ist.
  • 3°. Die Feier der Beerdigung gemäß dem, was durch die Nr. 19 der Einführung des Beerdigungsritus vorgesehen ist.

99. Die Laien können ‚nach Maßgabe der Vorschriften der Bischofskonferenz‘ und ‚in Einklang mit dem Recht und unter Beachtung der liturgischen Normen‘ in einer Kirche oder in einer Kapelle predigen, wenn dies die Umstände, die Notwendigkeit oder der besondere Fall erfordern. Während der Feier der Eucharistie dürfen sie jedoch die Homilie auf keinen Fall halten.

100. Darüber hinaus ‚kann der Diözesanbischof aufgrund einer vorgängigen empfehlenden Stellungnahme der Bischofskonferenz und nach Erhalt der Erlaubnis des Heiligen Stuhls, Laien zur Eheschließungsassistenz delegieren, wo Priester und Diakone fehlen‘.“

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5 Antworten zu Die stille Erübrigung der Ordination

  1. dudingka01 schreibt:

    P.S. ich (ev.-luth) habe allerdings immer schon gefunden, dass die Taufe in der römisch-katholischen Kirche einen geringeren Stellenwert hatte. Bei uns waren die Tage der Taufe immer ganz wichtig … in jedem Jahr … jeder von uns Kindern kannte die Tauftage der Geschwister und der Eltern. Und extrem selten habe ich einen Röm-Katholiken gefunden, der wusste, an welchem Tag er getauft war, auch bei Geistlichen war das häufig so.. Nun, dafür hatten wir keine „Namenstage“ … aber zu den Taufpaten bestand in der Regel ein lebenslanges Verhältnis, die gehörten zur Familie …

    • Ulrike Brustmann-Sieber schreibt:

      Ich kenne durchaus Röm-Katholiken , bei denen das punkto Taufe, Tauftag und Taufpaten ebenso ist und die Taufe den gleichen hohen Stellenwert hat, wie bei Ihnen (ev.-luth) . Also das ist durchaus bei den Röm-Katholiken verwurzelt …..Es ist nur teilweise sehr unter Vergessenheit geraten…..

  2. Ulrike Brustmann-Sieber schreibt:

    Ein paar Stichworte, die mir dazu einfallen: A) Ich sehe die Taufe als DIE Basis: Das Priesteramt ist doch „nur“ ein (zugegeben sehr wichtiges) Dienstamt unter vielen anderen Diensten (auf Basis der Taufe), oder ? ….Ich kann die Priester-versus-Laien-Diskussion zeitweise so in der Form, wie sie manchmal, an etlichen Orten, geführt wird, nicht ganz nachvollziehen – Ich sehe das eher ein bisschen so: Gemeinschaft der Getauften – auf der Basis der Taufe, dann verschiedene Dienste, wozu auch das Priester(dienst)amt, neben anderen Diensten gehört…….. B) Zitat „Der Priestermangel wird als unbehebbares Schicksal hingenommen“. …..Ists wirklich unbehebbar ?, oder übersehen wir auch etwas ?….. Auch wenn man nicht in die Zeit zurück kann und man auf eine geänderte Situation reagieren muss (z.B Priestermangel) a la was sind die Lösungen ?,….. Wirklich tiefer darüber nachgedacht, was die tieferen Ursachen für den „Priester – Berufungsmangel“ und auch „Berufungsmangel von anderen Diensten“…….hat man das ausreichend ? Bzw. könnte es vielleicht sein, dass es durchaus Berufungen gäbe, für verschiedene Dienste, inklusive auch Priesterberufungen, die aber aus irgendeinem Grund, von den Berufenen und der Umgebung gar nicht erst erkannt werden, oder verkümmern o.a. ???? – C) Zitat „…..nicht ordinierten Personen eine Reihe jener Tätigkeiten übertragen werden“ Es gibt ja auch jetzt bereits einen großen Möglichkeiten-Spielraum an Tätigkeiten, die JEDER Getaufte tun kann…Wird das auch ausreichend genutzt ? Ist das ausreichend bekannt ? usw…….

  3. Christian Smolle schreibt:

    Das Tragische bei der ganzen Diskussion ist, dass wir als Kirche durch dieses Dokument wieder einmal um uns selbst kreisen, während die wirklich entscheidenden Fragen, etwa nach einer zeitgerechten Pastoral mit neuen zukunftsweisenden Wegen in den Hintergrund treten. Dass nun auch immer mehr weitsichtige Bischöfe sich kritisch und mutig zu Wort melden, ist für mich allerdings ein Hoffnungsschimmer. Gottseidank gibt es auch kompetente und kritische Wortmeldungen vieler exzellenter Theologen, wie Prof. Zulehner. Der Geist weht eben, wo er will.

  4. Klaus Hartmann schreibt:

    Folgt man der Instruktion für den „außerordentlichen“ Fall, dass „keine andere Abhilfe geschaffen werden kann“ (Nr.98, 1), kann der Bischof jeden Getauft-Gefirmten das Taufen, Beerdigen, bei Eheschließung Assistieren, das der Feier eines Wortgottesdienstes Vorstehen und Predigen (außer natürlich innerhalb der Eucharistie) „in amtlicher Weise übertragen“. Mit dem Hinweis natürlich letztlich „unter [Fern-]Leitung und der Verantwortung des Pfarrers“ (Nr. 98).

    Und wenn es gar keinen Ordinierten mehr gibt, der Pfarrer sein kann?
    [vor etwa 20 Jahren gab ’s mal einen Sketch mit der pastoralen Lage, dass das Bistum noch den Bischof und zwei Pastoralreferenten hat. Der im Sketch hatte das Funktionskürzel MSE (= Mobile Seelsorgeeinheit), was für die Zuschauer auch groß und deutlich zu lesen stand auf einer transparenten Plastikbox, in der die Requisiten für den Kinderkrabbelgottesdienst, für den Religionsunterricht, die Feier der Beerdigung und den Seniorennachmittag etc. für den pastoralen Alltag mitgeführt wurden. Die MSE – jetzt als Flächenbegriff ist groß, da muss für den ganzen Tag alles eingeladen sein. Vor ca. 20 Jahren inszenierte ich das …]
    Na, dann ist wohl der Bischof die letzte Gesamt-FERN-Leitung oder – wie Paul Zulehner sagen würde – der diözesanweite sakrale Baldachin über allem. Oder nochmals anders, in Anlehnung an Worte aus dem Atomzeitalter: der pastorale Bistums-Schutz-Schirm(-Verantwortliche).

    Nur die Feier der Eucharistie oder genauer das dort Vorstehen oder – weil an manchen Punkten manch römische Denke nicht über das 16. Jahrhundert hinauszukommen scheint – man ist geneigt zu sagen – das dort vorzunehmende Wandeln von Brot und Wein in Leib und Blut Christi – diesen Akt kann nur und ausschließlich, undelegierbar, mit Siegel wie bei der Firmung eingeprägt, ein langjährig dafür extra in dafür vorgesehenen Haushaltungen (‚Kastenhaltung‘) ausgebildeter männlicher Mensch aus der Reihe HOMO SAPIENS vornehmen. So hoch-spezialisiert – weil alle andere Aufgaben haben ja schon andere übernommen – dass es sich dann wohl um so etwas wie einen Hoch-und-Tief-Transsubsantiations-Ingenieur bac.-mag.-lic.-dipl.-theol.-ing. 😉

    Keine Aufregung, wenn hier etwas salopp-sarkstisch von ‚Priester‘ und ‚Eucharistie‘ gesprochen wird. Gezielt ist auf die fixierte Vorstellung im röm.-kath. Kontext, die Priesterweihe empfangen, wer ordiniert werden kann bzw. könnte.
    Oder nochmal anders – wie Modell „Teams of Elder“ (Zulehner / Lobinger) zeigt: „Wir haben keinen Priester-, sondern einen Weihemangel!“
    Und ich meine mich daran zu erinnern, dass Walter Kaper, entweder noch als Professor oder dann als Bischof von Rottenburg-Stuttgartt in der Würdigung des Berufes der Pastorareferent*innen anmerkte, dass einige der Aufgaben, die von den Mitlgiedern dieser Berufsgruppe übernommen werden, ‚eigentlich‘ die Ordination verlangten.

    Mit Überraschung las ich davon, dass Kardinal Beniamino Stella, der Leiter der Kleruskongregierten, 2018 das Nachdenken über verheiratete Priester befürwortete. Um mal eine der ultra-konservativen Stimmen im deutschsprachigen Raum zu Wort kommen zu lassen. „Ein führender Kardinal der römischen Kurie hält es für sinnvoll, über die Priesterweihe für ältere verheiratete Männer nachzudenken. Die sogenannten ‚viri probati‘ seien eine Hypothese, die „aufmerksam zu bewerten ist, durchaus offen und ohne Engstirnigkeit“, sagt der Leiter der Kleruskongregation, Kardinal Beniamino Stella in einem Interviewbuch, das jetzt in Italien erschienen ist. Dass sich der Leiter der für Priester zuständigen Vatikanbehörde dazu äußert, ist bemerkenswert.“ (Die Tagespost 2018 – https://www.die-tagespost.de/kirche-aktuell/Kardinal-Stella-Wir-muessen-darueber-nachdenken-ob-die-viri-probati-eine-Moeglichkeit-sind;art312,185263) – Dieses Nachdenken holt wenigstens ein paar Jahrzehnte ein des 200-Jahre-Hinterherhinkens der katholischen Kirche ein, von dem Kardinal Marini gesprochen hat.

    Man kann nur hoffen, dass auch in dem so hoch emotional angefachten Thema der Frage, wie eine geeignete und dienliche Form der Leitung in den Pfarrgemeinden gefunden werden kann, ähnliche ‚Fortschritte‘ erfolgen. Da es aber hier „nicht mehr nur um eine Reform im Rahmen geht, sondern um eine Reform DES Rahmens“ (P.Zulehner), muss der Kardinal Stella und seinen Gefährten nicht nur ein Stern, sondern ein ganzes Firmament ins Hirn leuchten!

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