Junge Muslimas in Österreich: ein vorprogrammierter Konflikt

Der Aufstand junger muslimischer Frauen in der IGGÖ kommt nicht überraschend. Der Rücktritt von Fatma Akay-Türker im Obersten  Rat hat starke Gründe für sich. Dahinter steht die Tatsache, dass nach meiner jüngsten Religionsstudie[1], für die es auch ein repräsentatives Islam-Modul gibt, die migrationsbedingte Modernisierung vor allem islamischer Frauen schnell voranschreitet. Und das erheblich schneller als unter den islamischen Männern. Hier zwei Beispiele.

Autoritarismus

Das erste bezieht sich auf den Autoritarismus. Dieser bringt nach Theodor W. Adorno die „Unterwerfungsbereitschaft“ von Personen zum Ausdruck. Autoritarismus ist charakteristisch für vormoderne und patriarchale Kulturen. In Österreich war dieser 1970 noch sehr hoch, um dann im Zuge der Modernisierung des Landes rapid abzunehmen. Die 68er-Revolution hat dazu erheblich beigetragen. Seit der Mitte der Neunzigerjahre nimmt freilich die Zahl auch junger Menschen wieder zu, welche die lästig werdende Last der Freiheit wieder loswerden wollen: und dies inmitten hart erkämpfter und weithin verbürgter Freiheiten.

ABBILDUNG 1: Entwicklung des Autoritarismus in Österreich 1970-2020 nach Alter

 

 

 

 

 

Quelle: Zulehner, Wandlung, Ostfildern 2020.

Die Daten für die islamischen Österreicher*innen lassen nun erkennen, dass es unter ihnen einen raschen Modernisierungsschub gibt. Autoritarismus nimmt unter den jüngeren ab. Unter den jüngeren Frauen mehr denn unter den jüngeren Männern. Älteren muslimischen Männern mit starkem Autoritarismus stehen jüngere Frauen gegenüber, welche nicht autoritär sind. Der Konflikt ist vorprogrammiert. Junge Frauen, die zur autoritären Unterwerfung nicht bereit sind, stehen damit in einem strukturellen Konflikt mit einer eher aus autoritär gestimmten Männern geprägten Community.

Der Vergleich mit der österreichischen Bevölkerung (in der Tabelle sind die österreichischen Katholik*innen die Vergleichsgruppe) zeigt, dass die islamische Gemeinschaft keine Ausnahme ist. Junge Frauen finden sich in der katholischen Kirche derselben Lage. Das wird lediglich dadurch weniger konfliktreich sichtbar, weil junge Katholikinnen der Männerkirche den Rücken kehren, Muslimas hingegen religiös erheblich fester gebunden sind.

TABELLE 1: Autoritarismus nach Geschlecht und Alter unter katholische und islamische Österreicher*innen

*) diese Alterskohorte ist zu schwach besetzt.
Quelle: Religion im Leben der Österreicher*innen 1970-2020.

Geschlechterrollen

Dasselbe Bild erhält man, wenn man die die Geschlechterrollen analysiert. Dazu kann ich ein Testinstrument verwenden, das sich in meinen Geschlechterstudien seit 1992 bewährt hat. Mit Hilfe einer Reihe von traditionellen und modernen Items habe ich vier Cluster gebildet. Diesen habe ich die Bezeichnung „modern“ und „traditionell“ gegeben; dazu kommen die Cluster der „unsicheren“ und der „pragmatischen“ Personen. „Traditionell“ entspricht der Aufteilung „Männerwelt Beruf und Frauenwelt Familie“ (Elisabeth Beck-Gernsheim).

TABELLE 2: Geschlechterrollen nach Religionszugehörigkeit, Geschlecht und Alter

 

 

*) diese Alterskohorte ist zu schwach besetzt.
Quelle: Religion im Leben der Österreicher*innen 1970-2020.

In beiden Religionsgemeinschaften sind – wie in der Gesamtbevölkerung – die Frauen in ihren Geschlechterrollenbildern erheblich moderner als die gleichaltrigen Männer. Die Kluft nimmt zwischen den jungen Frauen und den älteren Männern zu.

Modernisierungsstress bei Migration

Beide Analysen zeigen, wie Menschen, wenn sie in Österreich heimisch werden, unter einen enormen Modernisierungsstress geraten.[2] Ein stillschweigendes kulturelles Lernen findet statt, weniger in Wertekursen oder durch Kopftuchverbot, sondern in der Begegnung in Schulklassen und Freundinnenkreisen. Dabei geht das Lernen bei jüngeren Frauen rasch voran – kein Wunder, weil sie für ihr Frauenleben viel gewinnen. Auf den ersten Blick scheinen die Männer zu verlieren. Aber das ist zu oberflächlich gedacht. Männer verlieren zwar Unterwerfungsmacht, könnten aber Respekt und partnerschaftliche Liebe gewinnen. Und das wiegt den Verlust bei Weitem auf.

[1] Zulehner, Paul M.: Wandlung. Religionen und Kirchen inmitten kultureller Transformation. Ergebnisse der Langzeitstudie Religion im Leben der Österreicher*innen 1970-2020, Grünewald, Ostfildern 2020.

[2] Zulehner, Paul M.: Muslimas und Muslime im Modernisierungsstress, Wiesbaden 2016.

Dieser Beitrag wurde unter Ergebnisse veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Eine Antwort zu Junge Muslimas in Österreich: ein vorprogrammierter Konflikt

  1. Mitscha-Eibl Robert, Mag. schreibt:

    Lieber Paul,
    nach dem Biko-Stress letzte Woche arbeite ich deine Zusendung ab 😉, siehe https://www.kathpress.at/goto/meldung/1904804/zulehner-ueber-moderne-junge-muslimas-konflikt-vorprogrammiert.
    Und wie ich von meiner alten Freundin Eva Maria Kaiser höre, bist du heute im ORF-Report zu sehen, die Vielbeschäftigter.
    Weiter so!
    vlG
    Robert

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s