Amazonien in Tirol?

Replik zu einem Beitrag von Bischof Hermann Glettler in der Tiroler Tageszeitung
(den Wortlaut finden Sie am Ende meiner Replik.)

Geschätzter Herr Bischof Hermann!

Sie haben in der TT (Tiroler Tageszeitung) einen bemerkenswerten Kommentar zum „Amazonien in Tirol?“ veröffentlicht. Zu Recht insistieren Sie darin auf das ökologische Thema. Zugleich befolgen Sie in ihrem Kommentar aber auch die in der Bischofskonferenz vereinbarte „message control“: Man solle über die ökologische Krise reden, und doch nicht über das nebensächliche Thema des Priestermangels! Dabei hatten Sie vor der Konferenz noch anders gesprochen (siehe Kathpress vom 5.11.2019 – Zölibat: Scheuer und Glettler für ‚viri-probati‘-Priester) Haben Sie schon einmal mit ihrem emeritierten Amtskollegen Erwin Kräutler darüber geredet? Wenn ja, dann haben Sie sicher erfahren, was ich aus vielen Gespräche mit ihm weiß, dass das Thema der Eucharistiefeier und das Fehlen der Priester in so vielen Gemeinden für die meisten Bischöfe in Amazonien keine Nebensache ist.

Nicht Gläubigenmangel und Priestermangel gegeneinander ausspielen!

In Ihrem Beitrag spielen Sie zudem „Hennen“ gegen „Eier“ aus, indem sie Gläubigenmangel und Priestermangel in einer inzwischen theologisch überholten Weise gegenübersetzen. Dass wir derzeit in Europa dabei sind, uns dem biblischen Normalfall wieder anzunähern, bezweifelt niemand, der sich mit den Entwicklungen befasst: die Zahlen der noch unveröffentlichten Langzeitstudie „Religion im Leben der Österreicherinnen 1970-2020“ sprechen eine ungeschminkte Sprache. Es wird auch künftig (auch im vermeintlich Heiligen Land Tirol) weniger Katholikinnen und Katholiken geben aber darunter werden mehr sein, die sich entschlossen der Jesusbewegung anschließen und in (natürlich kleineren) lebendigen Gemeinden des Evangeliums leben werden. Diese lebendigen Gemeinden werden aus der Kraft der Eucharistie leben, wie Johannes Paul II. schon 2003 in seinem grandiosen Schreiben „Ecclesia de eucharistia“ geschrieben hat. Und Benedikt XVI. hatte auf dem Weltjugendtag in Köln 2005 nachgedoppelt und der Eucharistiefeier eine vierfache Wandlung zugetraut: der Gewalt in die Liebe, Brot und Wein in den Leib und das Blut Christi, der feiernden Gemeinde, die sich den Leib Christi einverleibt in den Leib Christi. Und wenn sich die Versammelten wandeln; geschieht auch schon ein Stück „Weltverwandlung“, so Papst Benedikt. Geschieht diese Wandlung bei rund 700000 Menschen, die derzeit sonntags in Österreich Eucharistie feiern, dann ist am Montag das Land anders, mit weniger Angst und mehr belastbarer solidarischer Liebe. Dass das auch der Fall ist, daran sollten wir alle in den nächsten Jahren gemeinsam arbeiten.

Vom Kirchenlehrer Tertullian (209 in Karthago) wird berichtet, dass solche Gemeinschaften des Evangeliums alles in sich tragen, was zum christlichen Leben nötig ist, im Notfall auch die Feier der Taufe und der Eucharistie. Wenn die kirchliche Autorität, so schrieb er, keinen Ordinierten zuweisen kann, dann nehmen diese Gemeinden eben jemanden aus ihrer Mitte – denn alle sind „priesterlich“, so argumentiert er. Das könnte sich auch bei uns ausbreiten, wenn eben die Hirten weiterhin versagen und ihren Kopf in den Sand der priesterlichen Lebensform stecken. Absolut keine pastoral verantwortliche Lösung ist es, fehlende einheimische Priester unbesehen durch Priester aus anderen Ländern zu ersetzen, die aus sprachlichen oder kulturellen Gründen nicht zur „geistlichen Kommunikation“ in der Lage sind, so eine Studie der Deutschen Bischofskonferenz. Dabei bestreite ich nicht, dass manche Priester aus Indien oder einem afrikanischen Land qualitätsvollere Seelsorger sind als manche Priester aus unseren eigenen Reihen.

Der Priestermangel ist auch bei uns dramatisch und wird noch stärker werden!

Wenn Sie, Herr Bischof, Ihre Augen nicht verschließen, dann wissen Sie genau, dass beim derzeitigen Altersaufbau des längst überforderten Klerus in wenigen Jahren viele lebendige Gemeinden auch in Tirol ohne Priester sein werden. In Wien erhalte ich bald jede Woche eine Todesanzeige eines Priesters übersandt. Nehmen Sie die geringe Zahl der nachkommenden Priester dazu, verstärkt sich der Eindruck. Und, Hand aufs Herz: Wir beten schon jahrzehntelang und innig um mehr Berufungen zum Priesteramt. Das Ergebnis ist bekannt. Könnte es sein, dass Gott uns längst einen anderen Weg zeigt? Weitsichtig wie Sie sind, halten Sie in Ihrem Kommentar ganz am Schluss die Möglichkeit einer Weihe von Verheirateten für die Zukunft offen. Ihr Hinweis auf die beachtliche Zahl von seelsorglich tätigen Laien in der Seelsorge hilft nicht wirklich weiter. Es sei denn, Sie verteilen presbyterale Aufgaben (wie das „tinquere“ bei Tertullian, die Taufe) zunehmend an Nichtordinierte und machen damit unbemerkt den Ordo überflüssig. Kann ja auch nicht in Ihrem Sinn sein. Denn Priester lassen sich, so eine alte theologische Weisheit, nur durch Priester ersetzen. Oder es braucht keine Priester mehr, was aber gar nicht richtig katholisch wäre.

Sie müssen aber, Herr Bischof, als Hirte heute handeln, wenn Sie morgen Priester haben wollen. Und eben diese Bereitschaft lässt Ihr Kommentar nicht erkennen. Vielmehr behaupten Sie, dass es keinen „eucharistischen Hunger“ in Tirol gebe. Natürlich nicht in der Stadt Innsbruck, auch nicht dort, wo Sie als Ordinierter selbst täglich einen Gottesdienst feiern können. Aber trifft das auch auf die entlegenen Gemeinden Ihrer Diözese zu, den Brenner hinauf, in Imst, Landeck, Reutte oder in ganz Osttirol? Gut, Sie sind noch nicht so lange in Tirol Bischof und haben vermutlich den Besuch in den entlegeneren Gemeinden noch vor sich. Aber auch in den Gemeinden des Evangeliums, die sich weiter weg vom Zentrum der Diözese befinden, haben die Menschen ein Recht auf die sonntägliche Eucharistiefeier auch wenn sie kleiner werden. Und wenn die Feier der Eucharistie immer weniger gesichert ist, werden die frommen Menschen einen „eucharistischen Hunger“ empfinden, weil ihnen der Leib des Herrn wegen des Mangels an verfügbaren Priestern vorenthalten wird.

Hirten sind, so Papst Franziskus, verantwortlich

Durch ihre Weigerung, jetzt über Amazonien auch in Tirol nachzudenken, erzeugen Sie ja geradezu den „eucharistischen Hunger“ und widersprechen frontal Papst Franziskus, der auf dem Rückflug vom Weltjugendtag in Panama am 18.1.2019 die Hirten dafür verantwortlich gemacht hat.

Die Aufgaben der Hirten liegen heute klar auf der Hand: Gewinnen von einzelnen Menschen, sich der Jesusbewegung anzuschließen; Aufbau von Gemeinden des Evangeliums; Aufwertung der Feier der Eucharistie als Quelle und Höhepunkt allen kirchlichen Lebens; und dann die Sorge darum, dass in jeder lebendigen Gemeinde auch Eucharistie gefeiert werden und Menschen sich und in ihr das Land wandeln lassen. Und damit wir uns nicht missverstehen: Jede lebendige Gemeinde des Evangeliums hat unabhängig von ihrer Größe ein Recht auf die Feier der Eucharistie.

Die Zölibatsfalle

Dass im Zuge dieser Herausforderung die ehelose Lebensform für Ordinierte abgeschafft werden soll, hat niemand gefordert. In diese Falle der Zölibatsdiskussion tappen nur Medien und unmutige Kirchenleitungen. Denn was Bischof Fritz Lobinger, dessen Überlegungen der Papst gelesen hat, schon seit bald 30 Jahren und die Bischöfe Amazoniens nunmehr synodal abgestützt wollen, ist eine zweite Säule des Priesteramts. Die Priester der bekannten ersten Säule kommen vom „freien Berufungsmarkt“, studieren an einer theologischen Fakultät und leben ehelos – künftig mit großer Wahrscheinlichkeit in Priestergemeinschaften. Und daneben wächst, ganz im Sinn der neutestamentlichen Zeit, eine neue Säule von Priestern. Diese sind von den Gemeinden gewählt, haben sich als Gemeindemitglieder dort in gemeindlichen Diensten und in Leitungsaufgaben bereits bewährt – sind also „personae probatae“, randvoll mit dem Evangelium. Sie behalten ihre Familie oder gründen eine. Der Weg zu ihrer Weihe führt völlig traditionell über die Diakonatsweihe, damit nicht vergessen wird, dass das priesterliche Amt ein nicht klerikalistischer Dienst an der anvertrauten Gemeinde ist. Zudem werden wir in absehbarer Zeit auch Frauen auf dem Weg zum Diakonat sehen. Der Papst hat „den Handschuh aufgegriffen, den ihm die zuständige Kommission vor die Füße geworfen hat“, so seine Aussage in einer Pressekonferenz nach der Amazoniensynode.

Noch so viel Message-control wird die in der Amazoniensynode begonnene Entwicklung nicht aufhalten. Der Papst kann gar nicht anders, als in Amazonien mit der Erlaubnis zur Weihe von bewährten Gemeindeleitenden zu beginnen. Sonst hätte er ihnen nicht den Auftrag erteilt, ihm mutige Vorschläge zu machen. Und Bischof Franz Josef Bode von Osnabrück, stellvertretender Vorsitzender der deutschen Bischofskonferenz vermerkte am 23.4.2019 in einem Interview in der ARD: „Wenn irgendwo in der Welt diese Möglichkeit gegeben ist, dann darf man sich nichts vormachen. Man wird sagen: Wenn es grundsätzlich geht, dann muss es auch in Situationen gehen, wo die Not zwar anders ist, dann wird man das nicht genau so begründen, aber dann werden wir uns danach fragen müssen. Das ist ja ganz klar. Es wird nicht ruhig bleiben.“ Nach meiner Pfarrerstudie aus dem Jahre 2012 unterstützen 75% von ihnen die Entwicklung dieser neuen Säule im Priesteramt. Und meine Petition sorgt dafür, dass es bei uns nicht ruhig bleiben wird. Und vielleicht hilft sie, den Verantwortlichen den Fluchtweg in die Feigheit abzuschneiden.

Ich bin in der Tat „guter Hoffnung“

Ja, geschätzter Herr Bischof, ich bin guter Hoffnung, dass wir beide das alles noch erleben werden – und das ist angesichts meiner Lebensjahre, die ich schon hinter mir habe – mit Sicherheit bald.

Politologen, wie Dominique Moisi aus Frankreich (La geopolitique de l’emotion, 2009), lehren, dass nur Hoffnung die Zukunft offenhält – etwa die Hoffnung, dass die Klimakrise meisterbar ist, was ich auch glaube und weswegen ich mich auch mit den Amazonienbischöfen und der Katholischen Aktion Österreichs seit Jahren für die Bewahrung der Schöpfung und des Weltklimas stark mache. Ich habe schon 1990 in meiner „Pastoralen Futurologie“ (Band 4 meiner Pastoraltheologie) dafür gekämpft. Was aber wirklich zu fürchten ist, so die Fachwelt, sind hoffnungsarme Angst und zaghafte Furcht. Warum haben unsere Hirten so viel Angst, und zwar Angst vor Hoffnung und Zuversicht? Wie sehr ich Ihnen wünsche, womit Johannes Paul II. 1978 sein Pontifikat begonnen hat: „Non abbiate paura!“ (Habt keine Angst!)

Hier der Originaltext von Bischof Hermann Glettler (Innsbruck)

Montag, 11. November 2019 (Tiroler Tageszeitung)

Amazonien in Tirol?
Von Bischof Hermann Glettler

Die Amazoniensynode war ein prophetisches Signal für die Welt. Viel eindringlicher kann die längst fällige ökologische Wende nicht eingemahnt werden. Die brutalen Brandrodungen für den Profit der Agrarindustrie und die Ausbeutung der Bodenschätze Amazoniens hängen direkt mit dem Wohlstandsbedarf unseres Lebensstils zusammen. Die Zerstörung der größten grünen Lunge unseres Planeten lässt sich noch aufhalten, aber die Zeit drängt. Es geht um eine größere Solidarität.

Diesen wichtigen Ertrag der Synode dürfen wir nicht auf eine Zölibatsdiskussion reduzieren. Vor allem wünsche ich mir in der aktuellen Diskussion um die Weihe von „bewährten Männern“ (viri probati) etwas mehr an Gelassenheit und den Blick für das Ganze. Die Vorschläge der Synode liegen nun bei Papst Franziskus. Von seiner Entscheidung hängt viel ab. Petitionen oder medialer Druck bewirken oft Gegenteiliges.

Es fällt mir schwer, in Tirol einen ausgeprägten „eucharistischen Hunger“ (P. Zulehner) wahrzunehmen. Ja, wir haben einen Priestermangel, aber – mindestens so gravierend – auch einen Mangel an Gläubigen. In den meisten Pfarren wird durchaus anspruchsvoll der Sonntag gefeiert, doch die Bänke sind meist nur zur Hälfte besetzt. Ja, es ist wichtig, auf die Gesten des Willkommens, als auch auf die Qualität von Musik und Predigt besser zu achten. Da gibt es einige Hausaufgaben. Aber ich sehe gute Ansätze und engagierte Personen.

Wir hatten noch nie so viele hauptamtlich beschäftige Laien in unserer Kirche, Männer und Frauen, die in der Pastoral und Seelsorge eine große Verantwortung wahrnehmen. Trotz ihrer verlässlichen Arbeit fühlen sie sich oft ohnmächtig angesichts einer fortschreitenden Säkularisierung.

Zuerst geht es darum, den Glauben an Jesus, den lebendigen Herrn, wieder aufzuwecken – unsere Antwort auf den „spirituellen Hunger“, den viele in unserer Zeit empfinden. Und nicht alles muss dem Pfarrer aufgelastet werden oder von ihm abhängen. Aus lebendigen Gemeinden werden wieder Berufungen hervorgehen – auch Priester, zölibatär lebende und zukünftig möglicherweise auch verheiratete.

 

 

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Eine Antwort zu Amazonien in Tirol?

  1. albertpichler schreibt:

    Lieber Prof. Paul M. Zulehner herzlichen Dank für Ihre klare Positionierung. Mir als Tiroler fällt schon länger auf, wie sehr Bischof Glettler in die Defensive geht, wenn das Thema Zölibat berührt wird. Fast reflexartig wird so getan, als ob es keine Zusammenhänge gäbe zwischen der aktuell geforderten Lebensform und dem Fehlen von Priestern. Warum können so wenige Bischöfe in unserem Land den Lebenswirklichkeiten in die Augen schauen und in einem echten Dialog – und das ist die DNA des II. Vatikanums – mit Frauen und Männern nach Wegen suchen, die dem Aufbau der Gemeinden dienen? Es ist für mich als ehemaliger Seelsorger (18 Jahre als Priester) sehr verwunderlich, dass selbst nach über 30 Jahren an Hinweisen über die wachsende Mangelsitutaion, keine „mutigen Vorschläge“ aus den Reihen der Bischofskonferenz nach Rom übermittelt worden sind. Die Defensiv-Praxis von Bischof Glettler verhindert Freiräume für kreative, am Evangelium orientierte Bewegungen innerhalb der Kirche. Da passt ja leider auch das Auftrittsverbot für Sie in der Diözese Innsbruck dazu, weil damit außerdem ein fragwürdiges Amtsverständnis („meine Diözese“) sichtbar wird.

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