Bolsonaro und der Regenwald

Ein Brief aus Brasilien von Daniel Stosiek

Brasilien ist ein reiches Land. Es könnte jedenfalls reich sein. Denn es ist Quelle des Reichtums an Leben und an Dingen. Hier gibt es eine Fülle des Lebens und der Ressourcen in Geo- und Biosphäre, es ist das artenreichste Land des Planeten, der Amazonas-Urwald ist eine der größten Waldflächen, die auf der Welt existieren, hier leben über 200 verschiedene indigene Völker, bei denen über 100 Sprachen bis heute gesprochen werden; dazu kommt eine weitere kulturelle Vielfalt durch die Nachkommen der afrikanischen Sklaven, welche viele Teile ihrer kulturellen, sprachlichen und religiösen Diversität bis jetzt weiter pflegen.

Und dennoch hört die Armut nicht auf, eine beherrschende Realität zu sein. Denn nicht nur gehört Brasilien zu den Ländern der Erde mit größter Ungleichheit zwischen Reichtum und Armut. Sondern Unternehmen aus unterschiedlichen Teilen der Welt, besondern aus dem globalen Norden, ziehen Reichtümer aus der Natur und den Menschen des Landes ab. Der Amazonas-Urwald, eine der großen Sauerstoffquellen des Planeten, wird immer weiter abgeholzt, dort macht man Platz für Viehhaltung und den Anbau von Mais sowie von Soja, welches zum größten Teil wiederum Futter für Tiere in der Massentierhaltung, beispielsweise in Europa, bedeutet.

Die indigenen Völker Brasiliens, die am meisten für die Erhaltung der Biosphäre tun, ohne jedoch für eben diese ihre Dienstleistung, die allen zugute kommt, je bezahlt zu werden, werden immer wieder durch ökonomische Großprojekte wie Staudämme, Bergbau und Monokulturen in ihrer Existenz bedroht und vertrieben. Diese Projekte werden häufig durchgeführt, ohne – wie es die Gesetze vorschreiben – die lokale Bevölkerung zuvor zu konsultieren.

Die prekäre Situation hinsichtlich der Gesellschaft und der Natur verschärft sich nun seit dem Beginn der Regierung mit dem Präsidenten Bolsonaro 2019. Bereits in den ersten Monaten wurde die Verwendung von Agrargiften (Pestiziden) erlaubt, die zuvor verboten waren. Bolsonaro erklärte, dass die indigenen Völker keinen Zentimeter eigenen Landes mehr erhalten sollen. Bereits vor 20 Jahren sagte er, dass die USA in der Zeit der Kolonisierung besser als Brasilien verfahren seien, als sie die indigene Bevölkerung dezimierten, nun hätten sie nicht so ein Problem wie Brasilien. Abgesehen davon wird Bolsonaro für frauenfeindliche und andere rassistische Bemerkungen kritisiert. Er gilt als der ‘Trump’ Brasiliens. Ein feiner Unterschied ist da jedoch zu machen. Während Trump den Typ eines neu aufgelegten Kolonisatoren vertritt, steht Bolsonaro für jene “kolonisierten Männer” (Breny Mendoza), die sich mit den kolonisierenden Männern verschwören gegen die Frauen und gegen alle sozial Abweichenden. Und gegen die Natur. Er vertritt den kolonisierenden Kolonisierten.

Die “Verschwörung der kolonisierten Männer mit den Kolonisatoren”[1] (174) geht auf Kosten der nicht-weißen Arbeiter, der Frauen (ob europäischer oder anderer Abkunft), der von sexueller Normierung Abweichenden (wie Schwule, Lesben) sowie der nicht okzidentalen Völker, d.h. in Brasilien v.a. indigener Völker und afrobrasilianischer Bevölkerung, und der Natur. In diesem Sinne steht Bolsonaro für eine ganze Klasse reicher Brasilianer, eine wirtschaftlich hegemoniale und kulturell-politisch einflussreiche Minderheit, die obendrein von evangelikalen Kirchen abgesegnet wird und die übrige Bevölkerung und die Natur rücksichtslos ausbeutet und ausgrenzt. Immer größere Teile des Amazonas- und anderer Urwälder werden verschwinden und sich in großflächige Monokulturen und Abbauplätze von Rohstoffen verwandeln. Die Gruppen von Menschen, die am frühesten darunter leiden, sind die indigenen Völker, deren Rechte nun immer mehr beschnitten werden. Sie gehören daher zu denjenigen, die am meisten gegen die neue Regierung in Brasilien protestieren. So realisierten indigene Völker vom 24. zum 26. April 2019 in Brasilia, der Hauptstadt Brasiliens, ein großes Treffen, bei dem sie für eine andere Politik eintraten und ihre eigene Kultur und ihre Werte sichtbar machten.

Warum ich das als Brief schreibe? Weil viele nicht oder unzureichend wissen, dass Unternehmen aus Deutschland, wie aus anderen Ländern Europas und der USA, überhaupt aus dem globalen Norden, die vor allem von den Rohstoffen, landwirtschaftlichen Rohprodukten und neuen Investitions- und Plünderungsmöglichkeiten profitieren, daran beteiligt sind, das strukturelle Leiden in Brasilien zu schüren. Was heißt ‘strukturell’? Der große jüdische Philosoph Hermann Cohen sagte einmal, dass die Religion nicht nur das Du entdecke und angesichts des Leidens des je konkreten Mitmenschen zur Humanität und Liebe beitrage, sondern dass wir über die unmittelbare Mitmenschlichkeit hinaus auch die Dimension der Armut als “objektiviertes Leiden” erkennen müssen, das ein “Notstand der Kultur” sei, welches “das gesamte Kulturbewußtsein in Mitleidenschaft versetzt”[2]. Und hier in Brasilien sehe ich mit meinen Augen deutlicher, als es von Deutschland aus möglich wäre, dieses perpetuierte Leiden, das durch scheinbar unüberwindliche Strukturen verfestigte, wiederholte Leiden der Menschen, das in dieser Weise von Deutschland und Europa mit verschuldet wird. Wir können politisch etwas tun, um die Verhältnisse “umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist“, wie ein anderer deutscher Philosoph jüdischer Abstammung einmal formulierte. Das ist meine Botschaft des Briefes. Eine Ansage, aber keine Antwort, sondern vielmehr eine aufgeworfene Frage. Was tut ihr, was könntet ihr / oder vielmehr wir tun, um die Verhältnisse zu transformieren – hin zu menschenwürdigen Beziehungen in der Politik und der Wirtschaft zwischen den Ländern, Kontinenten und Kulturen? Was tun wir gegen den Kapitalismus, diese moderne Weiterentwicklung des Mammons, gegen den schon Jesus protestierte? Wenn wir die ungebremste Geldvermehrung stoppen, dann würde nicht mehr eine Marielle Franco, schwarze Politikerin in Rio der Janeiro, die für die Rechte der Frauen und Favela-bewohner kämpfte, mit einer deutschen Waffe (Heckler & Koch) ermordet werden, wie es im März 2018 geschah. Warum habt ihr diese Waffen nach Brasilien geschickt? Wie auch in andere Länder, wie beispielsweise Mexiko, wo 2014 die 43 Studierenden umgebracht wurden, offenbar auch mit deutschen Waffen? Die dies lesen, werden das vermutlich nicht selber getan haben, aber was tun wir gegen die wirtschaftlichen und politischen Strukturen, welche die Herstellung und den Export von Mordinstrumenten aus Deutschland erlauben? Was können wir tun, damit fairer Handel und faire politische und wirtschaftliche internationale Beziehungen nicht mehr die Ausnahme sind, sondern zur Regel werden? Dass der Ausnahmezustand nicht mehr die Regel sei (wie Walter Benjamin, wieder ein jüdischer Philosoph, sagte)? Solche Botschaften und Infragestellungen schreibe ich gerne über diese Zeitung. Denn “Der Tag des HERRN […][wird kommen] über alles Stolze und Hohe und über alles Aufragende – es wird sich senken” (Jes. 2, 12). Und ich höre nicht auf zu hoffen: “Sie werden verwüstete Städte aufbauen und darin wohnen und Weinberge pflanzen und ihren Wein trinken und Gärten anlegen und ihre Früchte essen.” (Amos 9, 14) Das könnte doch auch für die Menschen des globalen Südens gelten!

Diesesr Beitrag wurde an „Tag des Herrn“ geschickt. Von Daniel Stosiek erschien auch: Die Revolution der Erde (2018, B.o.D.),.

[1] Breny Mendoza: Die Epistemologie des Südens, die Kolonialität des Geschlechts und der lateinamerikanische Feminismus, in: Th. Hoffmann, W. Jantzen, U. Stinkes (Hg.): Empowerment und Exklusion. Zur Kritik der Mechanismen gesellschaftlicher Ausgrenzung, Gießen (Psychosozialverlag) 2018, 169-188; 174.

[2] Hermann Cohen: Religion der Vernunft aus den Quellen des Judentums, Darmstadt 1966, Dreieich 1978, publiziert 1919, S. 157f.

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