Der Angstfurcht Vertrauen abgewinnen

Die Medien sind auf das Thema voll aufgestiegen. Kaum eine Sendung im Fernsehen, in der ein Politiker nicht danach gefragt wird, wie er den Leuten die Angst vor Terror nehmen und das Gefühl von Sicherheit erhöhen kann. Heinz Bude, Soziologe aus Bochum, hat schon Recht. Deutschland ist eine Angstgesellschaft geworden. Ähnlich der französische Politologe Dominique Moïsi , der Europa eine „Kultur der Angst“ (a culture of fear) attestiert, wobei ich lieber von einer „Unkultur der Angst reden würde“. Leute, die bei einem Interview sagen, sie hätten keine Angst, gelten als nicht ganz normal. Hinweise, dass jährlich mehr Leute bei Verkehrsunfällen sterben als durch Terroranschläge, mindern die Angst nicht. Im Gegenteil: Allein das Reden über Terroranschläge, über die Gräueltaten des Islamischen Staates, die verwerflichen sexuellen Übergriffe auf Frauen und deren Handtaschen durch nordafrikanische Männer haben dazu geführt, dass es wochenlang in Deutschland keinen Pfefferspray mehr gab.

Die Terroristen haben es mit unseren Bevölkerungen leicht. Sie möchten Angst erzeugen und verunsichern. Dieses Ziel haben sie mit brutaler Leichtigkeit bereits erreicht. Sie haben es geschafft, die öffentlichen Debatten und die politischen Maßnahmen zu dominieren. Eine populistische „Politik der Angst“ wird praktiziert. Die geschieht mit der zwiespältigen Begründung, „man müsse die Ängste der Leute ernst nehmen“. „Ernstnehmen“ könnte lauten: durch eine entängstigende Politik die vorhandenen Ängste mindern. Oftmals aber werden die ernstgenommenen Ängste aus parteitaktischem Kalkül bewirtschaftet und verstärkt. Von Armut, Gerechtigkeit, Wohnraum und Arbeit für alle ist in den Medien wie in der Politik derzeit nicht die Rede: weder national, noch weniger international. Der „Dritte Weltkrieg auf Raten“, wie Papst Franziskus ihn unlängst nannte, ist ein erfolgreicher „Krieg der Angst“.

Angst haben wir alle

Dass eine „Kultur der Angst“ in unseren Bevölkerungen greifen kann, hat damit zu tun, dass jede und jeder von uns Angst in sich trägt. Und das seit dem Tag, an dem wir zur Welt gekommen sind. Die Geburt war wie eine Vertreibung aus dem Paradies. Der Mutterschoß hatte (im wünschenswerten Normalfall) dem heranreifenden Menschenwesen Verbundenheit, Wärme und Geborgenheit beschert. Die Geburt beendete diese für die meisten paradiesische Zeit. Monika Renz, Tiefenpsychologin und Theologin aus der Schweiz, vermutet, dass wir alle seit der Geburt eine Art Urangst in uns tragen (Erlösung aus Prägung, Paderborn 2008). Wir erleben uns als endlich, verletzlich, bedroht und gefährdet. Die unausweichliche Herausforderung besteht für uns alle darin, abgenabelt in der fremden und kalten Welt zu überleben.

Vertrauen abgewinnen

Dazu gilt es, in Anlehnung an den Schöpfungsbericht formuliert dem verschlingenden Tohuwabohu der Angst felsenfestes Lebensland des Vertrauens abzugewinnen. Unentbehrlich sind dazu elterliche Menschen, die ihr ermunterndes Gesicht über dem Neugeborenen „leuchten lassen“ – eine Erfahrung, die so grundlegend ist, dass wir in unseren Gebeten Gott bitten, er möge sein Angesicht über uns leuchten lassen. Eltern eröffnen dem kleinen Menschenkind einen „Raum, geprägt von Stabilität und Liebe“ (Brigitte und Peter L. Berger: In Verteidigung der bürgerlichen Familie, Frankfurt 1980). Bindung kann wachsen und darin die Erfahrungen, man könne den Menschen und der Welt trauen.

Darin sind sich die Fachleute für die menschliche Entwicklung einig. Vom Aufbau dieses Vertrauens hängt es ab, ob ein Menschenleben gelingt. Denn wer vertrauen kann, kann auch glauben und lieben. Anders ist es nicht möglich, sich einem anderen Menschen in der Liebe anzuvertrauen. Ebenso wenig kann sich ohne Vertrauen jemand dem Geheimnis Gottes überlassen.

Ein ständiger Balanceakt

So ist von Anfang an das menschliche Leben ein ständiger Balanceakt zwischen Angst und Vertrauen. Es sieht aber danach aus, als wäre es für die Menschen in unseren Angstkulturen zunehmend schwer, sich auf der hellen Seite des Vertrauens zu halten. Vielmehr zieht das kulturelle Klima der Angst immer mehr Menschen auf die dunkle Seite der Angst. Auch das fiese politische Geschäft mit der Angst trägt dazu bei.

Selbstverteidigungsstrategien

Die derzeitige Entwicklung ist sowohl für die einzelnen Lebensgeschichten wie für die Entwicklung der Menschheitsfamilie folgenschwer. Denn wo die Angst regiert und sich eine „Politik der Angst“ verfestigt, kommt es zu fatalen „Nebenwirkungen“.

Monika Renz therapiert Menschen, denen es nicht gegönnt ist, der allgegenwärtigen Angst Vertrauen abzugewinnen. Sie vermerkt, dass sich diese Menschen in tragischer Weise genötigt fühlen, sich gegen die andrängende Angst abwehrend zu verteidigen.

Drei Selbstverteidigungsstrategien gegen die Angst nennt die Tiefenpsychologin: Gewalt, Gier und Lüge. Die Gewalt wehrt ab, ja vernichtet, was bedroht. Medial werden dazu Scheiterhaufen errichtet. Die Gier baut sichernde Wohlstandswälle auf, die ängstlich verteidigt werden. Die Lüge täuscht, Verschwörungstheorien werden erzählt, auch Geschichten über gar nicht begangene Untaten von Fremden. Solche Selbstverteidigung kann durchaus in kultivierten Formen verlaufen. Manchmal kippt aber Abwehr in Hass. Die Sprache verroht und verliert ihr menschliches Gesicht. Menschen, die Angst vor Kriminalität haben, werden manchmal selbst kriminell. Haßpostings und brennende Flüchtlingsunterkünfte sind Symptome der sich ausbreitenden „Kultur der Angst“.

Diese Selbstverteidigungsstrategien gibt es auch in kollektiver Form. Sie heißen dann heute Terrorismus – als Antwort auf die Demütigungen der arabischen Welt? – , Finanzgier und Korruption.

Angst und Furcht

In all diesen Überlegungen schwingt mit, dass Angst im Vergleich zur Furcht zumeist diffus ist. Sie bezieht sich auf eine mögliche Gefahr, nicht auf eine reale. Angst sitzt im Bauch. Furcht im Kopf. Angst ist emotional, Furcht rational. Angst führt zu „Vigilanz“, also zu andauernder Aufmerksamkeit auf eine mögliche Gefahr, während sich die Furcht auf eine akute Gefährdung bezieht und dann auch wieder vergeht. Zugegeben: Die Übergänge zwischen Angst und Furcht sind fließend.

Es mag sein, worauf Fachleute der Evolution hinweisen, dass Angst und Furcht für das Überleben hilfreich sein können. Dabei wird weniger der Angst, sondern mehr der Furcht diese Rolle zugewiesen. Denn die Angst lähmt, während die Furcht handlungsfähig macht. „Fürchtet euch endlich!“ hat die große Theologin Dorothee Sölle den Menschen zugerufen. Es wäre schon viel gewonnen, könnte bei immer mehr Menschen sich Angst in Furcht und Besorgnis wandeln.

Zum Glück ist das bei der Mehrheit der Menschen in unseren Ländern derzeit der Fall. Nach einer Studie in Österreich regieren in unserer Bevölkerung derzeit drei Emotionen: Ärger, Sorge und Zuversicht. Die meisten Menschen gehören zu den Besorgten.

Die Szene bestimmen allerdings jene mit Ärger und mit Zuversicht. Sie bilden polarisierte Randgruppen mit starken Emotionen, erfreuliche wie bedrohliche, hilfreiche wie für die künftige Entwicklung des Landes wenig taugliche. Wer Ärger fühlt, wehrt ab. Personen mit Zuversicht setzen sich ein. Die Verärgerten neigen dazu zu hetzen, die Zuversichtlichen hingegen helfen. Ob jemand aber zum Ärger oder zur Zuversicht tendiert, hängt laut meiner Onlinestudie aus dem Herbst 2015 (Entängstigt euch! Ostfildern 2016) vom Potential der Ängste ab, die in einer Person vorhanden sind. Je mehr Ängste: vor sozialem Abstieg, vor kultureller Überfremdung, davor, im kurzen Leben zu kurz zu kommen, desto eher Abwehr. Und umkehrt: Je weniger Ängste jemand in sich biographisch angesammelt hat, desto zuversichtlicher agiert er, fühlt und handelt sie. Solche Menschen treten für eine Willkommenskultur ein, unterstützen Maßnahmen der Integration, lernen mit Schutzsuchenden Deutsch, kümmern sich um Wohnraum und Arbeit. Wer Angst hat, befürchtet eine Katastrophe auf das Land zukommen. Wer Zuversichtlich ist, ist davon überzeugt, dass wir es schaffen.

Angst und Furcht erweisen sich also als gewaltige politische Kräfte. Das derzeitige hohe Potential an Ängsten und Befürchtungen begünstigt eine „Politik der Angst“ mehr als eine „Politik des Vertrauens“. „Politik der Angst“, das heißt Zäune errichten, Europa zur Festung ausbauen, mehr Polizei gegen Kriminalität, Maßnahmen gegen die Ausnützung des Sozialstaates, Kampf für die kulturelle Reinheit des Abendlandes und damit gegen die Islamisierung.

Eine „Politik des Vertrauens“ hingegen hat einen langen Atem, kümmert sich um einen baldigen Waffenstillstand, unterbindet Waffenlieferungen, richtet schon jetzt einen Marshallplan für Syrien oder für afrikanische Länder ein. Eine Politik des Vertrauens setzt viele Mittel ein für Deutschkurse, noch mehr für eine Wohnbauoffensive gleichermaßen für Einheimische wie Schutzsuchende, stärkt und differenziert die Arbeitsmärkte. Eine Politik der Angst bearbeitet Symptome, eine Politik des Vertrauens die Ursachen der weltpolitischen Herausforderungen durch Kriege und himmelschreiende Hoffnungslosigkeit und Armut.

Heidenangst und Gottesfurcht

Keine Frage, für die einzelnen Menschen wie für die Politik wäre es ein Segen, würden die Ängste schrumpfen und das Vertrauen wachsen. Dabei könnten die Religionen mithelfen. An die Stelle der „Heidenangst“, die viele moderne Menschen erfasst hat, könnte Gottvertrauen treten. Solches beginnt mit Gottesfurcht, lehren die heiligen Schriften: also mit einem Ernstnehmen Gottes, als ein liebendes Sich-auf-Gott-verlassen. Solche Gottesfurcht vertreibt die Furcht, weil sich diese mit der Liebe nicht verträgt (1 Joh 4,18).

Von der religiösen Erfahrung mit Gottesfurcht lässt sich lernen, dass Furcht nicht mit lähmender Angst einhergehen muss, sondern auch Respekt auslöst. So kann die durchaus vernünftige Furcht vor Fremden und anderen Kulturen wertschätzenden und anerkennenden Respekt vor diesen auslösen. Wo aber Respekt ist, kann der Fremde als Geschenk und Reichtum wahrgenommen werden. Das gilt biblisch für Gott, den Gast und die Fremden. Gott, den Gläubige in ihrer Liebe „fürchten“, ist für sie gleichzeitig eine Quelle der Bereicherung an Leben und Farbe. Es wäre in unserer angespannten Situation gut, wenn im Zusammenleben mit den vielen Frieden und und Sicherheit suchenden Menschen, die aus uns fremden Kulturen kommen, Respekt die Grundmelodie wäre und die Chance entdeckt wird, dass die, die wir zunächst fürchten, uns beschenken können.

Nicht moralisieren: heilen

Eine der Jahrhunderte währenden Versuchung der christlichen Kirchen bestand darin, die Menschen durch „Höllenangst“ moralisch zu verbessern. Der Erfolg war dürftig. Es waren der große Theologe Søren Kierkegaard und in dessen denkerischem Fahrwasser Eugen Drewermann oder auch Eugen Biser, welche einen Wechsel der Kirchen von einem moralisierenden zu einem „therapeutischen“ Christentum forder(te)n. Ihre Überzeugung: Gegen die Angst, die an der Wurzel der Seele lauert, hilft kein Moralisieren. Im Gegenteil: Moralisieren verstärkt Angst. Was allein hilft, ist Heilung.

Solche Heilung braucht unsere von Angstfurcht bedrängte Gesellschaft. Dabei geschieht diese keinesfalls „mirakulös“. Heilend kann schon eine standfeste „Politik des Vertrauens“ sein. Umfassende Bildung setzt heilende Kräfte frei: die Bildung starker Persönlichkeiten, politische Bildung, nicht zuletzt auch interreligiöse Bildung. Die stärkste heilende Kraft aber haben unmittelbare Begegnungen. Wenn Schutzsuchende uns ihre Fluchtgeschichten erzählen und sie dabei unser mitfühlendes Herz erreichen, dann lieben sie uns aus der Angst-Ecke buchstäblich heraus.

Engagieren sich deshalb vor allem gläubige Menschen furchtlos, weil sie im heiligen Raum Gottes felsenfestes Vertrauen lernen und sich die Angst in eine Besorgtheit wandelt, die handeln lässt? Stimmt die Regel, dass Angst entsolidarisiert und Menschen ohne Angst sich leichter solidarisieren? Natürlich sind auch gläubige Menschen besorgt. Aber ihre Besorgnis ist eine mit göttlichem Rückenwind. Haben es also gläubige Menschen leichter sich einzusetzen, und das mit dem Gefühl, dass sie es schaffen – in einer eigenartigen Allianz von politischem Verstand und Gottvertrauen? Wer sich heute in der politischen Szene umsieht, könnte zu einer solch zuversichtlichen Annahme gelangen.

[Eine leicht redigierte Fassung erschien in Christ&Welt vom 18.8.2016, S.3.]

 

 

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