Conchita-Sieg: Für Zulehner jede Diskriminierung abzulehnen

Wiener Pastoraltheologe Zulehner: In Kirche spielt „moralische Verwerfung“ von Lebensgestaltung abseits des christlichen Ehe-Ideals de facto keine Rolle mehr – Songcontest ist Inszenierung mit religiösen Zügen, Siegerin erinnert an „Nazarener-Jesus“

KATHWEB 13.05.2014

Wien, 13.05.2014 (KAP) Diskriminierung, gegen welche Lebensform auch immer sie sich richtet, ist abzulehnen: Das hat der Wiener Pastoraltheologe und Religionsforscher Paul Zulehner im Blick auf den Eurovisions-Songcontest und die Toleranz-Botschaft der Siegerin Conchita Wurst betont. Nicht erst seit Papst Franziskus habe sich in der Kirche angesichts von Lebensgestaltungsmodellen, die vom christlichen Ehe-Ideal abweichen, gezeigt, dass „jegliche moralische Verwerfung keine Rolle mehr spielt“ – und das sei gut so, wie Zulehner in einem „Kathpress“-Gespräch am Dienstag sagte.

Freilich offenbarten Toleranzappelle wie jene von der erfolgreichen österreichischen Drag Queen Conchita Wurst gerade auch, dass hier noch eine Lücke zwischen Wunsch und Realisierung klafft. Diskriminierung sei erst überwunden, wenn Antidiskriminierungsbotschaften nicht mehr erforderlich seien, sagte Zulehner.

Zugleich warb der Theologe für eine differenzierte Sicht von Diskriminierung: Nicht jede behauptete müsse auch automatisch eine sein, wobei er als Beispiel die laufende Debatte um Adoptionsrechte für gleichgeschlechtliche Paare nannte. Wer dem Kindeswohl den Vorzug gegenüber dem Anspruch Erwachsener auf ein eigenes Kind gebe, sei deshalb noch kein Diskriminierender. Der seit Jahrzehnten mit Europäischen Wertestudien befasste Zulehner warnte auch davor, dass ein „ständiges Zum-Thema-Machen“ diskriminierende Haltungen verstärken statt abbauen könnte.

„Religiöse Inszenierung“

FAUSTINA_Jesus Conchita kleinDen Eurovisions-Songcontest sieht Zulehner als „Fest gelungener künstlerischer Aktivität“ – mit durchaus religiös anmutender Inszenierung. Das Erscheinungsbild von Conchita Wurst erinnere ihn frappant an Jesus-Darstellungen im romantisierenden Nazarener-Stil (Foto: Vision Jesus der Sr. Faustina, Polen). Höchst ambivalent sei freilich die auch beim Songcontest durchscheinende Verquickung von Religion und Nationalismus, die neben Identitätsstiftung auch zur Legitimation von Ausgrenzung herhalte: In Österreich gebe es zum Beispiel „Kulturchristen“, die in einem katholisch geprägten Land sichtbarer islamischer Religiosität die Existenzberechtigung absprechen.

Die katholische Kirche sei mit Fragen rund um Geschlechteridentität, Homosexualität, Beziehungsgestaltung und das Aufbrechen traditioneller Familienbilder u.a. bei der Familiensynode im Herbst 2014 befasst und sei gut beraten, sich auf die heute vorfindbare Vielfalt „tief einzulassen“. Schon unter Benedikt XVI. sei ein aus der Sicht Zulehners unumkehrbarer Diskussionsprozess darüber in Gang gekommen, was vom Sakrament der Ehe bleibt, wenn die Liebe wegfällt.

Zulehner erinnerte daran, dass im 1917 veröffentlichen Kirchenrecht die Ehe vorrangig als für abgesicherte Fortpflanzung erforderlicher Vertrag verstanden wurde. Die Kirchenrechtsneufassung von 1983 füge dem aber – unter dem Eindruck des Zweiten Vatikanischen Konzils – den Liebesbund zwischen den Eheleuten als gleichwertig hinzu.

Die Kirche habe im heute so weiten Feld menschlicher Liebesbeziehungen durchaus Chancen, sich Gehör zu verschaffen, ohne nur als „Ausgrenzerin“ und „Spaßverderber“ zu erscheinen, so Zulehner. Es gelte dafür aufzuzeigen, dass Liebe einen institutionellen Schutzraum braucht – wie jenen symbolischen Baldachin, unter dem Juden ihren Ehebund schließen.

Gerade wenn Kinder im Spiel seien, brauche es diesen Schutzraum von Liebe und Stabilität, der neben den guten Tagen auch die schlechten aushalte. Nicht umsonst sage man in der Umgangssprache über eine geliebte Person, man könne sie „gut leiden“, wies der Theologe hin. Liebe ohne Leid kippe leicht in Narzissmus, „darauf muss die Kirche hinweisen“, ohne nur defensiv ein Ideal für ein kleiner werdendes Gesellschaftssegment hochzuhalten.

 

„Was ist ein Mann, was eine Frau?“

Bereits in seinem jüngsten Buch „Gleichstellung in der Sackgasse“ hat sich Zulehner mit der auch durch Conchita Wurst aufgeworfene Frage befasst, was ein Mann, was eine Frau denn nun sei. Es gebe berechtigte Kritik an einseitigen Sichtweisen -Geschlecht wäre demnach bloß biologisch determiniert, oder es wäre rein gesellschaftliches Konstrukt. De facto sei es eine Mischung von beidem, von Ererbtem und „Erfundenem“, und „auch Gene lernen“, bezog sich Zulehner auf jüngste naturwissenschaftliche Forschungen.

Freilich sei für praktisch alle Menschen auch ohne wissenschaftliches Vorwissen leicht beantwortbar, ob sie eine Frau oder ein Mann sind. Und abseits von Geschlechterrollenklischees wie „Männer denken, Frauen fühlen“ gibt es nach Überzeugung Zulehners nicht nur biologische, sondern auch psychologische Unterschiede zwischen den Geschlechtern. Er habe den Eindruck, diese Unterschiede würden deshalb negiert, um damit verbundenen Diskriminierungen zu entgehen.

Zulehner wies auf den ihn überzeugenden Ansatz der feministischen Philosophin Herta Nagl-Docekal hin, die meinte, biologistische und auch religiöse Legitimationen für Geschlechterunterschiede müssten bekämpft und überwunden werden, damit jenseits daraus abgeleiteter Ungerechtigkeiten Gleichheit ohne Hindernisse eingefordert und eingelöst werden kann.

 

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3 Antworten zu Conchita-Sieg: Für Zulehner jede Diskriminierung abzulehnen

  1. Frau_Mahlzahn schreibt:

    Toller Artikel, hat mich sehr gefreut, ihn zu lesen, ;-).

    Eine Sache, über die ich mir aber nicht schlüssig bin, ist ob gleichgeschlechtliche Paare mit dem Wunsch Kinder zu adoptieren, wirklich nur ihr eigenes Wohl in den Vordergrund stellen? Warum sollten sie nicht auch einen tiefen Wunsch nach Familie haben und erfüllen dürfen? Und warum schließt man automatisch aus, dass sie nicht auch dem Kindeswohl dienen? Die normale Mutter-Vater-Kind-Familie ist doch nur dann ideal, wenn sie funktioniert — außerdem zeigt sich immer mehr, dass es viele Modelle gibt, die funktionieren. Wichtig ist meiner Meinung nach die Stabilität der Beziehungen und nicht, welches Geschlecht die Eltern haben…

    Ich finde jedenfalls gut, dass die Frage diskutiert wird.

    Liebe Grüße,
    Corinna

  2. zulehner schreibt:

    Liebe Corinna, die Frage ist nicht, dass gleichgeschlechtlich liebende Paare einen Raum, geprägt von Stabilität und Liebe aufbauen können. Dazu ist letztlich jeder Mensch ist der Lage. Und das hängst nicht von der sexuellen Orientierung ab. Auch stelle ich nicht in Frage, dass diese homosexuell begabten Paare einen Kindes- und Familienwunsch haben. Die Kernfrage ist, und diese ist in der Forschung noch nicht beantwortet, ob es für das Kind nicht gut bis erforderlich ist, wenn es von Geburt an mit Vater (!) und Mutter zu tun hat, und das nicht pädagogisch, sondern in der ganzheitlichen Wahrnehmung dieser geschlechtlich verschiedenen Personen. Dabei bleibt die Frage offen, was Alleinerziehende machen, wie sie dem Kind den fehlenden Vater ersetzen (mit Kindergärtner, Grundschullehrer: sind leider eine Rarität…). Aber danke fürs mitdiskutieren. Ihr Paul M. Zulehner

  3. zulehner schreibt:

    Das habe ich in der KathPress gefunden:

    Fragen zu Conchita Wurst (KathPress) | 14.05.2014
    Petra Steinmair-Pösel

    KATHPRESS 1.) Zum Phänomen Conchita Wurst: Der ORF-Kulturmontag stellte die Frage, ob es sich dabei um „ein historisches oder ein hysterisches“ Ereignis handelt. Wie bewerten Sie den gegenwärtigen Hype? Ist die mit der Musik vermittelte Botschaft der Toleranz gegenüber der Vielfalt „mediale Eintagsfliege“ oder mehr?
    STEINMAIR-PÖSEL: Toleranz, ja mehr noch: das bedingungslose Annehmen eines Menschen als Person, halte ich für einen nicht zu überschätzenden Wert, der zutiefst in Einklang mit Leben und Botschaft Jesu steht und selbst in unseren Europäischen, an Menschenrechten orientierten Gesellschaften allzu oft fehlt. Biblisch wird dieser Wert mit Begriffen wie Gotteskindschaft, theologisch u.a. mit der unbedingten und unverlierbaren Würde eines jeden Menschen zum Ausdruck gebracht.
    Insofern Conchita Wursts Sieg beim Song-Contest diese unbedingte Bejahung jedes Menschen unabhängig von seiner / ihrer Lebensform, sexuellen Ausrichtung etc. zum Ausdruck bringt, ist dieser sicher ein erfreuliches, vielleicht sogar ein „historisches“ Ereignis.
    Etwas stutzig macht freilich die Tatsache, dass hinter dem ganzen Event eine riesige Marketingmaschinerie steht, dass gezielt an einem Lied gearbeitet wurde, das Song-Contest-tauglich ist, dass die Inszenierung von Tom Neuwirth alias Conchita Wurst bis ins letzte Detail geplant war. Ging es also doch mehr um Gefälligkeit, um das Treffen eines Zeit- und Lebensgefühls als um „edle Werte“?
    Wie tolerant sind wir tatsächlich, wenn der / die Andere (bzw. Fremde) uns in weniger gefälliger Art entgegenkommt – auf eine Weise, die gesellschaftlich gerade nicht „in“ ist: z.B. als verschleierte Muslima oder als Asylwerber? Auch am konkreten Umgang mit diesen konkreten Menschen hat sich die österreichische und europäische Toleranz zu erweisen – ein Song-Contest-Sieg allein ist da zu wenig.

    KATHPRESS 2.) Fragen rund um Geschlechteridentität, Homosexualität, Beziehungsgestaltung, das Aufbrechen traditioneller Familienbilder werden wohl auch Thema der Familiensynoden im Herbst 2014 und 2015 in Rom sein. Bedarf es Ihrer Einschätzung nach eines neuen theologischen bzw. lehramtlichen Zuganges dazu?
    STEINMAIR-PÖSEL: Wie viele in der katholischen Kirche finde ich es erfreulich, dass Papst Franziskus in diesen Fragen eine neue Tonlage trifft, die auf den Punkt gebracht lautet: Wer bin ich, dass ich richten könnte? Dieses Wahrnehmen, das Nicht-Verurteilen von Menschen, die anders leben, als es in den traditionellen Bildern (die m.E. in sich noch nicht schlecht, von vielen auch in guten Tagen erträumt, aber eben nicht für alle stimmig und in bösen Tagen lebbar sind) vermittelt wird, sollte der Ausgangspunkt für einen neuen theologischen Zugang zu den Fragen rund um Geschlechteridentität, Homosexualität, Beziehungsgestaltung und neue Familienmodelle sein. Dass sich die KatholikInnen in unserem Land zu einem großen Teil einen solchen neuen Zugang wünschen, konnte ich direkt erleben, als ich den Vatikan-Fragebogen für eine österreichische Diözese (mit-)auswerten konnte. Was ich den Familiensynoden 2014 und 2015 wünsche ist die Bereitschaft, wirklich wahrzunehmen, was ist: Welche Fragen, welche Themen und Probleme die Menschen wirklich beschäftigen. Dann die Offenheit, darin ein Zeichen der Zeit zu sehen und nicht alles, was der Tradition widerspricht, automatisch als gottlos abzutun, sondern darin mit der großen Offenheit, die das Zweite Vatikanum der Kirche anempfohlen hat, nach den Spuren von Gottes Geist zu suchen. Sodann auch durchaus zu differenzieren: Welche Entwicklungen geben den Menschen mehr echte persönliche Freiheit und Chancen, die eigene Liebesfähigkeit zu entwickeln? Und schließlich wünsche ich mir von meiner Kirche, dass sie Menschen in allen Lebenssituationen begleitet – gerade auch dort, wo sie sich in die größten Beziehungs- und Identitätssackgassen verirrt haben.

    KATHPRESS 3.) Was kann/müsste die Kirche in die seit Jahren laufende Gender-Debatte einbringen? Und wie kann Kirche hier mehr sein als nur „Ausgrenzerin“ und „Spaßverderber“, als die sie vor allem Abweichlern vom christlichen Familienideal erscheint?
    STEINMAIR-PÖSEL: Dass jeder Mensch eine unbedingte und unverlierbare Würde besitzt, die im Alltag konkret in gerechten Strukturen operationalisiert werden muss, könnte eine biblisch inspirierte Kern-Botschaft der Kirche in dieser Debatte sein. Vielleicht könnte sie auf diesem Weg sogar zur Vermittlerin zwischen den unterschiedlichen Positionen in dieser gesellschaftlich oft hochemotional geführten Debatte werden: zwischen denen, die in der Frage der Geschlechteridentität (fast nur) kulturelle Konstrukte am Werk sehen und jenen, die (fast) alles – auch manche sozialen Ungerechtigkeiten – mit biologischen Geschlechterdifferenzen zu rechtfertigen suchen. Wichtig wäre dafür jedoch, dass die Kirche glaubhaft vermitteln kann, dass es ihr darum geht, dass die Menschen glücklich sind, dass ihr Leben gelingt – und nicht um eine paternalistische Vorgabe und das sture Einhalten von Normen und Regeln.

    KATHPRESS 4.) Wie könnte heute überzeugend für den Wert eben dieses Familienideals geworben werden, ohne nur „defensiv“ zu agieren?
    STEINMAIR-PÖSEL: Das Familienideal – die Familie als Eltern (Mutter und Vater) und Kinder umfassender Lebensraum geprägt von Stabilität und Liebe – ist einerseits ein Wunsch und Lebenstraum vieler, gerade junger Menschen. Hier muss die Kirche vielleicht gar nicht so sehr werben. Was mir in einer Situation, in der dieser Lebenstraum faktisch oft an der Realität scheitert, wichtig erscheint ist, Menschen in der Entwicklung ihrer Beziehungsfähigkeit zu unterstützen. Denn in dieser Hinsicht sind wir heute – unter den Bedingungen der Freiheit – vielleicht mehr gefordert als je zuvor. Während es früher oft aus wirtschaftlichen und sozialen Gründen gar nicht möglich war, eine Familie / Ehe zu verlassen, auch wenn diese längst zur Hölle geworden war, ist das heute Gott sei Dank möglich. Die Kehrseite scheint mir aber, dass angesichts hoher romantischer Sehnsüchte, medial vermittelter Idealbilder und fluider Lebensumstände das „Beziehungshandtuch“ bisweilen zu schnell geworfen wird. Dass Krisen Wachstumschancen – auch in Beziehungen – sind, sollte Kirche ebenso vermitteln, wie dass das Leben auch dann nicht zu Ende ist, wenn ein Lebenstraum scheitert.

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