Basel 1989: Ökumenische Versammlung zu Europa

„(66.) In der letzten Zeit sind unsere Vorstellungen von Europas Zukunft durch das Bild des gemeinsamen europäischen Hauses angeregt worden. Wie realistisch ist diese Vision in einem Kontinent, der so lange und auf so vielfältige Art getrennt und gespalten war und noch immer ist?

Die Vorstellung vom gemeinsamen europäischen Haus erinnert uns daran, dass alle Menschen und Staaten in Europa gemeinsame Grundlagen haben in ihrer Geschichte, ihrem kulturellen Erbe und ihren Werten. Und es erinnert uns daran, dass „Europa“ nicht der Name nur für einen Teil dieses Kontinents ist. In einem gemeinsamen Haus gibt es gemeinsame Verantwortungen. Es darf nicht zugelassen werden, dass sich die Lage einiger Teile verschlechtert, während andere in Luxus glänzen. In einem gemeinsamen Haus wird das Leben vom Geist der Zusammenarbeit und nicht der Konfrontation bestimmt. Dabei ist wichtig, dass zur Vorstellung von einem gemeinsamen europäischen Haus auch die Kritik an allen trennenden Wänden, Gräben und Schranken gehört, die eine Kommunikation unmöglich machen. 

(67.) Das Bild macht deutlich, dass wir lernen müssen, mit vielen Menschen auf einem kleinen Kontinent zusammenzuleben. Es gibt nur wenig Raum, und die verfügbaren Vorräte sind knapp. Einige grundlegende Hausregeln sind daher nötig, eine Art ‚Hausordnung‘, die das Zusammenleben möglich macht. In diesen Regeln müsste enthalten sein: 

  • das Prinzip der Gleichheit aller Bewohner, seien sie stark oder schwach,
  • die Anerkennung von Werten wie Freiheit, Gerechtigkeit, Toleranz, Solidarität und Partizipation,
  • eine positive Einstellung gegenüber Anhängern verschiedener Religionen, Kulturen und Weltanschauungen,
  • offene Türen und Fenster – mit anderen Worten: viele persönliche Kontakte und viel Gedankenaustausch,
  • Konfliktlösung durch Dialog und nicht durch Gewalt.

(68.) Das europäische Haus sollte ein offenes Haus sein, ein Ort der Zuflucht und des Schutzes, ein Ort des Willkommens und der Gastfreundlichkeit, wo Gäste nicht diskriminiert, sondern als Mitglieder der Familie behandelt werden. In diesem Haus sollte sich niemand davor fürchten, die Wahrheit zu sagen. Im europäischen Haus sollten die Bewohner etwas unternehmen gegen das Gefälle zwischen den Armen und den Reichen in Europa, gegen den Riss zwischen Nord und Süd auf diesem Kontinent, gegen die diskriminierende Behandlung von Nicht-Staatsbürgern, gegen die Ungerechtigkeit der Massenarbeitslosigkeit, gegen die Vernachlässigung der Jugend und das Sich-selbst-Überlassensein der Alten. Das tägliche Brot sollte unter alle gerecht verteilt werden.“

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