Krieg aus der Ferne

Kateryna Buchko

Nach geraumer Zeit schreibt eine der Ukrainerinnen des Pastoralen Forums über Ihre Kriegerfahrungen. Sie hat ein Stipendium einer Universität in Schottland erhalten, um die Lage der ukrainischen Flüchtlinge in unterschiedlichen Ländern zu erforschen.

Der Krieg scheint so weit weg zu sein. Ich bin in Schottland. Wissenschaftliches Projekt über ukrainische (Binnen)Flüchtlinge. Den Krieg habe ich jetzt nun im Bildschirm, im Internet, im Telefon. Es ist nicht rund um mich herum…und weniger in mir drin. Auch wenn ich immer noch zittere, wenn ich irgendwelche Geräusche oder Alarm weit weg höre. Immer noch spüre ich den Stress dabei, im Bauch, in den Knien, im Kopf. Der Krieg, der im Bildschirm vor sich geht, ist so weit weg. Ich kann euch, liebe Leserinnen und Leser, besser verstehen, wie es ist – den Krieg entfernt zu haben, aber doch – so stark zu spüren. Die Folgen des Krieges sind überall in Europa spürbar. Es reicht bis in unser Innerstes, unsere Gedanken, die Umwelt, na ja, auch in unsere Geldbörse.

Den Ukrainer:innen geht es unterschiedlich, aber wir halten standhaft fest. Die letzte Woche mit den Raketen und Anschlägen auf viele ukrainische Städte hat unsere Stadt Lviv (eine Millionenstadt) wieder einmal für zwei Tage ohne Elektrizität gelassen (siehe Foto unten). Auch hatten wir an einem Tag keinen Empfang und kein Internet… Jetzt wird Elektrizität in Lviv begrenzt, es gibt keinen Strom in der Nacht und es wird mit Straßenbeleuchtung sparsam umgegangen.

Wir müssen immer mehr in die Bomben-Schutzräume fliehen, denn Sirenen heulen weiterhin jeden Tag – der Terror auf dem ganzen Land hat kein Ende…

In den Schulen, an den Universitäten läuft der Unterricht mit vielen Unterbrechungen und wir freuen uns, wenn wir mal ruhig lernen können. In den Shelters wohnen jetzt weniger Menschen, da die Mehrheit nach einer längerfristigen Unterkunft suchen muss. Schlimmer noch geht es den Menschen, die näher zur Frontlinie wohnen…

Ich schaue auf mein Telefon, wo ich immer wieder das Alarmsignal von möglichen kommenden Raketen bekomme, und denke an meine Mutter, meinen Vater und meine Geschwister. In Eile rufe ich alle an – jeden nacheinander – seid ihr in Sicherheit? Könnt ihr euch verstecken? Wo seid ihr? Es tut noch mehr weh, denn ich stehe so einsam da. Ich bin doch in Sicherheit. Ich schaue nach draußen und beobachte den Regen, den grauen Himmel und die Wolken steigen in mir hoch – die Wolken des Ärgernisses, der Hilflosigkeit, der Trauer. Aber es darf nicht lange dauern… ich schreibe gleich an meine Freunde in Lviv, wir organisieren weiter online psychologische Unterstützung für Flüchtlinge, wir laden interessante Gäste, Expert:innen ein und helfen einander so viel wir können… Der Hass darf uns nicht erfüllen…

Danke von Herzen für Ihre Spende 🙏. Es ermöglicht uns, humanitäre und medizinische Lücken zu schließen.

Betet 🙏 um Stärke, Würde im Kampf, Bekehrung des Feindes und einen gerechten, lebensbejahenden, wahren und dauerhaften Frieden.

Best Regards,

Kateryna Buchko, PhD
UKRAINIAN CATHOLIC UNIVERSITY
Svientsitsky St., 17, Lviv, 79011, UKRAINE
Faculty for Health Sciences
Department of Social Work
Mob.Tel. +38 099 60 61 318

Wer die drei Unkrainerinnen Lidiya, Kateryna und Lyudmyla für deren Hilfsprojekte und ihre Familien in den kommenden harten Zeiten unterstützen will –
Hier ist mein spezielles Hilfskonto: Paul M. Zulehner, ERSTEBANK AT69 2011 1283 6762 6709 (GIBAATWWXXX), Stichwort Lviv. – Und ich danke im Namen der drei Ukrainerinnen allen, die schon großzügig ihr Herz und ihre Geldbörse geöffnet haben.

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Eine Antwort zu Krieg aus der Ferne

  1. Brand, Hildegard schreibt:

    Liebe Kateryna,
    vielen Dank für Ihr Vertrauen auch in uns Leser:innen* dieses BLOGS/ der Kommentare!
    Ja, immer noch und immer wieder fühlen wir Menschen uns, die wir uns weiter weg von dem Kriegsgebiet Ukraine in einem anderen Land befinden, in einer Art Ohnmachtszustand, selbst wenn wir immer wieder gegen diesen Krieg auf die Straße gehen. Um so mehr denken wir an die unmittelbar Betroffenen, dazu gehören ja auch Eure Nächsten, die Verwandten und Freundinnen/Freunde in Nah und Fern, und ihr, die Ukrainerinnen, wenn Ihr uns immer wieder von der Situation und Euren eigenen Gefühlen und denen Eurer Verwandten und Nächsten erzählt.
    Und über die Ländergrenzen hinweg haben immer wieder viele Menschen Angst vor noch weiteren Eskalationen, als ob die bisherigen Angriffe nicht schon viel zu viel unermessliches Leid über die Menschen gebracht hätten.

    Und – das fühle ich gerade gleichzeitig – als ob das großes Leiden in Nah und Fern, verursacht durch eine schwere, aber nicht mutwillig durch Menschen herbeigeführte Krankheit ( z.B. eine sehr aggressive Krebsart, gegen die auch Ärztinnen/ Ärzte* immer wieder machtlos sind) ) mit einem grausamen Sterbeprozess eines sehr nahen Angehörigen nicht schon „genug“ wäre,
    werden Menschen immer wieder zusätzlich mutwillig regelrecht zerstört, umgebracht, verletzt, heimatlos gemacht, in Verzweiflung gebracht durch Kriege, wie jetzt den Krieg in der Ukraine. Auch dann zerreißt es den Angehörigen
    der Ermordeten, der Verletzten sicher immer wieder Herz und Seele.
    Um so eindeutiger und vehementer müssen alle Kriege geächtet werden als Verbrechen gegen die Menschlichkeit.
    Mein Mitgefühl mit allen, die so leiden!

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