Die wichtigste Tugend der Liebe: das Erbarmen.

Jef Beer – Liebende

Hochzeitspredigt für Kristina und Roland, 23.7.2022,
Magdalenabergkirche Bad Schallerbach

1

Es war eine unaufhaltsame Entwicklung. Ihr habt  eine gute Herzensarbeit vollbracht, von der Jason Donovan in „Brother sun, sister Moon“ gesungen hat. Dabei habt ihr euch Zeit gelassen.

Das waren die wichtigsten Stationen der Laufbahn Eurer Liebe im Zeitraffer: Befreundet in der WG. Zwei Wohnungen übereinander. Ein erster Kuss im Lift. Immer öfter an der eigenen Wohnung mit dem Lift vorbeigefahren. Und schließlich taucht Roland auf Mallorca aus dem Meer mit einer sschwarzen Ring-Schatulle auf, öffnete sie noch im Wasser  und macht den Heiratsantrag. Draußen auf dem Felsen knallte der Sektkorken. Der Ring wurde angesteckt. Ihr habt verstanden, dass es sich nicht lohnt, immer nur frei zu sein. Viel besser ist es, gemeinsam in einer Seilschaft  auf den Berg des Lebens zu steigen, in der ihr euch aufeinander lassen könnt. In dieser Zeit ist euch klar geworden, was der unvergessliche Elvis Presley besungen hat: „I can’t help falling in love with You. Some things are meant to be.“

Und jetzt seid ihr hier, um einander zuzusingen: „Ich hab einen Schatz gefunden. – Du bist das Beste, was mir je passiert ist. – Es tut so gut wie du mich liebst.“ Grund genug, um mit einem für eure Hochzeit umgedichteten Cohen Gott ein Hallelujah zu singen: Denn eure Liebe hebt euch empor, so der heutige Text, „in the house of God above“: Und vor ihm reicht ihr dann einander Eure Hände, seckt einander noch einmal die Ringe an, und bezeugt der ganzen Festversammlung euer liebendes Miteinander und (immer noch mit dem Hochzeits-Cohen) „say those most important words: I do, yeah“ (sagt das so entscheidende Wort: Ja ich machs!)

Wem wird es da nicht warm ums Herz, bei so viel berührend romantischer Liebe! Und manche, die schon länger als ihr auf dem Weg sind, erinnern sich ein wenig wehmütig zurück an ihre eigene gemeinsame Reise zueinander und deren wundersamen Beginn.

2

Ich finde es gut, dass ihr Eure bisherige gemeinsame Zeit so genießen konntet. Und wie sehr wünschen wir alle euch beiden, dass ihr es nicht nur auf den Wolken der Liebe gut habt miteinander, sondern – aus den Wolken gefallen – auch auf Eurem gemeinsamen Weg , der vor Euch liegt.

Die Lesung und das Evangelium dieser Hochzeitsmesse, die ihr selbst ausgesucht habt, können Euch dabei eine gute Anweisung sein.

Da ist einmal die beim Evangelisten Johannes aufgeschriebene Bitte Jesu an uns alle, also auch an euch: „Liebt einander, wie ich euch geliebt habe.“ Von der Liebe versteht ihr ja viel inzwischen. Ihr seid fest entschlossen, so werdet ihr nachher öffentlich versprechen, einander zu lieben, zu achten und zu ehren, bis der Tod euch scheidet. Das heißt praktisch: Ihr werdet alles Erdenliche tun, damit ihr in Frieden miteinander alt werden könnt.

Zu denken gibt freilich der Zusatz. Jesus sagt nicht einfach „liebt einander“. Sondern „liebt einander, wie ich euch geliebt habe“. Jesus selbst hat dazu an einer anderen Stelle des Johannesevangeliums einen Kommentar abgegeben: „Es gibt keine größere Liebe, als wenn einer sein Leben für seine Freunde hingibt.“ (Joh 15,13) – Das klingt nun gar nicht mehr so romantisch. Jesus gibt der Liebe eine herausfordernde Richtung. Liebe wendet sich von sich weg auf den anderen, verausgabt sich selbstlos. Nun kann das natürlich nur gut gehen, wenn jemand auch sich selbst liebt – drum heißt es ja schon im Alten Testament: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst!“ Das leuchtet auch ein. Denn wie soll jemand selbstlos sein, wenn er kein Selbst hat, das er lossein kann! Könnte es sein, dass Jesus ahnte, dass die Liebe manchmal als Wohlgefühl, wellness und happiness missverstanden wird? Es ist dann wie in dem alten Witz. Treffen sich zwei Leute. Sagt der eine zum anderer: Dir geht es gut. Aber wie geht es mir?

Die größere Liebe, zu der Jesus auch euch heute rät, wird im Hohelied des Europaapostels Paulus noch „operationalisiert“ – also auf das praktische Tun hin ausgelegt. Angeraten werden Langmut, Güte. Nicht zur Liebe passen Angeberei, Suche nach dem eigenen Vorteil. Auch nicht Zorn und Nachträglichkeit.

Nachträglich sein ist in Beziehungen besonders schädlich: Ich kenne Menschen, die nicht vergessen können, was ihnen der andere irgendwann angetan hat. Und ist wieder etwas vorgefallen, dann führen sie den anderen in ihr Privatmuseum der Verletzungen. Die Botschaft: es ist immer wieder das Gleiche. Mein Rat an euch und alle, die heute da sind: Entrümpelt dieses euer Museum, wenn ihr eines eingerichtet habt. „Tragt Böses nicht nach“, so mein Namenspatron Paulus in der Lesung von heute. Wobei ich es für keinen guten Rat aus dem Lied „Ich hab einen Schatz gefunden“ halte, wenn es dort heißt: „Erzähl mir tausend Lügen, ich würde sie dir alle glauben!“ So etwas kann man auf der Wolke der Verliebtheit singen. Im Ehe- und Familienalltag sind Wahrheit und Wahrhaftigkeit bessere Tools.

Manchmal wünsche ich mir bei Trauungen, dass die Liebenden eine scharfe Umkehr vornehmen, also ihre Ausrichtung grundlegend verändern. Zwar wendet ihr euch zurecht bei der Trauung einander zu, schaut euch an und gebt einander das kühne Versprechen unverbrüchlicher Treue. Doch dann sollte nach und nach (es ist geduldige Herzensarbeit so Donovan) die Zeit kommen, wo ihr Schulter an Schulter auf andere schaut und euch gemeinsam für sie engagiert.

Eine gute Gelegenheit, das einzuüben, habt ihr ja schon. Ihr habt ein wenig vorgearbeitet und habt ein gemeinsames Kind. Ihr schaut euch miteinander um dieses Kind um, investiert eure Zeit und Eure Liebe, verausgabt euch also. Das ist die Liebe die Jesus meint, und so ist eure Liebe dabei, zur größeren Liebe heranzureifen.

Wie toll wäre es, wenn diese verausgabende Liebe  nicht an den Grenzen der Familie und auch nicht Eurer Großfamilien eine Grenze fände! Es gibt so viele Menschen im Land und in der weiten Welt, die heute unsere Hilfe brauchen. Engagiert euch, bei der Feuerwehr, für Flüchtlinge, in einem Kreis für die Dritte Welt, in einem Friedenskreis, für einen Arbeitskreis in einem Pfarrgemeinderat. Es braucht heute viele, die verstehen, dass in jedem Armen Gott selbst gegenwärtig ist und deshalb jeder einer von uns ist. Sonst würde bei der letzten Evaluierung unseres Lebens am Ende der Zeit Gott nicht fragen: Habt ihr handfest geliebt? Und dann zählt Christus in seiner Checklist sehr konkrete Armutsfälle auf: Kranke, Gefangene, Hungernde, Durstige… (Mt 25, 31-46)

Es war immer eine Stärke Eurer Familien (zumindest von den Gugis weiß ich es seit Jahrzehnten), sich auch in der Pfarrgemeinde einzusetzen. Es wäre fein, könntet ihr die Tradition mit unnachgiebiger Nachhaltigkeit fortführen. Es wäre, um noch einmal Jesus zu zitieren, ein großer Schritt zur größeren Liebe, die man daran erkennt, dass man sein Leben für andere verausgabt.

3

Mit liegt noch an einem letzten kleinen und doch sehr gewichtigen Gedanken. Er klingt zwar fromm, kommt aber dennoch sehr erfahrungsgesättigt daher. Ich mache diesen Gedanken fest am weisen Spruch  eines Jesuiten, der viel mit jungen Menschen gearbeitet hatte und der in einem Buch über „Die jungen Menschen und die alte Kirche“ (1972) folgendes geschrieben hat:

„In der Liebe erwarten wir Ewigkeit und Unendlichkeit, also Gott.
Wer kann dafür einstehen?
Also ist die wichtigste Tugend der Liebe das Erbarmen.
In ihm gebe ich dem anderen, dass er mein Gott nicht sein kann.“
(Roman Bleistein, 1972).

Wenn ihr auf eure eigene Liebe schaut, was ihr von ihr wünscht und welche Liebesschwüre ihr euch schon gegeben habt, dann ist euch nicht fremd, was der Schreiber dieser Zeilen meint. Ihr ahnt dass die Liebe Raum und Zeit sprengt. Ihr werdet ja heute ja nicht versprechen: Ich will Dich lieben, achten und ehren – nur die nächsten drei Jahre und nur hier in Oberösterreich. Liebe will Ewigkeit und Unendlichkeit. Von einer „Reise ohne Ende“ wird zurecht im Song „Ich habe einen Schatz gefunden“ gesungen.

Dieses „überall und ewig“ klingt überaus romantisch, ist auch ehrlich gemeint. Und doch kann es zu einer gefährlichen Falle werden. Denn nüchtern betrachtet erwarten wir in der Liebe Ewigkeit und Unendlichkeit von einem endlichen Menschen in endlicher Lebenszeit. Wie soll das gehen, das Unendliche im Endlichen zu erleben? Der erfahrene Jugendseelsorger Bleistein meldet daher seinen Zweifel an und fragt erschrocken, vielleicht auch aus der Erfahrung vieler Liebender, die er begleitet hat: „Wer kann dafür einstehen?“ Erwarten wir in der Liebe also nicht zu viel voneinander: und das erbarmungslos?

Daraus erwächst für Bleistein ein wichtiger Rat an Liebende: Er empfiehlt Liebenden als „wichtigste Tugend der Liebe das Erbarmen.“ Und dann erklärt er auch gleich, worin das Erbarmen letztlich besteht: „In ihm gebe ich dem anderen, dass er mein Gott nicht sein kann.“

Das ist vielleicht die gefährlichste  Versuchung der Liebe: der/die Geliebte wird auf den Platz Gottes gerückt. Und das geschieht ganz praktisch, alltäglich: Er/sie wird dazu verurteilt, eine unerschöpfliche Quelle von Glück und Zufriedenheit zu sein. Er,sie ist, wieder zitiere ich aus „Ich habe einen Schatz gefunden“, „Ruhe und Zuflucht“. „In seine schützenden Hände“ wird die klein-große eigene Welt gelegt. Das sind Worte, die wir für gewöhnlich in unseren Gebeten zu Gott verwenden.

Wie sehr wünsche ich euch also, dass ihr einander nicht buchstäblich „vergöttert“, also einander an die Stelle Gottes setzt. Gebt einander vielmehr das urmenschliche Recht auf Grenzen, Fehler, Versagen, Schuldigwerden und Sünde. Und bei all dem habt Erbarmen. Vergebt einander, dass der andere nicht Euer Alles ist und nicht sein kann, möget ihr das noch so sehr wünschen und versprechen Der Andere, die Andere ist eben nur ein endlicher und fehlerhafter Mensch. Wäre das nicht der Fall, müsstet ihr euch daheim einen Hausaltar errichten und euch als Heiligenfiguren daraufstellen. Witzig und aberwitzig zugleich.

Praktisch heißt das: tragt einander eure Endlichkeit und Schwächen nicht nach, „eertragt einander“ so Paulus im Hohelied. Haltet die dunklen Seiten des/der Anderen aus, sprecht miteinander darüber, versucht, dass jeder die Courage hat, die eigenen Fehler zu einzusehen und an ihnen zu arbeiten. Gebt einander bei dieser nicht leichten Arbeit an euch selbst Rückdeckung und fallt einander dabei nicht in den Rücken.

Eine solche Liebe, meint Paulus, hört niemals auf. Dass diese zur wirklichen Größe reift, wünsche ich Euch von Herzen. Eine größere Liebe hat niemand als wer sich selbst verausgabt für die, die sie, er liebt.

Wenn ihr Euch jetzt noch traut, trau ich euch.

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5 Antworten zu Die wichtigste Tugend der Liebe: das Erbarmen.

  1. Dr . Wolfram Frank schreibt:

    Großartig für uns alle , die sich trauen und schon getraut haben!

  2. Maria Plain schreibt:

    Wie lebensnah. Wie wahr. Eine gute Lektion zum gerade beginnenden 51. Ehejahr, in dem „ in guten und in bösen Tagen, in Gesundheit und Krankheit…“ ganz anders wiegt und fordert, als in den Jahrzehnten davor.
    Dem jungen Paar, der jungen Familie, glückendes, gesegnetes Leben.
    Und Ihnen, Herr Zulehner, danke ich herzlich für diese Ansprache, diesen Blog.

  3. Johanna Spöth schreibt:

    Wunderschön!

  4. Ulrike Brustmann-Sieber schreibt:

    Sehr schoene Hochzeitspredigt. 🙂

  5. Brand, Hildegard schreibt:

    ach wie schön – durchaus auch mit Wehmut – zu hören, dass es noch “ romantische“ Entgrenzungen ( wie in einem Märchenbuch) in der Begegnung zwischen zwei Menschen in begrenzter Zeit gibt.
    Gut aber auch die Erinnerung daran, dass diese Entgrenzungen möglichst über den „Zweierkreis“ in weitere Sozialkreise hinein ausgeweitet werden sollten.
    Ich bewundere Menschen, die beides als Lebensaufgabe wagen und – viielleicht unbewusst oder auch bewusst mögliches Scheiternn in Kauf nehmend – wenn sie Mut haben, an ein Gelingen zu glauben. Besonders in der heutigen Zeit gehört sicher Mut, gegenseitiges Vertrauen und Zuversicht dazu…
    Ihnen dafür alles Gute! Mit der Predigt werden Ihnen sicher einige orientierende Wegmarkierungen mitgegeben…

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