Ist gar die deutschsprachige Pastoraltheologie prekär?

Der Auftrag der akademischen Pastoraltheologie in Welt und Kirche von heute.
Anlässlich des Abschieds Rainer Bucher‘s vom Lehrstuhl in Gr
az.

Wieder hat einer aus der Runde der ganz großen Pastoraltheolog:innen den Lehrstuhl verlassen. Er hatte, wie einer seiner Schüler beim Abschied bemerkte, eine Schule gegründet, welche die Lehrstühle im deutschsprachigen Raum „beherrscht“. Es gab zum Abschiedsfest zu Recht würdigende Reden, vom Bundesminister, dem Rektor und dem Bischof von Graz. Die Verdienste von Rainer Bucher für die deutschsprachige Pastoraltheologie sind zeitgeschichtlich noch nicht einzuschätzen. Das soll hier auch nicht einmal versucht werden. Sicher ist aber, dass sich sein pastoraltheologisches Lebenswerk sehen lassen kann. Respekt!

***

Für mich persönlich war der Abend mit der Abschiedsvorlesung ein willkommener Anstoß, über die Lage der deutschsprachigen Pastoraltheologie generell wie auch meine eigene nachzudenken. Ich habe mich gefragt, mit welchen Kriterien ich meinen eigenen langjährigen pastoraltheologischen Dienst am Lehrstuhl in Wien rückblickend bewerten würde. Diesen „Pastoraltheologie-Spiegel“ widme ich den Alumni des Pastoralen Forums, von denen viele im Netzwerk PosT-Netzwerk der ost(mittel)europäischen Pastoraltheologinnen und Pastoraltheologen zusammenarbeiten.

Ich würde mir zur Gewissens(chafts)prüfung unter anderen folgende keineswegs einfachen, dafür aber unbequemen Fragen stellen:

1. In welchen Fragen haben mich andere universitäre Disziplinen inspiriert? Und in die Gegenrichtung gefragt: Haben andere wissenschaftliche Disziplinen durch meine Arbeit neue Fragen zu stellen begonnen, haben sie ihre Hypothesen modifiziert? Dasselbe gilt für den wechselseitigen Austausch mit den theologischen Disziplinen an den akademischen Einrichtungen der Weltreligionen und, wie Tomas Halik fordert, die Atheisten eingeschlossen.

2. Habe ich dazu beigetragen, dass der offensichtlich ins Taumeln geratenen Welt die Hoffnungsressourcen nicht ausgehen? Ich übersehe dabei nicht, dass sich in dieser Welt zugleich viele für eine nachhaltige Zukunft engagieren. Mache ich öffentlich auch inmitten des gesellschaftlichen Gegenwinds gegen die Kirchen deutlich, dass diese – bei all ihren Schwächen und Mängeln – zu den rar gewordenen Hoffnungsressourcen zählen, weil und wenn sie die Kraft des Geistes in sich tragen? Oder trage ich unabsichtlich mit meiner durchaus begründeten Kritik an der Kirche dazu bei, dass diese Hoffnungsressource weiter geschwächt wird? Habe ich mich unter die Kassandrarufenden eingereiht und bete in meinen Publikationen und Vorträgen die Litanei der Untergangssymptome vor? Oder schwimme ich kraft der „göttlichen“ und daher unverfügbaren (Hartmut Rosa) Tugend der Hoffnung gegen den Strom der um sich greifenden Verzweiflung angesichts des „dritten Weltkriegs auf Raten“ (Papst Franziskus), des Überschreitens von Kipppunkten im Klimasystems, der rasant steigenden Wanderbewegungen, der andrängenden Neuen Sozialen Frage, dermal nicht durch Industrialisierung, sondern durch Informatisierung? Trage ich lediglich dazu bei, dass am Ende die Kirche reformiert ist, aber die Welt untergeht? Es wäre der pastoraltheologische Worstcase.

3. Dasselbe gilt für die Gemeinschaft der Kirchen, welche den jesuanischen Auftrag durch die Zeit am Leben und Wirken erhält, den Himmel auf die Erde herunterzusingen und mit allen Menschen guten Willens für Frieden, Freiheit, Wahrheit und Gerechtigkeit einzustehen:

Habe ich Menschen vom Jammern über die zweifelsfrei prekäre Lage aller Kirchen in Europa und Nordamerika abgebracht, ohne die Lage deshalb gleich schönzureden? Habe ich den ihnen geschenkten Geist der Zuversicht aufgespürt und ihnen den Weg zu dieser Quelle freizulegen geholfen? Bin ich ein populistischer Kassandrarufer des Untergangs oder wider alle statistischen Niedergangsprognosen in Gottes Namen ein hoffnungsvoller Prophet des Übergangs: also der Transformation der kirchlichen Bewegung in eine neue, weithin unbekannte Gestalt? Unbekannt muss diese kommende Kirchengestalt theologisch besehen auch der akademischen Pastoraltheologie sein, weil diese nicht auf ihren Schreibtischen, sondern in den experimentierfreudigen Laboren der zumeist „ehrenamtlich“ Engagierten ausgekundschaftet wird.

Sind wir also in der Lage, die „implizite Pastoraltheologie“ der Engagierten zu heben und ihnen bei der Unterscheidung der Geister als mit ihnen Lernende zur Seite zu stehen? Hört meine akademische Pastoraltheologie wirklich auf die Menschen? Lerne ich von diesen wirklich oder nur in rhetorischen Vorbemerkungen? Sehe ich bei meinem Blick auf die reale Kirche, der meine Theologie in guten und bösen Zeiten zu dienen hat, nicht nur die Symptome des Versagens und des Untergangs, sondern auch das Neue, das inmitten des Vergehens am Entstehen ist:

„Seht her, nun mache ich etwas Neues.
Schon kommt es zum Vorschein, merkt ihr es nicht?
Ja, ich lege einen Weg an durch die Steppe
und Straßen durch die Wüste.“ (Jes 43,9)?

Herberge zur Heimath in Essen (1883)

4. Und gar nicht zuletzt würde ich mich fragen: Ist es mir gelungen, den tiefen Graben zwischen den vielen Engagierten und dem akademischen Raum zu überbrücken – also das „didaktische Schisma“ zwischen uns, den pastoraltheologischen Professionellen, und den engagierten Menschen in den vielen Orten und Gemeinschaften der Jesusbewegung namens Kirche? Dabei beziehe ich mich hier gezielt auf die Pfarrgemeinden, die nach wie vor der Hauptort kirchlichen Lebens sind, obgleich auch ich an deren Zukunft zweifle, wenn sie sich nicht in gastliche „Herbergen“ (Jan Hendriks) von Menschen wandeln, die sich der Jesusbewegung angeschlossen haben und sich in unvertretbarer Eigenverantwortung einsetzen (was vermutlich weit mehr schon gemacht haben, als ich wahrnehme)?

Hatte ich die Demut zu einer „didaktischen Diakonie“ – um es selbst einmal kompliziert auszudrücken: Ich meine damit eine Sprache, die auch Ehrenamtliche in der Katholischen Aktion, dem ZdK oder in einer Pfarrgemeinde verstehen? Oder rede ich zunächst und fast ausschließlich zur Blase der academic community oder gar nur meiner eigenen „Schule“, und auch zu dieser derart abgehoben und abstrakt, dass man zweimal lesen oder hören muss, um zu ahnen, was die oft recht einfache Botschaft ist? Es würde mich sehr irritieren, wenn ich in einer Rezension über eines meiner Bücher lesen müsste: „Auch hätte wohl eine manchmal deutlichere, weniger intellektuelle Sprache den Vorteil, dass das Buch auch in der Breite von Gremien und Engagierten wahrgenommen werden könnte. Was der Autor schreibt, ist nicht falsch, manchmal bleibt es leider etwas formelhaft. Und zu wünschen wäre doch, dass die Pastoraltheologie starke Impulse in die verunsicherten Gemeinden und zu suchenden Haupt- und Ehrenamtlichen bringt.“ Weil ich die breite sprachliche Verständlichkeit gerade in der Kirche für gewichtig einschätze, frage ich mich sehr konkret weiter: Wie viele Gruppen aus dem kirchlichen Geschehen, also Pfarrgemeinderäte, Bildungswerke, Schulklassen, öffentliche Medien, Gruppen in der Ortskirche, in deren Namen ich lehre, haben mich zum gemeinsamen Nachdenken eingeladen – und nicht nur weil ich ihnen Zuversicht verheiße und noch dazu verständlich bin? Wie viele von den Teilnehmenden in solchen pastoraltheologischen Basislaboratorien haben aufgeatmet, das Haupt erhoben, sind vielleicht sogar von der Versuchung ihrer inneren Kündigung oder vom Kirchenaustrittsstandby zurückgetreten?

Kurzum: Konnte ich mit meiner pastoraltheologischen Arbeit in Forschung und Lehre der Jesusbewegung in der Welt von heute etwas Rückenwind schenken? Oder habe ich lediglich – gewiss kompetente – Trauerarbeit an einer sterbenden Kirchengestalt geleistet, was ja auch schon was wäre, aber eben für meinen Auftrag als Pastoraltheologe nicht ausreicht? Wobei ich mit Rückenwind den Wind des göttlichen Geistes (seine ruach) meine, der/die durch unser bruchstückhaftes wissenschaftliches Tun hindurch ermutigt und beflügelt.

Ist mir das alles nicht gelungen, würde ich nicht nur das laufende „downsizing einer sterbenden Kirchengestalt“ als prekär charakterisieren, sondern auch meine eigene Pastoraltheologie prekär nennen.

Und weil Humor immer gut tut, entlastet und das Dunkle und Prekäre auch relativiert – vielleicht auch in der künftigen Pastoraltheologie – , hier ein kleiner Beitrag dazu:

SPIEGEL-Online vom 3.7.2022
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5 Antworten zu Ist gar die deutschsprachige Pastoraltheologie prekär?

  1. hgamma schreibt:

    Die Welt taumelt nicht
    jeden Tag bringt Mutter Erde
    etwas Neues hervor

    ein jeder
    gehe seiner Wege

    so wie es die Seele
    für uns
    für uns alle

    in jedem
    Menschen
    als gäbe es nur ihn
    für ihn allein
    bestimmt hat

    es ist nicht die Frage
    ob ich der
    unteilbaren Menschenwürde
    zur Tat gedient habe
    oder nicht

    die Seele der Geist
    ist in uns
    nicht da draussen

    die Seele gibt
    jedem durch den Traum

    mir in Erinnerung
    wer ich in Wahrheit
    wirklich bin

    und zur Einsicht
    dem Besseren
    den Versuch zur besseren Tat

  2. Brand, Hildegard schreibt:

    zuerst zur Antwort von hgamma: wunderschöne, sehr sinnträchtige Verse, die sowohl offen für alle Lesenden sein können als auch zu der „Gewissenserforschung“ von Paul M. Zulehner hier
    passen.!
    Und jetzt zu Ihrer so „öffentlich“ offenbarten „pastoraltheologischen Gewissenserforschung“ , verehrter Herr Professor Paul M. Zulehner !
    Die ist so tiefgehend und welt – weltkirchen – umspannend – weitreichend,
    immer auch „die „Jesusbewegung“ im Blick, dass sie als “ Folien-Vorlage“ zur „Gewisenserforschung“ für uns alle dienen kann,
    ob für uns als Welt – ( je nach dem ) , Kirchen – Kinder oder als Welt – Bürger:innen;
    sie wirkt ebenso „Zulehner-mäßig“, wie es auch Ihre sehr zum Mit – Denken anregenden, sogar an-stoßenden Beiträge in Ihrem BLOG sind, der ja auch ein hilfreicher Wege-Begleiter sein kann – mitten in dieser fragilen Welt… und Sinn machen kann für so manche Kommunikationssituationen, in denen Menschen sich bewegen, wir Menschen, die wir doch alle – mehr oder weniger – nahe oder ferne Zeug:innen der Real-Exitenzen von Abgründen in unserem Planeten sind. Keiner kann sich mehr hinter einem Nicht-Gewissen wegducken…
    Auch wenn ich leider nicht bei Ihnen studieren konnte, so kann ich doch wenigstens Ihren BLOG wertschätzen und – nur wenige Bücher , die ich ( leider jetzt erst) gelesen habe. Aber – ich glaube , Sie leben ja auch von und in der lebendigen Begegnung mit Menschen. So wie wir alle das immer wieder neu lernen müssen…in dieser Zeit!
    Und – ein Wegegeleit für „die“ „Pastoral“ „offenbart“ sich mir in einem Mann, der immer wieder von einem Ort zum anderen g e g a n g e n , g e w a n d e r t,
    öfters auch wieder z u r ü c k g e k e h r t , in Herbergen „e i n g e k e h r t “ ist; er hat sich eben
    b e w e g t auch auf Schifffahrten, wurde von Schiffen begleitet, war Pilger
    m i t Menschen z u Menschen h i n, meistens zu den Geplagten …Jesus eben.

    In Mk gibt es viele einleitende Verben der Bewegung : „… k a m Jesus v o n Nazareth.. “
    „danach t r i e b ihn der Geist i n die Wüste…“ ; „…am See e n t l a n g g i n g …“ ; …
    “ sie k a m e n nach…“
    „sie g e h e n zusammen in das Haus des Jakobus“ ,
    er „b r i c h t früh morgens a u f ( zum Gebet) …“ ;
    “ lasst uns a n d e r s w o h i n g e h e n in die benachbarten Dörfer…“ ;
    “ Und er z o g durch ganz Galiläa ( zum Predigen) …“
    “ Als er einige Tage später nach Kafarnaum z u r ü c k k a m .. .“
    „Jesus g i n g wieder h i n a u s an den See.“
    An den Zwischen – Stationen wird er immer auch tat-kräftig,
    er b e w e g t ganze Schicksale durch mehrere Krankenheilungen ( die LAHMEN GEHEN …)
    Er wird auch „gerufen“ von da, wo er gerade ist, lässt sich auf Menschen ein, geht in die „Schicksalsstuben“ , Menschenmengen strömen zu ihm…
    Er s e t z t s i c h auch nieder an die Tische in einer Gemeinschaft mit den Kranken, Geplagten, mit Freundinnen/ Freuden… Selten geht er alleine. Einmal in die Wüste, einmal zum Gebet und zum Schluss allein zum Gebet vor seiner Verhaftung…
    Mit dem Kreuz bepackt s c h l e p p t er sich zur Hinrichtungsstätte,
    sehr wahrscheinlich immer wieder s t ü r z e n d , stolpernd – aber auf dem Weg mit Begleiter:innen…
    Will für damals und heute symbolträchtig mit der „Bewegungs-Metapher“ heißen: Kirchengemeinschaften, aber auch Weltgemeinschaften,
    Städte – und Gemeinde-Gemeinschaften, Einzelne, aber überwiegend Gruppen,
    BEWEGUNGEN „müssten“ sich nach diesem „bewegten“ Leben Jesu immer wieder auf den Weg machen, schauen, wo “ zufällig“ jemand, ganzen Gruppen in Not sind, auch in psychischer Not…
    Danach wäre es völlig widersinnig, in „Strukturen“ zu „erstarren“,
    „un-bewegt“ „stehen zu bleiben“ … Das ist die Einfachheit , aber auch die Schwere der Aufgbe und Verantwortung für alle Menschen… Wenn man so will „pastoral“ , in Verantwortung sich auf Menschen zubewegen.
    Und da hinken wir doch alle miteinander – hinter dem Anspruch hinterher…., ob in oder außerhalb von „Kichengebäuden“ …
    Ich gebe zu – mit „Pastoraltheologie“ kenne ich mich nicht so aus; blieb immer gerne im
    „Denkend-Philosophischen“ …,
    entdecke erst jetzt wieder die „Praxis-Orientiertheit “ im Leben Jesu…
    Ihnen und allen
    pace e bene !
    Hildegard

  3. Johanna spoeth schreibt:

    Schließe mich vollinhaltlich an! Solange sie uns betreuen und leiten, sehr geschätzter Herr Professor, gehen wir nicht unter – Sie sind Nahrung für Seele und Geist!

  4. Ulrike Brustmann-Sieber schreibt:

    Von Pastoraltheologie verstehe ich leider (noch) zuwenig. Jedenfalls an Dr. Zulehner gefällt mir, dass er noch immer mit Freude und Engagement und Begeisterung und kurzweilig an seinem Fach und der Theologie tätig ist, anstatt einem typischen, aber stinklangweiligen Ruhestandsalltag z.B. kreuzworträtselnd und halb-einsiedlerisch udgl.zu absolvieren… 🙂

  5. Mieczyslaw Polak schreibt:

    Ich danke dir, lieber Paul für den „Pastoraltheologie-Spiegel“, den ich für ausgezeichnet halte. Ich mache keinen Hehl daraus, dass ich stolz darauf bin, sagen zu können: Ich gehöre zum „Zulehner-Stall“. Nicht nur ich, sondern die gesamte „polnische Fraktion“ der Alumni des Pastoralen Forums ist dir für deine ausgezeichnete theologische Schule sehr dankbar. In gewisser Weise fühlen wir uns dafür verantwortlich, diesen Stil der Pastoraltheologie in unserer Forschung fortzusetzen. Dieser „Pastoraltheologie-Spiegel“ wird mir sicherlich für eine pastoraltheologische Gewissenserforschung dienen. Vielen Dank und herzliche Grüße. Ich freue mich auf das Wiedersehen im September beim PosT-Netzwerk Symposium in Wien.

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