Es geht um gläubige Gemeinden, nicht um „Priester“.

Beitrag in der Linzer Kirchenzeitung vom 21.6.2022

Es war in Eberau. Die Innenministerin hat mit dem Bürgermeister ein Aufnahmezentrum für Schutzsuchende vereinbart. Es kam ans Licht. Eberau stimmte mit 95% dagegen. Dann diskutierte auch der PGR darüber. Wieder waren 95% dagegen. Am Sonntag ging der Pfarrer ans Pult. Er lass das Evangelium vom Weltgericht (Mt 25) und sagte: Wenn wir Eberauer einst vor dem Richterstuhl stehen, wird uns der Auferstandene fragen: „Ich war auf der Flucht, und ihr?“

Für solche prophetische Widerrede braucht es „Bestellte“, lateinisch „Ordinierte“. Sie sichern in der Gemeinde, für die sie bestellt sind, die Treue zum Evangelium. Katholisch fügen wir hinzu: dass die Nachfolgegemeinschaft im Verbund mit der Kirche bleibt.

Anfangs lag der Dienst der Spurtreuesicherung bei jenen, die Zeug:innen der Auferstehung waren. Als diese gestorben waren, bildete sich der Ordo aus. Damit macht die Kirche in den Gemeinden ein Mitglied als Spurtreuesicherer haftbar. Dabei ist es Aufgabe jedes Kirchenmitglieds, auf den Geist zu horchen (1 Kor 12,7) und die Geister zu unterscheiden (1 Kor 12,10). Denn niemand ist davor gefeit, den eigenen Vogel mit dem Heiligen Geist zu verwechseln.

In den letzten Jahrhunderten hat die Kirche Privatberufene aufgespürt und ordiniert. Zuvor gab es hingegen eine Zeit, in der die Gemeinden selbst geeignete Personen gewählt und zur Ordination vorgeschlagen haben.[1] Das haben mit guten Gründen auch die Bischöfe Amazoniens, darunter Dom Erwin Kräutler, vorgeschlagen. Und auch Bischof Fritz Lobinger aus North-Aliwal in Südafrika, dem wir das Bibelteilen verdanken, plädiert schon lange dafür.[2]

Gläubige Gemeinden werden künftig „personae probatae“ aufspüren: Personen, die mit dem Evangelium randvoll sowie im Gemeindeleben erfahren sind: Frauen wie Männer. Ausreichend vielen wird sie die Hand auflegen. Die Ordination zerstört nicht die Charismen, die diesen Personen als Getauften geschenkt sind und die sie – wie alle anderen – ins Gemeindeleben einbringen. Sie verleiht auch keine höhere Würde, denn es gibt keine höhere Würde als jene, von Gott zum Volk „hinzugefügt“ (Apg 2,47) zu sein. Auch darf aus der Ordination der einen keine Subordination (Unterordnung) der Kirchenmitglieder abgeleitet werden. Ordinierte handeln synodal, nicht klerikal.

Arbeitslos werden solche Ordinierte nicht. Sie werden nicht nur wie in Eberau prophetisch kämpfen, sondern bringen mit anderen die Jesusbewegung in Fahrt. Miteinander sammeln sie Heranwachsende um sich. Sie tun mit ihnen das Evangelium, bevor sie dieses erklären. Sie werden auch jenen Vorgängen vorstehen, in denen sich die Kirche verbindlich äußert und den Menschen so erfahrbar macht, dass Gott unserem Tun mit seiner Gnade zuvorkommt: im Herrenmahl und in der Taufe.

Vorstehen werden sie nur faktisch, nicht zwingend. Immer ist es die ganze Gemeinde, welche die Liturgien feiert und der im wünschenswerten Normalfall ein Ordinierter vorsteht. Zur Zeit des Kirchenlehrers Tertullian (150-220) war es selbstverständlich, dass die Gemeinde ad hoc einen zum Vorstehen bestimmen konnte, wenn ihr die Autorität keinen Ordinierten beigesellt hatte. Bei der Taufe ist die Praxis als Not-Taufe bis heute rechtens. Einige feiern inzwischen „Not-Eucharistie“, in Basisgruppen oder in Versammlungen während der Pandemie.

All dies zeigt, dass „Priester“ und „Laie“ heute theologisch untaugliche Begriffe sind. Besser ist es, von „Hinzugefügten“ und darunter „Ordinierten zu sprechen. „Laien“ als Mitglied des Volkes Gottes sind sie alle.

Die Zukunft der Kirche wird sich nicht am „Priestermangel“ entscheiden: Sterben wird die Kirche im Land, wenn es keine Nachfolgegemeinschaften gibt und diese dazu beitragen, dass der Himmel schon jetzt auf die Erde kommt. In Spuren wenigstens.

Hier als PDF zum herunterladen.


[1] Siehe dazu Hervé Legrand: Transformer l’Eglise, Montrouige 2020.

[2] Mehr in:  Paul M. Zulehner: Naht das Ende des Priestermangels? Ostfildern 2019.

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3 Antworten zu Es geht um gläubige Gemeinden, nicht um „Priester“.

  1. Ulrike Brustmann-Sieber schreibt:

    Bewußt ein wenig provokant formuliert
    1.Wie wäre es mit: „Es geht NICHT um gläubige Gemeinden UND NICHT um „Priester““, sondern zuallererst um Jesus Christus. Und von Christus ausgehend werden sich dann die notwendigen Strukturen organisch entwickeln oder weiterentwickeln, denn wenn nicht der Herr das Haus baut, ist vergebens gebaut. Die Kirche ist doch nicht Selbstzweck und auch kein rein menschlicher Verein, den wir ausschließlich oder überwiegend mit rein menschlichen Überlegungen bauen können.

    — (je mehr wir mit rein menschlichen Strategie-denken (so wichtig das AUCH ist) allein handeln und planen und Probleme lösen wollen, desto mehr weitere Problem verursachen wir doch, oder ?.( z.B. Klimawandel und Energieressourcen. Auf der einen Seite produzieren wir Elektroautos und in den Entwicklungsländern werden die Batterien für diese Autos unter menschenunwürdigen Bedingungen hergestellt. Das löst das Problem nicht und produziert neue Probleme )) —

    2. Wie wäre es mit:“Es geht um gläubige Gemeinden UND um „Priester““,in einem guten, organischen Miteinander. Denn selbst Lobinger hat in seinem Modell (so wie ichs verstanden habe) sehr wohl Priester inkludiert. Bei Lobingers Modell gibt es Priester und die Ältesten und die Gemeinde, (Auch bei Lobinger ist der „klassische“ Priester ganz und gar nicht zum Auslaufmodell geworden) oder ?

    3.Könnte es sein, dass wir durch unkluges Handeln bzw. durch mangelnden angebotenen „Raum“ und Möglichkeiten, Berufungen (Berufungen von kleinen Berufungen bis hin zu den großen Berufungen), die durchaus da wären unabsichtlich kaputt machen, die dann schon im Keim ersticken, ohne es so richtig zu bemerken ????.Und das vielleicht schon seit Jahrzehnten ???….Das wäre auch Mal eine interessante Frage !

  2. Brand, Hildegard schreibt:

    … sehr beeindruckend und gut – die „prophetische Widerrede“ im Geiste Jesu, Herr Pfarrer von Eberau !!
    Betr. Kirchenstrukturen und Aufgaben:

    Inzwischen denke und fühle ich immer mehr allgemein global : Es geht um unsere globale Menschheitsfamilie ( ca. 7,5 Milliarden Menschen ) in Nah – Zwischen – und Fernbereichen, und darinnen um einzelne Parzellen ( Kirchen sind einige unter vielen ) mit arbeitsteilenden Aufgaben, die aber heutzutage alle miteinander verwoben sind ( sein müssen ), die alle etwas angehen, angehen müssen. Ist doch völlig nebensächlich ; wie dann ein Mensch mit einer bestimmten menschenbezogenen Aufgabe „tituliert“ wird , ob als Prediger / Priester/ Laie mit Hoffnungsvisionen für ein Leben auf dieser Erde, Vorsteher oder Krankenpfleger : Wir alle haben Verantwortungen füreinander , sind und bleiben nunmal Menschen auf d i e s e r Erde. Wir haben keine andere – und „nur“ unsere Vernunft, unseren Verstand, unsere Empathiefähigkeit, leider aber auch mitunter mit dem Mangel an Sozial Instinkten, die dafür sorgen könnten, dass alle Menschen in gleicher Weise gut leben und überleben können…
    Gleichwohl bleibt das für uns alle eine Hauptaufgabe, welche menschenfreundlichen Botschaften auch immer wir dafür zugrunde legen…

    Und gut, Paul M. Zulehner, dass Sie uns noch einmal Einblick in die frühen Gemeinden geben – mit den Aufgaben und Inhalten darin. Darin steckt doch ein großes Potenzial für heute mögliche Vereinfachungen, Unkompliziertheiten in den Kirchen ( was auch immer „Kirche“ bedeutet) .

  3. Brand, Hildegard schreibt:

    … und noch zu Ihrem Satz:
    “ Sterben wird die Kirche im Land, wenn es keine Nachfolgegemeinschaften gibt und diese dazu beitragen, dass der Himmel schon jetzt auf die Erde kommt. In Spuren wenigstens.“

    Es wird aber – so meine Hoffnung mit Jean Ziegler und Henning Zierock – immer wieder
    „den Aufstand des Gewissens“
    einer „planetarischen Zivilgesellschaft“ geben,
    real immer wieder ( Gott sei Dank) sicht- und hörbar in “ Bewegungen“ von unten , von Menschen für Menschen, immer auch wieder von jungen Menschen initiiert und getragen; d i e s e Hoffnung, dass diese „gewinnen“ , darf nicht sterben, die Hoffnung, dass wir „den Frieden gewinnen, nicht den Krieg!“ ( die Kriege) , wie der leider viel zu früh verstorbene Friedensaktivist und Kämpfer für das „Menscherecht auf Frieden“ , Henning Zierock immer wieder forderte.
    Hinter diesen „Gemeinschaften“ könnten sich
    “ Nachfolgegemeinschaften“ verbergen oder ( positiv gemeint) sich darin „auflösen“ – wenn auch der „Begriff“ „Kirche“ weit – umfassend verstanden wird – in Verschmelzung mit einer globalen Zivilgesellschaft.
    Anders formuliert: Auch diese zivilen Bewegungen wollen ja, „Dass der Himmel schon jetzt auf die Erde kommt. In Spuren wenigstens.“ D i e s e Hoffnungen und Hoffnungsträger:innen in immer neuen Nachfolgenerationen dürfen nicht sterben.
    Und – die Zivilisationsgeschichte der Menschheit ( inklusive der Botschaft eines Herrn Jesus) ist eigentlich AUCH reich an Spuren von guten Vorbildern für diese Kämpfe gegen die von anderen Menschen gemachten Verhältnisse, in denen die grausam blutigen Spuren gelegt werden.

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