Karsamstag 2022

Die Grundmelodie der heutigen Liturgie ist das österliche Halleluja. Es ist die Kernbotschaft der christlichen Kirchen: der Tod am Kreuz war nicht das letzte Wort über Jesu Leben, sondern er lebt. Христос Воскресе! Воистину воскресе! Christós woskrese! Woistiny boskrese! werden die Orthodoxen in Russland in ihren Kirchen nächste Woche singen. Христос воскрес! Воїстину Воскрес! Khrystos voskres! Voistynu Voskres! Wird es in den Gottesdiensten in der Ukraine ertönen. Derselbe Jubelruf wird in Syrien, im Jemen, in Afghanistan erklingen.

Dieser Jubelruf ist keine Vertröstung, sondern bringt Trost für alle Leidenden, die in unseren Tagen in Kriegen Angehörige beklagen, die aus hoffnungsloser Armut ihre Heimat verlassen mussten, denen Naturkatastrophen die Lebensgrundlagen raubten. Der Europaapostel Paulus schrieb diesbezüglich an die Gemeinde in Rom:

„Ich bin überzeugt, dass die Leiden der gegenwärtigen Zeit nichts bedeuten im Vergleich zu der Herrlichkeit, die an uns offenbar werden soll.
Denn die ganze Schöpfung wartet sehnsüchtig auf das Offenbarwerden der Söhne Gottes.
Die Schöpfung ist der Vergänglichkeit unterworfen, nicht aus eigenem Willen, sondern durch den, der sie unterworfen hat; aber zugleich gab er ihr Hoffnung:
Auch die Schöpfung soll von der Sklaverei und Verlorenheit befreit werden zur Freiheit und Herrlichkeit der Kinder Gottes.
Denn wir wissen, dass die gesamte Schöpfung bis zum heutigen Tag seufzt und in Geburtswehen liegt.“ (Röm 8, 18-22)

Was für eine jubelnde Zuversicht kommt in diesem Text des Europaapostels zum Ausdruck!

Und doch bleibt wohl vielen auch von uns an diesem Osterfest der Jubelruf des Hallelujas in der Kehle stecken. Ist der Lärm der viele Kriege nicht zu laut? Deckt das Dröhnen der Sirenen den österlichen Gesang nicht zu? Hat nicht viele, auch junge Menschen, eher die Angst vor Katastrophen im Griff denn Zuversicht? Die Angst vor einem dritten Weltkrieg auf Raten, wie Papst Franziskus formuliert hat? Die Angst vor dem Kippen des Klimas, wodurch das Leben auf dem Planeten gefährdet ist?

In einer alten Ostersequenz, einem Hymnus, der seinen Ort nach der Lesung hatte, heißt es: Mors et vita duello conflixere mirando – „Tod und Leben fochten einen unbändigen Zweikampf“, ist diese Zeile aus der Ostersequenz nicht aktueller denn je? Steckt die Welt, stecken nicht viele Menschen, auch manche von uns, mitten in diesem Zweikampf zwischen Tod und Leben?

Wir sind in diesem Triduum, der Feier der drei Tage, den Leidensweg Jesu nachgegangen. Die Todesangst Jesu am Ölberg, seine Gottverlassenheit am Kreuz standen im Mittelpunkt. Wir haben in dieser Woche die Passionsgeschichten in uns wacherzählt. Ist es nicht berührend, dass die Matthäuspassion von Bach im Schlusschor lediglich singt:

Wir setzen uns mit Tränen nieder
und rufen dir im Grabe zu,
ruhe sanfte, sanfte ruh.
Aus dem Schluschor der Matthäuspassion von Johann Sebastian Bach

Noch erklingt kein österliches Alleluja. Bach entlässt die Zuhörer in der Stille des Grabes.

Kehren wir zurück zur Ostersequenz: Tod und Leben fochten einen unbändigen Zweikampf, so heißt es zunächst. Dann fährt der Hymnus weiter: „Dux vitae mortuus Regnat vivus.“ Der Anführer des Lebens geht in den Tod, aber nun herrscht er als Lebender. Unnachgiebig insistiert die Liturgie darauf, dass der Tod nicht das letzte Wort hat, nicht die Trauer, nicht die Tränen.

In diesen Tagen erscheint mir der Gang der Liturgie schnell. Es wird vielen in diesen Tagen nicht leicht fallen, sich dem österlichen Jubel zu überlassen. Könnte aber Martin Gutl Recht haben, der einmal zu einem Hoffnungstext aus der Offenbarung den Trauernden zudichtete: „Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen“ – aber nicht auf einmal. Das gibt den Trauernden Zeit. Und hält sie doch auf der Seite der Zuversicht.

Павло im Zug

Berührend finde ich den Ausspruch eines Vierjährigen. Sein Name ist ukrainisch Павло, zu Deutsch Paul. Mit seiner Mutter Lidiya ist er vor dem Krieg aus Lemberg geflohen. Die Reise von Lemberg über Budapest nach Wien war eine wahrliche Odyssee. Der Zug überfüllt, das Kind hungrig und durstig. Er hielt es im Abteil nicht mehr aus. So geht es auf den Gang und schaut aus der Tür des letzten Wagons hinaus in das Land, das der Zug hinter sich lässt, er blickt zurück in die bedrohte Zeit, die er mit seiner Mutter hinter sich lässt. Dann kommen sie nach Wien in das Zimmer im Studentenheim. Lidiya schreibt dann in ihrem Kriegstagebuch: „Als wir im Wohnheim ankamen, packte mein Kleiner einen Spielzeugkran in eine große Tüte ein und sagte: ‚Alles gepackt, lass uns nach Hause zu Papa fahren.’“

Es ist die Sehnsucht eines Kindes, dass alles was ihn verstört, vorbeigeht und eine kleine Auferstehung passiert. In allem Leid schlummert eine österliche Sehnsucht.

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