Dreizehnte Station

Der Krieg in der Ukraine tobt mit zunehmender Härte und Grausamkeit. Die Leiden der ukrainischen Zivilbevölkerung haben unvorstellbare Ausmaße angenommen. Die Kriegsverbrechen mehren sich. Von Völkermord ist die Rede. Genau in dieser Situation betet in Rom Papst Franziskus im Kolosseum mit zehntausenden Pilgerinnen und Pilgern den traditionellen Kreuzweg.

Menschen aus dem Volk tragen das Kreuz von Station zu Station. Bei der 13. Station übernehmen zwei Frauen das Kreuz. Die eine ist aus der Ukraine. Die andere aus Russland. Zwei Freundinnen. Der Krieg hat ihre Freundschaft nicht zerstört. Sichtlich leiden beide unter der Last des Kreuzes und des Krieges.

Es hat im Vorfeld viele Proteste gegen diesen gemeinsamen Auftritt gegeben. Haben die Kritiker nicht allzu Recht? Kann eine Frau, die zu jenem Volk gehört, dessen Regierung das Nachbarland angegriffen hat und mit Mord und Tod überzieht, zusammen mit einer Frau aus dem angegriffenen und blutenden Volk gemeinsam das Kreuz tragen? Darf eine solche liturgische Symbolhandlung gesetzt werden, angesichts des Leides und des verständlichen Hasses bei vielen Angehörigen der Opfer, die durch Bomben alles verloren haben und deren herzzerreißende Bilder durch die Medien gehen?

Das gemeinsame Auftreten der befreundeten Frauen von zwei Völkern im Krieg kann freilich auch eine andere Botschaft senden. Diese könnte lauten: Es gibt Menschen in beiden Ländern, die mit dem Krieg nicht einverstanden sind. Es gibt in beiden Ländern Menschen, die vor dem unermesslichen Leid verstummen und bei Gott Zuflucht suchen. Es gib in beiden Völkern Menschen, die den Frieden herbeihoffen und dem Tod und in ihrer bedrängten Gläubigkeit der Unmenschlichkeit nicht das letzte Wort überlassen wollen.

Gewiss, das sind Hoffnungen für eine Zeit danach. Jetzt aber ist Kreuzweg. Auch und gerade in der Ukraine. Dieser kann noch lange währen. Und gekreuzigt werden, so ist in aller unmissverständlichen Klarheit zu sagen, das Volk der Ukraine, die Millionen von Flüchtenden, die vergewaltigten Kinder und Frauen, die misshandelten, rücklings Erschossenen. Städte werden, wie schon in Grosny oder Aleppo von Machthabern ohne menschliches Gesicht in Schutt und Asche gelegt. Ich kann dem Mut der beiden Freundinnen viel abgewinnen, die auf diese menschliche Katastrophe verweisen und gemeinsam um den so ersehnten Frieden beten.

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2 Antworten zu Dreizehnte Station

  1. Renate Rupprecht schreibt:

    Danke für diesen Eintrag.
    Ich war wirklich verzweifelt, über die Kritik, den Argwohn, die Zwietracht, die ausgelöst wurde durch das Vorhaben, dass eine Ukrainerin gemeinsam mit einer Russin die Kreuzwegstation gestalten sollten. Gebet um Frieden, das entzweit! Wie kann das sein? Kein Text, sondern Schweigen war sicher eine gute Wahl.
    Der Hinweis, dass es auch in Russland Menschen gibt, die den Krieg, die Gewalt verabscheuen, den Frieden erhoffen und darum beten, ist bisher stark unterrepräsentiert, aber Schwarz-Weiß ist nie die Wahrheit. Ich denke, auch diese Menschen brauchen unser Gebet, denn sie riskieren viel. Marina Owsjannikowa und der Priester Ioann Burdin sind bei uns bekannt geworden, es gibt jedoch bestimmt viele unbekannte „Gerechte“.

    „Erlöse uns, Herr, allmächtiger Vater, von allem Bösen und gib Frieden in unseren Tagen.“

  2. deingruenerdaumen schreibt:

    Sie sprechen mir aus dem Herzen. Danke und Frohe Ostern!

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