Gründonnnerstag 2022

Martin Ebner, Prof. für NT in Bonn, erklärt, warum die Feier des Abendmahls in den Häusern der neuen „Ekklesia“ so revolutionär und attraktiv war.

Dazu muss man verstehen, wie damals in Rom Versammlungen stattfanden und in den Häusern Mähler gefeiert wurden. Es gab bei den öffentlichen Zusammenrufungen (ekklesia), in den Theatern und in den römischen Häusern eine eigene Sitzordnung. Vorne saßen die Freien, mit Bürgerrecht und im Hintergrund die Sklaven; Frauen von den Männern getrennt. Die Unterschiede waren an ihren Kleidern erkennbar.

Das Abendmahl in den Häusern der neuen Ekklesia der Christen war dagegen revolutionär: Alle waren einheitlich gekleidet; sie haben in der Taufe Christus angezogen; alle saßen nun gleichberechtigt am Tisch. So kann Paulus an die Christen in Galatien schreiben: „Es gibt nicht mehr Juden und Griechen, Sklaven und Freie, Männer und Frauen. Eins seid ihr geworden in Christus.“ (Gal 3,28)

Ein wenig zeitverschoben zu unserer abendlichen Gründonnerstags-Abendmahlgedächtnisfeier  werden auch die Christ:innen in Moskau und Lviv die Karwoche feiern. Den Gründonnerstag. Das Abendmahl. Die beiden Völker befinden sich aber im Krieg. Und dieser hinterlässt tiefe Spuren zumal bei den Menschen in der Ukraine. Ich lasse eine Betroffene erzählen, wie es ihr derzeit ergeht.

Lidiya ist eine meiner Doktorandinnen aus Lemberg. Sie schreibt derzeit ein Tagebuch des Krieges, aus dem Auszüge auf meinem BLOG  veröffentlicht sind. Dem Tagebucheintrag vom 9.April gab sie den Titel „Die schreiende Stille von Bucha“. Hören Sie einen kleinen Ausschnitt daraus

Seit dem 24. März 2022 haben wir eine neue „Heldenstadt“ der Ukraine – Bucha. Ich mag diesen sowjetischen Titel nicht, vor allem jetzt, wo alles Sowjetische und Russische besonders verhasst geworden ist.

Die Stadt Bucha ist eine Stadt der nationalen Märtyrer. Unsere Soldaten haben mit ihrem Einzug in diese Stadt der Welt, die wirklich die Wahrheit wissen will, das wahre Gesicht des großen Russlands gezeigt. … Es hat nichts Menschliches an sich. … Es ist unfassbar, was sie der Zivilbevölkerung in dieser Stadt angetan haben…

Wenn ich mir die Bilder ansehe, wird mir schlecht, und ich kann nicht begreifen, wie so etwas möglich ist. Warum wurden zehnjährige Kinder vergewaltigt? Warum wurden Mädchen vergewaltigt und dann von Panzern überrollt? Menschen verbrannten sie auf einem Haufen auf der Straße… Wie? Wofür? Weil sie Ukrainer sind? Dafür, dass wir gegen die Versklavung auf unserem eigenen Territorium, in unserer eigenen Heimat kämpfen? Wo sehen sie Nazis in dieser Stadt?

Sie sehen etwas Gutes und müssen es einfach zerstören… Russen sehen ukrainische Mädchen – sie vergewaltigen, Russen sehen ukrainische Männer – so fesseln sie ihre Hände und schießen ihnen in den Rücken, Russen sehen Kinder – vergewaltigen, foltern, töten und verbrennen. Und es ist ihre Entscheidung! Die Soldaten quälen und vernichten Menschen, die unbewaffnet sind und sich in einer schwachen Position ihnen gegenüber befinden. Wer da draußen glaubt noch, dass Putin die alleinige Schuld am Krieg trägt? Die russischen Soldaten wurden von ihren Müttern und Eltern erzogen, die das Putin-Regime unterstützen. Das Putin-Regime ist nicht nur ein Gesicht des Präsidenten, es ist die gesamte „Elite“, die die Richtung des Staates bestimmt, die das russische Volk wählt.

Wie können in einer solchen Zeit Russen, Ukrainer/Katholiken, Orthodoxe… an einem Tisch sitzen? Haben nicht jene, die sich zum Mahl versammeln, in der Taufe Christus angezogen?

Wie lang wird der Weg sein, damit das Wort des Apostels Paulus an die feiernden Gemeinden in Galatien auch heute gilt: „Es gibt nicht mehr Russen und Ukrainer, Orthodoxe und griechische Katholiken, Männer und Frauen, Kleriker und Laien – denn eins geworden seid ihr in Christus“.  Kann man Abendmahl feiern, wenn Christen im Krieg sind?“ Oder kann der Weg auch umgekehrt verlaufen? Wenn sich gläubige Russen und Ukrainer in diesen Tagen den Leib Christi einverleiben: Könnte der Auferstandene die Herzen der wirklich Glaubenden auf dem Weg zu Frieden und Versöhnung voranbringen? Langsam, in kleinen Schritten? Es ist zumindest eine Hoffnung, die ich mit dem heutigen Tag verbinde.

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Eine Antwort zu Gründonnnerstag 2022

  1. deingruenerdaumen schreibt:

    Ich bete fast täglich auch für jene Menschen, die Gottes Gnade besonders brauchen, möge diese Gnade sie dort erreichen, wo sie gerade sind. Wladimir Putin ist einer, dessen Name ich nenne und den ich Gott anvertraue.

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