Warum nur, Gott?!

Kateryna Buchko, in Wien bereits zum Thema Religionsunterricht mit autistischen Kindern promoviert (Martin Jäggle betreute sie), hatte bereits einen Lehrauftrag in der Griechisch-katholischen Universität in Lemberg/Lviv. Wie bei vielen erschüttert der Krieg alle ihre Lebenspläne. Sie war in Wien zu einer Fortbildung und hat sogleich einen Hilfstransport für ihr Land organisiert.

Innerhalb eines Monats haben russische Truppen die Großstadt Mariupol („Marienstadt“ auf Deutsch, mit ca 500 000 Einwohnern) in Schutt und Asche gebombt. Leichen auf den Straßen, verhungerte Menschen, von russischen Soldaten vergewaltigte Frauen, im Krankenhaus ermordete ukrainische Soldaten. Und jetzt auch das gleiche Schicksal betrifft die Städtchen Butscha, sowie Irpin nahe Kyiv, sowie völlig zerstörte Großstadt Tschernihiv. 

Unfassbar, unglaublich und grausam

Ich arbeite wieder mit mehr als 30 Freiwilligen und Binnenflüchtlingen in Lemberg in einem Flüchtlingsshelter. Jeden Tag kommen zu uns von Bomben fliehende Menschen. Ich habe drei Kleinbusse mit Hilfsgütern aus Wiener Schule (Vienna Business School) organisiert und wir verteilen sie an Bedürftige, schicken sie weiter nach Süden an Hungernde. Die Menschen in anderen südlichen Städtchen der Ukraine verhungern einfach dort (ja, es ist schwierig sich das vorzustellen!), weil sie von russischen Truppen blockiert sind und die humanitären Korridore nicht immer funktionieren. Weil die Russen uns einfach vernichten wollen (!). Die Gewalttaten und Kriegsverbrechen derrussischen Armee auf ukrainischem Territorium sind dokumentiert. 

Was muss noch mehr passieren oder wie viele Menschen müssen noch sterben, bis man Russland stoppt? Manchmal scheint es mir, dass es naiv ist, vom Frieden zwischen den Völkern zu sprechen, solange die Russen diese Genozide gegenüber dem ukrainischen Volk weiter begehen. Es ist naiv vom Frieden zu sprechen, wenn so ein himmelschreiendes Unrecht, Gewalt und Tod herrschen. Solange auf Kinder und fliehende Menschen geschossen wird. 

Russland muss gestoppt werden!

„Stell Dir ein Evangelium vor, in dem – wie es beispielsweise die Vatikan Diplomatie macht – die Namen und die Fakten nicht benannt werden! Der Neugeborene Jesus soll getötet werden. Joseph und Maria nehmen das Kind und fliehen nach Ägypten, werden zu Flüchtlingen. Und jetzt stellen wir uns vor, dass Herodes, der Hunderte unschuldige Kinder tötete, nicht beim Namen benannt wird…“ (Myroslav Marynovytsch, ukrainischer Dissident).  

Jeden Tag, und oft in der Nacht – müssen meine Mutter, meine Schwester, mein Bruder, meine Freunde und Verwandten immer wieder in den Luftschutzbunker oder in den Keller laufen, weil in Lemberg die Sirenen heulen. Das gleiche passiert auch in Ternopil, in Lutzk, in Uzhhorod, in Kyiv, in Odesa, – in allen großen und kleinen Städten der Ukraine. 

Ich kann nicht beten. Ich frage mich immer wieder, warum Gott das zulässt.

Ein Strahl der Hoffnung und der Dankbarkeit erreicht mich nur, wenn ich an Wien und Wiener, an Österreich und Österreicher denke, an die lieben Menschen, die ich hier kenne, und die mit ihren Worten und Taten mich und unser Land unterstützen. 

***

Wer die drei Unkrainerinnen Lidiya, Kateryna und Lyudmyla für deren Hilfsprojekte und ihre Familien in den kommenden harten Zeiten unterstützen will –
Hier ist mein spezielles Hilfskonto: Paul M. Zulehner, ERSTEBANK AT69 2011 1283 6762 6709 (GIBAATWWXXX), Stichwort Lviv. – Und ich danke im Namen der drei Ukrainerinnen allen, die schon großzügig ihr Herz und ihre Geldbörse geöffnet haben.

Lemberg: Gedenken an die Shoa – Erinnerungen werden wach
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3 Antworten zu Warum nur, Gott?!

  1. Eckhardt Kiwitt schreibt:

    Warum Gott das zulässt ?

    Es ist nicht Gott, der etwas zulässt oder nicht zulässt, der etwas macht oder nicht macht, — denn bei dem, was wir Menschen „Gott“ nennen, kann man keine Wechselwirkungen / Wirkungen feststellen, die sich nachweislich auf dieses „Gott“ zurückführen lassen, weshalb man „Gott“ von etwas, das nicht existiert, gar nicht unterscheiden kann.
    „Gott“ kann uns nichtmal eine E-Mail schicken, obwohl „Gott“ angeblich allmächtig ist.
    „Gott“ ist nur eine Idee in den Köpfen von Menschen, von Menschen nach deren Wunschbild ersonnen.

    Wir Menschen lassen etwas zu oder lassen es nicht zu, machen etwas oder machen es nicht.

    Eckhardt Kiwitt, Freising

  2. Brand, Hildegard schreibt:

    Liebe Kateryna,
    immer wieder muss ich meine Erschütterung über die Verbrechen gegen die Menschlichkeit bekunden, die in diesem Krieg gegen Ukrainer*Innen begangen werden und die in Ihren Tagebucheintragungen zum Ausdruck kommen !
    Sicher fragen sich viele Menschen auf der ganzen Welt in Nah und Fern: Warum wird all das von Menschen gegen Menschen getan? Warum kann ein Gott so etwas zulassen ?
    Es stellt sich wieder die „uralte“ Frage nach der Theodizee – oder anschaulicher –
    nach dem Sinn des Leides, das dem Gottesgerechten, Gottesfürchtigen – Hiob – widerfährt und der deshalb mit Gott hadert ;
    oder später die Frage nach dem Sinn der brutalen, menschenrechtswidrigen Hinrichtung eines Mannes namens Jesus von Nazareth, dessen vorwurfsvoller, letzter Ausruf und dessen anschließender wortlose , laute Schrei ( nach dem Markusevangelium ) vorerst das letzte Lebenszeichen zu bleiben scheint : eine fast schon aggressive Frage, ( Worte einen Psalms zitierend) :
    “ Mein Gott, warum hast Du mich verlassen!? “ – Nach Lukas gibt er sich in sein Schicksal: “ Vater, in Deine Hände lege ich meinen Geist .“
    Ob nun Erzählungen zur Auferstehung und über die „Erscheinungen des Auferstandenen “ als vorösterlich oder nachösterlich eingeordnet werden, scheint den frühen christlichen BekennerInnen nicht wichtig gewesen zu sein.
    Auch heute könnte e i n e Antwort darin bestehen , dass Ungerechtigkeit, Menschenverachtung, Gewalt auf der einen Seite und Verzweiflung, Wut und Ohnmacht auf der anderen Seite
    in Zukunft n i c h t d i e l e t z t e n Worte sein dürfen. Das kann auch ein Gott „Vater“ nicht wollen, wie auch der Mensch Jesus dies nicht wollte, der Repräsentant aller Opfer von Unrecht und Gewalt. Der letzte Schrei eines Menschen namens Jesus, wie der letzte Schrei aller Hingerichtetetn , Ermordeten könnte uns in ihrem Sterbensschrei „noch“ sagen wollen: „Seht her: Das können Menschen einem wehrlosen Menschen antun, so können Menschen einen anderen Menschen zurichten.
    In einen Gott, der das nicht will , lege ich meinen Geist! “

    Und dennoch – Wir müssen im dem Paradox leben, dass ein möglicherweise existierender Gott uns Menschen zwar mit „Freiheit“ , „Vernunft“ und „Empathie-Fähigkeit“ ausgestattet haben könnte, uns jedoch völlig alleine lässt, wenn es darum geht, diese Freiheit und seine Vernunft in konkreten Situationen richtig zum Wohle seiner Mitmenschen zu nutzen – oder auch gegen sie einzusetzen.
    Daraus müsste für diejenigen, die Empörung empfinden,
    die alle brutalen Handlungen g e g e n Menschen ächten, immer wieder der „politische Anspruch“ erwachsen ( wenn Sie so wollen “ in Gottes Namen, um „Gottes Willen“ ) , Leid zu verhindern, Menschen zur Rechenschaft zu ziehen, die mutwillig Freiheit missbrauchen. Dann sehen wir vielleicht „Gott“ in den Menschen, die leiden u n d die solidarisch sind.
    Nicht ein „Gott“ will diesen und andere Kriege oder „will“ diese zulassen – sondern es sind immer Menschen, die so entsetzlich handeln oder es nicht verhindern.
    Und – all das sage ich jetzt theoretisch – aus meiner „guten Stube“ heraus , habe nicht einmal das Recht , so zu sprechen, die ich jetzt nicht in solcher Not, in Angst vor Gewalt und Tod bin…

    Deshalb kann ich immer nur meine Solidarität und den Wunsch ausdrücken, dass Eure Hilfsinitiativen Menschen helfen . Dafür auch meine Bewunderung!
    pace e bene ! als Wunsch für Euch alle , eigentlich auch für die Weltbevölkerung….
    Hildegard

  3. Ulrike Brustmann-Sieber schreibt:

    Zitat: „Ich kann nicht beten. Ich frage mich immer wieder, warum Gott das zulässt.“ Nicht beten können ist in so einer Situation mehr als verständlich und normal. Umso wichtiger ists, dass dann die anderen, jene im Gebet mittragen die gerade in einer Situation sind, in der sie gerade selbst nicht beten zu können – so wie im Evangelium die Freunde den Gelähmten, der das selbst nicht tun konnte, durchs Dach hinuntergelassen haben und zu Jesus gebracht haben…………Warum Gott so einiges zuläßt, werden wir auf Erden wohl kaum beantwortet bekommen, wichtiger wäre die Frage, was wir Gott zutrauen in aussichtslosen, menschlich eigentlich hoffnungslosen Situationen. Wir können uns zwar nicht selbst erlösen, aber Gott erlöst die Menschheit wohl nicht ganz ohne unser zutun. Trauen wir Gott zu, dass er uns die richtigen Schritte zeigt, dass er handelt, uns Menschen aus dem Elend herausführt, so wie damals die Israeliten aus Ägypten. Glauben wir dass „Gottes Hand nicht zu kurz ist um zu helfen“. Ich muss zugeben, ich selbst habe auch nicht so einen starken Glauben, aber wenn viele in Kirche (und Welt) anfangen Gott mehr zuzutrauen, mehr von ihm erwarten uns vom Heiligen Geist führen lassen, wer weiß….?!?!?! Es tut mir unglaublich leid, dass Frau Kateryna Buchko und viele andere und noch dazu in einem so jungen Alter, derart schwere Lasten zu tragen haben, die für so junge Schultern eigentlich viel zu schwer sind. Ich möchte ihr jedenfalls alles Gute wünschen und hoffe dass sie trotz allem gut beschützt ist vor Gefahren und Schwierigkeiten.

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