Fahrt II. (2.3.2022)

Lidiya Marakovska aus Lviv setzt ihr Tagebuch fort.
Dieser Beitrag schließt an den BLOG-Eintrag „Fahrt I.“ an.

Überall waren Menschen… auf dem Korridor, in der Diele… Die Schaffnerin kam einmal vorbei und bat, ihr irgendwie die Möglichkeit zu geben, in die Richtung zu gelangen, in die sie gehen wollte.

Der Zug fuhr… wir wollten schon schlafen gehen, im Nebenabteil stritten sich zwei Frauen um eine Katze und einen Hund, die nicht zusammen in einem Raum sein können. Es war lustig zuzuhören, denn es sind keine Tiere, die sich streiten, sondern Menschen, die sich für den Homosapiens halten. Obwohl ich verstehe, dass das Leben vom 24. Februar alle so angespannt hielt, dass ein Streit nur eine Möglichkeit ist, ihre Gefühle, ihren Schmerz auszudrücken. Irgendwann beruhigte sich alles, die Leute im Korridor setzten sich, wenn sie konnten, auf den Boden, und jemand fuhr im Stehen und schlief so. Wir legten uns auch hin, mein Sohn schlief ein, seine Beine waren noch lange kalt, ich wärmte sie und dachte… ich dachte an meine Erwartungen an diesen Abend, ich kam mir komisch vor, meine Erwartungen an einen warmen leeren Zug, Hoffnungen auf eine Reise zum Frieden, den ich seit der Nachricht von Russlands Angriff auf die Ukraine so sehr wünschte. Aber ich war froh, dass wir einfach fahren und es ist warm.

Mitten in der Nacht erreichten wir die Grenze zu Ungarn. Zollbeamte überprüften die Dokumente der Personen, die sie hatten. Manche haben einen ausländischen Pass, manche einen inländischen ukrainischen, manche eine Geburtsurkunde und manche haben nichts gehabt… Sie hatten nichts dabei, da sie in einem Luftschutzbunker saßen und mit dem Zug von dort entkamen. Männer im Wehrpflichtalter mussten aus dem Zug aussteigen, sie dürfen nicht ins Ausland reisen. Nach der Kontrolle standen wir lange irgendwo, unser Wagon musste an einen ungarischen Zug angeschlossen werden, der über Budapest nach Wien fahren sollte. Bei einer solchen Verspätung hat unser Zug den Fahrplan durcheinander gebracht und wir haben auf die nächste Gelegenheit gewartet, damit der Wagon an einen anderen Zug angekuppelt werden konnte. Endlich fahren wir. Wir stehen. Wir fahren durch die Städte. Wir stehen wieder irgendwo im Feld. Wir stehen wieder, wir fahren wieder.

Wann kommen wir in Budapest an? – niemand weiß es. Fährt der Zug nach Wien? – der Schaffner weiß es nicht. Allen ist es heiß, die Fenster sind zu und die Kinder sind nervös. Wir hatten schon kein Wasser mehr und es gab keine Möglichkeit es zu kaufen. Mein Sohn hielt es nicht mehr aus, er wurde hysterisch und nichts konnte ihn beruhigen. Er wollte essen- schlafen, spielen, nach draußen gehen – alles aus einmal. Und in diesem Moment erinnerte ich mich an die Riegel vom Bahnhof in der Tasche. Wie merkwürdig alles in unserem Leben passiert… Eine Weile haben sie mich gerettet und der Kleine hat sich beruhigt, aber dann wollte er trinken, und ich hatte nichts mehr. Eine Frau im Flur teilte ihr Wasser mit ihm, was ihn etwas beruhigte. In der letzten halben Stunde vor der Ankunft in Budapest weinte er die ganze Zeit und bat mich nach draußen zu gehen.

der vierjährige Paul im Zug von Budapest nach Wien

Budapest – endlich.

Wir gingen zum  anderen Zug, er war fast leer. Freiwillige gaben uns Wasser und Essen an der Station. Ich nahm das Wasser und war damit so glücklich. Als hätte ich zum ersten Mal in meinem Leben die Möglichkeit, Wasser zu trinken. Das Mädchen aus meinem Abteil nahm die Sandwiches und sagte halbwegs scherzhaft: „Wir sind Flüchtlinge, ich habe so einen Hunger, ich habe nichts gegessen, ich weiß nicht wie lange schon, vielleicht als wir noch in Kyiw waren.“ Ich konnte nichts antworten, denn ich erstickte wieder vor Tränen, Scham und Wut auf die Russen, die in unser Haus kamen und uns mit ihrem unverständlichen Krieg vertrieben.

Wir fuhren durch schöne ordentliche Felder. Saubere Straßen und die Abendsonne glitten warm auf die Fenster schöner Häuser. Auch der unerschütterliche Frieden Europas beruhigte uns…

In Wien angekommen

Als wir in Wien angekommen sind, fuhren wir weiter zum Studentenwohnheim. Wir fuhren durch die Stadt. Der Kleine blickte auf eine schon dunkle, aber so majestätische Stadt, mit schön beleuchteten Straßen und hohen Gebäuden. Ich war froh, dass es ihm gefallen hat, aber dies ist meine erste Reise nach Wien, die mir überhaupt keine Freude machte. Merkwürdig, Wien war für mich immer eine Stadt, die mich faszinierte. Was ich früher so sehr bewundert habe, habe ich nicht mehr gemerkt und auch nicht mehr genossen. Ich scheine dem Krieg entronnen zu sein, aber der Krieg begleitet mich in meiner Seele weiter.

Als wir im Wohnheim ankamen, packte mein Kleiner einen Spielzeugkran in seine größten Tüten ein und sagte: „Alles gepackt, lass uns nach Hause zu Papa fahren.“

*****

Wer die drei Unkrainerinnen Lidiya, Kateryna und Lyudmyla für deren Hilfsprojekte und ihre Familien in den kommenden harten Zeiten unterstützen will –
Hier ist mein spezielles Hilfskonto: Paul M. Zulehner, ERSTEBANK AT69 2011 1283 6762 6709 (GIBAATWWXXX), Stichwort Lviv. – – Und ich danke im Namen der drei Ukrainerinnen allen, die schon großzügig ihr Herz und ihre Geldbörse geöffnet haben.

Lidiya, Kateryna und Lyudmyle auf dem Rathausturm in Lemberg (Juli 2019)
Hier ist ein Team von Freiwilligen aus Lemberg/Lviv und Polen, mit denen Kateryna arbeitet. Sie haben mit ihr Hilfsgüter nach Lemberg transportiert . Ein Teil dieser Gruppe arbetet in einer Flüchtlingsherberge in Lviv.
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Eine Antwort zu Fahrt II. (2.3.2022)

  1. Johanna Spöth schreibt:

    Sehr geehrter Prof. Zulehner – nun ist die Flucht doch gelungen und eine kleine Familie in Sicherheit – wenn auch nur auf Zeit und keiner weiß, wie lange es noch dauert.
    Meine Freund/innen und ich habe diese Tagebucheintragungen mit großem Interesse und gleichzeitiger Empathie gelesen, man kann es sich ja so nicht vorstellen und Lidya hat es ausgezeichnet realistisch erzählt – ganz großes Kompliment – es ja nicht ihre Muttersprache!

    Hoffentlich gelingt auch den beiden anderen Sicherheit – wo auch immer – zu erfahren, sie halten
    tapfer aus , um zu helfen. Gott möge sie alle beschützen, diese tapferen Menschen, die so ungerechtfertigt leiden!

    Ihnen – sehr geehrter Herr Professor, DANKE, für die Berichte und den Einsatz den sie für diese
    Gruppe leisten – unsere Unterstützung – soweit es geht – ist Ihnen sicher!

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