Synodaler Weg – Folge 4: Kann die Kirche Demokratie?

In dieser Serie von BLOGs informiere ich Sie über den von Papst Franziskus ausgerufenen Synodalen Weg. Sein Ziel ist die Synodalisierung der Kirche, der sie für die Mission in der Welt von heute bereiten soll. Sie können sich auch den Podcast dazu anhören.

In diesem vierten Blog zur Synodalisierung der katholischen Weltkirche erkläre ich,
ob die Kirche ihre Vorgänge demokratisch organisieren kann.

Ein großes Anliegen von Papst Franziskus ist vom Anfang seines Pontifikats an die Inkulturation des Evangeliums. Das Evangelium soll wie ein Sauerteig im Mehl der Gesellschaft sein und zu einer Reich-Gottes-förmigen Entwicklung inspirieren: Dieses Reich Gottes besingt die Präfation des Christkönigsfestes als ein Reich der Wahrheit und des Lebens, ein Reich der Heiligkeit und der Gnade, einer Reich der Gerechtigkeit, der Liebe und des Friedens. Reich-Gottes-förmig ist somit eine Gesellschaft mit menschlicherem Gesicht.

Nun denken wir bei Inkulturation zumeist an uns fremde Kulturen – etwa jene der indigenen Völker im Regenwald Amazoniens. Dort soll die Kirche vom Reichtum der jeweiligen Kulturen lernen. Sie kann auf diesem Weg selbst das Evangelium besser verstehen, aber auch verkünden. Nicht wenige erhoffen sich von einer solchen Inkulturation des Evangeliums eine neue kraftvolle Evangelisierung. Sie sind überzeugt, dass mit einer Inkulturation eine neue Dynamik in die derzeit stagnierende, weil zentralistische Weltkirche kommt.

Aber geht es bei der Inkulturation wirklich nur um Völker, die künftig nicht mehr von der Europäischen Gestalt des Christentums überformt sein sollen? Kulturen sind ja nichts Statisches. Sie sind selbst in ständiger Entwicklung. Das gilt selbstverständlich auch für unsere Europäische Kultur, die mit dem Christentum über Jahrtausende eng verwoben war. Das verlangt von der Kirche auch in Europa eine ständige Inkulturation. Das Zweite Vatikanische Konzil war der grandiose Versuch, die katholische Kirche mit der Welt von heute in einen Dialog zu setzen. Das Konzil war bereit, zu lernen und zu lehren. Es war der Versuch, so Johannes XXIII., die Kirche durch ein Aggiornamento „auf die Höhe des Tages“ zu bringen, sie gleichsam upzudaten.

Der große Kardinal Carlo M. Martini sagte wenige Wochen vor seinem Tod in Jerusalem, die katholische Kirche hinke immer noch zweihundert Jahre hinter der heutigen Zeit her. Und auch Papst Franziskus, der seinen Ordensbruder Martini sehr verehrte und der von diesem als möglicher Papst ins Spiel gebracht worden war, teilt dessen Analyse. Und das aus einem zusätzlichen Grund: Zwar sei das Konzil mutig gewesen. Aber in den Jahren danach habe die Kirche und ihre Führung der Mut verlassen. So habe man zwar den 50. Jahrestag des Konzilsabschlusses feierlich begangen – aber das war eher eine Trauerfeier vor einem Denkmal, das man dem Konzil gesetzt hat. Der Synodale Weg der Weltkirche  ist für Franziskus der Versuch, die vom Konzil begonnenen Reformen des Konzils endlich zügig  voranzubringen.

Inkulturation auch in Europa

Auf dem Synodalen Weg der Weltkirche stellt sich in den „modernen Gesellschaften“ Europas an die Kirche allerdings eine dringliche Frage: Wie hältst Du es mit der Demokratie und deren Ideale, also Gewaltenteilung, Partizipation, Menschenrechte, Überwindung ererbter Entdikriminierungen? Zwar mahnt der Papst mit Blick auf angelaufene Synodale Wege etwa in Deutschland, Australien, Italien oder Argentinien, dass der Synodale Weg nicht mit Parlamentarismus zu verwechseln ist. Es gehe nicht um die Bildung von Parteien, um Lobbyarbeit und Kampfabstimmungen, sondern vor allem um das Suchen nach dem Auftrag für die Kirche in der Welt von heute. Synodaler Weg ist Hinhorchen auf das, was „der Geist heute den Gemeinden sagt“ (Offb 3), so wie einst den kleinasiatischen Gemeinden in Anatolien.

Muss aber dieses Hinhorchen in einer Weltkirche nicht in verlässlicher geordneter Weise geschehen? Braucht ein Synodaler Weg nicht auch eine Geschäftsordnung? Muss nicht geklärt werden, wie die Beschlüsse zustandekommen und wie entschieden wird?

Dann aber liegt die ernsthafte Frage nahe, ob für diese Ordnung des gemeinsamen Hörens auf den Geist, die Unterscheidung der Geister und für das Treffen von Entscheidungen nicht von den gereiften Erfahrungen von Demokratien gelernt werden kann.

Das gehe nicht, so wenden die Gegner einer „Demokratisierung“ kirchlicher Vorgänge flugs ein: Denn in der Demokratie geht doch die Macht vom Volk aus. Die Kirche hingegen findet sich als das von Gott erwählte Volk vor. Über diese Vorgabe kann die Kirche nicht verfügen, will sie sich selbst und Gott treu bleiben. Aber hat nicht auch die Demokratie unantastbare Vorgaben? Nach dem „Böckenfördeprinzip“ kann sich eine Demokratie ihre eigenen Grundlagen nicht selbst geben. Sie kann diese zerstören, aber auch sie findet sie vor. Ich zitiere Böckenförde: „Der freiheitliche, säkularisierte Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann.“ Und dazu gehören Werte, welche auch das Zweite Vatikanische Konzil für die Kirche hervorgekehrt hat: Gleichheit an Würde aller, gleiche Berufung, keine absolutistische Herrschaft von Amtsträgern über das Volk; auch die Menschenrechte werden von Papst Franziskus in seinen Enzykliken ständig eingefordert: und dies wiederum besonders für die Frauen.

Daraus kann füglich abgeleitet werden, dass die Kirche zwar keine Demokratie ist, dass sie sich aber sehr wohl bei den Abläufen im Gottesvolk demokratischer Spielregeln bedienen kann. Das war im Lauf der Kirchengeschichte in vielfacher Weise längst der Fall, und zwar schon bevor Demokratien entstanden sind. Päpste werden gewählt. Auf Konzilien werden Beschlusstexte abgestimmt (nicht über die Wahrheit, aber über die Wahrheitsfindung); in Ordensgemeinschaften (zumal den Dominikanern) ist es undenkbar, dass die Leitung nicht gewählt wird.

Eine in ihren Abläufen von den demokratischen Erfahrungen lernende Kirche könnte so aussehen: Alle beraten gemeinsam über jene Anliegen, denen sich die Welt und mit ihr die Kirche heute gegenübersieht. Es gibt bei synodalen Prozessen keine thematischen Vorgaben von Seiten der Leitung. Alles, was die Kirchenmitglieder bewegt, kann auf dem synodalen Beratungstisch gelangen. Alle hören auf den Geist und tragen dazu bei, auszukundschaften, auf welche Weise die Herausforderungen der Zeit optimal gemeistert werden können. Sie reden miteinander, wobei reden auf Italienisch „parlare“ bedeutet, wovon sich das Wort „Parlament“ herleitet. Eine Art „Kirchenparlament“ entsteht. Eine Synode eben. All das machen die repräsentativen Vertretenden des Kirchenvolks zusammen mit den Ordinierten – wie dies ja auf der Würzburger Synode möglich war und wie es auch der derzeitige Synodale Weg in Deutschland vorsieht. Einmütige Stellungnahmen der Versammlung setzt die amtliche Leitung unverändert in Kraft. Das ist je nach kirchlicher Ebene ein Pfarrer, ein Bischof, eine Ordensoberin, eine Bischofskonferenz, ein kontinentaler Verbund von Bischofskonferenzen, der Papst selbst. Wenn es aber keine Einigung im synodalen Beratungsorgan gibt, dann sucht das Amt die Geister zu unterscheiden und vorläufig eine Entscheidung zu treffen. Diese kann neuerlich der Synodenversammlung zur Zweitberatung vorgelegt werden. Schließlich entscheidet der letztverantwortliche Amtsträger.

Ähnliche demokratische Erfahrungen ließen sich auch bei der Bestellung von Leitungspersonen übernehmen. Die betroffene Gemeinschaft, das betroffene Kirchengebiet kürt Kandidaten und Kandidatinnen. Geht es um die Ernennung eines Bischofs, wählt der Papst aus dem Vorschlag aus. Folgt er nicht dem Vorschlag, begründet er dies und gibt auch dem Wahlgremium die Möglichkeit einer neuerlichen Stellungnahme. Kann man sich dann nicht einigen, kann immer noch eine neue Liste erstellt werden. Solches Vorgehen ist im Übrigen rechtlich auch heute möglich, wird es doch etwa in der demokratieerfahrenen Schweiz mit guten Erfahrungen praktiziert. Nicht zuletzt wird die Papstwahl neu geordnet. Es sind gewählte Vertreter der Ortskirche, die zur Wahl eines neuen Papstes sich versammeln werden.

Ein solches Implementieren von demokratischen Erfahrungen in kirchliche Abläufe ist zumindest in Nordamerika und auch in Europa dringend nötig. Die Menschen in diesen Bereichen der Weltkirche sind demokratieerfahren. Das gilt nicht nur für den politischen Bereich. Auch in Betrieben mit einer erfolgreichen Unternehmenskultur werden sie gefragt und in zukunftsweisende Entscheidungen einbezogen. In ihrer Kirchengemeinde, ihrer Diözese und in der Weltkirche hingegen erleben sie eine gänzlich andere Partizipationskultur. Das erzeugt in vielen Kirchenmitgliedern Unverständnis. Noch mehr: Sie erleiden eine Art „kulturelles Martyrium“. Das undemokratische Verhalten von Amtsträgern, durch welches sie sich nicht ernst genommen fühlen, entfremdet sie von ihrer Kirche. Jene, die nicht leiden wollen, ziehen sich zurück. Andere hoffen, dass ihre Kirche sehr wohl „Demokratie kann“ und jetzt auf dem Synodalen Weg ihr „kulturelles Martyrium“ beendet wird.

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Eine Antwort zu Synodaler Weg – Folge 4: Kann die Kirche Demokratie?

  1. Joseph schreibt:

    Die Anzahl von „Synodalen Wegen“ , Synodalen Prozessen“ und Diözesansynoden“ dund dgl. ist ja schon sehr groß. Wir können mit „Katholiekntagen“ und „Synodalen Ergebnis-Büchern“ schon Bibliotheken füllen.
    Wenn der Wille zur Reform „Ganz Oben“ fehl, dann gehen diese Serien von Aktionismus alle ins Leere!
    Wenn „Ganz Unten“ der „Glaube verdunstet“ und „Kirche samt Lehre“ nicht mehr wichtig sind, dann „dreht sich alles am Stand“ ….

    Es ist keine Frage von Abläufen und Beschreibungen, von „Delegation und Einberufung“; es ist nichtig, wenn da ein Häuflein von immer den gleichen leuten immer dieselben Rituale und debatten abführt.
    Es muss einfach auch eine Entscheidung fallen, ein Schritt gesetzt werden!
    Jeder wartet auf die anderen, und alle zusammen bedauern den Zustand!

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