Misstrauen lähmt jede Entwicklung

„Sich hinsetzen, um einem anderen zuzuhören, ist charakteristisch für eine menschliche Begegnung und stellt ein Paradigma einer aufnehmenden Haltung dar. Damit überwindet ein Mensch den Narzissmus; er heißt den anderen willkommen, schenkt ihm Aufmerksamkeit.“ (Papst Franziskus Fratelli tutti, 48)

In der Diözese St. Pölten kehrt keine Ruhe ein. Dabei haben alle Beteiligten gute Absichten. Der Bischof weiß sich für die organisatorische Zukunft des Bistums verantwortlich und handelt entschlossen und mit Message-Control. Viele loyale Mitarbeitende sind ratlos, weil ihr Rat nicht gefragt ist, geschweige denn, dass sie nachhaltig mitentscheiden können. Der gutgemeinte Rat von Experten (und auch „Amtsbrüdern“), die verfahrene Situation dadurch zu entschärfen, dass das vom Bischof vorgelegte Reformpaket noch einmal aufgeschnürt wird, verhallt im kirchenrechtlichen Raum, der einen Bischof zu keinem Einlenken verpflichtet, auch wenn noch so viele moralische, soziale und theologische Gründe vorgebracht werden.

Hier wird eine strukturelle Schwäche offenbar, an deren Behebung Papst Franziskus schon geraume Zeit arbeitet. Um bei diesem Bemühen voranzukommen, hat er die Weltbischofssynode zur Synodalität für 2022 einberufen. Es ist zu hoffen, dass nach der Synode auch in St. Pölten nicht mehr möglich wäre, was jetzt durchaus rechtens ist.

Alle haben Gottes Geist

Das Zweite Vatikanische Konzil hatte einen Schlussstrich unter die Stände- und Priesterkirche gezogen. Die dogmatische Konstitution über die Kirche (Lumen gentium) geht in ihrer Lehre von der Kirche davon aus, dass es „auf Grund der Wiedergeburt in Jesus Christus eine wahrhafte Gleichheit an Würde und Berufung“ gibt (LG 32, CIC cn 208). „Jedem aber wird die Offenbarung des Geistes geschenkt, damit sie anderen nützt.“, so Paulus an die streitenden Mitglieder der jungen Gemeinde in Korinth (1 Kor 12,7). Um geordnet auf diesen Geist zu hören, muss bei allen Entwicklungsprozessen der Kirche auf alle gehört werden. Was alle betrifft, muss durch alle entschieden werden, so eine alte Rechtstradition aus dem Mittelalter (Decretum Gratiani, 1140), die bis Justinian zurückreicht. Das Ende der Papstkirche, aber auch eines autoritären Klerikalismus waren eingeläutet.

Die kurze Blüte von Synoden

Gleich nach dem Konzil haben viele Ortskirchen Synoden abgehalten und dieses neue Kirchenbild zur Grundlage genommen. So saßen dann in der Synodenaula in Würzburg Frauen und Männer, Getaufte und unter ihnen zusätzlich Ordinierte schlicht alphabetisch nebeneinander. Sie hatten alle Sitz und Stimme und verabschiedeten viele zukunftsweisende Beschlüsse gemeinsam. Der spätere Kardinal Karl Lehmann schrieb 1970 einen Beitrag, in dem er darauf verwies, dass die Kirche in ihrem Leben endlich als Volk (demos) Gottes selbstverständlich demokratische Spielregeln verwendet, ohne dadurch als Gottes Volk eine Demokratie zu werden.

Kirchenrecht domestiziert das Konzil

Diese Entwicklung in Deutschland, aber auch in Holland, war manchen im Vatikan nicht akzeptabel. Roms Behörde blockierte einige wichtige Beschlüsse (wie jenen zum Diakonat der Frau). Und damit sich Synoden dieser Art nicht wiederholen, wurde das Konzil durch das Kirchenrecht 1983 domestiziert. Getauften ohne Amt wurden Sitz und Stimme in Synoden wieder entzogen. In den pastoralen Gremien wurde ihre Entscheidungskompetenz auf eine Beratungskompetenz zurückgestutzt. Zwar wurde immer beigefügt, dass das Amt (der Pfarrer, der Bischof) auf das Gremien hören muss. Aber er kann dann nach Hause gehen und entscheiden, wie er es für richtig hält.

Das Hören auf das Volk Gottes wurde also dem Wohlwollen des jeweiligen Amtsträgers anheimgestellt. Dabei liegt im feudalen Denken neben dem Wohlwollen gleich die Willkür. Manche hören großzügig zu, manche übernehmen sogar faktisch den Rat in ihre Entscheidung. Andere hingegen schaffen Gremien ab, wenn sie ihnen nicht passen (so kassierte Bischof Gerhard L. Müller in Regenburg den Diözesanrat). Oder sie hören zu – treffen dann aber ihre eigene Entscheidung, wohl wissend, dass sie dem Beratungsgremium keinerlei Rechenschaft schuldig sind.

Damit wird Partizipation des Kirchenvolks im Modus des Beratens zum pastoralen Roulettespiel. Daran ändert in der Praxis auch nicht viel der can 127, der möglicherweise dazu beitragen soll, dass Wohlwollen nicht in Willkür kippt.[1] Faktisch hängt es von der Persönlichkeit des jeweiligen Amtsträgers ab, ob es eine nachhaltige Beteiligung gibt oder nicht, ob er auf die Leute hört oder nicht.

Für St. Pölten heißt dies: Der Bischof ist grundsätzlich im Recht, wenn er in seiner Verantwortung einen Alleingang macht. Das mag man bedauern, und wenn man das künftig nicht so haben will, hilft allein eine Änderung des Kirchenrechts. Es kann nicht so bleiben, dass das Kirchenrecht das Konzil auslegt, sondern umgekehrt, das Kirchenrecht muss im Sinn des Konzils gehandhabt werden. Die Kirche hatte darin Erfahrung, als es zwischen 1965 und 1983 ja sowohl die Beschlüsse des Konzils gab als auch daneben noch das alte Kirchenrecht von 1917, welches das Erste Vatikanum abbildete.

Vertrauen

Man kann natürlich weiterfragen, welche Bischöfe oder auch Pfarrer in ihrem Wohlwollen breite Partizipation zulassen und Lösungen mit den Betroffenen vereinbaren oder welche ohne Partizipation ihre Lösung (mit Experten, oft profanen Beratern) den Betroffenen vorsetzen.

Fachleute sagen, dass dies letztlich von der Persönlichkeit des Amtsträgers abhängt. In dieser spielen theologische, spirituelle wie menschliche Beweggründe eine Rolle, die zumeist ineinanderfließen, sich gegenseitig fördern, manchmal aber auch außer Kraft setzen.

Spirituell besehen zeigt sich bei breiter Beteiligung ein hoher Respekt eines Amtsträgers vor jenem Geist Gottes, der allen gegeben ist. Solche Amtsträger optimieren ihre Entscheidung durch vorbehaltloses Zuhören. Sie vertrauen dem Geist Gottes und damit den Menschen, denen er gegeben ist. Diese Amtsträger gehen jenen Weg der Synodalität, der das Wesen der Kirche ausmacht und für den Papst Franziskus die Weltkirche unentwegt gewinnen will. Was also einen Amtsträger zur breiten Beteiligung bis hinein in die Entscheidungen bereit macht, ist Vertrauen. Dieses zählt in Zeiten eines Kirchenrechts, das Beteiligung nicht durch klare „Geschäftsordnungen“ sichert, sondern das dem Wohlwollen (das leider oft in Willkür kippt) breiten Raum gibt, zu den unerlässlichen Eignungskriterium für Amtsträger – und das so lange, als das Kirchenrecht das Konzils auslegt und damit domestiziert.

Den klerikal-autoritären Weg wählen unter den gegebenen rechtlichen Bedingungen hingegen jene Amtsträger, die nicht vertrauen können. Misstrauen richtet sich gewiss zunächst auf die Menschen, auf Gremien, auf Berater und loyale Kritiker. Indirekt misstrauen solche Amtsträger aber – trotz aller spirituellen Rhetorik – auch dem Heiligen Geist. Das Misstrauen zwingt sie zu einsamen Entscheidungen, ohne eine von Gottes Geist ermöglichte „Schwarmintelligenz“. Der Preis für eine solche Amtsführung ist nicht nur der pastorale Unfrieden. In einem Klima des Misstrauens kann sich eine Diözese auch nicht gedeihlich entwickeln. Der Amtsträger wird dabei immer einsamer und zieht sich auf ganz wenige Vertraute zurück.

Und Bischof Alois? Schon in seiner Amtszeit in Kärnten haben viele loyale Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter darunter gelitten, dass er nicht vertrauen kann. Seine Persönlichkeit ist, so erzählen sie, von tiefem Misstrauen geprägt. Eine Versetzung verändert den Arbeitsort, wandelt aber nicht Misstrauen in Vertrauen.


[1] „Can. 127 — § 1. Wenn im Recht bestimmt wird, dass ein Oberer zur Vornahme von Handlungen der Zustimmung oder des Rates eines Kollegiums oder eines Personenkreises bedarf, muss das Kollegium bzw. der Kreis gemäß can. 166 einberufen werden, es sei denn, dass, wenn es sich lediglich um das Einholen eines Rates handelt, im partikularen oder eigenen Recht etwas anderes vorgesehen ist; damit aber die Handlungen gültig sind, ist erforderlich, dass die Zustimmung der absoluten Mehrheit der Anwesenden vorliegt bzw. der Rat von allen eingeholt wird.
§ 2. Wenn im Recht bestimmt wird, dass ein Oberer zur Vornahme von Handlungen der Zustimmung oder des Rates irgendwelcher Personen als einzelner bedarf, gilt:
1° wenn die Zustimmung gefordert wird, ist die Handlung eines Oberen rechtsunwirksam, der die Zustimmung dieser Personen nicht einholt oder gegen deren Stellungnahme oder die Stellungnahme einer dieser Personen handelt;
2° wenn der Rat gefordert wird, ist die Handlung eines Oberen rechtsunwirksam, der diese Personen nicht hört; obgleich der Obere keineswegs verpflichtet ist, sich ihrer, wenn auch übereinstimmenden, Stellungnahme anzuschließen, darf er dennoch ohne einen seinem Ermessen nach überwiegenden Grund von deren Stellungnahme, vor allem von einer übereinstimmenden, nicht abweichen.
§ 3. Alle, deren Zustimmung oder Rat erforderlich ist, sind verpflichtet, ihre Meinung aufrichtig vorzutragen und, wenn es die Wichtigkeit der Angelegenheiten verlangt, sorgsam die Geheimhaltung zu wahren; diese Verpflichtung kann vom Oberen eingeschärft werden.“

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