Hannah: Rudolf Burgers Tor zur Welt

Ansprache beim Begräbnis von Rudolf Burger (Wien-Hernalser Friedhof, 11.5.2021)

Musik: TARANTELLA NEAPOLITANA

Die eben gehörte Tarantella Neapolitana ist wohl selten bei einer Beerdigung erklungen. Ausgewählt wurde sie von den Angehörigen, weil sie an eine vielen verborgenen Seiten des Menschen Rudolf Burger erinnert. Tamara und Richard möchten sie gewinnen, sich bei dieser Feier nicht vom ohnedies ausführlich gewürdigten Philosophen, sondern eben vom Menschen Rudolf zu verabschieden. Mag sein, dass Sie einen anderen Rudolf Burger kennen und schätzen lernen, wenn Sie diese Trauerfeier verlassen.

Rudolf, so die Botschaft des giftigen und doch heiteren Spinnentanzes, war ein Italienfan. Er liebte Italien. Daher ist das Bild auf die Bucht von Positano auf der Parte. Rudolf liebte das Meer. Einmal segelte er samt Familie in einem gar nicht seesicheren Segelboot die Kroatische Küste hinunter. Er war ein Kenner alter Segelschiffe und wusste die Namen der Segel zu nennen. Selbst alte Sextanten konnte er gut bedienen.

Liebe Tamara, verehrter Herr Richard Burger, liebe Alexandra!
Geschätzte Freundinnen und Freunde von Rudolf!

Es war am 9.12.2017. Da standen viele von uns auch schon hier. Hannah, Rudolfs Ehefrau war plötzlich verstorben. Ich war gebeten worden, der Beerdigung eine sie würdigende Ansprache zu halten. Für Rudolf war dies ein besonders schwerer Tag. Mit Hannah war er 43 Jahre verheiratet. Mit ihr hat er jene bergende Welt aufgebaut und eingerichtet, die ihn leben und oft bis in die tiefe Nacht hinein hart arbeiten ließ. Hannah war für ihn gleichsam das „Tor zur Wirklichkeit, zur Welt“, so hat sein Sohn Richard ihr bewegtes Miteinander gewürdigt. Das Bild erzählt aber zugleich, dass sie für ihn wie eine schützende Mauer war. Rudolf war von Hannahs Tod geschockt. Es war ihm unvorstellbar, dass sie vor ihm ging. Er wusste sich bei ihr zuhause, ja geradezu von ihr im alltäglichen Leben abhängig. Sie hat ihm für sein kompromisslos hartes Arbeiten oft bis tief in die Nacht hinein den Rücken freigehalten. Noch ahnte ich nicht, wie sich bewahrheiten sollte, was ich bei der Hannas Beerdigung sagte: „Der Tod trifft nicht nur die Toten, sondern die Hinterbliebenen – vielleicht diese mehr als die Toten.“ Rudolfs bittere Erfahrung kann mit einem alten Text aus dem Propheten Jesaia angedeutet werden, der das Los Israels mit dem Schicksal eines Weinbergs verglich, was auch für den Lebensweinberg von Rudolf zutraf, dessen Mauer eingerissen worden war:

Jetzt aber will ich euch kundtun, / was ich mit meinem Weinberg mache:
seine Hecke entfernen, / sodass er abgeweidet wird;
einreißen seine Mauer, / sodass er zertrampelt wird.
Zu Ödland will ich ihn machen. / Nicht werde er beschnitten, / nicht behackt,
sodass Dornen und Disteln hochkommen. / Und den Wolken gebiete ich, keinen Regen auf ihn fallen zu lassen. (Jes 5,5f)

Zum Glück ist nach dem Tod Hannas Tamara eingesprungen. Sie hat ihn einfach von Hannah „übernommen“ und hat ihn die ihm verbliebenen Jahre am Leben gehalten.

Musik: EL MATADOR

Soeben hörten wir das Stück El Matador. Auch dieses entbirgt eine Seite von Rudolf. Er liebte den Stierkampf.  Stierkampfästhetik war ihm eigen. Noch nach der Herzoperation zitierte er das „Auf in den Kampf“. Sein ganzes Leben kämpfte er, lebendig, kraftvoll, und gar nicht fröhlich, mit der Schärfe des Verstandes und weggesperrten Gefühlen. Vielleicht passt zu ihm als Lebensresümee der Satz meines Namenspatron, des Europaapostels Paulus: „Ich habe den guten Kampf gekämpft, den Lauf vollendet, die Treue gehalten.“ Und Paulus fährt fort: „Schon jetzt liegt für mich der Kranz der Gerechtigkeit bereit, den mir der Herr, der gerechte Richter, an jenem Tag geben wird, aber nicht nur mir, sondern allen, die sehnsüchtig auf sein Erscheinen warten.“ (2 Tim 4,7f.)

***

Aus meinem Dienst bei der Beerdigung seiner vermissten Hannah ist eine Freundschaft gewachsen, die ich fast vier Jahre genießen konnte. Noch bei der Beerdigung Hannas vereinbarten wir ein Wiedersehen. Aus der ersten Begegnung im Cafe Frauenhofer in der Himmelpfortgasse sollte sich eine Tradition entwickeln. Und wenn es Rudolf zu lange währte, schrieb er mir (trotz seine Abneigung gegen das Virtuelle) eine WhatsApp wie diese: „Ich hoffe, Dir geht’s gut und würde mich über ein baldiges Wiedersehen mit Dir sehr freuen“. So kamen wir zusammen, um über Gott und die Welt zu reden. Ein Thema war freilich untergründig immer gegenwärtig: Rudolf vermisste Hannah sehr. Und wenn er davon sprach, überkam ihn große Trauer und er verfiel ins Schweigen. Es herrschte eine Art laute Stille.

Ich lernte dabei den anderen, zerbrechlichen und leisen Rudolf Burger kennen. Es war bei unseren Begegnungen nicht jene angriffslustig Person, die in den Nachrufen erinnert wurde. Die harte Schale fiel ab, der Kern wurde ansichtig. Es zeigte sich ein empfindsamer und verletzlicher Mensch. Gefühle, die der Denker selten und ungern zeigte, wurden spürbar. Und noch eins fiel mir auf: Er hatte mehr Fragen als Antworten. Und auch mein Fragen war bei ihm gut aufgehoben. Wir versuchten gemeinsam zu verstehen. Wenn er sich in einer Angelegenheit klar war, vertrat er seinen Standpunkt klar und ohne Randunschärfen. War er noch nicht so weit, war nur eine nachdenkliches „Vielleicht“ zu hören.

Ein Beispiel, das uns ahnen lässt, wie tief Rudolf die großen Fragen seiner eigenen Lebens bewegten. Meine Langzeitstudie „Religion im Leben der Österreicher 1970-2020“ ergab, dass unsere Bevölkerung tief gespalten ist in Sterbliche und Unsterbliche, Ein Teil der Bevölkerung definiert die Wirklichkeit rein diesseitig. Für sie gibt es nur dieses Erdenleben. Dann ist für sie definitiv alles aus. Die anderen hingegen hoffen über den Tod hinaus. Sie akzeptieren nicht, dass es keine Gerechtigkeit für die historischen Untaten gibt. Vor allem aber erwarten sie, dass am Ende nicht der Tod, sondern die Liebe das letzte Wort haben. Ich fragte, was dann sein werde mit jenen, für die es nach diesem irdischen Dasein keine andere Existenzweise gebe. Dass sie also gleichsam ins Nichts fallen. Und seine knappe und doch kryptische Antwort: „Das Nichts gibt es nicht.“ Der Tod und das Sterben haben ihn zunehmend beschäftigt. Als er mir 2019 “von ganzem Herzen“ zu meinem Geburtstag gratulierte, schrieb er: „Bleib gesund und dem Diesseits noch lange erhalten.“ Wer so unbekümmert von einem Diesseits spricht – und Rudolf formulierte immer mit Bedacht und Genauigkeit – ahnt wohl auch, dass es ein Jenseits gibt.

Es mag nicht wenige überraschen, dass Rudolf gegen Ende seines Lebens gesagt hat, wenn er wieder auf die Welt kommen sollte, werde er Theologie studieren. Vielleicht haben ihn unsere Kaffeehausgespräche dazu inspiriert. Theologie studiert, wer über Gott und die Welt nicht nur philosophiert, sondern gerade dank seines Zweifels ein suchender Mensch ist, ein seeker, wie Grace Davie die modernen Religionsnomaden nennt, ein pelerín, so Danièle Hervieu-Legér. Rudolf war auch trotz seiner Kompromisslosigkeit im Letzen ein zweifelnder Pilger. Aber ist nicht gerade ohne gediegenen Zweifel Glaube unmöglich? Das meine immerhin mein Freund und Lehrer Peter L. Berger mit dem Philosophen Zijderveld in seinem Buch „In praise of doubt“.

Rudolf war ein Skeptiker, der ebenso wie Luther falsche Sicherheiten verwarf. Hat ihn das zu einem gemacht, der in diskreter Weise glaubte? Mich hat sehr berührt, als Rudolf bei der Beerdigung seiner Hannah zum Grab trat, in das soeben der Sarg hinabgelassen worden war. Wie alle anderen warf er Erde hinab. Und dann griff er in seine Manteltasche, holte einen Rosenkranz heraus, den Hannah bei sich getragen hatte, und warf ihn ins Grab. Rudolf hatte seine Frau in einem Gespräch als „primordial religiöse Frau“ bezeichnet, eine, die großes Vertrauen in das Leben hatte Und die eine Liebende geworden war. Aber ist nicht genau dies der Weg zur wahrhaftigen Menschwerdung? Es wird Rudolf wohl innerlich nicht fremd geblieben sein, was er an seiner Frau so sehr schätzte.

Wir werden zum Abschluss dieser Abschiedsfeier aus Vivaldi’s Jahreszeiten den „Winter“ hören. Das hat auch damit zu tun, dass bei Hannahs Beerdigung der Herbst erklungen war. Zudem war es Winter in Wien geworden, als Rudolf seinen Tod meistern musste. Er hat ein Gebet Rainer Maria Rilkes eingelöst, der dieser im Buch von der Anmut und vom Tode uns schenkte:

O Herr, gib jedem seinen eignen Tod.
Das Sterben, das aus jenem Leben geht,
darin er Liebe hatte, Sinn und Not.

Es war zu Ostern dieses Covid-Jahres. Ich feierte den Gottesdienst in einer Gemeinde mit. Danach schrieb ich Rudolf in einem WhatsApp: „Lieber Rudolf, musste jetzt im österlichen Gottesdienst an Deine liebe Frau denken, und an Dich. Gut dass die Liebe stärker ist als der Tod. Dir pace e bene, Frohe Ostern, paul.“ Und er schrieb zurück: „Lieber Paul, ich danke Dir von ganzem Herzen. Schöne und friedliche Ostern wünsch ich Dir. An Hannah denk ich immer. Ich wollte, ich wär bei Ihre. Alles Liebe, Dein dankbarer Rudolf.“

Nun ist sein Wunsch, mit seiner Hannah vereint zu sein, in Erfüllung gegangen.

Musik: VIVALDI WINTER

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