Schweizer Kanton will Pflegeheime zu Sterbehilfe verpflichten

Wiener Bioethikerin Kummer sieht darin „alarmierende Entwicklung“ – Bericht in den Niederlanden weist für 2020 neuen Höchststand von 7.000 Fällen aktiver Sterbehilfe aus.

Ein Bericht aus der Kathpress.

Zürich/Wien, 06.05.2021 (KAP) Alters- und Pflegeheime im Schweizer Kanton Graubünden sollen gesetzlich verpflichtet werden, die Durchführung von Sterbehilfe durch externe Organisationen in ihren Räumlichkeiten zuzulassen. Das sieht ein geplanter Gesetzesartikel der kantonalen Regierung vor. Die Wiener Bioethikerin Susanne Kummer bezeichnete diese Entwicklung am Donnerstag gegenüber Kathpress als alarmierend: „Zielgruppe der Sterbehilfe-Vereine sind insbesondere Senioren. Zudem hat die WHO erst kürzlich angemahnt, dass weltweit die Altersdiskriminierung zunimmt. Vor beiden Entwicklungen dürfen wir nicht die Augen verschließen“, mahnte die Geschäftsführerin des IMABE-Instituts.

Bisher lag es im Kanton Graubünden im gemeinsamen Ermessen der jeweiligen Träger sowie der Heim- und Pflegeleitung, ob sie in ihren Räumlichkeiten Sterbehilfe zulassen oder nicht. Nun sollen alle Heime einheitlich verpflichtet werden, Sterbehilfe-Vereinen Zutritt zu gewähren, berichtete das Portal Südostschweiz.ch (Mittwoch). Eine entsprechende von den Jusos eingebrachte Änderung im Gesundheitsgesetz könnte in zwei Jahren umgesetzt werden. Bereits im Kanton Neuenburg verpflichtet seit 2014 ein Gesetz Institutionen, die öffentliche Beiträge beziehen, zur Zulassung von Suiziden mit Unterstützung von Dritten. Eine Trägerschaft kann den Zutritt zwar auch verweigern, muss dann aber mit der Streichung von Fördermitteln rechnen.

Treibender Motor dieser Entwicklung ist laut Kummer die Lobbyarbeit von Sterbehilfe-Vereinen wie Dignitas und Exit, die in mehreren Schweizer Kantonen darauf drängen, dass Alters- und Pflegeheime wie auch Spitäler Suizidhilfe-Vereine zulassen. Eine Weigerung widerspreche der „Selbstbestimmung und „provoziere Ungleichbehandlungen“, wird dabei als Argument vorgebracht. Beide Vereine konnten schon bisher ein beträchtliches Vermögen mit Sterbehilfe-Aktivitäten lukrieren, mitunter auch durch Erbschaften ihrer Klienten, die laut Kummer nicht unumstritten sind. Kritiker sprechen inzwischen von einem „Big Business der Sterbehilfe“. Alleine Exit hat inzwischen 135.000 zahlende Mitglieder.

Die Zahl der Assistierten Suizide hat sich in der Schweiz seit 2010 verdreifacht. Während die Zahl der „harten“ Suizide mit rund 1.000 Fällen pro Jahr seit einigen Jahren konstant geblieben ist, kommen inzwischen 1.176 Fälle von assistiertem Suizid (2018) hinzu. Besonders hoch ist dabei der Anteil von Frauen, was laut Studien auch dem weltweiten Trend entspricht. Als Ursache nannte Kummer den Umstand, dass Frauen häufiger ihre Partner überlebten, länger alleine sind und unter Einsamkeit leiden. „Ihre soziale Einstellung vergrößert die Sorge, anderen ‚unnötig‘ zur Last zur fallen. Außerdem sind Frauen häufiger von Altersarmut und Depression betroffen“, so die IMABE-Geschäftsführerin. Daten aus den Niederlanden und dem US-Bundesstaat Oregon zeigen, dass die Rate der Suizide unter Frauen bei ärztlich assistiertem Suizid viermal so hoch ist als bei „normalen“ Suizid.

Niederlande: Täglich 19 Tötungen

„Erschreckend“ ist laut Kummer auch der aktuelle Jahresbericht 2020 der Regionalen „Toetsingscommissies“ der Niederlande, der die langfristige gesellschaftliche Folgewirkung einer Legalisierung von Beihilfe zum Suizid und Töten auf Verlangen deutlich mache. „Mittlerweile sterben in den Niederlanden täglich 19 Menschen durch aktive Sterbehilfe“, zitierte die Bioethikerin daraus. Die Zahl der Menschen in den Niederlanden, die auf eigenen Wunsch von Ärzten getötet wurden, erreichte 2020 mit 6.938 ein neues Rekordniveau und einen Anstieg von neun Prozent gegenüber 2019.

Auch die aktuellen niederländischen Zahlen zeigen, dass Sterbehilfe überwiegend ältere Personen betrifft: Die größte Altersgruppe der Getöteten sind 70- bis 80-Jährige (33,4 Prozent), gefolgt von Menschen zwischen 80 bis 90 Jahren (24,8 Prozent). In 82,4 Prozent der Fälle führten Hausärzte die Tötung durch, in 254 Fällen geschah dies durch einen Facharzt im Krankenhaus. Die Sterbewilligen wurden ganz überwiegend zu Hause (5.676), im Hospiz (475) oder im Pflegeheim getötet (305). 216 Mal erhielt ein KATHPRESS-Tagesdienst Nr.111, 6. Mai 2021 Seite 19 Sterbewilliger Hilfe bei der Selbsttötung. Falls das Mittel nicht ausreichend wirkte – dies war bei sieben Prozent der Fall – half ein Arzt schließlich durch intravenöse Tötungspräparate nach, berichtete die Ärztezeitung in ihrer aktuellen Ausgabe.

Weitere Details des Jahresberichts: Bei rund 90 Prozent der Sterbewilligen war Krebs als Ursache für den Todeswunsch angegeben. Weitere 458 Menschen wurden getötet, bei denen neurologische Erkrankungen wie Parkinson oder ALS genannt wurden. Zu den auch in den Niederlanden sehr strittigen Fällen von Tötung auf Verlangen gehörten im Vorjahr 170 Menschen, die an Demenz litten. In 235 Fällen wurden verschiedene Altersgebrechlichkeiten als hinreichender Grund zur Rechtfertigung einer Tötung auf Wunsch dokumentiert, auch ohne schwere Erkrankung.

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Eine Antwort zu Schweizer Kanton will Pflegeheime zu Sterbehilfe verpflichten

  1. Brand,Hildegard schreibt:

    Zahlen hören sich oft zunächst einmal erschreckend an, zumal es um „Leben und Tod“ geht. Zahlen sind leblos, abstrakt, wenn sie aus der Ferne, rein statistisch wahrgenommen werden…
    Natürlich kann „man“ die An – z a h l der Menschen, die Hilfe beim Sterben durch einen „Dritten“ erbitten, in Relation zur Einwohnerzahl und darin wiederum in Relation zur Sterberate in einem Land insgesamt sehen – jedoch – es sind immer leibhaftige Menschen mit einem konkreten Schicksal, Leiden und je eigenem Selbstbewusstsein.
    Und gerade unter diesem Aspekt zeigt sich die Amivalenz, vielleicht sogar das Dilemma der Problematik. Gibt es überhaupt humane Auswege, speziell auch in unseren Demokratien – außer den strikten Verboten von assistierten Herbeiführungen des Todes einerseits und der völligen Freigabe andererseits ?
    Es kann durchaus die Grenze zur In-Humanität überschritten werden und könnte uns an finstere Zeiten denken lassen, wenn profitorientierte „Sterbe-Hilfe-Organisationen“ sich per Gesetz und damit wie selbstverständlich, vielleicht sogar werbend, Zugang zu Pflegeheimen verschaffen wollen. Andererseits: Was wird aus dem Wunsch, eventuell in Form einer testamentarisch festgeschriebenen Bitte eines Menschen, ihm in einer unerträglichen Leidenssituation beim Sterben zu helfen. Diejenigen, die zuhause leiden, bekommen womöglich die Hilfe, wenn sie denn gesetzlich erlaubt ist, und andere in einem Pflegeheim eben nicht. Dieser Bereich ist ein „öffentlicher“ Lebensbereich mit einer Vielzahl von Verantwortlichen …. Kontrolle muss in beiden Bereichen gewährleistet werden – aber wie und mit welchen Begründungen?

    Für ganz wichtig halte ich zugleich die „Schulung“ unseres „Bewusstseins“ von Leben, Sterben und Tod in ihren Zusammmenhängen, wenn wir so wollen, eine „Lebens- und Sterbekultur“. Dazu gehören m.E. auch die Entwicklung des Bewusstseins von Leiblichkeit, das bewusste Eingeständnis, dass es in den meisten „Fällen“ nichts zu „Beschönigendes“ , oft sogar eher „Grausames“ im Sterbeprozess ist, wenn die Organe von Krankheiten befallen sind und es ein leidvoller Weg bis hin zum multiplen Organversagen ist. Wer einen sterbenden Menschen, z.B. eine Mutter, einmal in seinem, ihrem Ringen um sein/ ihr Leben begleitet hat, kann auch wahrnehmen, wie es um das „Ringen“ einer „bedrängten Kreatur“ geht. Wir sind kreatürlich – aber als Menschen auch mit einem hoch-entwickelten Bewusstsein ausgestattet, das zum Leben mit „Geist“ und „Seele“ strebt und nicht wahrhaben will, dass Sterben und Tod gerade deshalb „absurd“ ,
    sind, wider – sinnig gegen die Fülle des Lebens. Deshalb bedarf es einer „Kultur des Lebens u n d des Sterbens“ , einer Kultur des Lebensschutzes, aber auch einer Kulltur der je würdevollen Begleitung des Lebenden auf seinem leidvollen Weg des Sterbens. Alles Sterben ist auch Leiden. Der Maler Matthias Grünewald wusste um dieses Leiden zu Zeiten der Pest, wenn er Jesus am Kreuz mit Pestbeulen übersät und mit seinen ringenden, gespreizt-schreienden Händen malte. Aber auch „jede/r“ Sterbende kann so „hände-schreiend“ nach Luft schnappen. Und ein ihn begleitender Mensch könnte sich dabei stark „mit – leidend“ fragen: Warum kann er denn jetzt nicht einfach endlich sterben ! ? Oder: Warum nimmt Gott ihn nicht endlich zu sich ?!
    Die Debatte um assistierte Sterbehilfe muss künftig mit allen unmittelbar und mittelbar Betroffenen, ( sind wir nicht alle als „Sterbliche“ früher oder später betroffen! ) auch mit den Vertretern/ Innen der Sterbehilfsorganisationen in aller Schonungslosigkkeit und offen geführt werden. Demokratien müssen das aushalten und zugleich Verbrechen wie in der Zeit der Nationalsozialisten verhindern!

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