Das Netz des sozialen Friedens ist zerbrechlich

Pressemitteilung des Katholischen Forums
Bozen, 10. Februar 2021


Die medial übermittelten Bilder von der Versammlung der „Freien Bürger“ vor dem
Landhaus am vergangenen Sonntag sind noch frisch. Erinnerungen an die
Erstürmung des Kapitols in Washington Anfang Jänner tauchen auf. Gemeinsam ist
beiden Anlässen eine offen zum Ausdruck gebrachte Wut. Zielscheibe der Wut sind
„die da oben“, verantwortlich für alles, was nicht gut geht.

Die derzeitige Situation der anhaltenden Pandemie ist schwierig, ja für bestimmte
Berufsgruppen, für Familien, für Kinder und Jugendliche oder Arbeitslose extrem
schwierig. Wie durch ein Vergrößerungsglas werden soziale Nöte, Brüche und
Verwerfungen in dieser lang andauernden Krise mit einer kaum gekannten
Deutlichkeit sichtbar. Der Unmut der Betroffenen ist verständlich, das Vertrauen in
die Kompetenz der Politik scheint mehr und mehr zu schwinden.

In dieser schwierigen Situation erscheint uns der gesellschaftliche Zusammenhalt als
eine Grundvoraussetzung, um die großen Herausforderungen, die diese Pandemie
zweifellos für alle darstellt, bewältigen zu können. Von Wut und Hass erfüllte Tiraden
gegen demokratisch gewählte Personen und Institutionen, menschenverachtende
Botschaften in sozialen Medien und digitalen Foren sind Gift für das zerbrechliche
Netz des sozialen Friedens. Dafür gibt es keine Rechtfertigung.

Das Katholische Form, die Vereinigung von fünfzehn Laienorganisationen, sieht die
zunehmende Verrohung im öffentlichen Diskurs mit großer Sorge. Demokratie lebt
vom Streit und von der harten Auseinandersetzung in der Sache. Rationale
Auseinandersetzung erfordert allerdings mehr Anstrengung als emotionale
Schuldzuschreibung. Die Pandemie hat uns noch im Griff, doch es wird eine Zeit
nach der Pandemie kommen. Es geht für die politischen Vertreter darum, das
Gespräch mit den Entmutigten und Enttäuschten dort nicht abbrechen zu lassen, wo
es noch eine gemeinsame Basis für ein Gespräch gibt. Ein Aufruf ergeht aber an uns
alle: nicht leichtfertig über mediale Hassbotschaften und öffentliche Hetze
hinwegzusehen, sondern zu einer maßvollen und konstruktiven Gesprächskultur
beizutragen. Dies ist unabdingbar für das Durchstehen der Pandemie und für ein
gutes Leben danach.

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Eine Antwort zu Das Netz des sozialen Friedens ist zerbrechlich

  1. Brand, Hildegard schreibt:

    Das ist m.E. eine sehr gute und wichtige Pressemitteilung, vor allem weil sie sich als solche an die Öffentlichkeit wendet. Ich stimme den Inhalten voll zu, möchte jedoch einige Zusammenhänge konkretisieren, die sich auch auf so manche Situationen in der BRD beziehen.

    Gehen wir davon aus, dass Sprechen einer Sprache eine Handlung ist.
    In dieser Handlung werden Worte und Sätze in der Regel mit bestimmten Kon-Texten bewusst gebraucht.
    Wenn auf Transparenten – weit sichtbar auf öffentlichen Kundgebungsplätzen – die Worte
    „Tag der Befreiung“ lesbar sind, denken geschichtsbewusste Menschen hoffentlich an den Tag der Befreiung von der grausamen Herrschaft der Nationalsozialisten.

    Wenn aber die gleichen Worte auf einem Transparent als Parole auf einer Kundgebung gegen die Corona-Maßnahmen in einem demokratischen Staat erscheinen, dann ist das nicht nur erschreckende Geschichtsvergessenheit und Pervertierung, d.h. Umkehrung der historischen Zusammenhänge, sondern vor allem Verhöhnung der Opfer des Nationalsozialismus und Faschismus.
    Das Gleiche gilt in besonderer Weise, wenn Demonstranten gegen Corona-Maßnahmen T-Shirts mit einem aufgedruckten Judenstern tragen oder lautstark ausrufen: „Ich bin Anne Frank!“ – als Ausdruck ihrer gefühlten „totalen“ Unfreiheit und Lebensbedrohung durch „Corona-Maßnahmen“ .
    Das sind dann – erst recht wenn bestimmte Partei-Funktionäre vorangehen oder
    sich solidarisieren – nicht „nur“ Kundgebungen von „unbestimmter Wut“ oder Hass, sondern gezielt und bewusst getätigte Sprechhandlungen, mit denen „am rechten Rand gefischt“ wird. Anders benannt: geistige Brandstiftungen als Handlungen.
    Oder sie sind Ausdruck der Unfähigkeit, Sachverhalte zu unterscheiden, sachbezogen zu kritisieren, was ja in einer Demokratie wesentlich ist.
    Nichts anderes bedeuten ja die Worte „kritisieren“ / “ Kritik“ : ( griech. krinein = unterscheiden; techne = Fähigkeit, Kunstfertigkeit..) die Kunst des Unterscheidens – hier geht es ja z.B. um die Kunst historische Kontexte und damit auch Sprechzusammenhänge zu unterscheiden.

    Es bleibt sehr schwer, vor dem Hintergrund von bewusst zur Manipulation eingesetzter „Geschichtsvergessenheit“ oder gar kindlicher Geschichts-Unwissenheit eine konstruktive Gesprächskultur zu pflegen, es sei denn, Menschen würden noch einmal zu vielen Stunden Geschichtsunterricht oder zum Besuch einer KZ- Gedenkstätte verpflichtet.
    Natürlich muss in einer Demokratie die BürgerIn-Pflicht zur Kritik immer bestehen bleiben. Und es ist sicher Vieles – schon lange vor „Corona-Zeiten“ – im Argen, was jedoch erst in dieser Zeit offen zu Tage tritt, wie auch im Beitrag oben gesagt wird.

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