Es geht um Vertrauen…

Offener Brief der früheren Präsidentin der Katholischen Aktion Österreichs
Mag. Gerda Schaffelhofer an Herrn Bundeskanzler Sebastian Kurz.

Sehr geehrter Herr Bundeskanzler,

seit Monaten werden wir über die Medien mit täglich upgedateten Statistiken versorgt, die Aufschluss über Fort- und Rückschritte in Pandemiezeiten geben. Gut so, weil in Krisenzeiten Transparenz doppelt wichtig ist. Interessant wäre nun freilich eine ebensolche öffentlich gemachte Statistik über das Vertrauen der Bevölkerung in die Regierungsarbeit. Man könnte anhand steigender Kurven Vertrauenszuwachs, anhand fallender Vertrauensschwund ablesen und dies in alle nur möglichen Richtungen analysieren. Und wahrscheinlich gäbe es unzählige Interpretationsmöglichkeiten. Für gestern wage ich es, trotz nicht vorhandener Statistik einen Sturzflug Ihrer Vertrauenswerte auf dieser Kurve zu prognostizieren, der allerdings keine großen Interpretationsspielräume zugelassen hätte. Denn der Unmut über die Abschiebung von Kindern, die in Österreich bestens integriert waren, kann nicht „weganalysiert“ werden.

Nun ist es aber mit dem Vertrauen so eine Sache. In der Regel hat man dieses zu einer Person und damit zu ihren Entscheidungen und Handlungen. Ist man von etwas, das dieser Mensch tut, enttäuscht, überträgt sich das auf die ganze Person. Wissend um den Wert von Differenzierungen, soll hier nicht  Pauschalverurteilungen das Wort geredet werden. Wohl aber sei darauf hingewiesen, dass Vertrauen ein Gut ist, das schnell verspielt ist, wenn wiederholt durch Einzelentscheidungen die Glaubwürdigkeit einer Person ins Wanken gebracht wird.

Herr Bundeskanzler, wie sollen wir Ihnen in Pandemiezeiten Ihre Sorge um die alten Menschen, um die Pflegebedürftigen, um Hochrisikogruppen abnehmen können, wenn Sie sich zeitgleich vom Schicksal einzelner völlig unbeeindruckt zeigen? Wie sollen wir glauben, dass Sie alles in Ihrer Macht Stehende tun werden, um die Schwachen unserer Gesellschaft zu schützen, ihnen sogar bei der Impfung Priorität einräumen werden, sobald es diesen Impfstoff endlich gibt, wenn sie dort keinen Finger rühren, wo es keines Impfstoffes und keiner Milliarden zur Heilung bedarf, sondern mit wenig Geld und einer Portion Menschlichkeit viel zu bewegen wäre?

Man wäre ja geneigt, aus  ihrem Blick – ihr Gesicht ist oft in Großaufnahme im Fernsehen zu sehen – echtes Bemühen um Menschlichkeit in diesen schwierigen Zeiten, echtes Ringen um ethisch verantwortbare Entscheidungen abzulesen, wären da nicht Moria, Kara Tepe oder ganz in der Nähe Simmering. Ihr Slogan „Hilfe vor Ort“, der nicht einmal 100 Familien die Aufnahme in unserem Land gewährt hat, erreicht nicht einmal den 11. Bezirk Wiens! Auch Ihre Sorge um die Kinder in unserem Land, um ihre psychische Belastung, um ihre Bildung ist nicht glaubwürdig, wenn Sie bei bestens in Österreich integrierten Kindern wegschauen und für höchst traumatisierte Kinder in den Flüchtlingslagern statt wirklicher Abhilfe von einem Ministerkollegen „Therapiestunden vor Ort“ versprechen lassen. Darf man in einer menschlichen Politik, für die Sie stehen wollen, wirklich so splitten? Hier die Guten, dort die anderen? Dass das auf Dauer nicht gut gehen kann, egal wer diese anderen sind, zeigt die Geschichte.

Herr Bundeskanzler, Sie haben Ihre Regierungsarbeit auf einem hohen Level in der Vertrauensstatistik begonnen. Dass es in einer solchen Statistik immer Peaks und kleine Abstürze geben wird, weil man nicht allen alles Recht machen kann und Politik immer die Kunst des Machbaren ist, versteht sich von selbst.  Aber wenn durch Versäumnisse einer Regierung, die nicht sein müssten und die großteils reiner Parteitaktik geschuldet sind, die Inzidenzzahlen der an Vertrauensverlust Erkrankten immer höher werden, bedarf es vermutlich einer Kurskorrektur. Denn gerade in Pandemiezeiten braucht eine Regierung das Vertrauen der Bevölkerung. Ohne dieses steht sie mit all ihren Verordnungen und redlichen Bemühungen auf verlorenem Posten. Sie braucht die Unterstützung der Sozialpartner, aber auch die der Kirchen und anderer Interessenvertretungen. Ich möchte nicht wissen, welche Infektionszahlen es heute gäbe, hätten die Kirchen nicht die Bemühungen der Regierung von Beginn der Pandemie an mitgetragen. Die Regierung wäre daher gut beraten, die Kirchen mit ihrer restriktiven Migrationspolitik nicht gänzlich vor den Kopf zu stoßen. Die Kirchen werden immer als Anwälte der Schwachen, Bedrängten, Verfolgten auftreten, das ist der Kern ihrer Sendung, alles andere wäre Selbstaufgabe.  Sie, als Bundeskanzler, der immer um einen Schulterschluss mit den Kirchen bemüht war, wissen das auch.

Von Bruno Kreisky wurde kolportiert, dass Hilfesuchende ihn sogar nachts kontaktieren konnten, wenn sie nicht weiter wussten. Ich habe dieses Gerücht nie überprüft, vielleicht war es nur gut erfunden. Aber selbst dann würde es das enorme Vertrauen der Menschen zu diesem Bundeskanzler abbilden, von dem allgemein gesagt wurde: Er hat die Menschen gemocht. Die Menschen, nicht nur einen Teil von ihnen.

Sehr geehrter Herr Bundeskanzler, viele ihrer Wählerinnen und Wähler würden dies eines Tages auch gerne von Ihnen sagen können.


 Mit freundlichen Grüßen

Mag. Gerda Schaffelhofer

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Eine Antwort zu Es geht um Vertrauen…

  1. Brand, Hildegard schreibt:

    Ein sehr mutiger, beeindruckender Brief mit sehr überzeugenden Argumenten zur Rettung von ungesplitteter Menschlichkeit gegen Doppelmoral und Kälte,
    die ja – auch demokratischen Staaten – nichts Außergewöhnliches ist.
    Er könnte europaweit weitergeleitet werden.

    Scherwiegend wird die gesplittete Menschlichkeit, wenn sie nicht nur „Gschätz“ bleibt, sondern schwerwiegende Handlungsfolgen hat für das Schicksal z.B. von drei jungen Menschen mit Hoffnungen, Lebensenergien, mit der Erfahrung von Geborgenheit, von Menschlichkeit in ihren Sozialkontakten, in ihrer „zweiten Heimat“ . Da herausgerissen zu werden !!

    Haben die Verantwortlichen, z.B. ein Kanzler, in ihrem doch auch noch relativ jungen Leben jemals einen derartigen Schicksalsschlag erlebt, ein Schicksal des H e r a u s g e r i s s e n w e r d e n s und damit
    der H e i m a t l o s i g k e i t für Leib und Seele ?!

    Und – sollten wir alle in unseren Noch-Wohlstandstaaten nicht ganz bescheiden und kleinlaut die Möglichkeit in Erwägung ziehen, dass auch wir einmal und nachfolgende Generationen – zusätzlich zu den 70 Millionen Flüchtenden weltweit – zu Flüchtlingen werden könnten,
    wenn z.B der Klimawandel vor den Mauern um die Festung Europa keinen Halt macht, wenn es wegen verdörrter Äcker keine verlässlichen Ernten mehr geben wird, wenn Börsenzocker oder auch immer wiederkehrende Pandemien unsere Weltwirtschaft lahm legen …
    Ja – wir sollten – und – weitsichtig werden ;

    Und – schlicht und einfach nach der „goldenen Regel“ handeln : „Was Du nicht willst, das man dir tut, das füg auch keinem Anderen zu !“ Haben wir in der Kindheit mit Recht, Gott seis gelobt, immer wieder eingebläut bekommen mit der Folge, dass wir einen Nächsten nicht leiden sehen konnten…

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