Das Sterbensleid outsourcen

Der vorhersehbare Streit um das Urteil des VGH zum assistierten Suizid ist eine Lesehilfe für einen in der Tiefe der Kultur vorhandene Polarisierung. Diese hat keinesfalls in erster Linie mit der Religion zu tun. Vielmehr geht es um die „Wirklichkeiten“, welche die Menschen im Land mit ihrem Bewusstsein bewohnen. Diese sind höchst unterschiedlich. Nach der letzten Religionsstudie in Österreich im Jahr 2020 lebt ein Drittel der Menschen in einer endlichen Welt von 90 Jahren. Sind diese vorbei, ist für sie „definitiv alles aus“. Ganz anders die übrigen Menschen: Für sie ist der Tod nicht das definitive Ende, sondern ein Übergang in eine neue Existenzweise.

„Sterbliche“ und „Unsterbliche“ leben also miteinander und stehen zugleich in wichtigen Belangen einander gegenüber. Auch hinsichtlich des assistierenden Suizids. Dieser Unterschied in der „Wirklichkeits“-Auffassung hat nämlich enorme Auswirkungen auch auf die Frage der aktiven Lebensbeendigung.

In der Studie lautete die entsprechende Frage: „Es sollte möglich sein, das Leben von Menschen in der letzten Lebensphase aktiv zu beenden (z.B. durch eine Spritze/Sterbehilfe anzuwenden).“ Vier Antwortmöglichkeiten waren vorgegeben, die von „grundsätzlich dafür“ bis „grundsätzlich dagegen“ reichten. Dazwischen lagen „ich bin unter bestimmten Umstanden dafür“ und „ich bin eher dagegen“.

Zunächst zeigt sich, dass im Bevölkerungsschnitt es eine deutliche Tendenz zur Befürwortung gibt – grundsätzlich sind 22% der Menschen im Land dafür, unter Umständen 46%. Nicht einmal in Drittel ist eher (16%) oder grundsätzlich (12%) dagegen. Offenbar kennen viele sehr komplexe Einzelfälle, in denen ein verantwortliches Abwägen für erforderlich gehalten wird.

Outsourcer und Durchsteher

Schlüsselt man aber die Daten für die Sterblichen wie die Unsterblichen auf, wird das Ergebnis modifiziert. Zwar bleibt die Gruppe der Abwägenden mit 44% bei den „Sterblichen“ und 46% bei den „Unsterblichen“ in etwa gleich. Dann aber zeigen sich doch klare Unterschiede. Unter den „Unsterblichen“ sind 42% grundsätzlich dagegen, unter den „Sterblichen“ hingegen lediglich 9%.

Ich kann diesen Zusammenhängen etwas abgewinnen. Wenn jemand davon überzeugt ist, dass mit dem Tod „definitiv alles aus“ ist, kann es in seiner „Wirklichkeit“ durchaus Sinn machen, eine unerträglich leidvolle Wegstrecke hin zu diesem Ende gleichsam abzukürzen und das Sterbeleid outzusourcen. Ob jemand dazu eine Assistenz beansprucht oder auch nicht, erscheint unterm Strich ziemlich nachrangig.

Die Ursache sehen, nicht die Folgerungen beklagen

Den Kirchen ist zu raten, sich nicht allein mit der Folgerung zu beschäftigen, die jemand aus seiner „Wirklichkeitsauffassung“ ableitet. Vielmehr sollten sie sich mehr mit der „Konstruktion der Wirklichkeit“ befassen: also deren Reichweits, oder traditionell formuliert mit Tod, Endlichkeit und der Frage, ob es die Liebe duldet, dass der Tod am Ende stärker ist als sie. Wie kommt es, dass in einer christlich geprägten Kultur, die von der Botschaft der Auferstehung lebt, ein Drittel davon ausgeht, dass es eine solche nicht gibt? Scheitern die Kirchen damit nicht mit ihrer Kernbotschaft? Sollten da statt der Osterglocken nicht die Alarmglocken läuten?

In einer solchen Situation nützt es wenig, über die Folgerungen zu klagen, welche die Menschen aus einer nicht mehr österliche definierten Wirklichkeitsauffassung ziehen. Solche Überlegzungen leugnen nicht, dass das Sterbeleid auch für Menschen unerträglich werden kann, auch wenn sie auf eine Auferstehung hoffen.

Unbestimmte Umstände

Bleibt freilich noch offen, wie näher geklärt wird, was die „bestimmten Umstände“ sind, näherhin was menschenwürdiges Sterben in einer solidarischen Kultur und was unerträgliche Schmerzen in einer Zeit der Hightechmedizin sind. Und wie verhindert wird, dass nicht Sekundärinteressen (wie Belastung durch Pflege oder Kosten des oft langen Sterbens: auch Erben macht glücklich) nicht das hehre Argument freier Selbstbestimmung unbemerkt unterwandern. Da kommt auf den Gesetzgeber eine „Heidenarbeit“ zu.

Mehr der Analyse der unterschiedlichen „Wirklichkeiten“, in denen wir leben, in: Zulehner, Paul M.: Damit der Himmel auf die Erde kommt. In Spuren wenigstens. Menschlich leben inmitten weltanschaulicher Vielfalt, Ostfildern 2020.

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4 Antworten zu Das Sterbensleid outsourcen

  1. Peter Wurm schreibt:

    Sehr geehrter Herr Doktor Zulehner!

    Die Spaltung der Gesellschaft in „Sterbliche“ und „Unsterbliche“ geht eben direkt durch die Kirche selbst. Ich stimme Ihnen völlig zu, wenn es darum geht, die Ursachen erforschen zu wollen. Die letzte Ursache bleibt, wie immer, eine Glaubensfrage:

    https://peterwurm.wordpress.com/2020/12/12/euthanasie-in-osterreich/

    In Verbundenheit

    PW

  2. Ulrike Brustmann-SIeber schreibt:

    Es mag ja Extremfälle geben, die den Wunsch nach assistierter „Suizid-Hilfe“ verstehbar machen. Ich erlaube mir da kein Urteil.- Ausnahmen bestätigen die Regel – Ich halte es allerdings für einen fatalen Fehler, daraus eine allgemein gültige Regelung zu machen, die sich noch dazu in einer Gesetzesänderungen niederschlägt.
    Und dabei geht’s nicht nur um das Thema, wie sehen das „Sterbliche“ (bzw „Areligiöse“) und „Unsterbliche“ (bzw. „Religiöse“)………….Jeder Mensch hat ein Recht auf Leben (ein Wert mit dem gewiss auch areligiöse etwas anfangen können), heißt es in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte. Nun sprechen wir von „einem Grund-Recht auf ein selbst bestimmtes STERBEN“. – Was denn nun ? Recht auf Leben oder Recht auf Sterben ? – Nur mit der Selbstbestimmung ists in einer Situation einer Krise sehr oft nicht allzu weit her (suizidale Einengung usw..) und ein Todeswunsch kann sich auch wieder ändern (Nicht umsonst hat Erwin Ringel 1948 das weltweit erste Suizidpräventionszentrum in Wien aufgebaut).. – . Warum wollen Menschen überhaupt sterben ? Wohl deswegen, weil ein Zustand nicht aushaltbar erlebt wird,oder um keine Schmerzen mehr zu haben. Ists da nicht ratsamer, vorrangig, derlei Zustände zu lindern und lebbar zu gestalten, z.B. mit der richtigen Behandlung,richtiger Schmerzbehandlung, oder einer guten Hospizbegleitung, die sozialen Rahmenbedingungen zu verbessern udgl…?

  3. Brand, Hildegard schreibt:

    Es ist und bleibt sehr, sehr schwierig, angesichts der KOMPLEXITÄT dieses immer wieder heftig umstrittenen Themas überhaupt aufgeklärte, „logische“, aber auch barmherzige Argumente anzuführen:

    sind wir doch hoffentlich alle stolz auf die mühselig erkämpften Errungenschaften in Gestalt unserer freiheitlich demokratischen Verfassungen und der Grundwerte darin, deren Grundlagen mit den erklärten Werten der „Aufklärung“ vor und im 18. Jahrhundert gelegt wurden: z. B. dem Wert der Selbstbestimmung, Freiheit zu einer individuellen Gewissensentscheidung in Rückbindung an das „moralische Gesetz in mir“ ( I. Kant) , aber auch in Rückbindung an die Gemeinschaft, so dass die „Maxime“ individueller Entscheidungen und Handlungen auch der Überprüfung standhalten muss, ob sie zum allgemeinen Gesetz werden könne ( so Kant mit seinem „kategorischen Imperativ“ ), womit auch Verantwortung gemeint ist.
    Und gerade daraus ergeben sich m.E. die Spannungsfelder, zwischen denen sich staatliche Verfassungorgane und Kirchliche Institutionen auf der einen Seite und die betroffenen Individuen auf der anderen Seite bewegen, d.h. die sterbewillige, extrem leidende Person und diejenige, die ihr nach deren Willen beim Sterben helfen sollte, könnte, aus hoher moralischer und mitleidender Verantwortung heraus sogar helfen möchte.
    Auch diese Verantwortung könnte sogar theologisch mit der Barmherzigkeit Gottes begründet werden.

    Was mir in der Debatte oft fehlt, ist das Vertrauen in die Authentizität und das je gut entwickelte moralische Bewusstsein, in das Gewissen der einzelnen betroffenen Personen. Es fehlt vielleicht auch oft das vertrauende Bewusstsein, dass es sich kaum ein Mensch leicht macht, „einfach“ so, ohne schwerwiegende Gründe, aus dem „diesseitigen“ Leben zu gehen. Und eben der Respekt vor der höchsten Instanz des individuellen Gewissens. Demokratie lebt auch von diesem Vertrauen.

    Aber – / Und – das unterscheidet ( hoffentlich) unsere heutigen demokratschen Gesellschaften und das ( hoffentlich) sensibilisierte Bewusstsein der in ihnen lebenden Bürgerinnen, Bürger von den grausamen Unrechtsgesetzen, den menschenverachtenden, zynischen Begründungen und damit legitimierten Verbrechen der NATIONALSOZIALISTEN gegen mindestens 200 000 Menschen mit Behinderungen, am Anfang vornehmlich behinderte Menschen mit jüdischem Glauben, junge und dann auch alte, deren Leben nach einem grausamen Selektionsprinzip der „Rassenhygiene“ für „unwert“ erachtet wurde. Sie wurden in Pflegeheimen, z.T. sogar nach Menschenversuchen an ihnen, entweder „eingeschläfert“ oder in den sogen. „schwarzen Bussen“ in Vernichtungsorte abtransportiert, ermordet, verbrannt, so dass z.B. in Grafeneck die Schornsteine ständig rauchten, so Augenzeugen.
    Vorgetäuscht wurde eine „hehre“ Absicht, nämlich sie von Leiden zu erlösen, ihnen einen „guten“ Tod zu ermöglichen ( Eu-Thanatos) . Sie, so die Täter, auch als Gesetzgeber, über ihre eigene Motivation, seien sogar menschlicher als die Lebewesen in der Natur, in der schwaches Leben einfach liegen gelassen werde. So „veredelten“ sie ihre systematisch, bürokratisch organisierte Vernichtungsmaschinerie.
    Gleichzeitig stellten sie offen-zynisch eine Kosten-Nutzen-Rechnung zum Wohle der „Volksgemeinschaft“ auf.

    Weshalb halte ich es auch heutezutage für so wichtig, diese grauenvollen Verbrechen immer wieder in Erinnerung zu rufen?
    So etwas darf nie wieder zugelassen, staatlich begründet, verordnet und in grausame Taten umgesetzt werden.

    Deshalb ist es m.E. wichtig, auch in demokratischen Systemen KONTROLLINSTANZEN einzusetzen (bestehend aus Ärztinnen, Ethikerinnen, Angehörigen, Juristinnen u.a. ), welche den MISSBRAUCH von liberalen, menschenfreundlichen, den Willen des Einzelnen respektierenden Gesetzen verhindern müssten. Einfach ist das sicher alles nicht, weder für die Gesetzgebenden, noch für Politiker*innen oder Kirchenverantwortliche.

    Auf einer anderen Ebene wäre es natürlich sehr wünschenswert, wenn Schmerztherapien, das Hospizwesen, Sterbebegleitende, die Palliativmedizin viel mehr – auch staatlich- unterstützt und ausgebaut würden.( vgl. Kommentar von Frau Ulrike Brustmann-Sieber oben)
    Auch sollten die Stimmen von den betroffenen Schwerstkranken viel stärker einbezogen werden. Uns in sie hineinzuversetzen, könnte helfen, Entscheidungen besser zu verstehen.

    • Ulrike Brustmann-Sieber schreibt:

      Tja, vielleicht brauchts dann bald eine Art „Internationale Vereinigung für Euthanasieverhütung“ angelehnt an Ringels „Internationale Vereinigung für Selbstmordverhütung“ gegründet 1960 (laut Wikipedia)………………….denn es gibt ja auch das Phänomen der „suizidalen Einengung“ (heißt das so?)……….Wieso sollte es bei dem delegierten Suizid (Euthanasie) diese Einengung nicht potentiell auch geben ?……………..

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