Frömmigkeit mit Kollateralschäden

Hochrangige Politiker*innen haben zu einer gut vorbereiteten und gestalteten Gebetsfeier im Parlament eingeladen. Die Leitung der christlichen Kirchen und der jüdischen Religionsgemeinschaft haben sie angenommen. In DIE-PRESSE-Online hat die Theologin Michaela Quast-Neulinger argumentiert, dass Gebet natürlich für glaubende Menschen auch in der Politik gut ist. Sie stellt aber in Frage, ob der Ort (das Parlament) und der Briefkopf des Parlaments auf der Einladung zulässig sind. Mit guten Argumenten verneint sie diese zwei Fragen.

Ihre Kritik hat in den Kommentaren zu ihrem Beitrag eine nicht gerade feinfühlige Diskussion ausgelöst.*) Diese wird von vehementen Verteidigern des Parlamentsgebets und dessen aggressiven Gegnern bestritten (ich weiß, ich hätte gendern müssen 😊). Statt dass das Beten Frieden bringt, hat es unfriedlichen Streit verursacht.

Befürworter des gottvollen Events in einem säkularen Raum haben – blauäugig oder absichtlich – nicht die möglichen Nebenwirkungen bedacht. Eine solche kann die Instrumentalisierung der Religion für eine Politik sein, die nicht astrein religionsfreundlich ist. Österreicherinnen mit islamischem Glauben nicht zum gemeinsamen Gebet einzuladen, ist eine Variation der subtilen Kränkungen der Mitglieder der zweitgrößten Religionsgemeinschaft im Land. Der Islam ist zwar eine der drei abrahamitischen Religionen. Aber bei einem Gebet der Hoffnung ist das Gebet islamischer Religionsführer sichtlich unerwünscht. (Worte wie „Islam“ oder „Muslimas“ hat in der Gebetsfeier niemand in den Mund genommen. Kränkendes Verschweigen tötet und sät Gewalt, nicht Frieden.) Die interreligiöse Gebetskultur der Päpste sieht übrigens schon lange anders aus (siehe unten).

Ein Schlupfloch aus der religionspolitischen Sackgasse könnte darin bestehen, dass es im Parlament auch viele andere zivilgesellschaftliche Events gibt. Die anerkannten Religionsgemeinschaften lassen sich dem zivilgesellschaftlichen Bereich zuordnen – mit etwas Mühe, weil der zivilgesellschaftliche Raum auf eine demokratische Binnenkultur hohen Wert legt. Aber auch dieser Ausweg erweist sich als verschlossen: Denn es haben ja Parlamentarier eingeladen. Politiker*innen lassen sich aber vom staatlichen Bereich nicht trennen.

Wie es wohl den Bischöfen der christlichen Kirchen jetzt ergeht? Sie werden auf die Bedeutung des Betens hinweisen. Und dass man das doch überall machen könne. Warum also nicht auch im Parlament? Damit aber schließt sich der Kreis meiner ratlosen Nachdenklichkeit. Denn wer hat schon was gegen das Beten der Frommen, die es erfreulicherweise auch unter Politiker*innen gibt.

Jesus rät den Frommen: „Betet allezeit!“ (Lk 18,1). Aber ein „Betet überall!“ finde ich nicht. Schon gar nicht, wenn der Verdacht nicht gänzlich abwegig ist, dass das Beten sich nicht mehr an Gott richtet, sondern an Wählerinnen und Wähler.

Ökumenisches Gebet

Herr, unser Gott, dreifaltige Liebe,
lass aus der Kraft deiner innergöttlichen Gemeinschaft
die geschwisterliche Liebe in uns hineinströmen.
Schenke uns die Liebe, die in den Taten Jesu,
in der Familie von Nazaret und in der Gemeinschaft der ersten Christen aufscheint.

Gib, dass wir Christen das Evangelium leben
und in jedem Menschen Christus sehen können,
dass wir ihn in der Angst der Verlassenen und Vergessenen dieser Welt
als den Gekreuzigten erkennen
und in jedem Bruder, der sich wieder erhebt, als den Auferstanden.

Komm, Heiliger Geist, zeige uns deine Schönheit,
die in allen Völkern der Erde aufscheint,
damit wir entdecken, dass sie alle wichtig sind,
dass alle notwendig sind, dass sie verschiedene Gesichter
der einen Menschheit sind, die du liebst. Amen.

(aus: Papst Franziskus: Fratelli tutti)

*) Hier Kostproben aus den Kommentaren in DIE-PRESSE-Online vom 8.12.2020:

Fällt diesen ‘besorgten’ Theologen (und korrekten Gutmenschen) nicht auf, dass genau ihre krakeelenden Wichtigmacher-Kritiken unsere demokratischen Werte gefährlich untergraben? Werte ‘Besorgte’ – bitte erklärt uns also schlüssig und praktikabel, wie ihr den Gefährdern unserer demokratischen Werte, Religion und Gesellschaft begegnen wollt? (input)

Es wäre im Jahr 2020 an der Zeit Kirche und Staat endlich zu trennen. Das heisst Organisation von Religion als Verein und Einstellung sämtlicher staatlicher Leistungen und Privilegien an Religionsgemeinschaften. Das inkludiert natürlich auch die Auflösung aller theologischen Lehrstühle und Studien an staatlichen Universitäten. (Manchesterliberalist)

 

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9 Antworten zu Frömmigkeit mit Kollateralschäden

  1. albertpichler schreibt:

    Besonders ungut ist, dass die Chance einer religionsverbindenden Form des Betens vertan worden ist. Die Initiator*innen müssen sich fragen, was sie zum einen motiviert hat, im Parlament zu beten, und zum andern, was sie – bewusst oder unbedacht – abgehalten hat, die muslimischen Vertreter*innen einzuladen.

    • Hannes Gunka schreibt:

      Sind Ihnen die Dauerkrisen der letzten 5-10 Jahre nicht Motivation genug, andauernd zu beten? Flüchtlingskrise, Umweltkrise, Wirtschaftskrise, Korruption, etc wieviele anlässe brauchen wir denn noch? Wir brauchen umsomehr eine Weisheit, die höher ist, als alle menschliche Vernunft und wissenschaftlichen Erkenntnisse. Diese bringen uns nicht wirklich weiter

      • albertpichler schreibt:

        Meine Art zu beten ist, mich „rückzubinden“ an die Göttliche Geistkraft und daraus Mut, Energie und Kreativität zu empfangen für ein Handeln aus dem Geist des Evangeliums, ganz im Sinne von Mt 25, 40. Ein lebenslanger Lern- und Übungsprozess.

  2. Heinz Knisch schreibt:

    Lieber Herr Prof. Zulehner!

    Als Katholik bin ich über diese religiöse Feierstunde im Parlament zumindest „irritiert“ – und ich kann nur auf Mt 6, 5-13 verweisen!
    Aber seit dem Segnungsgebet für den anwesenden Ex-BK Kurz in der Wr. Stadthalle vorigen Jahres im Rahmen einer evangelikalen Vereinigung, an der bezeichnenderweise auch der Kardinal teilnahm, wundert mich nichts mehr. Wenn die ÖVP immer mehr nach rechts abgleitet, ist das für mich zwar völlig belanglos, aber die Auswirkungen dieser Politik sind es hingegen nicht. Ich weiß nicht, ob (kath.) Kirchenvertreter an dieser Feier teilnehmen, aber sie wird im Radio Stephansdom übertragen und das zeigt wohl, dass diese Aktion von „oberster Stelle“ mitgetragen und unterstützt wird.
    Sollten die Veranstalter dieses Events die Aufregung darüber, wie Sie schreiben, blauäugig u. U. nicht bedacht haben, spricht das nicht gerade für sie; manchmal kann eine Blauäugigkeit aber auch schuldhaft sein. Und war Absicht dahinter, dann ist es nicht nur unehrlich sondern eine wirkliche Provokation (ich vermute das eher).
    Ich kann nur hoffen, dass kompetente Leute in den christlichen Kirchen in dieser Anlegenheit verstärkt kritische Fragen stellen und vielleicht werden die Befürworter dadurch ein wenig zum Nachdenken angeregt (ich fürchte es wird nicht gelingen).
    Ihnen, Herr Professor, danke ich für die stets kritischen, ausgewogenen und in die Tiefe gehenden Kommentare; ich wünsche Ihnen weiterhin Kraft, einen langen Atem und vor allem hoffnungsvollen Glauben, dass Ihre Arbeit auch Früchte trägt, wenn Sie und wir alle die Ernte wahrscheinlich nicht mehr erleben werden.

    Mit freundlichen, dankbaren Grüßen
    Heinz Knisch

  3. ritter28 schreibt:

    Wir stehen vor einer Zerreißprobe: Dialog oder Ausgrenzung!

  4. Ulrike Brustmann-Sieber schreibt:

    Tja, verzwickte Situation. Ich muss sagen ich habe dabei auch ein mulmiges Gefühl, wenn das Parlament zu einem Gebetstreffen ins Parlament einlädt, auch wenn es auf den ersten Blick fromm klingt. Ich habe da echt Sorge, dass man zu wenig darauf aufpasst und mit bedenkt, dass der Glaube damit (als vermutlich gar nicht beabsichtigter Nebeneffekt) „vereinnahmt“ werden könnte…….Weiters schwächt das meiner Meinung nach auch die Position des Glaubens – ab und zu kritisch Stellung zu beziehen gegenüber „den Mächtigen“ …………….Hm. Auf den ersten Blick klingts nett: „Gebetstreffen im Parlament“, auf den zweiten Blick hat das doch einige Nachteile. „Fromm“ alleine ist oft zu wenig, man kann auch fromm am Evangelium vorbei leben………

  5. Brand, Hildegard schreibt:

    Im Falle, dass der Final-Satz in Paul M. Zulehners Beitrag der Kernsatz seiner Nachdenklichkeiten sein sollte
    ( “ (…) wenn der Verdacht nicht gänzlich abwegig ist, dass das Beten sich nicht mehr an Gott richtet, sondern an Wählerinnen und Wähler.“ )) ,

    dann würde es sich wieder einmal um schändlichen, ideologisch akzentuierten, Macht – und Interesse- geleiteteen Missbrauch eines Gottes handeln (in diesem Fall des jüdisch–christlichen).

    Würde in diesem Fall nicht ein Herr Jesus gerne wiederkommen und die „Heuchler“ aus dem Parlament vertreiben – in Umkehrung der Protest-Handlung und -Worte in der neutestamentlichen Erzählung von der „Tempelreinigung“ in Mk 11, 15-19 : “ Jesus: (…) Heißt es nicht in der Schrift: Mein Haus soll ein Haus des Gebetes für a l l e Völker sein? (…). “

    Übertragen auf das „Parlamentsgebet“ – zudem noch unter Ausschluss der Vertreter*innen der islamischen Glaubensgemeinschaft – müssten dann logischerweise die Protest-Worte Jesu lauten:

    “ Ihr missbraucht den Namen unseres Gottes, des Gottes aller, für eure Machtinteressen und schließt dabei auch noch viele andere Menschen aus!
    Raus aus unseren Parlamenten! “

    Ganz im Sinne der Ablehnung auch des Missbrauchs von Parlamentsräumen!

    Unter der Bedingung dieses doppelten Missbrauchs, des Missbrauchs von Religionen – wie schon so oft in der Geschichte der Religions – und Staatsgemeinschaften mehr oder weniger verschleiert geschehen – und des Missbrauchs von Parlamenten, würde Jesus sicher auch die Trennung von Staat und Kirche (n) fordern. Oder ! ?

    Oder – säkular nachgefragt :
    Leben wir im 21. Jahrhundert nicht schon im “ aufgeklärten Zeitalter “ , wie I. Kant in seinem 18.Jht. fragte, oder (immer noch) im „Zeitalter der Aufklärung“ ? Wie er sein Jahrhundert charakterisierte.

    – Auf unser Jahrhundert übertragen hieße das: Aufklärung ist auch im 21. Jahrhundert immer noch ein permanenter Prozess ! Hütet euch dabei – auch heute – vor ideologischem Missbrauch von Parlamenten und Religionen, leistet vielmehr aktive, von Argumenten und nachprüfbaren Fakten geleitetete Aufklärung – d a s ist die Aufgabe von Parlamentsangehörigen !

    Will säkular heißen :
    Parlamentarierinnen und ihre Kolleg-en müssten z.B: auf nachprüfbare Fakten und Argumente gestützte Protest-Forderungen in und außerhalb der Parlamente stellen, nämlich z. B. die folgenreiche Forderung:
    “ W e l t w e i t e A b r ü s t u n g s t a t t A u f r ü s t u n g !
    Stoppt – besonders in Coronazeiten – den Rüstungswahnsinn! “
    Auch das ist die beste Grundlage für einen Frieden unter den Glaubens- Religionsgemeinschaften.

    An Stelle von heuchlerischen „Parlamentsgebeten“ – in dieser Zeit!

    Diese Beiträge in Worten und Taten bräuchten wir dringend zum „Fest des Friedens“ – auf dem Weg zum Weltfrieden, als Dienst an uns Menschen in unserer Weltgemeinschaft.
    Wäre sicher auch im Sinne von Jesus, in einer Tradition auch der “ Friedensstifter“ genannt , und von Papst Franziskus oder ?! (vgl. das von P.M. Zulehner zitierte, eindrucksvolle Gebet von Papst Franziskus).

    Pace !

  6. Hannes Gunka schreibt:

    Ich frage mich allen Ernstes, wo denn bei den vorliegenden Kommentaren die „Heuchler“ sitzen! Parlamentarische, christliche Gebetskreise sind in vielen Ländern der Welt „state-of-the-art. Warum nicht auch bei uns? Es ist ja heute selbstverständlich, dass sich Politiker und Abgeordnete zu den verschiedenen Parlamenten öffentlich zu ihrer Homosexualität bekennen dürfen. Christen, die ihren Glauben leben dürfen dies ja offenbar nicht, ohne gleich hart kritisiert zu werden, und dies auch gleich von kirchlicher Seite jeglicher Denomination! Sind wir auf dem Weg zu einer „Christophobie“? ,

    • zulehner schreibt:

      Geschätzter Herr Gunka,
      danke für Ihren Kommentar. Niemand darf das Wort Jesu “Betet allezeit!“ überhören.
      Aber das Gebet darf nicht missbraucht werden. Es hat einen guten Ort – Jesus hat das „stille Kämmerlein!“ angeraten.
      Ich hätte gern, dass die Orden, die Katholische Aktion und die Bischöfe im Stephansdom mit Internet gemeinsam beten und dazu auch Leute aus der Politik, der Kunst, der Wissenschaft einladen. Und auch die Muslime. Das wäre doch eine feine Alternative.
      Passen Sie gut auf sich auf, mit Respekt Ihr Paul

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