Terror in Wien: ein Anschlag auf Gott

Es ist den politisch Verantwortlichen voll zuzustimmen, dass der nächtliche Terror in Wien letzte Nacht ein Anschlag auf unsere Demokratie und unsere Freiheit ist. Es gibt in dieser Frage einen erfreulichen Konsens, auch wenn in einer einzigen Stellungnahme der Schmerz über die Opfer sogleich zum Aufspüren salafistischer Moscheen genutzt wurde.

Doch reicht dieses Bekenntnis zu Freiheit und Demokratie nicht weit und tief genug. Der Islamische Staat lebt nämlich von einer ideologischen Deformation der großen Weltreligion des Islams, welche seit Jahrhunderten tiefgläubige und armutssensible Menschen formt und grandiose Werke in Architektur, Kunst und Wissenschaft hervorgebracht hat, die zum Weltkulturerbe gehören. Jeder Terrorakt im Namen Gottes ist ein Anschlag auf Gott.

Der Anschlag trifft den Islam ins Herz

Der Anschlag trifft gerade jenen Islam ins Herz, der versucht, das Image einer gewalttätigen Religion zu überwinden und die eigenen Traditionen von gewaltaffinen Texten zu befreien – eine die Religion heilende unabdingbare und unbequeme Arbeit, welche das Christentum auch noch längst nicht vollendet hat, wie Trump wählende US-amerikanische Fundamentalisten zeigen.

Es ist ein ganz wichtiger Schritt auf diesem Weg der Heilung von Gewalt auch des bei uns angesiedelten Islams, dass die Spitze der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich mit allen anderen Gemeinschaften der Weltreligion den Anschlag verurteilt hat.

Das Attentat ist nicht nur eine Herausforderung für säkulare Demokratinnen und Demokraten. Vielmehr demonstriert es, dass das Säkulare auch heute getränkt ist mit den Kräften hoch ambivalenter Religionen. Die Religionsgemeinschaften sind daher aufgefordert, unverdrossen den begonnenen Dialog fortzusetzen.

Dabei können die Religionsgemeinschaften den politisch Verantwortlichen die dringliche Bitte vortragen, diesen Dialog nachhaltig und umsichtig zu unterstützen. Dazu genügt es nicht zu bedenken, wie Freiheiten gegeneinander abgewogen werden können und die Balance zwischen Meinungsfreiheit und Religionsfreiheit ausfällt. Man kann letztlich nicht die eine Freiheit einer anderen opfern, weil man damit die Freiheit als ganze verrät. Wie kann aber eine für alle Beteiligten akzeptable Balance aussehen?

Es ist sprachlich unglücklich, gebetsmühlenartig den „politischen Islam“ zu verteufeln, wohlwissend, dass jede Religion, wenn sie sich nicht aus der Welt wegspiritualisiert, im strengen Sinn dieses Wortes „politisch“ ist (vgl. Fratelli tutti, 276)[1]. Ein Islam, der nicht politisch ist, verdient es nicht, eine Religion zu sein. Das Problem ist, dass wie in allen Religionen gewaltgeneigte autoritäre Persönlichkeiten die eigene Religion schänden und zu einer Gewaltideologie deformieren.

Tiefe Quelle von Aggression: Demütigung

Wer eine akzeptable Balance zwischen Meinungsfreiheit und Religionsfreiheit finden will, muss bedenken, dass es neben Argumenten auch Gefühle gibt. Der französische Politologe Dominique Moϊsi[2] hat schon vor Jahren darauf hingewiesen, dass eine tiefe „humiliation“, Demütigung, Kränkung der arabisch-muslimischen Welt durch den „christlichen“ Westen gibt. Der Terror eines durchaus reichen Osama bin Laden habe in dieser kulturell-religiösen Kränkung ihre wahren Wurzeln, so der Franzose.

Kann sich jemand inmitten des fassungslosen Entsetzens eines Terroraktes der Frage aussetzen, ob nicht auch die Mohammed-Karikaturen von Charlie Hebdo bei unzähligen gutwilligen Muslimen eine Demütigung verursachen, die das Klima des interreligiösen Dialogs und des demokratischen Diskurses ebenso belasten wie sie einer gewaltbereiten Minderheit Aufwind geben?

Islamischer Terror oder Tat eines Desperados?

Aber vielleicht war es nicht nur ein IS-affiner Terrorakt, der in Wien begangen wurde, gedeckt von der Rhetorik eines nur auf dem Schlachtfeld der Waffen, nicht auf dem Schlachtfeld der Herzen besiegten Islamischen Staates.

Könnte die Tat nicht auch der desperaten Seele eines Zwanzigjährigen entsprungen sein, der nach seiner Verurteilung samt durchaus berechtigtem Gefängnisaufenthalt keinen Fuß mehr auf den Boden eines Landes bekam, dessen Grundstimmung gegenüber verurteilten muslimischen Ausländern nur lautet: „abschieben“? Könnte es sein, dass sich an den Wurzeln seiner unerwünschten Existenz der Spruch eines Jugendforschers bewahrheitet hat, der den reichen Freiheitsgesellschaften nachsagte, ihre Botschaft an viele junge Menschen laute: „Du hast keine Chance, also nütze sie!“ (Reimar Oltmanns, Herbert Achternbusch)? Gab dem jungen 20jährigen jemand eine reelle Chance, bürgerlich zu leben, eine Familie zu gründen und eigenes Geld zu verdienen? Natürlich entlasten solche Überlegungen den jungen Mann nicht von seiner Verantwortung. Sie rechtfertigen keine Gewalt, schon gar nicht jene in der grausamen Nacht in Wien, wo die sehenswerte Trilogie Vienna Blood von ORF2 durch Bilder mit dem Blut auf den Straßen Wiens unterbrochen wurde.

Nur wirklich Starke sind solidarisch mit den vermeintlich „Schwachen“

Nun betonen wir in dieser dunklen Stunde der Verwundung unentwegt und mit voller Brust und tränenschwangerer Inbrunst, dass wir eine starke Demokratie sind und uns nicht unterkriegen lassen. Aber vielleicht könnten wir gerade angesichts der lautstark beschworenen Stärke einer längst labil gewordenen Demokratie in vielen Ländern Europas und jenseits des Atlantiks dem Europaapostel Paulus zuhören, der die Starken in der Gemeinde in Korinth, die auf ihre Freiheit pochen, eindringlich mahnt – damals ging es um das Essen von Fleisch, heute vielleicht um Mohammed Karikaturen:

„Doch gebt Acht, dass diese eure Freiheit nicht den Schwachen zum Anstoß wird. Wenn nämlich einer dich, der du Erkenntnis hast, im Götzentempel beim Mahl sieht, wird dann nicht sein Gewissen, da er schwach ist, verleitet, auch Götzenopferfleisch zu essen? Der Schwache geht an deiner «Erkenntnis» zugrunde, er, dein Bruder, für den Christus gestorben ist. Wenn ihr euch auf diese Weise gegen eure Brüder versündigt und ihr schwaches Gewissen verletzt, versündigt ihr euch gegen Christus. Wenn darum eine Speise meinem Bruder zum Anstoß wird, will ich überhaupt kein Fleisch mehr essen, um meinem Bruder keinen Anstoß zu geben.“ (1 Kor 8,10-13)

Der letzte Satz lässt sich leicht updaten: „Wenn darum eine Mohammed Karikatur meinem Bruder zum Anstoß wird, will ich überhaupt keine solche Karikaturen mehr zeichnen, um meinem Bruder keinen Anstoß zu geben.“


[1] „Religiöse Amtsträger sollten zwar keine Parteipolitik betreiben,
aber sie dürfen deswegen nicht einfach die politische Dimension des Lebens ausgrenzen, welche den Blick für das Gemeinwohl und die Sorge für eine ganzheitliche Entwicklung des Menschen beinhaltet.“ (Fratelli Tutti, Rom 2020, 276)

[2] Moϊsi, Dominique: Kampf der Emotionen. Wie Kulturen der Angst, Demütigung und Hoffnung die Weltpolitik bestimmen, München 2009.

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5 Antworten zu Terror in Wien: ein Anschlag auf Gott

  1. Brand, Hildegard schreibt:

    Die Tat ist durch nichts zu rechtfertigen. Sie bleibt erschütternd, macht uns alle fassungslos und im höchsten Maße mit-leidend mit den Opfern und deren Angehörigen; sofern Mit – leiden überhaupt möglich ist für uns, die Nicht-Getroffenen, Nicht – grausam – Ermordeten oder Verletzten in Nähe oder Ferne.
    Was bleibt uns in dieser Situation außer dem Versuch, mit allen Betroffenen zu trauen, ihnen unsere aufrichtige Anteilnahme auszudrücken, zu schweigen und – in uns zu gehen..

    Dieses „In-sich-Gehen“ schließt für mich all Ihre so wichtigen, bedenkenswerten Gedanken und offenen Fragen ein, die Sie in Ihrem Beitrag so ausgewogen entwickelt haben.
    Kritisch beleuchten Sie die Vergangenheit mit Versäumnisen auf allen Seiten und weisen zugleich in eine gewaltfreie Zukunft.
    Es gibt für das Überleben und Zusammen-Leben der Menschen in unserer Weltgemeinschaft keine Alternative – außer dem gewaltfreien, jeweils selbstkritischen Dialog, der alle Grenzen von Religionen, politischen Systemen und allen anderen Unterschieden überschreiten und dabei das jeweils Andere, die jeweils Anderen auf Augenhöhe wertschätzen sollte.
    Gewaltfreiheit sollte sich auch auf die Verhinderung von immer wieder grausam geführten Kriegen beziehen, die sowohl im Namen von Religionen und Ideologien als auch aus ökönomischen Interessen geführt werden. Das Gleiche gilt auch für die Aufhebung von struktureller Gewalt in verschiedensten ökonomischen, sozialen Systemen, deren Opfer immer auch Individuen werden, welcher Herkunft auch immer, in welchen wohlhabenden oder armen Ländern auch immer.

  2. mailpro schreibt:

    Bei: „Satire darf alles,“ regte sich bei mir schon immer Widerspruch. Meiner Meinung darf sie tatsächlich nicht alles. Insofern danke ich Ihnen, dass Sie das Problem in einen erweiterten Zusammenhang stellen. Beleidigungen sind Verletzungen. Und Verletzungen können fürchterliche Taten bewirken. Das noch größere Problem ist, dass wir reichen, gut situierten Mitteleuropäer es tatsächlich nicht schaffen, solchen Menschen eine Lebensperspektive zu verschaffen.

  3. Ulrike Brustmann-Sieber schreibt:

    Ein paar Stichworte: Ich denke man muss ganz klar unterscheiden was, was ist:
    *Die Vorfälle in Wien das ist NICHT eine Religion, da stecken wohl andere Gründe dahinter und die Religion wird anschliessend als Grund „missbraucht“ (Ich denke gerade an den muslimischen Pizza Verkäufer in der Nähe: Dieser war heute fix und fertig, weil er die Nachrichten bis spät in die Nacht angeschaut hat und packt gar nicht was da passiert ist. Er hat mir heute richtig leid getan. Er war so erschüttert von den Ereignissen und sichtbar mitgenommen und sehr traurig und ratlos )
    *Es wäre schön, wenn es gelänge über die Religionsgrenzen hinweg ganz klar gemeinsam gegen Gewalt aufzustehen und sich vielleicht sogar dafür auch zu solidarisieren
    *Auf der anderen Seite muss man auch manches ganz klar benennen: Natürlich ist gegenseitiger respektvoller Umgang und respektvoller Umgang mit Religionen wichtig. Man soll keinen Anstoß erregen Unsensibel in religiöse Fettnäpfchen treten geht nicht. Man kann sich z.B. entschuldigen, wenns vorkommen sollte…. Aber es muss auch ganz klar sein, dass selbst wenn Respektlosigkeiten geschehen, dass diese nicht mit Gewalt gelöst werden dürfen. das steht in keinem Verhältnis und darf nicht sein
    *Zu den Vorfällen in Frankreich (unschuldige Opfer z.B. eine ältere Dame und eine junge dreifache Mutter, die drei Halbwaisen hinterläßt, u.a.- das ist doch furchtbar )
    *Es kann nicht sein, dass der muslimische Pizzaverkäufer mehr erschüttert ist und die Dinge klarer beim Namen nennen kann a la sinngemäß „schrecklich, keine Religion will das töten von Menschen, unschuldige Opfer, das darf nicht sein usw……..“ als eine diplomatisch nichtssagende Pressemittelung, einer christlichen Kirche (Deutschland) die ungefähr so aussah Zitat „Ohne Religionsfreiheit wird menschliches Leben fundamental beschädigt‘. Auch die Religionen müssen sich Freiheit&Toleranz gewähren. Beleidigungen von Religionen sind auszuschließen. Den Opfern in Nizza Trost & Mitgefühl.“ Das ist doch eine Werteumkehr, eine Geringschätzung der Opfer plus mangelndes echtes Mitgefühl
    Und wenn das ein Laie liest, könnte man diese Formulierung so missverstehen, dass die Beschädigung von menschlichen Leben halt die Folge vom anderen wäre. Bitteschön es sind Menschen ums Leben gekommen, genauer genommen getötet worden. Wo bleibt da die klare Abgrenzung gegen die Gewalt und die Erschütterung über die Toten. Die kommen in dem Zitat im letzten Satz und nur kurz vor. (Aussagen mit „fewa wolle“ gewaschen, aber am Sinn vorbei, ein bla bla, keine Empathie, nix………..)
    * Fazit: es scheint, dass die christlichen Kirchen in ihrem Bemühen um Diplomatie zunehmend verlernen, die Dinge erstens klar zu benennen und zweitens klar zu unterscheiden (im Sinne des Evangeliums ja ein ja, nein ein nein, gutes-gut nennen, boses-bose und nicht umgekehrt – Früher hat man das Hausverstand genannt, ein gesundes Gespür…………………..) Wieso kanns der muslimische Pizzaverkäufer aber der vermutlich studierte christliche Verfasser der Pressemitteilung nicht ?????????????????
    ***Da meine dringende Bitte an die Theologen und Bildungseinrichtungen, ev auch Universitäten, die Kunst des „Hausverstandes“ und die Kunst bzw Gabe der Unterscheidung vermehrt zu lehren natürlich gepaart mit einem respektvollem Umgang – klar und respektvoll ist kein Widerspruch……

  4. Johanna Spöth schreibt:

    Danke, sehr bedenkenswert …. (A.E.)

  5. CLaudia Schneider schreibt:

    Danke sehr für das Paulus Zitat!
    Es bedarf einer Schiene des Dialogs (nicht nur mit Theologen, sondern mit Kulturanthropologen, Historikern, etc.etc.) die beginnen, herauszuarbeiten, wo es Schnittmengen (pardon! scheussliches Wort) geben könnte zwischen Kulturkritik der islamischen und! der ja auch reichlich vorhandenen Kulturkritik der anderen Religionen aber auch säkularen Gesellschaft!

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