Universelle Solidarität auf dem Weg in die Zukunft der Menschheit

Zur neuen Enzyklika „Fratelli tutti“ von Papst Franziskus.

„Religiöse Amtsträger sollten zwar keine Parteipolitik betreiben, aber sie dürfen deswegen nicht einfach die politische Dimension des Lebens ausgrenzen, welche den Blick für das Gemeinwohl und die Sorge für eine ganzheitliche Entwicklung des Menschen beinhaltet (276).“ So schreibt Papst Franziskus in der heute veröffentlichten Enzyklika „Fratelli tutti“.

Und er macht auch gleich selbst, was der den „religiösen Amtsträgern“ ins Stammbuch schreibt. Er bietet der Weltgemeinschaft die Inspiration und Hilfe nicht nur der Kirche, sondern der Religionsgemeinschaften an. Nicht umsonst wird am Ende der Enzyklika der außerordentlich starke „Aufruf für Frieden, Gerechtigkeit und Geschwisterlichkeit“ dokumentiert, die der Großimam Ahmad Al-Tayyib und Papst Franziskus unlängst gemeinsam veröffentlich haben; darin fordern sie einmütig auf, „dass die Religionen niemals zum Krieg aufwiegeln und keine Gefühle des Hasses, der Feindseligkeit, des Extremismus wecken und auch nicht zur Gewalt oder zum Blutvergießen auffordern“.

Weltbeichtspiegel

Dass die Menschheit extrem hohen Handlungsbedarf hat und die politisch Verantwortlichen enorm gefordert sind, wird bereits an der langen Liste der Verwundungen deutlich, die nicht nur einzelnen, sondern auch den Nationen der Welt sowie der Natur zugefügt werden. Das erste Kapitel des Papstschreibens liest sich wie ein einfühlsamer Beichtspiegel. Die dunklen Seiten der Weltlage werden ins Licht gebracht: die bedrohte Einigung Europas und Lateinamerikas, abgeschlossene Formen des Nationalismus, Egoismus und Verlust des Sozialempfindens, die Vereinsamung so vieler bei gleichzeitigem Zusammenwachsen der Welt, die Nachteile einer gesichtslosen Digitalisierung die zu teils unzulässigen Einträgen in den sozialen Medien führt, die Wegwerfkultur und neue Formen der Sklaverei. Überraschend wenig findet sich über die Wunden der Natur, aber darüber hat der Papst bereits in seiner zweiten Enzyklika Laudato si ausführlich meditiert.

Die Pandemie hat manche dieser dunklen Seiten der Weltlage wie in einem Brennglas sichtbar gemacht. Kürzlich prägte er dafür das Wort von der „kranken Normalität“ und warnt sogleich: „Wenn einer meint, dass es nur um ein besseres Funktionieren dessen geht, was wir schon gemacht haben, oder dass die einzige Botschaft darin besteht, die bereits vorhandenen Systeme und Regeln zu verbessern, dann ist er auf dem Holzweg.“

Papst Franziskus ist jedoch kein professioneller Schwarzseher, obgleich er die Schatten der Weltlage unverblümt benennt. So beschließt er das „moderne Sündenregister“ mit der Einladung, diese düsteren Seiten der Weltlage wahrzunehmen und daraufhin einen Weg der Hoffnung einzuschlagen. Dazu offeriert er die Begleitung der Kirche.

Eine politische Lektüre der Bibel

Es wäre nicht Franziskus, würde er nicht die Leser zum Bibellesen einladen, das nach guter Praxis seiner Herkunft aus Lateinamerika ins Bibelteilen übergehen könnte. Der Papst meditiert die vertraute Erzählung vom barmherzigen Samariter auf höchst politische Weise. In der Mitte ist der Fremde. Eine „verschlossene Gesellschaft“ ist in Versuchung, wegzuschauen und vorbeizugehen. Anders Menschen, die in einer „offenen Gesellschaft“ leben. Sie sorgen für die Heilung der Wunden der Menschen, Völker und Nationen. Was sie auszeichnet ist eine „universelle Liebe“ (83). Sie ermöglicht, „eine offene Welt zu denken und zu schaffen, welche die Schatten der abgeschotteten Welt beseitigt“ (86)

Universal

Mit dem Stichwort der „universellen Liebe“ ist Papst Franziskus zur Kernbotschaft seines Schreibens gelangt. Er erinnert daran, dass alle Religionen den „einen Vater aller“ glauben. Dass alle Menschen zu seinen „Kindern“ gehören, alle gleich sind an unantastbarer Würde und verbrieften Grundrechten. Diese tiefe Einheit der Menschheit bedeutet konkret: „Es gibt weder die ‚anderen‘ noch ‚die dort‘, sondern es gibt nur ‚wir‘.“ (87) Was diese gemeinsame Verantwortung aller für alle bedeutet, beschreibt der Papst in provokanter Konkretheit. Solidarität heißt, gegen die strukturellen Gründe für Armut, Ungleichheit, Mangel an Arbeit, Land und Wohnraum, und der Aberkennung der sozialen Rechte und der Arbeitnehmerrechte zu kämpfen.“ (116)

Sorge bereiten dem Papst auch die vielen schutzsuchenden Menschen. Er kämpft dafür, dass alle Menschen Lebensverhältnisse vorfinden, aus denen sie nicht fliehen müssen. Aber solange dies der Menschheitsfamilie bei allen gewürdigten Bemühungen nicht hinreichend gelingt, gilt es, die Flüchtenden „aufzunehmen, zu schützen, zu fördern, zu integrieren“. Und selbst hier wird er noch einmal konkret und fordert humanitäre Korridore, Zugang zu Visa etc. Dem Papst ist also wichtig, nicht nur an die schöne Wahrheit der Einheit aller Menschen zu appellieren, sondern dass diese der Horizont für ganz konkretes Handeln ist. Dann wird es zum Widerspruch, die Einheit hymnisch zu besingen und keine Kinder aus Moria aufzunehmen.

In einer theologisch gut fundierten sozial- wie friedensethischen Analyse zeigt er sich mit der Katholischen Soziallehre davon überzeugt, dass nur Gerechtigkeit für alle zum nationalen wie zum Weltfrieden führen kann. Keine tauglichen Mittel hingegen sind Gewalt, vermeintlich „gerechter Krieg“, Atomwaffen, aber auch die Todesstrafe, die durch die Umwandlung in eine lebenslange Haftstrafe nicht wirklich überwunden ist. Der physische Tod wird da wohl nur durch einen sozialen Tod ersetzt.

Nachtgedanken für Politiker

Neben den vielen sozial- und friedensethischen Gedanken widmet das Papstschreiben einer Berufsethik für Politikerinnen und Politiker für just diese Weltlage breiten Raum. Sie sind Politiker „für das Volk, mit dem Volk“, sind volksnah, sozial, achten auf die Menschenwürde. Sie sind Menschen, die Liebe zur Politik haben und die Wirtschaft in einen größeren politischen Rahmen, der sozial, kulturell und volksnah ist, integrieren. Sie dienen dem Gemeinwohl, nicht populistisch, aber populär (159-162), wobei das wirklich Populäre in dem besteht, was dem Wohl des Volkes zugutekommt. Politik ist daher immer Arbeit für alle. Fehlt diese“ staatsmännische“ Weite den Politikerinnen und Politikern, dann geht die Würde verloren: sowohl die Würde derer die ihnen anvertraut sind als auch die eigene. Für eine heilsame Politik ist zudem ein wichtiger Aspekt: Sie darf sich nicht der Wirtschaft unterwerfen und diese wiederum nicht dem Diktat der Effizienz. Beide sind gemeinwohlpflichtig.

Das Papstschreiben ist wie ein Gewissensspiegel für Politiker, hilfreich inmitten besorgter nächtlicher Gedanken: „Die Politiker sind berufen, sich der Gebrechlichkeit der Völker und der Menschen anzunehmen (188). Der Politiker ist tatkräftig, er ist ein Erbauer mit großen Zielen und mit realistischem und pragmatischem Weitblick auch über sein Land hinaus.“ (188)

„Fratelli tutti“

Die Enzyklika endet mit einer Begebenheit des in der islamischen Welt versöhnend wirkenden großen Charles de Foucauld. Er hatte eines Tages einen Freund ersucht: „Bete zu Gott, damit ich wirklich der Bruder aller sei.“ (287) Mit diesem Zitat des Heiligen in der Wüste kehrt der Papst zum mittelalterlichen Bildwort der „fratelli tutti“ aus dem Schreiben des Poverello aus Assisi zurück. Papst Franziskus hat es schon im Untertitel des Schreibens mit „Geschwisterlichkeit“ und „Soziale Freundschaft“ übersetzt. Sie sind, davon ist der Papst überzeugt, die besten Heilmittel für eine verwundete Welt.

Das Schreiben hat nicht nur die katholische Kirche und ihre Bischöfe als Adressaten, sondern ist unlimitiert. Ob den Papst in dieser sensiblen Stunde der Menschheitsgeschichte genug Menschen hören werden, die für die wegweisenden Entscheidungen Verantwortung tragen? Oder werden viele das Schreiben loben und dann weitermachen mit der „kranken Normalität“?

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