Wann endlich wir die Kirchenleitung in Europa den Ernst der Lage erkennen?

Eine Arbeitsgruppe der Deutschen Bischofskonferenz hat darüber beraten, wie die drastisch sinkende Zahl von Priesteramtskandidaten künftig an drei deutschen Universitätsorten ausgebildet werden soll. Das ist sowohl eine gruppendynamische wie eine ökonomische Frage. Wenn eine Ausbildungsgruppe zu klein wird, gehen Entwicklungschancen verloren. Zudem spitzt sich vorhersehbar mit der Wirtschaftskrise und dem Schwinden der Kirchensteuermittel die ökonomische Lage der Diözesen zu.

Dennoch: Gegen den Vorschlag sind schwerwiegende Bedenken vorzubringen. Offenkundig ist, was Fachleute schon seit geraumer Zeit betonen, dass der derzeitige Kirchenbetrieb, der im zentralen Bereich (Feier der Eucharistie und der Sakramente, Vorstehen in einer gläubigen Gemeinde) auf einen herkömmlichen Priester zugeschnitten ist, nicht nur schwächelt, sondern zu Ende geht. Das Zusammenziehen der Ausbildungsstätten ist ebenso wie das Zusammenlegen von gläubigen Gemeinschaften in pastoralen Großräumen und Megapfarreien nichts Anderes, als ein „downsizing eines sterbenden Kirchenbetriebs“. Eine Kirchengestalt, deren Dreh- und Angelpunkt zölibatäre Kleriker sind, hat offensichtlich keine Zukunft. Der Kernfehler: Man plant mutlos und feige Reförmchen im bestehenden Rahmen. Was es aber braucht, sind nicht Reformen im Rahmen, sondern eine Reform des Rahmens selbst.

Ein weiteres schwerwiegendes Bedenken am vorgelegten Vorschlag richtet sich auch an der insensiblen Kränkung des Ostens Deutschlands. Zu Recht wurde nach der Wende darum gerungen, in Erfurt eine theologische Fakultät einzurichten. Es ist einfach nicht nachvollziehbar und eine Kränkung der Kirche in diesem Gebiet Deutschlands, dass Erfurt nicht als Ausbildungsort der Priester aus den ostdeutschen Diözesen firmieren soll.

Ähnlich fahrlässig ist es, die Ausbildungsleistungen der Orden zu übergehen. Dass die Jesuitenhochschule St. Georgen nicht als künftiger Ausbildungsort für Priesteramtskandidaten vorgesehen ist, ist schlicht nicht nachvollziehbar.

Es braucht – anders als der strukturkonservative Vorschlag vorsieht – einen Paradigmenwechsel. Auszugehen ist – wie in den Frühzeiten der Kirche – von der Jesusbewegung und deren gläubigen Gemeinden. Diese tragen grundsätzlich alles, was sie für ihr gläubiges Leben brauchen, in sich. Dazu werden den Jesusnachfolgenden die Charismen gegeben. Darunter sind Glaubenszeugen, Missionarinnen, diakonale Dienstleistende, und unter ferner liefen auch jemand, der euch leitet (1 Kor ). Diese mit der Gabe des Vorstehens Begabten soll die gläubige Gemeinschaft aufspüren, auswählen, dem Bischof zur Ausbildung vorschlagen und dann ein Team of Elders ordinieren. Dieser Vorschlag stammt nicht von aufmüpfigen PastoraltheologInnen oder Wir-sind-Kirche-Funktionären, sondern vom pastoral höchst erfahrenen Altbischof Fritz Lobinger als North-Aliwal.

Natürlich sind diese lokalen Gemeinschaften des Evangeliums in einem größeren Pastoralen Raum vernetzt und machen miteinander gesellschaftlich relevante Projekte mit Kindern, in Schulen, in der Bildung und in der Diakonie, um nur Beispiel zu nennen.

Statt sich also allein um die Ausbildung des schrumpfenden Restkontingents von Priestern aus dem freien Berufungsmarkt zu kümmern, sollten theologisch-pastorale Ausbildungsvorgänge für die vielfältigen Charismen der Kirche und unter diesen für jene „personae probatae“ erarbeitet werden die sich als VorsteherInnen eignen. Dazu braucht es nicht drei Ausbildungsstätten in Deutschland, sondern viele innovative und gemeindenahe Fakultäten über das weite Land hin verstreut. Wer in einem Entwicklungskonzept allein vom Priester ausgeht, hat die Zukunft schon verloren.

Auszugehen ist also bei allen Überlegungen zur Zukunft der Kirche von jener Bewegung, die Jesus in die Welt gebracht hat, damit der Himmel auf die Erde kommt, schon jetzt, in Spuren wenigstens; auszugehen ist von der attraktiven Kraft des Evangeliums, von jenen, die sich dieser Bewegung anschließen und damit einer gläubigen Gemeinschaft des Evangeliums beitreten. Diese Nachfolgenden sind dann unvertretbar dafür verantwortlich, dass sich in ihrer Gemeinschaft des Evangeliums all jene Dienste ausbilden, die das gläubige Leben und Tun benötigen: (natürlich von einem Bischof) ordiniertes Amt einschließlich.

Der Arbeitsgruppe kann man daher nur zurufen, aufzuhören, mit noch so gutgemeinten Konzentrationsmaßnahmen die Zukunft des Priesteramts zu retten. Sie verlängern nur den Sterbeprozess einer Priesterkirche und des immer noch latent vorhandenen pastoralen Grundschismas in der Kirche, das zwischen dem Klerus und dem Volk herrscht (Paul Audet, Eugen Biser, Paul Wess u.a.).

Wie dramatisch muss sich die Lage noch zuspitzen, bis die Führungskräfte der Kirche endlich aufwachen?

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