Differenzierende Umfragedaten zu Ethik- und Religionenunterricht

Derzeit gibt es ein Volksbegehren zu einem allgemein verpflichtenden Ethikunterricht. Die Zahlen sind beeindruckend. Allerdings relativiert sich dieses Ergebnis, wenn differenzierter gefragt wird. Dies ist die der brandneuen Studie „Religion im Leben der Österreicherinnen 1970-2020 geschehen. Die Umfrage wurde im Herbst 2019 von IPSOS durchgeführt. Die Studie wurde von mir unter dem Titel „Wandlung. Religionen und Kirchen inmitten kultureller Transformation“ (Ostfildern 2020) unlängst veröffentlicht. Sie können die derzeitige Diskussion um den Ethikunterricht auf eine breitere Datenbasis stellen. Die Tatsache, dass in der Bevölkerung verschiedene Modelle – jedes für sich befragt – hohe Zustimmung finden, deutet darauf hin, dass das Thema im Bewegung ist. Das Hauptergebnis: Weder Religions- noch Ethikunterricht will nur eine verschwindende Minderheit. Die Daten sind auch nach der Parteipräferenz und nach der Kirchgangsfrequenz der Befragten aufgeschlüsselt.

Religionsunterricht 1970-2020

Religiöse Erziehung erfolgt nach dem Elternhaus und in Kindergärten in öffentlichen und privaten Schulen. Das fachpädagogische Niveau des Unterrichts wird von den staatlichen Schulbehörden gesichert. Für den Inhalt sind die Kirchen und Religionsgemeinschaften verantwortlich. Diese Kooperation von Staat und Kirchen/Religionsgemeinschaften kommt in der Benennung dieses Unterrichts als „konfessioneller Religionsunterricht“ zum Ausdruck. 45% der 2020 Befragten sind mit dieser Kooperation (sehr) einverstanden.

Dieser schulische Religionsunterricht war in „christentümlichen Zeiten“ zumal nach der Reformation ein Pflichtfach. Heute ist es möglich, dass Eltern vor dem 14. Lebensjahr von diesem Unterricht abmelden. Nach dem Erreichen des 14. Lebensjahres können die Schülerinnen und Schüler sich selbst abmelden. Diese Möglichkeit wird regional und je nach Schultyp unterschiedlich in Anspruch genommen. Die Motive für die Abmeldung können vielfältig sein: ideologisch oder pragmatisch. Man lehnt entweder den Religionsunterricht aus Gründen der persönlichen Überzeugungen ab, oder man will eine freie Stunde haben.

Derzeit gibt es hinsichtlich des Religionsunterrichts eine Experimentphase. Aus den Religionsgemeinschaften kommt das Anliegen, im Religionsunterricht religionenübergreifend zusammenzuarbeiten. Ein gemeinsamer Religionsunterricht könne das friedliche Zusammenleben der verschiedenen Religionsgemeinschaften fördern. Außerdem sei es möglich, dass die einzelnen Religionen die spezifischen Reichtümer mit anderen teilen.

Angereichert wird diese Diskussion, dass die wachsende Unkenntnis vieler Bürgerinnen und Bürger hinsichtlich Religion sowohl ethisch wie kulturell Fragen aufwirft. Viele Schönheiten der Kultur werden ohne religiöses Grundwissen unverständlich. Wie soll man der Matthäuspassion eines Johann Sebastian Bach verfolgen, wenn man keinerlei biblische Kenntnisse mehr besitzt. Ein Minimum an religiösem Wissen sei in einem „christlichen Abendland“ wünschenswert. Daher wird von Fachleuten ein „Religionenunterricht“ für alle vorgeschlagen. Andere sind um das ethische Grundwasser der Kultur besorgt. Bislang war die ethische Bildung im konfessionellen Religionsunterricht miterfolgt. Wenn sich aber aus diesem abmelden, wächst die Zahl der ethischen Analphabeten. Das ist aber für das friedliche Zusammenleben im Land nicht unbedingt von Vorteil. Also werden Vorschläge zu einem neuen Schulfach „Ethikunterricht“ gemacht. Dieser wird in zwei Varianten schulpolitisch vertreten: entweder als gemeinsames neues Fach für alle neben dem konfessionellen Religionsunterricht, oder als Pflichtfach für jene, die sich vom konfessionellen Religionsunterricht abgemeldet haben. Ein verpflichtender Ethikunterricht für alle macht den Verantwortlichen in den Religionsgemeinschaften Sorge. Sie fürchten eine derart hohe Anzahl von Abmeldungen, dass der konfessionelle sich Religionsunterricht auf Dauer in den öffentlichen Schulen nicht halten könne.

Zum Religionsunterricht gibt es schon seit dem Beginn der Langzeitstudie im Jahre 1970 Fragen. Diese wurden in der Erhebung 2020 durch aktuelle Fragestellungen ergänzt. Das sind die Daten zum Religionsunterricht und der Meinung der Befragten zu diesem:

Der Religionsunterricht besitzt ganz allgemein in der Bevölkerung Akzeptanz. Diese hat allerdings in den letzten Jahren abgenommen. Zählten 1970 91% „Religionsunterricht erteilen“ zu den wichtigen kirchlichen Aufgaben, sind es 2020 mit 62% um ein Drittel weniger. Aber immerhin steht eine „Zweidrittelmehrheit“ dahinter. Unter den Mitgliedern der christlichen Kirchen liegen die Werte zwischen zwei Drittel und drei Viertel. Ausgetretene lehnen mit der verlassenden Religionsgemeinschaft auch deren Religionsunterricht mehrheitlich ab; 24% halten ihn jedoch nach wie vor für wichtig. Für 12% der Ausgetretenen (N=293) wäre es ein Wiedereintrittsgrund, „dass mein Kind einen Religionsunterricht erhält“.

Religionsunterricht kommt auch ins Spiel für den Fall, dass ein Neugeborenes nicht im Kindesalter getauft und damit Kirchenmitglied wird. Hier finden sich die hohen Werte der Kirchenmitglieder wieder, die sich beim Religionsunterricht allgemein finden: 76% der Katholiken würden ein ungetauftes Kind in einer öffentlichen Schule unterrichten lassen, 67% der Protestanten, aber auch 79% der Ausgetretenen sind dieser Ansicht.

Es wird im Modul über die islamische Religionsgemeinschaft noch darüber berichtet werden, welche „Noten“ die Befragten dem „islamischen Religionsunterricht“ in den Schulen geben. Jene, die ihn am besten kennen müssten – die Moslems selbst – geben ihm gute Noten. Ansonsten kommt in der Benotung des Religionsunterrichts eher die eigene Einstellung zum Islam zum Ausdruck. Das wird auch daran ersichtlich, dass die negative Benotung zumeist mit dem Eingeständnis einhergeht, man kenne diesen islamischen Religionsunterricht nicht aus der Nähe.

Zwei Aussagen bilden eine Brücke zur aktuellen Diskussion. Der Religionsunterricht der christlichen Kirchen soll sichern, dass Europa ein „christliches Abendland“ bleibt. Die beiden Positionen „Ich halte es für wichtig, dass die Kinder in Österreich Religionsunterricht erhalten, um christlichen Glauben kennen zu lernen.“ (63% pro, 17% contra) sowie die Aussage: „Ein selbstbewusstes Christentum ist für Europa künftig sehr wichtig.“ (59% pro, 17% contra) korrelieren sehr hoch miteinander (c=,63). Religionsunterricht wird also nicht nur aus religiösen und konfessionellen, sondern aus kulturellen Gründen gestützt. Dazu kommt als weitere Begründung die Besorgnis um das ethische Grundwasser der Kultur. Das illustriert ein Item aus dem Umkreis der Autoritarismusdebatte: 70% der Befragten stimmen dem Satz zu: „Religionsunterricht ist für Kinder nötig, weil sie lernen müssen, was sich gehört.“

Unterrichtsmodelle

Und dies war nun in der rezenten Erhebung aus dem Jahre 2020 die Frage zu den verschiedenen Formen eines Unterrichts von Religion sowie Ethik:

„Bitte geben Sie an inwieweit Sie folgenden Aussagen zustimmen?“ Sodann waren folgende Möglichkeiten vorgelegt worden. Man konnte die Zustimmung oder Ablehnung zu jeder einzelnen Variante gestuft vorbringen. Das sind die Antwortmöglichkeiten:

  • „1. Es soll in allen Schulen für alle einen verpflichtenden Ethikunterricht (zusätzlich zum Religionsunterricht) geben.
  • Der Ethikunterricht soll für jene verpflichtend sein, die nicht in einen Religionsunterricht gehen.
  • Es soll ein Unterrichtsfach geben, in dem sowohl die unterschiedlichen Religionen als auch die Ethik unterrichtet wird (Religionen- und Ethikunterricht in einem).
  • Es soll bleiben wie bisher: nur Religionsunterricht mit der Möglichkeit der Abmeldung.
  • Es soll keinen dieser Unterrichte geben.“

Da es sich um eine Diskussion an der Schnittstelle von Staat und Kirche handelt, sollen die Antworten sowohl nach Religionszugehörigkeit sowie nach parteipolitischer Präferenz aufgeschlüsselt werden.

Ein Ergebnis sticht heraus: Quer durch alle Subgruppen hindurch ist „kein Unterricht“ keine Option. Alle unterstützen irgendeine der vier vorgelegten Varianten.

Auch ein weiteres Ergebnis hat Gewicht: Eine große Mehrheit spricht sich klar dagegen aus, dass man sich ersatzlos vom konfessionellen Religionsunterricht abmelden kann.

Keine klare Entscheidung lässt sich hinsichtlich der unterschiedlichen Modelle erkennen. Und das mit einer Ausnahme: Dass nur ein konfessioneller Religionsunterricht mit Abmeldemöglichkeit bleibt, befürwortet lediglich ein Drittel der Befragten. Protestanten aus dem Schwerpunktgebiet sowie Mitglieder in einer Freikirche sind fast hundertprozentig für einen Unterricht.

Die übrigen drei Modelle finden nahezu die gleiche Zustimmung: Der Ethikunterricht für Abmelder wird von 66% gutgeheißen, ein Ethikunterricht für alle (neben dem konfessionellen Religionsunterricht mit Abmeldemöglichkeit) von 63%, ein Religionen- und Ethikunterricht von 62%. Mitglieder der evangelischen Kirche – nach „Gebieten“ noch einmal ziemlich verschieden – sind am ehesten für alternative Unterrichtsmodelle, gefolgt von den Katholiken. Am wenigstens treten Nichtmitglieder und Ausgetretene für solche Alternativen zum derzeitigen Religionsunterricht ein, den sie aber auch mehrheitlich ablehnen. Diese beiden Subgruppen wollen offensichtlich, dass die öffentliche Schule „säkular“ bleibt und die Religionsgemeinschaften ihre jungen wie erwachsenen Mitglieder in eigenen Einrichtungen und Zusammenkünften (etwa durch die Predigt) religiös bilden.

Dieses Gesamtbild ändert sich auch nicht, wenn man die Ergebnisse nach Kirchgangsfrequenz aufschlüsselt. Daraus lässt sich schließen, dass es sich beim Thema mehr um einen kulturpolitischen Diskurs handelt und weniger um die Frage, wie Religionsgemeinschaften ihre Mitglieder religiös formen.

Die parteipolitische Präferenz der Befragten hat leichten Einfluss auf den Diskurs. Die Unterschiede sind aber nicht arg groß. Überraschend ist, dass FPÖ-Sympathisanten, die ansonsten sehr für den Erhalt des christlichen Abendlandes und gegen die Islamisierung kämpfen, mit 46% überdurchschnittlich stark für die bestehende Variante eintreten (konfessioneller Religionsunterrichts mit Abmeldemöglichkeit); am ehestens können sie einem „Ersatzethikunterricht“ für Abmelder etwas abgewinnen  (61%), weniger bereits einem Ethikunterricht für alle (51%) oder gar einen Religionen- und Ethikenunterricht (45%). Von den FPÖ-Anhängern unterscheiden sich die KPÖ-Sympathisanten, die weniger den Ersatzethikunterricht wollen, sondern eher einen Religionen- und Ethikenunterricht. Von diesen beiden „Lagern“ abgesehen finden alle drei Alternativen zum bisherigen konfessionellen Religionsunterricht mit Abmeldemöglichkeit beachtlich hohe Zustimmung.

 

Dieser Beitrag wurde unter Ergebnisse veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s