Zeit vertiefter Nachdenklichkeit?

Die Corona-Auszeit kann zu einer guten Gelegenheit für kollektive geistliche Übungen werden. Und das nicht nur bei den frommen ZeitgenossInnnen. Waren es nicht immer die Zeiten der Bedrängnis, die den Menschen einerseits Angst und Besorgnis einjagen, die uns aber andererseits, sobald diese ein erträgliches Maß annehmen, nachdenklich machen? Dann wäre die Zeit der viralen Bedrängnis zugleich eine Zeit meditativer Nachdenklichkeit – allein, oder im Austausch mit anderen.

Eine Erfahrung teile ich in diesen Tagen mit vielen: die Erfahrung der Verwundbarkeit. Damit verbunden das Gefühl, dass ich zwar vernünftig sein kann und Regeln einhalte, dass es aber letztlich keine Sicherheit gibt. Nur in einer Wortverbindung passt Sicherheit: todsicher. Irgendwann.

Die beklemmend schnell wachsende Zahl von Toten verschafft auch der Frage nach meiner Sterblichkeit Aufmerksamkeit. Diese wird besonders bedrängend, wenn es jemand in meiner Umgebung getroffen hat, jemand den ich kenne und schätze.

Angesichts solcher Gefühle und Nachdenklichkeiten kommt mir eines der wichtigsten Ergebnisse meiner neuen Studie Religion im Leben der Menschen 2020[1] in den Sinn. Da hat sich gezeigt, dass wir hinsichtlich Endlichkeit, Sterben und Tod eine „weltanschaulich“ überaus bunte, ja geradezu polarisierte Gesellschaft geworden sind. Ein Drittel im Land meint, es sei „mit dem Tod definitiv alles aus“. Ein Drittel orientiert sich in der Kernbotschaft christlicher Kirchen und erhofft eine Umwandlung ihrer Existenz von einer sterblichen in eine unverwesliche Gestalt. Das letzte Drittel ist skeptisch, kann sich eine „Auferstehung“ nicht vorstellen. Ehrlich gesagt: ich letztlich ja auch nicht, was freilich noch nicht heißt, dass sie nicht stattfindet. Diese Gruppe wehrt sich aber dennoch gegen die Befürchtung, dass der Tod stärker ist als die Liebe.

Wie wird es diesen drei Gruppen von Menschen in unseren Tagen ergehen? Jetzt ist ja nicht die Zeit akademischer Dispute oder des intellektuelle Rechthabens, und das nach dem Motto: „Wer hat die besseren Argumente?“ Der unsichtbare „umkränzte“ Todbringer rührt uns unweigerlich urpersönlich an den Wurzeln der eigenen Existenz an. Ich muss meine eigene Antwort finden. Natürlich kann ich das auch jetzt noch in stoischer Gelassenheit überspielen und heroischer Selbstsicherheit abtun. Aber wenn ich wirklich angesteckt werden sollte? Oder wenn es jemand trifft, die, den ich zutiefst liebe? Solches bange Fragen kommt spätestens dann auf, wenn ich nächtens erwache und einem neuen Tag entgegenlebe.

Ob der Virus unsere größte menschliche Fähigkeit wachrufen wird, tiefschürfende Fragen zu stellen und für mich eine tragfähige Antwort zu finden? Kann der „unsichtbare Feind“ ein tastendes Suchen auslösen, bei dem mich letztlich niemand vertreten kann? Es mag hilfreich sein, wenn ich dann jemand habe, mit der, mit dem ich in Kommunikation treten kann, auch über eine Internetsession, oder ein gutes Buch, vielleicht das heilige Buch einer der großen Religionen der Menschheit.

Vielleicht bin ich zu zuversichtlich, dass eine vertiefte Nachdenklichkeit bereits eingesetzt hat. Eine pensionierte Pastorin aus Ostdeutschland schrieb mir vorgestern: „Nein, ich glaube nicht, dass sich die Menschen ändern. Die wenigen, die vorher schon bewusster gelebt haben, werden es weiter tun. Die anderen werden eines Tages wieder in ihre Geschäftigkeit verfallen, manche sicher noch mehr, eben um das Leben noch mehr auszuschreiten und auszuleben. Dass nur wenig wirklich gut ist und genügt, wird vielen weiterhin verborgen bleiben. Vielleicht sagen sie es, aber werden es nicht tun… Nein, ich bin keine Pessimistin, hier eher Realistin. Schauen Sie in die Schrift und auf die Geschichte Israels – ewig unbelehrbar. Nur einzelne sahen weiter und haben sehr darunter gelitten – unter beidem: dem eigenen Erkennen und der Unbelehrbarkeit der vielen. Und Gott selbst hat gelitten…”

Aber warnt uns da nicht ein Blick in die eigene Geschichte? Nach der mittelalterlichen Pestzeit kam die Zeit des Barock mit üppiger Lebenslust und wenig nachdenklichem  „memento mori“. Der liebe Augustin, gehört just in diese Zeit. Wahrscheinlich können wir heute noch gar nicht wissen, was nach der Pandemie kommen und auf wessen Schultern es ausgetragen wird.

Wie auch immer: Wenn Sie den Text bis hierher gelesen haben, hat ihre Nachdenklichkeit vermutlich bereits eingesetzt…

[1] Zulehner, Paul M.: Wandlung. Religionen und Kirchen inmitten kultureller Transformation. Ergebnisse der Studie Religion im Leben der Österreicher*innen 1970-2020, Ostfildern 2020.
Dieser Beitrag wurde unter Ergebnisse veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Eine Antwort zu Zeit vertiefter Nachdenklichkeit?

  1. Ursula Flüeck schreibt:

    LIEBER PAUL ZULEHNER! HERZLICHEN DANK FÜR DIE DREI NEUEN ARTIKELN – gestern und heute!

    ICH HABE DURCH DAS NEUE I-PHONE DATEN VERLOREN – leider auch deine MAILADRESSE …

    ZU PFINGSTEN WÜNSCHTE ICH SO SEHR VON DIR ZU HÖREN!
    ICH WÜNSCHE UNS EINEN AUFBRUCH ZUR BOTSCHAFT JESU UND VIEL WIND GEGEN DAS SYSTEM KIRCHE MIT ALLEN STOLZEN KÖPFEN WIE KARD. MÜLLER USW …

    MEIN VERSTORBENER „BRUDER“, DER JESUITENBISCHOF A.Fr. SHARMA SJ, AUS KATHMANDU ERZÄHLTE BEI UNSEREM LETZTEN BESUCH MEINEM TEAM UND MIR: „WIR MISSIONIEREN NICHT, WIR LEBEN NUR DIE BERGPREDIGT❗️🙏🏻❗️

    _ICH WÜNSCHE UNS DEN GUTEN GEIST MIT ALLEN KREATIVEN GABEN UND DER HERZENSWEITE …

    das alles wünsche ich dir,
    URSULA FLÜECK

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s