Große Liebe und großes Leid

Es gibt zwei Ereignisse, die uns das Geheimnis, das wir „Gott“ nennen, innewerden lassen. Das eine ist große Liebe, das andere großes Leid. Davon erzählen Mystikerinnen und Mystiker, die vom Geheimnis aller Wirklichkeit viel verstehen.

Dass uns die große Liebe in der Hingabe aneinander enthüllt, wer wir im Grunde sind und ahnen, weil wir uns in ihr wie in einem „göttlichen Himmel“ fühlen. Das ist uns leichter zugänglich als die Wahrnehmung, dass auch das große Leid ein Ort der Gotteserahnung ist. Ist nicht vielmehr im großen Leid Gott abwesend? Fühlen sie sich nicht gerade dann, wenn sie Gott brauchen, gottverlassen? Ist es nicht die Zeit der Gottesverdunkelung? Und das nicht nur im „Corona-Leid“, das wie eine Naturkatastrophe über uns kam, sondern weit bedrängender in Auschwitz oder dem GULAG Stalins? Schreit nicht einer in Todesnot seine Gottverlassenheit heraus, für alle Leidenden der Welt? Führt nicht das große Leid ins Gottverstummen, weil Gott verstummt ist und wir mit ihm?

Die große Liebe kann uns lehren, dass wir alle in einem lichten guten Kosmos daheim sind. Raum und Zeit entschwinden. Wir ahnen, dass wir in unserer Liebe Teil einer universellen Liebe sind. Wir verkosten gleichsam eine alles umfangende Liebe.

Ist aber das große Leid nicht auch ebenso universell? Eine Art „Pandemie“ eben, die alle (griechisch παν) Völker (δεμος) erfasst? Sind nicht alle unsere persönlichen, familiären und gesellschaftlichen Leiden ein Teil des einen großen Leids der Welt und des Seufzen der ganzen Schöpfung? Und diesem großen Leid soll Gott sein? Wie verborgen muss Gott sein, wenn er sich für viele im Leid versteckt. Oder macht er sich klein, weil er mit uns leidet? Ein schier ohnmächtiger Gott also, dessen innerstes Wesen Mitleiden ist?

Am Kreuz, so erzählen die Christinnen und Christen seit zwei Jahrtausenden, hat einer von uns, einer aus der Menschheit dieses große Leid der Welt durchlitten. Sterben und Tod inklusive. Aber er ist im Tod hineingefallen in die große, auch das große Leid umfassende Liebe. Das große Leid und die große Liebe: nur zwei Seiten der einen lichtdunklen guten Wirklichkeit? Kreuz und Auferstehung wie Yin und Yang? Das eine nie ohne das andere? In dieser Lebenszeit zumindest?

Irgendwie ahnen wir das, wenn wir einem geliebten Menschen sagen: „Ich kann dich gut leiden!“

 

 

 

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Eine Antwort zu Große Liebe und großes Leid

  1. Doris Behr schreibt:

    Danke, danke

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