Ein Pyrrhussieg der Ideologen

Ideologen verteidigen das Gesetz, Hirten aber die vielen einzelnen Menschen und deren Kulturen.

Die Freude der Ideologen, für die Kardinal Gerhard-Ludwig Müller nach der Veröffentlichung der nachsynodalen Apostolischen Exhortatio „Querida Amazonia“ medial bejubelt hat, wird diesen schnell vergehen. „Ihr“ Sieg über die Bemühungen, in Einzelfällen in Amazonien die Ordination von verheirateten und berufstätigen Gemeindeleitern zu gewähren, wird sich als Pyrrhussieg erweisen.

Der Papst hat nämlich den harschen Konflikt über die heilige Kuh des Zölibats mit den Ideologen auf eine weit höhere Ebene mit enormer reformerischer Tragweite gehoben. Das erklärt er ausdrücklich am Ende seines Schreibens. Die höhere Ebene aber wird markiert durch das seit „Evangelii gaudium“ (2013) zentrale Anliegen der Inkulturation des Evangeliums und das in Prozessen der Synodalität. Beide Visionen prägen das gesamte Dokument.

Der bisherige Prozess, auf den das päpstliche Schreiben reagiert, war synodal. Inkulturation des überlieferten Evangeliums wiederum durchzieht das Schreiben wie ein roter Faden: von der Sorge um die indigenen Völker und um den Schatz des Regenwaldes über den „amazonischen Ritus“ hin bis zur Inkulturation der kirchlichen Strukturen und Ämter. Das wird der an Gesichtern ohnedies schon reichen christlichen universellen und nicht nur römisch-katholischen Kirche ein neues Gesicht verleihen. Eine dezentralisierte Kirche ist eine an Tiefe und Ausdruck reichere Kirche.

Alle Entwicklungen sollen synodal geschehen, und nicht dank einsamer päpstlicher Entscheidungen. Nicht alle Entscheidungen müsse in der Kirche das Lehramt treffen, so Papst Franziskus ausdrücklich in seinem Schreiben. Mit Blick auf die Herausforderung der Inkulturation in Amazonien vermerkt der Papst, dass davon die Römische Kurie keine Ahnung habe. Und damit sie das schlucken kann, fügt er sich selbst gleich den Ahnungslosen hinzu – was ja mit Sicherheit nicht stimmt.

Was somit als Sieg der ideologischen Bewahrer erscheint, erweist sich bei näherem Zusehen als herbe Niederlage des Zentralismus, der ein Liebkind der Ideologen ist. Der Papst gibt beim synodalen Reform-Stafettenlauf den Stab an die Ortskirchen Amazoniens weiter, den er kurzzeitig von diesen übernommen hatte. Seinen unbrüderlichen Ideologen richtet er als Ober-Hirte der Weltkirche aus: Nicht mit mir müsst ihr streiten, sondern mit der von Euch verächtlich und von oben herab geschulmeisterten Peripherie Amazoniens.

Papst Franziskus setzt damit dem Papstbild des Ersten Vatikanums ein definitives Ende. Dieses sitzt trotz Vatikanum II. immer noch tief in den Strukturen der Kirche. Der Papst ist kein Monarch, der alles machen kann – und eben auch nicht muss. Franziskus praktiziert ein Papstamt, das innerkatholisch ungewohnt und ökumenisch von höchstem Wert ist. Er hört zu, regt an, bestätigt Beschlüsse wie jene der Amazoniensynode, und erwartet, dass im nächsten Schritt des Prozesses, von ihm ermutigt, die lokalen Hirten ihre kulturnahe Verantwortung wahrnehmen und konkrete Entscheidungen treffen. In diesem Kontext erscheint das, was als Entscheidungsschwäche kritisiert wird, als ekklesiologische Lektion ersten Ranges: Denn folgerichtig hat Papst Franziskus „entschieden, nicht zu entscheiden“.

Das gilt zunächst für Amazonien, dann wohl aber auch für den Synodalen Weg in Deutschland. Und auch Österreichs Kirche wird schöpferisch werden und pastorale Reformen planen, die zukunftsgerecht sind. Der Papst ermutigt sie dazu – wie er es jetzt mit den Bischöfen Amazoniens gemacht hat, indem er ihren Schlussbericht als „offiziell“ erklärt und damit sagt, dass er mit ihrem Weg rund um einverstanden ist. Er erwartet Entscheidungen, die lokal getroffen werden, und wird diese, wenn sie im Rahmen des Schlussdokuments bleiben, auch nicht beeinspruchen.

Die Konsequenzen für die Ortskirchen und die lokalen Hirten sind dramatisch und drastisch: Sie müssen ihr Zaudern bis hin zur Feigheit, ihre Unterordnung an die römische Zentrale und Papsthörigkeit überwinden. Mehrmals hat ihnen der Papst während des gesamten synodalen Prozesses zu Amazonien zugerufen: Seid mutig! Und auch im Schreiben „Querida Amazonia“ wird er nicht müde, das zu tun.

Synodale Prozesse dieser Art müssen ohne Zweifel ein Gräuel in der Augen der Ideologen sein. Aber auch die Ortskirchen müssen sie erst lernen. Denn in den Köpfen auch der nun frustrierten Reformer sitzt immer noch ein antiquierter Papalismus. Die Bischöfe der Ortskirchen sind die verantwortlichen Hirten und der Papst ist als Ober-Hirte ihr Ermutiger, Bestärker und nur im Notfall auch unumgänglicher Beeinsprucher, wenn eine Lösung vom Weg des Evangeliums abweicht.

Es mag durchaus sein, dass der Papst diese Veränderung in seiner Amtskultur nicht im Vorhinein geplant hatte: Aber er hat im Leiden des gewaltigen Konflikts mit den Ideologen offensichtlich gelernt. Und das ist ein gewaltiger Kulturwandel der sich gerade im Leben der katholischen Weltkirche vollzieht.

 

 

 

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2 Antworten zu Ein Pyrrhussieg der Ideologen

  1. NORBERT FEICHTINGER schreibt:

    Gott gab dem Menschen den Verstand und die Kraft ihn zu gebrauchen. Nun ist es an uns, Die Welt immer mehr mit den Augen Jesu zu betrachten. Darin gilt es mutig voranzuschreiten. Danke Paul Michael Zuhlehner für deinen Kommentar.

  2. Peter Wurm schreibt:

    Lieber Paul Zulehner!

    Vielen Dank für Ihren Kommentar! Ein kleiner Beitrag dazu:

    https://peterwurm.blog/2020/02/16/mein-geliebtes-amazonien/

    Mit herzlichen Grüßen

    Peter Wurm

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