Abschied von Adolf Holl.

Predigt von Franz Haslinger in der Seelenmesse fpür Adolf Holl (Do. 13. Februar 2020, 14.00 Uhr, Pfarre Gersthof, 1180 Wien, Bischof Faber Platz)

Liebe Inge, verehrte Trauergemeinde!

Entlang des Weges: Hadtgasse, seine Arbeitswohnung – hinauf die PJ- Straße, vorbei am Studentenheim der KHG Nr. 29. Hier wohnte ich mit 37 Studenten als Studentenseelsorger. Weiter bis zur BUKU und dann rechts ab Gregor Mendelstraße – über die Hartäckerstraße : zur Telekygasse – der Wohnung von Inge.

Diesen Weg ging er zwei Mal am Tag: Von der Wohnung zur Arbeit – nach getaner Arbeit zurück in die Wohnung. Viele Jahre.
Ergebnis: Viele Bücher sind entstanden in der Hadtgasse und am Abend, ja, da gab es Gäste bei Inge:
Gutes Essen, angenehme Atmosphäre und vor allem Gespräche.
Ich durfte sehr häufig dabei sein.

Begegnung mit Adolf Holl war für mich immer wieder ein Öffnen meiner Augen für Neues, noch nicht Gesehenes, der Beginn einer inneren Reise, das Gespräch mit ihm gab nicht das Sichtbare wieder, sondern machte anderes sichtbar.

  • Tarockspiel in seiner Kaplanswohnung, Neulerchenfeld, 1968. Während einer Spielpause, die andern nahmen einen kleinen Imbiss zu sich, führte er mich zu seinen Büchern und griff nach „Masse und Macht“ von Elias Canetti, aus dem Jahre 1960. Adolf sagte zu mir: hier dreht sich alles um Schlüsselbegriffe zum Verständnis unseres Zeitalters. Es ist kühn im Denken und zieht von der ersten Seite an den Leser in Bann. Adolf Holl öffnete mir die Augen für die Bezugswelt von Masse und Macht in den Religionen und in der katholischen der Kirche.
  • Sein Buch „Jesus in schlechter Gesellschaft“ ging in den Verkauf und war am Markt und im Munde aller: Wie einst die Ariusfrage auf dem Konzil von Nicäa/Konstantinopel. gottähnlich/gottgleich?
  • Daher, vorbereiten – einen Vortrag mit Adolf Holl  -2- an der WU: Plakat: HOLL spricht über JESUS. An die

250 StudentenInnen drängten in den Hörsaal des Intern. Studentenheimes Döbling. Vereinbart war: Das Honorar übernimmt das Haus Döbling und nicht die KHG. Einige Tage vor der Veranstaltung: Anruf bei mir – hier ist König. Einige nette Worte nach meiner Befindlichkeit und dann die Frage: Wer kommt für die Kosten auf? : Die Gemeinde Wien.

Der Herr Kardinal: Danke, ein gutes Gelingen wünsche ich! Irgendwer hat ein Plakat von der Wand abgenommen und dem Herrn Kardinal zugeschickt: Kirchenbeitrag, Frechheit!

Meine Augen öffnen sich und ich sehe: ein kluger Kardinal und Verleumdung in der Kirche.

  • Sehr ehrlich war unser Gespräch über Glaube und Beten. Über seinen Glauben sprach Holl, „als stünde er in dichtem Nebel, sein Beten kenne kein Bitten mehr“. Dann fällt der Name: Wilhelm von St. Thierry, Abt des Benediktiner Klosters St. Thierry, nordöstlich von Reims, +1148, Mystiker, gilt als großer Theologe des Mittelalters. In dessen Buch „Spiegel des Glaubens“ find ich den wunderschönen Satz: Der Glaubenszweifler betet durch sein Fragenstellen: Adolf, dein Fragen waren deine Gebete, wenn du auf der Seite der Schwachen und Armen bist, wenn Barmherzigkeit dich leitet, wenn Demut deine Haltung ist. Das sind die Stufen der Gotteserkenntnis, sagt Wilhelm von St. Thierry.
  • In deinem Buch „der letzte Christ“ greifst du diese Sehnsucht nach Erkenntnis und Nachfolge Jesu auf mit dem Satz: Die Menschen wollten wissen, wie spät es ist“, und es wurde den Bürgern der Stadt Tournai die Erlaubnis gegeben, an geeigneter Stelle eine mechanische Uhr zu montieren. Und mir wurden die Augen geöffnet und ich sehe: Fragen stellen können   -3-Formen des Betens sein.
  • Im Jahre 1972 hast du die Pfarre Neulerchenfeld verlassen und bist in die Hardtgasse übersiedelt. 1973 wurde dir die Missio an der Uni entzogen. Ab jetzt hattest du keinen Altar für deine hl. Messen. Eines Abends, auf dem Weg in die Telekygasse hast du mich im Studentenheim PJ 29 besucht. Deine Bitte war, in der Kapelle unseres Hauses, an einem Abend in der Woche eine Hl. Messe lesen zu dürfen, mit deiner kleinen Gemeinde, 10 -13 Personen, die dir z.T. aus Neulerchenfeld nachgegangen sind und einige persönliche Freunde aus der Umgebung. Das war mir sehr willkommen, weil damit unser Angebot an Gottesdiensten erweitert würde.

Und wieder sind mir die Augen aufgegangen. Und es machte sich sichtbar, was ich nicht sah. Die Gestaltung der Messe war sehr einfach. Kein Gesang, keine Musik, nur das Wort und die Zeichen von Brot und Wein. Und zur Wandlung hat du die ganze Gemeinde eingeladen mit dir die Wandlungsworte zu sprechen, die Gemeinde sollte sie sprechen mit dir, weil du beauftragt bist, sie zu sprechen. Und die Gemeinde auf Grund ihrer Taufweihe sollte sie mitsprechen.  Und alle sprachen die Wandlungsworte.

Und da gehen mir heute noch die Augen auf: Wie könnte sich die Kirche heute aus ihrer Not des Priestermangels befreien, würde sie verstehen, dass Liturgie nicht das Sichtbare wiedergibt sondern etwas sichtbar macht. 1976 hat man dich als Priester suspendiert. Man hat dir, wie du es genannt hast, „die liebe, kleine, zarte Messe in der Ottokar Uhl Kapelle in der Peter Jordanstraße genommen“

  • Unvergesslich eine Fahrt mit euch und einigen Freunden ins Weinviertel. Ich wollte euch die bescheidene Schönheit meiner Heimat zeigen. In Michelstetten, ein kleines Dorf mit einer – 4 –kleinen, alten romanischen Kirche. Es war der Vorabend des
  1. Advents. Der große Adventkranz war gerichtet. Wir allein in der Kirche. – Stille. Ich zünde die 1. Kerze an.

Da hebt Adolf mit seiner ruhige Stimme zu singen an: Tauet Himmel den Gerechten, Wolken regnet ihn herab, rief das Volk in bangen Nächten, dem Gott die Verheißung gab. —-
Meine Augen tun sich auf und ich sehe die Bedürftigkeit und die sehnsuchtsvollen Blicke der Menschen im Weinviertel nach Anerkennung.

  • In der Wohnung von Adolf Holl stand ein großes Vortragekreuz, vermutlich ein Kunstwerk aus der Donauschule. Eines Tages stand es nicht mehr an seinem Platz. Auf meine Frage: wo ist es jetzt? „Ja, ER lebt aktuell nicht mehr in mir“.
    Längere Zeit später: Eine frohe Mitteilung: „ER hat sich wieder belebt! Und ich hänge wieder an seiner Angel“. Vor wenigen Jahren schenkte er mir das Kreuz und ich reichte es weiter an meine Pfarre Patzmannsdorf: Heute steht es in der neu gestalteten und würdigen Kreuzkapelle im Kirchhof. – In meiner Hoffnung, ER belebt auch die Menschen unserer Pfarre. Sehen lernen, wie sich etwas neu belebt, so tun sich meine Augen auf.
  • Verlagerung deines Lebenszustandes: Die Krankheit der Vergesslichkeit, wie du es genannt hast. KH Aufenthalt. Ich besuche dich. Dein Zustand ist besorgniserregend.

Kurze Fragen: darf ich dich segnen – kurze Antwort: Ja
Darf ich dich salben – dein kurzes: Ja
Darf ich dich salben mit dem Hl. Öl – deine Antwort: ja, mit dem Hl. Geist!

  • So bist du: Deine Fragen waren deine Gebete. So wie Thomas Jesus fragt: wohin gehst du, wir wissen nicht den Weg: Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben. Ich gehe zum Vater, um euch Wohnungen zu bereiten.

Adolf du bist jetzt angekommen: das neue Jerusalem. Jetzt sehen deine Augen, was wir noch nicht sehen:

Lieber Adolf, meine Seele sagt dir: DANKE.

 

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