Heribert Prantl: Gold, Weihrauch und Myrrhe für die Fluchthelfer

Die Geschichte von den Heiligen Drei Königen hat mir als Kind noch besser gefallen als die Geschichte von der Heiligen Nacht. Sie gefällt mir auch heute noch. Man muss sich das bildlich vorstellen: wie der König Balthasar von seinem Elefanten herunterklettert, König Melchior von seinem Kamel, König Caspar von seinem Pferd – und wie die drei dann auf dem Weg über die Wiese zur Krippe ihre prächtigen langen Mäntel durch den Schafscheiß schleifen.

Herunterkommen vom hohen Ross

Als Kind hat mir diese Vorstellung glucksendes Vergnügen gemacht. Es liegt nun einmal viel Dreck auf einer Schafweide; und zwar auch dann, wenn ein geschweifter Stern den Weg dorthin gewiesen hat. Die drei Könige kommen also ein wenig verdreckt an beim Jesuskind. Das bedeutet zweierlei: Erstens ist damit bewiesen, dass Sauberkeit selbst bei den allerheiligsten Angelegenheiten nicht das Wichtigste ist. Zweitens zeigt sich, dass die Könige nicht nur im echten, sondern auch im übertragenen Sinn herunterkommen mussten vom hohen Ross. Man steht nicht prunkend und protzend vor seinem Gott, auch wenn der derzeit in Windeln liegt.

Was Maria und Josef mit Gold, Weihrauch und Myrrhe gemacht haben

Beim Evangelisten Matthäus steht freilich nichts von Königen, auch nichts vom Elefanten, vom Kamel und vom Pferd, also nichts von der Menagerie, wie wir sie gern vor der Krippe aufstellen. Matthäus schreibt, dass sich „Magier aus dem Osten“, weise Männer aus dem Morgenland, beim neugeborenen Kind einfinden. Die weitere Legendenbildung hat dann aus den Sterndeutern die Heiligen Drei Könige gemacht – wohl wegen der drei kostbaren Geschenke, die sie dem Säugling mitbringen: Gold, Weihrauch und Myrrhe.

Gold kennt jeder. Weihrauch kennen einige, Myrrhe kennt so gut wie niemand. Darum verwandelte sich die Myrrhe in mancher Kinderphantasie, die manchmal bemerkenswert praktisch veranlagt ist, in eine Möhre, die der dritte König dem Jesuskind darbringt. Weihrauch und Myrrhe sind äußerst kostbare Harze, die man als Medizin gegen allerlei Leiden anwendete, die man im Kult und als Aphrodisiakum benutzte, oder einfach nur, um gut zu duften. Luxus pur legten die Besucher dem Neugeborenen zu Füßen.

Gold, Weihrauch und Myrrhe: Was hat Jesus bloß damit gemacht? Matthäus bleibt uns eine Antwort schuldig. Würde diese Kindheitsgeschichte in der Gegenwart spielen, bräuchte man nicht weiter darüber zu rätseln. Der Bibeltext über die Flucht von Josef, Maria und dem Jesuskind nach Ägypten gibt die Antwort: Das ganze schöne Gold, der teure Weihrauch, die wertvolle Myrrhe gingen für die Schlepper drauf. Freundlicher ausgedrückt: für die Fluchthelfer.

Kaum anders nämlich ist Flucht unter heutigen Bedingungen möglich. Wer (wie einst Jesus, Maria und Josef) dem Herodes und seinen Todesschwadronen entkommen will, der muss zahlen. Die Schlepperei ist ein Markt, der sich nach den üblichen Regeln des Marktes richtet: Wo die Nachfrage groß ist, wird das Angebot vergrößert. Und je weniger Geld man hat, desto fadenscheiniger werden die verkauften Produkte, die man sich leisten kann: Für die Habenichtse gibt es Überfahrten nur auf Schrottkähnen und maroden Schlauchbooten.

Damals Ägypten, heute Lesbos

Das Flüchtlingskind Jesus würde heute nicht nach Ägypten, sondern erst einmal nach Lesbos fliehen und dort im Dreck liegen – neben Rajab, Nasri, Bobby, Farhar, Lucas, Hameddin, Kariem und Muhamad; und Josef und Maria würden womöglich danach trachten, mit dem Kind nach Deutschland zu kommen. Vor einer Woche habe ich mir im Newsletter („Die Flüchtlings-Christkinder auf Lesbos“ solche Gedanken gemacht – und das Echo darauf war sehr groß. Deshalb will ich diese Gedanken fortführen mit der Geschichte von den drei Königen und dem Lohn für die Fluchthelfer.

Die brutale Wirklichkeit

In der Geschichte von der Flucht des Gottessohnes zeigt sich die brutale Wirklichkeit. Der Kindermord von Bethlehem, von dem Matthäus erzählt, ist nirgendwo historisch belegt. Darum meinen viele Forscher, er habe niemals stattgefunden, denn solch eine Grausamkeit habe doch in Berichten, Briefen oder anderen Dokumenten Spuren hinterlassen müssen. Doch letztlich kommt es nicht auf diese so genannte Wahrheit des Textes an. Er ist wahr, denn ohne weiteres können wir Beispiel um Beispiel solcher Gräuel aufzählen. Das ist ja das Entsetzliche: So gut sind wir eingeweiht in die Wirklichkeit, dass wir gar keine Probleme damit haben, die Ermordung der Kinder von Bethlehem als geschehen anzunehmen.

Unehrenwerte Motive? Gehässiges Reden!

Nicht alle, die heute kommen, fliehen vor Killerkommandos, die sie direkt verfolgen. Manche fliehen vor alltäglichem Terror und alltäglicher Gewalt in ihren Ländern. Sie müssen dann hierzulande in ihren Ablehnungsbescheiden lesen, sie hätten „inländische Fluchtalternativen“. So wäre es vielleicht auch dem Jesuskind ergangen: Warum gleich ins Ausland fliehen, wenn man nur in Bethlehem bedroht ist? Die Jesus-Familie hätte doch, so würde es heißen, in einer anderen Stadt Sicherheit suchen können.

Gewiss, viele Flüchtlinge fliehen auch einfach nur vor einer elenden Zukunft. Sie fliehen heute aus Ländern, in denen sie zwar nicht unmittelbar an Leib und Leben bedroht sind, aber in denen die Verhältnisse so korrupt, arm und chaotisch sind, dass sie dort nicht nur keine Zukunft mehr sehen, sondern real keine Perspektive mehr haben, die den Namen Zukunft verdient. Unehrenwert sind nicht die Motive dieser jungen Menschen, unehrenwert sind die gehässigen Reden derer, die sie verächtlich machen. Der Retter ist einer, der gerettet werden muss

Matthäus konstruiert sein Evangelium so, dass der Messias, den Gott schickt, schon mit seiner Geburt in dieses Unheil hineingezogen wird – auf der Seite der Opfer. Der Retter ist also einer, der gerettet werden muss, damit er nicht umkommt.

So ist es nicht allein bei ihm, sondern bei einem großen Teil des biblischen Personals. Sieht man die Bibel unter diesem Aspekt, so ist sie ein Buch der Flucht- und Migrationsgeschichten. Der Kollege des Matthäus, Lukas, macht es auf andere Weise, aber in der Intention ähnlich. In seiner Geburtslegende werden die Eltern des Jesus durch den kaiserlichen Befehl zur Volkszählung noch vor dessen Geburt gezwungen, ihren Heimatort zu verlassen. Bei Lukas kommt der Messias in einer fremden Stadt ohne Herberge zur Welt. Bei Matthäus muss der Säugling das Haus, in dem er geboren wird, alsbald verlassen um dem königlichen Tötungsbefehl zu entkommen.

Der Schriftsteller Matthäus, der von Gold, Weihrauch und Myrrhe erzählt, lebte im letzten Viertel des ersten Jahrhunderts; er erlebte, wie der jüdische Krieg unzählige Familien zu umherirrenden Flüchtlingen gemacht hat, zu Fremden im eigenen Land. Aus dem gelobten Land der Freiheit, das Israel nach der Tradition war, in das Gott sein Volk geführt hatte, war wieder ein Ägypten geworden, ein Land voller Elend, Mühsal und Bedrängnis, ein Land, in dem man unter Besatzung und Gewalt litt. Darum schickt Matthäus in seiner Geburtslegende sein Jesuskind mitten unter diese Menschen. Er lässt es ihren Weg solidarisch mitgehen.

Selig sind die Verfolgten

Matthäus erzählt von einem Kind, das flüchten muss vor den Gewalttätern. Er gleicht das Schicksal seines Messias dem Schicksal der entwurzelten Menschen seiner Gegenwart an. Aber noch mehr: Matthäus konstruiert die Geschichte von Jesus bewusst nach der Geschichte des Moses. Wie jener von Gott erwählte große Befreier des Volkes aus dem Alten Testament kommt auch Jesus aus Ägypten. Wie Moses, der dem Kindermord des Pharaos in einem Schilfkästchen entrann, ist auch er ein Davongekommener. Wie Moses, der dem Volk die Gebote am Berg gab, wird Jesus Gottes Willen in seiner Bergpredigt verkünden. Und wie könnte ein Flüchtlingskind seine Predigt anders beginnen als so: Selig sind die Armen, die Leidtragenden, die Sanftmütigen, die Gerechtigkeitssucher, die Barmherzigen, die Friedenstifter, die Verfolgten. Von ihnen, den Verfolgten, ist zuerst zu sprechen.

Vielleicht ist Gottes Sohn gerade wieder auf der Flucht, diesmal nicht nach Ägypten. Wenn wir wissen wollen wo – dann suchen wir am besten in den Flüchtlingsheimen, in den Lagern, auf den Schiffen im Mittelmeer.

Der Palmbaum, der sich neigt

Darum sollte sich der Bundesinnenminister von der Episode mit dem Palmbaum anregen lassen. Sie stammt aus der Goldenen Legende, einer mittelalterlichen Sammlung von Heiligengeschichten. Immer und immer wieder ist sie gemalt worden: von Albrecht Altdorfer und von den italienischen Meistern Correggio, Caravaggio und Giorgione. Hans Baldung Grien hat sie auf dem Altarflügel des Freiburger Münsters abgebildet, die Darstellung des Anthonis van Dyck hängt in der Alten Pinakothek zu München: Es ist die Episode vom Palmbaum, der sich, als Josef und Maria mit dem Jesuskind nach Ägypten fliehen mussten, herabbeugt, um seine Datteln pflücken zu lassen; und zwischen seinen Wurzeln lässt dieser Palmbaum eine Quelle sprudeln.

Also: Selbst die Natur konnte nicht anders, als sich erweichen lassen vom Anblick dieser Familie. Das will sagen: Abwehr ist keine natürliche Reaktion. Es schadet der Politik nichts, wenn sie sich herabneigt zu den Flüchtlingen. Sie muss herunter kommen vom hohen Ross. Sie muss helfen. Das gehört zur Dreikönigs-Botschaft. Das gilt so nicht nur vor zweitausend Jahren. Das gilt auch im Jahr 2020.

Ich wünsche Ihnen eine gute, eine ruhige, eine im Wortsinn besinnliche Zeit zwischen den Jahren und an den Feiertagen.

Ihr Heribert Prantl, Kolumnist und Autor der Süddeutschen Zeitung

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