„Durch das Wirken des Heiligen Geistes“

Mit der Geburt Jesu Christi war es so: Maria, seine Mutter, war mit Josef verlobt; noch bevor sie zusammengekommen waren, zeigte sich, dass sie ein Kind erwartete – durch das Wirken des Heiligen Geistes.
(Mt 1,18)

Auf einer alten Ikone der orthodoxen Kirche, später aber auch im Islam, wird die Entschlafung (ho koimesis) Mariens dargestellt. Gebettet auf ein vornehmes Bett liegt Maria im Sterben. Da sie, die pfingstliche Kirchenmutter, so wird berichtet, die Apostel noch einmal sehen wollte, waren sie alle versammelt.

Und dann unvermittelt wird in das Bild ein unsichtbarer Rückblick in jene Zeit eingeblendet, in der die Sterbende ein Kind geboren hatte, in einem Stall, einer Krippe, umgeben mit der ersten Gesellschaft Jesu, nämlich Ochs und Esel, und das den alten hartnäckigen Erzählungen nach in einer ziemlich modernen Patchworkfamilie, einer Mutter mit ihrem unehelichen Kind und einem berufstätigen Geldbeschaffer, Josef, einem Tischler.

Dieser Rückblick wird in eine makabre Szene gekleidet. Ein Mönch wollte seine letzte Chance nützen, um sich in seiner verständlichen Skepsis ein handfestes Urteil darüber verschaffen, dass Maria wirklich als Jungfrau geboren hat. Und während er „übergriffig“ wird, hackt ihm ein plötzlich sichtbar werdender Engel beide Hände ab.

Das ist nun wirklich nicht die vertraute Job-description eines Engels. Für gewöhnlich bringt er Menschen Nachrichten, die aufhorchen lassen – so der jungen Maria, dass sie ein Kind bekommen soll. Und Gott erspart ihr auch gleich die mühsame Suche nach einem Namen für ihr versprochenes Baby. Denn auch diesen lieferte der Engel mit seiner Botschaft gleich mit. Das Kind sollte den tröstlichen Namen „Gott rettet“ bekommen.

Engel mischen sich zumeist auf in erfreulicher Weise in die Politik Gottes ein. Da soll, erzählen sie den Hirten im Durcheinander mit einem riesigen nächtlichen Lobpreis, einer geboren worden sein, welcher der kriegerischen Welt als Geburtsmitgift bleibenden Frieden bringen wird.

Freilich hatte auch schon einmal, ganz am Anfang der mythisch erzählten Menschheitsgeschichte, ein Engel ein Feuerschwert in der Hand. Er musste mit diesem den Lust- und Erkenntnisverliebten Evas und Adams den leichten Rückweg ins Paradies ohne Durchschreiten der Todespforten verwehren. Aber der Engel vor dem Paradies brauchte sein Schwert nie einzusetzen. Jener bei der Entschlafung Mariens tat dies aber. Er schlug dem Übergriffigen einfach die Hände ab und hinderte ihn buchstäblich daran, das erzählte Geheimnis zu begreifen. Die Botschaft dieser völlig unweihnachtlichen Strafaktion ist klar: „Lass die Finger davon!“ Biologische Neugierde ermöglicht nicht, das Geheimnis in seiner Tiefe zu erfassen. Dazu braucht es nicht biologische Überprüfung, sondern die Augen des Glaubens und das Gehör der Demut.

Das Wirken der Geistkraft

Was aber macht der Heilige Geist, den die Ikone ganz zentral zeigt, bei dem in die Todesszene hereinerinnerten Geschehen, die dem biologistisch gesinnten Mönch keine Ruhe ließ? Er scheint in unbegreiflicher Weise und doch nachhaltig mitgemischt zu haben. Denn so steht immerhin geschrieben: bei der Entstehung dieses Friedensbringer-Kindes ist Gottes Geistkraft selbst am Werk.

Wir können das vielleicht in seiner Tragweite ein wenig besser erahnen, wenn wir ein wenig ausholen. Denn der Geist taucht ja nicht erst bei rund um das Entstehen und die Geburt des kleinen Kindes namens Jeshua auf. Vielmehr wirkt dieser an ganz großen entscheidenden Stellen der ganzen Geschichte: am Beginn, mitten in der laufenden Geschichte, und am Ende.

Der Geist Gottes schwebte über den Wassern

Gleich im ersten Buch der Bibel wird über die Entstehung der Welt berichtet. Da herrschte Tohuwabuho. Und es war finster. Der gläubige Leser, die Leserin wusste: Es war noch eine dunkle Welt ohne Gott, der Licht ist. Aber vielleicht war sie auch schon mehr: sie war gleichsam gottschwanger, hat Gott empfangen. Gott einte sich gleich ganz am Beginn mit der materiellen Welt. Die große Urmutter Erde empfing den Heiligen Geist. Und seither ist dieser im Herzen der Schöpfung die treibende Entwicklungsenergie. Er bringt die Sterne, die wunderbaren Pflanzen und Tiere und am Ende den Menschen hervor. Und immer mehr kommt der Schöpfung zum Bewusstsein, was da abläuft: die unvorstellbare Einung Gottes mit der ganzen Schöpfung.

… um Mensch zu werden

Dieser unglaublich lange Weg der mit Gott geeinten Welt erreicht dann einen vorläufigen Höhepunkt in einem von uns. Die ganze Schöpfung läuft durch das innere Wirken auf die Menschwerdung Gottes hinaus: Gottes Logos wird sarx, Fleisch – so der Evangelist Johannes voll Staunen gleich am Beginn seines Evangeliums – Gottes Wort verbindet wird ein Mensch. Und damit das nicht übersehen wird, bedient sich die Heilige Schrift eines alten Stilmittels: sie retuschiert den Mann weg und setzt an die Stelle des Mannes die Geistkraft Gottes: seinen Heiligen Geist. Aber die Aussage ist eben nicht biologistisch. Vielmehr lautet die Botschaft: In unüberbietbarer Deutlichkeit wird in diesem Kind klar, dass Gott und Welt sich in einem ständigen Tanz der Liebe vereinen und hervorbringen.

Er bewirkt so den  Anfang der Vollendung

Das heutige weihnachtliche Ereignis ist daher nicht mehr und nicht weniger als ein geschichtlicher Höhepunkt. Es ist eine Lesehilfe, worauf diese Liebesgeschichte Gottes mit der Welt, deren Innerstes er selbst ist, hinstrebt: nämlich auf die finale Vollendung. Deshalb besingt der Kolosserhymnus Jesus Christus als den „Erstgeborenen der ganzen Schöpfung“ (Kol 1,15). Nicht nur durch ihn, sondern auf ihn hin ist alles erschaffen. Damit öffnet das Weihnachtsfest wie ein Adventkalender ein letztes Fenster in den Ausgang der Geschichte: am Ende, so Paulus im Brief an die Christinnen und Christen in Korinth, wird Gott alles in allem sein. (1 Kor 15,28).

***

Wir haben uns angewöhnt, Weihnachten als den Geburtstag eines jüdischen Kindes zu feiern, von dem wir freilich überzeugt sind, dass es der Schlüssel für die Geschichte der Welt und unsere eigene Geschichte ist. Vielleicht lohnt es sich, Weihnachten einmal mutig zu entgrenzen und zu sagen: Weihnachten hat immer stattgefunden und findet immer statt. Und da Weihnachten für Inkarnation, also Fleischwerdung, Materiewerdung Gottes steht, findet eine solche Inkarnation seit dem Urknall statt, von dem weg sich dieses unglaubliche Universum entwickelt und wir in ihm.

In der alten Sprache der Theologie könnten daher von einer „incarnatio continua“ sprechen. Denn Gott hat sich durch seine Geistkraft schon am Beginn mit seiner Schöpfung geeint. Diese Einung erreichte einen anfanghaften Höhepunkt in Jesus, geboren im Stall zu Bethlehem. Ins Finale aber  gelangt diese Gotteinung, wenn die gesamte, in Geburtswehen seufzende Schöpfung und alle Menschen definitiv umgewandelt sein werden.

So kann der Dichter des Psalms 140 singen:

Du sendest deinen Geist aus: Sie werden erschaffen *
und du erneuerst das Angesicht der Erde.
Die Herrlichkeit des Herrn währe ewig, *
der Herr freue sich seiner Werke. (Ps 140,30f.)

Herr, lass es nicht wahr sein!

Als Charles Darwin 1859 in seinem Besteller „Die Entstehung der Arten“ (The Origin of Species) seine Überlegungen zur Evolution der Welt bis hin zum Menschen vorstellte, hat das nicht wenige Christen tief irritiert. Ja es hat geradezu die Grundfesten ihres Schöpfungsglaubens erschüttert. Das hat freilich auch damit zu tun, dass Darwin die Schöpfungserzählung in sieben Tagen rein naturwissenschaftlich gelesen und daher auf Grund seiner Beobachtungen und daran geknüpften Deutungen als „falsch“ eingestuft hatte. Die Frau eines anglikanischen Bischofs in Schottland hatte davon erfahren. Erschrocken soll sie ausgerufen haben: „Lieber Gott, lass es nicht wahr sein!“ Aber dann fügte sie, wohl ahnend, das an einer naturwissenschaftlichen Betrachtungsweise durchaus etwas Wahres dran sein könnte, bei: „Aber wenn es wahr ist, dann gib, dass es sich nicht herumspricht!“

Es hat sich herumgesprochen. Aber heute erschrickt eine gut arbeitende Theologie nicht mehr. Denn für eine gute Theologin ist klar, dass die Naturwissenschaft die Entwicklung der Welt und des Lebens in ihr mit scharfem Verstand lediglich an der Oberfläche betrachtet. Sie sieht nur die handfeste Materie. Aber sie kommt nicht umhin, verlegen die Schönheit und die vielen Wunder des Lebens zu bestaunen. Anders die gläubige Sicht: Sie schaut mit den Augen des Herzens und hat eine Ahnung von der Tiefe der Ereignisse der Evolution. Mit dem Evangelisten Matthäus weiß die gläubige Sicht: alles geschieht „durch das Wirken des Heiligen Geistes“. In der Welt, aber auch in meinem eigenen Leben. Wir könnten nicht sein, würde nicht Gott in uns leben und wirken. Wir könnten nicht lieben, wäre nicht seine Liebe in unser Herz gelegt.

***

Und so wird durch das Wirken des heiligen Gottes Gott heute auch in uns geboren: Tag für Tag ist Weihnachten. Gottesgeburt.

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