Aus dem Dunkel des Regenwaldes ins Scheinwerferlicht

von Gerda Schaffelhofer

Hat uns die Amazoniensynode etwas gebracht, oder bleibt nach viel Blabla doch wieder alles beim Alten? Diese Frage wurde in den letzten Tagen des Öfteren gestellt. Die Antwort darauf ist nicht ganz einfach.

Für Amazonien und die dort lebenden indigenen Völker war diese Synode zweifellos ein Paukenschlag. Endlich haben Land und Leute ausreichend Aufmerksamkeit geschenkt bekommen, endlich ist uns allen bewusst geworden, dass Amazonien uns alle angeht. Wir haben begriffen, dass der ökologische Wahnsinn, der den Regenwald zerstört und dort lebende Menschen ihrer Lebensgrundlage beraubt, nicht ein territoriales Problemchen ist, sondern Auswirkungen auf das weltweite Ökosystem hat, also auch uns betrifft. Und wenn’s um uns geht, werden wir ja doch ein bisschen hellhörig. Neu ist diese Erkenntnis freilich nicht, aber die Synode hat es geschafft, die Gesamtproblematik aus dem Dunkel des Regenwaldes ins Scheinwerferlicht zu rücken und zwar so, dass eigentlich nur noch Blinde und Verrückte daran vorbeigehen können.

Positiv ist auch, dass wir im Laufe der Synode nicht zuletzt durch die Präsenz zahlreicher Vertreter der indigenen Bevölkerung im Vatikan mitbekommen haben, dass es nicht nur um Bruder Baum, sondern auch um Bruder und Schwester Mensch geht. Die indigenen Völker mögen zwar eine andere kulturelle Identität haben, ihre religiösen Symbole mögen sich von den unsrigen unterscheiden, ihre Statuen vielleicht weniger den gewohnten Heiligenschein tragen und stattdessen schwangere Frauen zeigen, aber in Christus verbunden sind wir allemal. Wer schon einmal die Gastfreundschaft einer christlichen Gemeinde im Amazonasgebiet erlebt hat, wie ich dies vor vielen Jahren durfte, weiß um das viele Verbindende, das es gibt. Dass wir uns als Christen mit diesen Schwestern und Brüdern nur solidarisch erklären können, wissen wir spätestens seit der Abfassung des Neuen Testaments. Eigentlich traurig, dass wir es in den letzten 2000 Jahren so wenig verinnerlicht haben, dass es jetzt einer Synode bedarf, um dies wieder zu thematisieren. Dennoch gut, dass es geschehen ist und dass Papst Franziskus mit voller Überzeugung diese Verbundenheit mit den Schwestern und Brüdern Amazoniens nicht nur gepredigt, sondern vorgelebt hat.

Es kann auch gut sein, dass wir uns diesen Schwestern und Brüdern eines Tages zu großem Dank verpflichtet fühlen werden. Denn sie hatten den Mut im Ringen um lebendige christliche Gemeinden, die die Nachfolge Christi ernstnehmen, Defizite in unserer Kirche anzusprechen, die wir ebenfalls verspüren, die wir aber bisher ständig unter den Teppich gekehrt haben. Der Priestermangel, die Zölibatsverpflichtung, die Abwertung der Frauen, die mangelnde Attraktivität der kath. Kirche im Unterschied zu den Freikirchen, das alles sind Phänomene, die wir durchaus auch kennen, die anzupacken uns aber bisher der Mut gefehlt hat und teilweise immer noch fehlt. „Wir sind nicht Amazonien“, lassen Kardinal Schönborn und seine Getreuen bereits jetzt verlauten und versuchen damit, im Vorfeld jeden Keim der Hoffnung auf dringend gebotene Reformen in unserer Region zu ersticken. Im wörtlichen Sinn, Herr Kardinal, sind wir nicht Amazonien, das wissen natürlich auch alle, die die Petition „Amazonien-auch – bei-uns“ unterschrieben haben. Es wird wohl niemand das Waldviertel mit den Weiten des Regenwaldes verwechseln. Aber wir teilen mit den indigenen Völkern des Amazonasgebietes die akuten Problemfelder in der katholischen Kirche. Auch wir leiden zunehmend an einem Mangel echter Priesterpersönlichkeiten, und auch bei uns haben die Laien zu wenige Möglichkeiten, sich maßgeblich in Entscheidungen einzubringen. Auch bei uns ist die Zölibatsverpflichtung ein Hemmschuh für viele Berufungen, aber auch – wenn nicht gelebt – für die Glaubwürdigkeit der Kirche. Auch bei uns sind die Frauen in der Kirche mehr geduldet als geschätzt.  Wie betriebsblind, weltfremd oder gar „kirchen-fremd“ muss man eigentlich sein, wenn man all diese Probleme nicht sieht oder sehen will? „Viri probati für Europa keine Hilfe“, verkündet der Pressesprecher von Kardinal Schönborn und vertritt allen Ernstes die These, dass mehr Priester und eine damit verbundene leichtere Verfügbarkeit von Priestern nicht Gemeinden stärken, sondern Reformen noch verhindern und den Schrumpfungsprozess der Kirche begünstigen würden. Diese Argumentation ist schon eine Kunst, das schafft wohl nur ein Pressesprecher. Sie ist aber auch ein Schlag ins Gesicht all der Gemeinden, die unter dem zunehmenden Priestermangel leiden, sich mit ständig wechselnden Aushilfspriestern behelfen müssen oder ausländische Priester zugewiesen bekommen haben, die der deutschen Sprache kaum mächtig sind und aus völlig anderen Kulturkreisen kommen. Wir importieren Priester aus anderen Kontinenten und bezahlen nicht nur sie, sondern ihre Bischöfe im Heimatland, damit wir unsere Pfarren besetzen können. Statistischen Berechnungen zufolge werden beispielsweise in der Diözese Gurk-Klagenfurt im Jahr 2030 60% der Priester ausländischer Herkunft sein. Sie werden nicht nur aus Polen und Indien kommen. Glauben wir wirklich, dass dieses Rekrutieren ausländischer Priester mehr Erfolgschancen bietet als die Öffnung des Priesteramtes für verheiratete Männer?

Dass mit dieser Öffnung des Priesteramtes nicht alle unsere Probleme gelöst sind, versteht sich von selbst. Ein Priester macht noch keine Gemeinde und schon gar keine lebendige. Aber es wäre ein erster nicht zu unterschätzender Schritt in die richtige Richtung. Und wenn Papst Franziskus dann vielleicht auch noch an die Frauen denkt, und das Frauendiakonat endlich wiederbelebt wird, dann könnte unsere Kirche vielleicht einmal fest durchschnaufen und die Kraft zu vielen weiteren dringend nötigen Reformschritten aufbringen. Die Amazoniensynode könnte daher tatsächlich einen Reformschub in der Kirche auslösen, aber nur dann, wenn nicht ängstliche Kleingeister wieder alle Notbremsen ziehen. Zur Petition „Amazonien-auch-bei-uns“

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3 Antworten zu Aus dem Dunkel des Regenwaldes ins Scheinwerferlicht

  1. Dr. Wolfram Frank , D-79853 Lenzkirch schreibt:

    Professor Zulehner , ich teile Ihre Meinung , dass die Amazonas Synode ein sehr wichtiger Schritt im Sinne einer ecclesia semper reformanda war und dass es um weit mehr als den Regenwald geht. Wir sollten uns noch etwas in Geduld üben und unserem hochgeschätzten Papst Franziskus den Vortritt lassen die richtigen Schlüsse zu ziehen . Der von mir ebenso hochgeschätzte Kardinal Schönborn hat mit seiner Aussage insofern recht , dass unsere Probleme in Westeuropa anderer Natur sind . Wir sollten uns Gedanken machen , wie unsere kleine Herde , die wir heute sind , unseren Glauben überzeugend in eine weitgehend heidnisch gewordene Gesellschaft hinein tragen können . Sicher kann man eine Lockerung des Zölibats und Frauenordination diskutieren, aber Wunderheilmittel sind das auch nicht , sonst wären ja die Kirchenaustritte bei den Protestanten nicht genauso hoch wie bei uns.

    • albertpichler schreibt:

      Grundsätzlich stimme ich Ihnen zu. M. E. geht es primär darum, die „Hermeneutik“ der Amazoniensynode auf unsere mitteleuropäische Situation anzuwenden. Dies ganz im Sinne des Vatikanum II in Beachtung der „Zeichen der Zeit“. Der Weg dorthin braucht die Bereitschaft zum Dialog. Und noch etwas, was mir auffällt: Wenn Bischöfe immer wieder betonen, dass Zölibat und Diakonat der Frau bei der Amazoniensynode eher marginal waren, liefern sie Journalist*innen und kritischen Mitchristinn*en immer weiter den Eindruck, nicht ernst genommen zu werden. In einer Kirche des Dialogs sollte es gelingen, ohne Maulkorb über „alles“ nachzudenken, zu reden und Wege der Erneuerung zu suchen.

  2. Johanna Spöth schreibt:

    Danke -ähnliches habe ich auch empfunden, nur konnte ich es nicht so konkret formulieren!

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