Interview mit Erwin Kräutler: „Zukünftige Generationen werden uns richten“

Bischof Erwin Kräutler hat die Amazonas-Synode mit organisiert. Er sagt: Der Mensch fährt die Schöpfung gegen die Wand. Die Kirche muss aufbegehren – und weiblicher werden.
Interview: Christina Rietz, Oktober 2019, 8:00 Uhr, aktualisiert am 18. Oktober 2019, 22:15 Uhr, AUS DERZEIT NR. 42/2019

„Das ist eine Katastrophe mit apokalyptischen Ausmaßen“,
sagt Erwin Kräutler über die Waldbrände in Brasilien. 

Frage: Herr Kräutler, dieser Tage hat in Rom die Amazonas-Synode begonnen, bei der es unter anderem um die Waldzerstörung gehen soll. Sie leben seit 54 Jahren in Brasilien. Wie wütend sind Sie auf den brasilianischen Präsidenten Bolsonaro?

Erwin Kräutler: Bolsonaro hat keine Ahnung von dieser Region. Sein Plan ist, Amazonien für nationale und internationale Konzerne zu erschließen. In Amazonien leben aber viele indigene Völker, die gar nicht erschlossen werden wollen. Amazonien ist für den Präsidenten eine Provinz, die für den Export bis aufs Blut ausgebeutet werden soll ohne Rücksicht auf die Völker, die seit Tausenden Jahren hier leben.

Frage: Man beutet Amazonien aus.

Kräutler: Man holt alles raus, was es gibt: Holz, Erze, auch Energie. Es gibt ja wasserreiche Flüsse. Man spricht da von grüner Energie. Allerdings vergisst man dabei die gewaltsame Umsiedlung von Tausenden Menschen und den Eingriff in das Ökosystem.

Frage: Ist der wirtschaftliche Aufstieg Brasiliens mit dem Niedergang Amazoniens schicksalhaft verknüpft?

Kräutler: Die Gefahr, dass Amazonien zugrunde geht, ist real. Die ganze Welt muss sich dagegen wehren! Auch das ist ein Thema unserer Synode in Rom.

Frage: Sie wohnen seit fünf Jahrzehnten im brasilianischen Teil Amazoniens. Welche Umweltzerstörung war die schlimmste, die Sie mit eigenen Augen mitansehen mussten?

Kräutler: Die Brände dieses Jahr. So etwas ist in dieser Größenordnung nie zuvor geschehen. Das ist eine Katastrophe mit apokalyptischen Ausmaßen. Die Synode kommt zur richtigen Zeit.

Frage: In Ihrem neuen Buch namens Erneuerung jetzt, in dem Sie sich mit der Amazonas-Synode beschäftigen, zitieren Sie angesichts der Waldbrände aus dem katholischen Requiem, genauer aus dem Dies irae. Das ist ein tragischer Hymnus über das Jüngste Gericht. Hat das letzte Stündlein Amazoniens geschlagen?

Kräutler: „Lacrimosa dies illa/ qua resurget ex favilla“, das waren die letzten Takte, die Mozart auf dem Sterbebett komponiert hat. „Tag der Zähren, Tag der Wehen/ Da vom Grabe wird erstehen/ Zum Gericht der Mensch voll Sünden/ Lass ihn, Gott, Erbarmen finden.“

Frage: Werden die Zerstörer Amazoniens Erbarmen finden?

Kräutler: Der Mensch, der alles zugrunde gerichtet hat, der steht ja auch zukünftigen Generationen gegenüber. Die werden uns richten. Wir sind ja nicht die letzte Generation. Die Kinder von morgen wollen auch atmen. Amazonien hat eine klimaregulierende Funktion für die ganze Welt. Da können wir nicht zuschauen, wie es zugrunde geht! Was haben wir mit der Schöpfung gemacht? Lebensgrundlagen zerstört …

Frage: Was soll ausgerechnet die katholische Kirche gegen die Bolsonaros dieser Welt ausrichten?

Kräutler: Wir können ja nicht einfach sagen: Uns sind die Leute nur aus religiöser Sicht wichtig. Da könnten wir gleich abdanken. Wir beten jeden Sonntag „Ich glaube an Gott, den Vater, den Schöpfer“! Im biblischen Schöpfungsbericht heißt es, dass wir für diese Schöpfung eintreten müssen, sie hegen und pflegen, nicht unterjochen und zerstören!

Frage: Was kann die Kirche jetzt konkret politisch tun?

Kräutler: Wir haben keine politischen Projekte, das nicht. Aber wir müssen auf die Zerstörung der Mitwelt unzähliger Völker hinweisen. Das ist lange nicht geschehen. Endlich, im Jahr 2015, hat Papst Franziskus die Enzyklika Laudato si herausgegeben, und das war ein monumentaler Schritt. Wir müssen die Umwelt, die ich lieber Mitwelt nenne, verteidigen. Wir können als Kirche nicht sagen: „Nach uns die Sintflut.“ Wir sind für den ganzen Menschen verantwortlich, nicht nur dann, wenn er in der Kirche ist.

Frage: Wie kam es dazu, dass Sie als Mitautor von Laudato si genannt werden?

Kräutler: Kann ich Ihnen erklären. Ich bin seit Jahrzehnten der Sekretär der bischöflichen Kommission für Amazonien. Kardinal Cláudio Hummes ist da Präsident, und er sagte zu mir: Du bist jetzt 50 Jahre in Amazonien, du musst einfach dem Papst erzählen, was da abgeht.

Frage: Was dachten Sie?

Kräutler: Ich sagte: Dom Claudio, ich kann doch nicht einfach nach Rom fliegen und sagen, ich bin da.

Frage: Wie ging es weiter?

Kräutler: Dom Claudio hat da wohl was in die Wege geleitet, denn kurze Zeit später erhielt ich eine Mail – oder eher ein Fax – aus dem Vatikan, ich möge dort aufschlagen, in einer Privataudienz.

„Wir brauchen Frauen, die die Eucharistie feiern können!“

Frage: Aufregend.

Kräutler: Also hab ich mich vorbereitet. Der Papst ist unendlich väterlich und brüderlich zugleich. Und begrüßte mich mit: Ich will eine Enzyklika über Ökologie schreiben! Da habe ich ihm die Lage Amazoniens, der indigenen Völker dargelegt. Er bat mich daraufhin, dem ghanaischen Kardinal Turkson Dokumente über Amazonien zukommen zu lassen. Mit Turkson war ich am Vorabend zum Abendessen in einer Trattoria. Ihm übermittelte ich, zurückgekehrt nach Brasilien, meine Informationen. Zu meiner Freude sind meine Anliegen in Laudato si eingeflossen, aber Mitautor bin ich deshalb nicht.

Frage: Wäre eine solche Umweltenzyklika unter Benedikt XVI. denkbar gewesen?

Kräutler: In dieser Art nicht. Franziskus zitiert nicht nur Kirchenväter und Theologen, sondern auch Forscher und die Bischofskonferenzen. Das war neu. Die Enzyklika ist außerdem nicht nur an die Kardinäle und Bischöfe adressiert, sondern an die Menschheit. Das ist schon mal gleich der Unterschied zu allen anderen Enzykliken.

Frage: Sie haben die gerade in Rom tagende Amazonas-Synode mit vorbereitet. In Ihrem Buch schreiben Sie, dass im Vatikan die lateinamerikanische Lebenswirklichkeit auf kalte römische Paragrafen trifft. Wie kann man sich das vorstellen?

Kräutler: Es geht weniger um die Römer als um die Europäer, also um Bischöfe und Kardinäle. Ich bin 54 Jahre in Brasilien und weiß, wovon ich rede. Die Leute, die gegen die Synode sind und gegen die Themen, die dort behandelt werden, sehen alles mit einer europäischen Brille. Das ist in der römischen Kurie auch so. Es ist sehr schwer, Lateinamerika und insbesondere Amazonien zu verstehen, man muss dort gewesen sein.

Frage: Die Synode beschäftigt sich mit Viri probati, das sind verheiratete Männer, die zum Priester geweiht werden können, um die Eucharistie zu zelebrieren. Amazonien braucht diese neue Art Priester, weil es kaum andere gibt – und manche Gemeinden deshalb nur einmal im Jahr die Eucharistie feiern können. Man wirft ihnen vor, mit den Viri probati das Kirchenrecht zu strapazieren …

Kräutler: Das ist für mich das größte Problem. Es gibt einen Haufen Paragrafen, Codex Iuris Canonici und was nicht alles. Aber wie können wir diese europäischen Verordnungen bei uns so applizieren, dass wir da auch leben können?

Frage: Viele Europäer können sich vielleicht nicht vorstellen, wie ein Gemeindeleben ohne Eucharistie ist.

Kräutler: Es gibt Leute, die sind gegen alles. Warum brauchen wir eine Synode für Amazonien? Der Papst ist ja nicht morgens aufgewacht und hat gedacht: Die berufe ich heute ein. Wir lateinamerikanischen Bischöfe haben ihm klargemacht, dass das Zentrum unseres Glaubens, die Eucharistiefeier, in ganz Amazonien kaum stattfindet. Das ist doch ein unhaltbarer Zustand, da muss man was tun!

Frage: Franziskus hat in einem Interview gesagt, Viri probati seien gar nicht das Hauptziel der Synode.

Kräutler: Sie sind nicht das Hauptthema. Die Eucharistiefeier ist es! Die Konzilsdekrete und viele Enzykliken reden von der Eucharistie als dem Zentrum des katholischen Glaubens. Und unsere Leute haben keinen Zugang zu ihr. Da müssen wir uns doch fragen, ob auch andere Wege zum Weihepriestertum möglich sind.

Frage: Das ist für viele ein Tabuthema.

Kräutler: Jesus hat am Abend vor seinem Leiden nicht einen guten Rat erteilt, sondern er hat gesagt: Tut dies zu meinem Gedächtnis! Das ist ein Imperativ, ein Befehl.

Frage: Aber nur für keusche Männer.

Kräutler: Ich mag den Begriff Viri probati schon nicht, ich ziehe Personae probatae vor.

Frage: Da machen Sie noch ein zweites, sehr großes Fass auf.

Kräutler: Unsere Gemeinden in Amazonien werden zu 80 Prozent von Frauen geleitet. Was sollen wir da mit Viri probati, wir brauchen Frauen, die die Eucharistie feiern können! Diese Gemeinden sind priesterlos. Da kann man doch nicht von vornherein sagen, Frauen kommen nicht infrage.

Frage: Wie hoch sind die Chancen erst einmal für die Viri probati?

Kräutler: Ganz gut. Die meisten Amazonas-Bischöfe sind nicht dagegen. Ich sage: Sie sind eine Notwendigkeit. Es kann nicht sein, dass man nur auf die Tradition zurückblickt, wir sind doch in einer pastoralen Notlage.

„Der Zölibat ist ein von Menschen geschaffenes Gesetz“

Frage: Die Angst ist, dass der Zölibat dann noch anderswo aufgeweicht wird.

Kräutler: Aber wir haben das doch schon. Wie viele Priester sind vom Protestantismus oder Anglikanismus zu uns konvertiert und blieben verheiratet, mit Frau und Kindern. Das ist also nichts Neues. Es wird immer zölibatäre Priester geben. Ich bin nicht gegen den Zölibat. Ich frage nur: Muss es sein, dass die Eucharistie nur von einem zölibatären Mann gefeiert werden kann?

Frage: Es gibt ein interessantes Argument von dem deutschen Kirchenhistoriker Hubert Wolf, der sagt, die Eucharistie ist heilsnotwendig, aber der Zölibat nicht.

Kräutler: Genau. Der Zölibat ist ein von Menschen geschaffenes Gesetz. Es gab im ersten Jahrtausend verheiratete Priester. Der Papst könnte einfach sagen: Wer im Zölibat leben will, der bekommt meinen Segen, aber die anderen auch.

Frage: Ich glaube, der Papst hat Angst vor einem Schisma, oder?

Kräutler: Glaub ich nicht. Wer gegen die Synode ist, ist gegen Franziskus. Wer gegen Franziskus ist, der muss sich fragen, ob er noch katholisch ist.

Frage: Da gab es zum Beispiel die vier Dubia-Kardinäle, die ihm brieflich unterstellt haben, häretisch zu sein.

Kräutler: Da sind zwei schon tot.

Frage: Das ist richtig.

Kräutler: Und die anderen beiden müssen sich eben noch einmal prüfen, ob sie noch katholisch sind, denn da schulden sie dem Papst Gehorsam.

Frage: Ist das Pontifikat von Franziskus politisch tot, wenn die Viri probati nicht kommen?

Kräutler: Die Synode hat nicht nur dieses eine Ziel. Wir wollen auf die Umweltzerstörung aufmerksam machen und zu Protesten aufrufen. Aber es stimmt schon: In Tausenden Gemeinden Amazoniens ist der Priester an Sonn- und Feiertagen oder bei Grenzsituationen der Gemeinde oder der Familie nicht da, nicht bei der Geburt, nicht bei der Beerdigung. Das spüren die Leute. Das muss uns zu denken geben, das müssen wir ändern.

Frage: Lieber Herr Kräutler, auf diese Synode haben Sie sehr lange hingearbeitet. Amazonien haben Sie Ihr Leben gewidmet. Ob die Synode in Ihrem Sinne beschließen wird, wissen wir nicht. Aber wissen Sie schon, was Sie danach tun?

Kräutler: Ich bin wieder hier in Vorarlberg. Ein bisschen zu Hause, bevor es nach Brasilien geht.

Frage: Machen Sie mal Urlaub?

Kräutler: Das ist nicht möglich. Mein Gott, Urlaub. Das ist so ein Wort. Genauso wie man sagt: Er ist emeritiert. Im Grunde genommen ist das ein Witz. Ich habe genauso viel oder mehr gearbeitet, seit ich emeritiert bin. Ich bin im vorsynodalen Rat der Amazonas-Synode, und jetzt bin ich als einziger Emeritus zur Synode eingeladen. Also: Ich habe zu tun. Aber ich tue es gern, denn wir müssen Amazonien helfen, jetzt.

ERWIN KRÄUTLER

Erwin Kräutler, auch Dom Erwin, wurde 1939 im österreichischen Vorarlberg geboren. Erst war er Missionar und von 1981 an auch Bischof in der brasilianischen Diözese Xingu. Dort arbeitete er für die Erhaltung der Umwelt und die Rechte der indigenen Völker, oft unter größter persönlicher Gefahr. Im Jahr 2010 erhielt er den Alternativen Nobelpreis.

Seit 2015 ist Kräutler emeritiert, setzt sich aber immer noch für die Indios und die Erhaltung der Tropen ein. Die Amazonas-Synode tagt vom 6. bis zum 27. Oktober im Vatikan, Kräutler ist Synoden-Teilnehmer. Sein Buch Erneuerung jetzt ist kürzlich im Tyrolia Verlag erschienen. Papst Franziskus forderte beim Eröffnungsgottesdienst besonnenen Wagemut von den Teilnehmern.

Bischof Erwin Kräutler wurde für seinen Kampf für den Amazonas 2010 mit dem Alternativen Nobelpreis ausgezeichnet.

Quelle des Bildes oben: © Stefano Dal Pozzolo/​Contrasto/​laif

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2 Antworten zu Interview mit Erwin Kräutler: „Zukünftige Generationen werden uns richten“

  1. danuta pawłowska schreibt:

    ,,Obwohl die Lehre über die nur Männern vorbehaltene Priesterweihe sowohl von der beständigen und umfassenden Überlieferung der Kirche bewahrt als auch vom Lehramt in den Dokumenten der jüngeren Vergangenheit mit Beständigkeit gelehrt worden ist, hält man sie in unserer Zeit dennoch verschiedenenorts für diskutierbar, oder man schreibt der Entscheidung der Kirche, Frauen nicht zu dieser Weihe zuzulassen, lediglich eine disziplinäre Bedeutung zu.

    Damit also jeder Zweifel bezüglich der bedeutenden Angelegenheit, die die göttliche Verfassung der Kirche selbst betrifft, beseitigt wird, erkläre ich kraft meines Amtes, die Brüder zu stärken (vgl. Lk 22,32), daß die Kirche keinerlei Vollmacht hat, Frauen die Priesterweihe zu spenden, und daß sich alle Gläubigen der Kirche endgültig an diese Entscheidung zu halten haben.

    Während sich auf euch, verehrte Brüder, und auf das ganze christliche Volk den beständigen göttlichen Beistand herabrufe, erteile ich allen den Apostolischen Segen.

    Aus dem Vatikan, am 22. Mai, dem Pfingstfest des Jahres 1994, dem 16. meines Pontifikates.
    https://pl.wikipedia.org/wiki/Ordinatio_Sacerdotalis

  2. Ulrike Brustmann-Sieber schreibt:

    Schutz der Umwelt / Mitwelt in Amazonien und global :
    Eine interessante Frage für mich: Was können wir hier in Europa bezüglich verantwortetes Konsumverhalten schon jetzt konkret tun, um damit indirekt die Umwelt zu schonen ? Wenn das viele tun hat das sicher auch einen Effekt………..

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