Missbrauch: nicht nur eine Herausforderung für die Kirche, sondern für die Gesamtgesellschaft.

Auszug aus einer Online-Studie[1], die 2020 veröffentlicht werden wird.

„Der Umgang mit Missbrauch gehört meiner Meinung nach zu den allerwichtigsten Themen. Hier wird noch immer viel zu wenig getan (zumindest auf Weltkirchenebene). Hier werden anvertraute Menschen zerstört von Angehörigen einer Institution, der die Sorge um die Seele das Wichtigste sein sollte. Dieses Ausüben seelischer/körperlicher Gewalt widerspricht dem zutiefst und zerstört die Glaubwürdigkeit der Kirche nachhaltig. Allen Missbrauchstätern gehört sofort jegliches Amt, jede Aufgabe in der Kirche entzogen, da sie 1. ungeeignet für jegliche kirchliche Funktion sind und 2. um weiterem Missbrauch keine Chance zu geben.“ (Frau, 1962)

„Es geht um Widerstand gegenüber Lehren und Strukturen des Missbrauchs und der Unterdrückung auf allen Ebenen. Machtmissbrauch findet auf vielen Ebenen statt nicht nur auf sexuellem Gebiet.“ (Mann, 1957)

Beide Texte wurden in der offenen Schlussfrage zum Themenfeld Missbrauch geschrieben. Dieses steht in Österreich schon länger als in anderen Ländern auf der medialen Tagesordnung. Die Kirche in Österreich sah sich auch nach den turbulenten Tagen des Missbrauchsvorwurfs an den Wiener Kardinal veranlasst, das Thema entschlossen und gründlich anzugehen.

Auf dem Hintergrund der dunklen Begebenheiten um den Wiener Kardinal Hans Hermann Groer hatte ich als Dekan schon 1995 zum Thema Missbrauch an der katholisch-theologischen Fakultät in Wien eine Fachtagung organisiert. Vertreter der städtischen Kinderschutzorganisationen wie Verantwortliche der Katholischen Kinder- und Jugendorganisationen waren ebenso beteiligt wie Fachleute, beispielsweise der Kinder- und Jugendpsychiater Max Friedrich, damals Vorstand der Universitätsklinik für Neuropsychiatrie des Kindes- und Jugendalters am AKH Wien. Mitglieder der Österreichischen Bischofskonferenz mit dessen Vorsitzendem Bischof Johann Weber haben an der Tagung teilgenommen.

Damals war ein Mehrpunkteprogramm verabschiedet worden. Dieses hat an Richtigkeit und Fundierung bis heute keine Einbuße erlitten, auch wenn einige Aspekte wie die Unzulässigkeit von Vertuschung die Diskussion inzwischen erweitert haben. Das ist zunächst der Text des Positionspapiers zum „Sexuellen Missbrauch von Kindern in pädagogischen Einrichtungen“.

Positionspapier zum Missbrauch 1995

„Aus gegebenem Anlass ist in Zusammenarbeit mit Fachleuten und Verantwortlichen der kirchlichen Jugendarbeit an der Wiener Universität am 19.6.1995 ein Positionspapier verabschiedet worden, das es um der betroffenen Kinder willen lohnt hier dokumentiert zu werden:

Sexueller Missbrauch von Kindern in pädagogischen Einrichtungen.

Zurzeit werden in Österreich 25% der Mädchen und 8-10% der Buben sexuell missbraucht. Mehr als 8 von 10 dieser Fälle geschehen in der eigenen Familie, der Rest in außerhäuslichen pädagogischen Einrichtungen. Wenn sich die katholisch-theologische Fakultät im Verein mit der evangelischen Schwesternfakultät und vielen anderen Institutionen mit dem ‚Sexuellen Missbrauch von Kindern in pädagogischen Einrichtungen‘ befasst, so tut sie dies in erster Linie zum Schutz der gefährdeten Kinder, zu Gunsten der Beratung suchenden Täter sowie zum Vorteil der pädagogischen Institutionen und nicht zuletzt jener Eltern, die aus vielen Gründen ihre Kinder außerfamiliären pädagogischen Einrichtungen anvertrauen und sicher sein wollen, dass diese fachlich und menschlich optimal betreut werden. Die Begriffe ‚Konsumentenschutz‘ und ‚Qualitätssicherung‘ haben hier Geltung!

  1. Kinder sind immer auf Anerkennung, liebevolle Zuwendung, Wärme und Geborgenheit seitens der Erwachsenen angewiesen. Erziehung braucht positive Identifikation des Kindes mit der/dem Erziehenden, deshalb sind maßvolle persönliche Beziehungen, Nähe und Zuwendung notwendige Arbeitsvoraussetzungen für den pädagogischen Beruf. Pädagogisch Tätige sind aber dafür verantwortlich, innerhalb dieses sensiblen Beziehungsgefüges die nötige professionelle Distanz zu wahren, damit es nicht zu Verzweckung, Ausbeutung oder Missbrauch von Kindern kommen kann.

Die Gefahr gewaltsamer Übergriffe an Kindern seitens pädagogisch Tätiger ergibt sich u. a. aus den konkreten Rahmenbedingungen pädagogischer Einrichtungen. Vereinsamung, emotionale Defizite führen dazu, dass Kinder niederschwellig (also mit geschwächtem Widerstand) auf Zärtlichkeit und Zuwendung ansprechbar werden. Erziehende brauchen für derartige Arbeitsfelder eine hohe personale wie fachliche Kompetenz, die in Ausbildungen erworben und durch eine entsprechend qualifizierte Praxisreflexion (Supervision) beständig erweitert werden muss.

Die Täter sind auch in pädagogischen Einrichtungen überwiegend Männer. Die Bereitschaft, sich Kindern gewaltsam oder missbräuchlich zu nähern, wurzelt u. a. in ihrer – gesellschaftlich anerkannten – männlichen Sozialisation: männliche Definitionsmacht, das Selbstverständnis vom „stärkeren“ Geschlecht, die Initiativrolle im Beziehungsgeschehen sind u. a. Faktoren, die im Einzelfall übergriffiges Verhalten gegenüber Abhängigen fördern. Zudem scheuen viele Männer nach wie vor eine ausführliche Auseinandersetzung mit ihrem ‚Innenleben‘, mit ihren Gefühlen, Phantasien und Ängsten. – Für alle Personen, die pädagogisch tätig sind, ist zu verlangen, daß sie sich in besonderer Weise mit ihrer Sexualität und Geschlechterrolle, aber auch mit Aggression und Abhängigkeit auseinandersetzen, sich psychologisch gründlich bilden und ihre Berufsrolle beständig reflektieren. Die Missbrauchsneigung kann viele Facetten haben, zum Beispiel ‚männliche‘ Gewaltanfälligkeit, ‚weibliche‘ Symbiosetendenz.

Pädagogische Einrichtungen müssen Transparenz und Selbstkontrolle finden und weitere geeignete Maßnahmen ergreifen, um missbräuchliche Übergriffe die anvertrauten Kinder auszuschließen. Dazu zählen: Mehrpersonen – Erziehungsmodelle analog dem Teamteaching im Unterricht, Kooperation mit außerinstitutionellen pädagogischen Einrichtungen (Öffnung), verbindliche Weiterbildungsangebote für die MitarbeiterInnen (Teamsupervision, regelmäßige Fachbildung…), sowie eine konsequente und qualitative Weiterentwicklung kooperativer Erziehungsmodelle.

Um Kinder vor (sexuellen) Übergriffen zu schützen, ist neben einer fundierten Sexualaufklärung auch eine Erziehung zum Widerstand, zum ‚Nein‘-Sagen notwendig. Diese muß einen kreativen Kontrapunkt zu einer einseitigen ‚Gehorsamserziehung‘ darstellen. Um die praktische Erziehungsarbeit diesem Ziel anzunähern, ist eine gründliche Revision des Bildes vom Kind bzw. der Kindheit vonnöten. Eine Pädagogik, die Kinder als eigenständige Persönlichkeiten ernst nimmt, wird sie auch zum Widerstand gegen emotionale Hörigkeit ermutigen.

  1. Die entschlossene Bereitschaft, Kindern grundsätzlich zu glauben, wenn sie von Übergriffen berichten, muss als oberstes Prinzip bei der Aufdeckung von sexuellem Missbrauch gelten. Leider werden Erlebnisse von Kindern oft genug als Lüge, Phantasterei oder Bagatelle hingestellt. Durch die Verleugnung der Tat durch Täter und Gesellschaft entsteht akute Wiederholungsgefahr sowie die Gefahr, das Kind weiter zu traumatisieren. Aber auch für die verdächtigte Person muss die Unschuldsvermutung gelten, bis die Beweislast aussagekräftig ist. Bei erfolgten Übergriffen hat sich allein eine rasche Trennung von Täter und Opfer als der wirksamste Schutz des Kindes erwiesen. Die Verantwortlichen von pädagogischen Einrichtungen sind daher verpflichtet, solche Trennungen unverzüglich einzuleiten, sobald sich der Verdacht auf eine Gefährdung von Kindern erhärtet. Dabei soll im Normalfall nicht das Opfer, sondern der Täter die Nachteile der Trennung tragen und aus dem pädagogischen Dienst genommen werden.

Auch die Kirchen sollen eigene frei zugängliche Beratungsstellen einrichten, die interdisziplinär (JuristIn, SozialpädagogIn, ÄrztIn, TherapeutIn…) besetzt werden. Dabei ist eine enge Zusammenarbeit mit außerkirchlichen unabhängigen Einrichtungen anzustreben. Die Einrichtung kirchlicher Untersuchungskommissionen ist zudem für die rasche und effiziente Aufarbeitung von Fällen mit Tätern in kirchlichen Anstellungsverhältnissen sinnvoll und notwendig. Es muss insbesondere die Möglichkeit geben, dass Männer, die einen Missbrauch begangen haben, Beratung finden. Unabdingbar ist im Übrigen die Klärung, auf welche Weise solche beraterische und therapeutische Vorgänge nicht nur ermöglicht, sondern auch finanziert werden. Um eventuelle Folgekosten tragen zu können, sollte ein gut dotierter Fonds eingerichtet werden. In diesem Zusammenhang ist insbesondere auf eine in den US-amerikanischen Diözesen bestehende Institution zu verweisen. Diese besteht in der Einrichtung diözesaner Kommissionen, denen einerseits die vorausgehende und begleitende Schulung sämtlicher Personen obliegt, die in irgendeiner Weise in diözesanen Bildungseinrichtungen mit Jugendlichen zu tun haben. Andererseits ergreift die Kommission innerhalb kürzester Frist (meist schon nach 24 Stunden) geeignete Maßnahmen, sobald ihr ein Fall von Missbrauch eines Kindes oder Jugendlichen gemeldet wird. Diese Maßnahmen bestehen nicht nur in einer sofortigen (wenngleich zunächst vorläufigen) Außerdienststellung des Beschuldigten, sondern umfassen auch therapeutische Maßnahmen gegenüber Opfer, Täter, Mitschüler, Eltern und Verwandte des Opfers. Die Einrichtung ähnlicher Kommissionen in Bildungseinrichtungen österreichischer Diözesen wäre empfehlenswert.

Die öffentliche Debatte des sexuellen Missbrauchs von Kindern sowie eine entsprechende Öffentlichmachung der Zielsetzungen, Rahmenbedingungen und Arbeitsweisen pädagogischer Einrichtungen dienen dem Schutz der Kinder. Die theologischen Fakultäten der Universität Wien hoffen, durch ihr Symposium dazu einen guten Beitrag zu leisten.“

Eskalation des Themas

Wer heute dieses Positionspapier liest, wird vom breiten gesamtgesellschaftlichen Ansatz überrascht sein. Die Missbrauchsfälle in der Kirche waren natürlich der Auslöser für die Reflexionen. Aber es gab zu dieser Zeit noch keine nahezu allein auf die Kirche gerichteten Scheinwerfer, so sehr die „Causa Groer“ die öffentlichen Debatten prägten. Daher lautete auch das Tagungsthema „Sexueller Missbrauch in pädagogischen Einrichtungen“, womit alle pädagogischen Einrichtungen der Gesellschaft gemeint waren.

Auffällt, dass das Papier sich nicht mit der Beurteilung des Missbrauchs durch den Wiener Kardinal befasste und jegliches Urteil in dieser Frage vermied. Im Vordergrund stand der Schutz der Kinder, und zwar aller Kinder im Land. Die Aussagen des Papiers widmen sich zudem nur am Rande den Ursachen des Missbrauchs. Das Hauptaugenmerk ist auf die Prävention künftigen Missbrauchs gerichtet. Es sind auch nicht nur die „Opfer“ im Blick, sondern auch die „Täter“. Es geht also nicht nur um die Aufarbeitung begangener Taten und um Heilung aller am Missbrauch Beteiligten, sondern primär um Prävention.

In dieser Zeit machte ich eine Erfahrung, die mich damals als „Neuling“ in dieser Debatte fassungslos gemacht hatte. Im Österreichischen Fernsehen gab es die angesehene Diskussionsreihe „Club 2“. Eine solche Diskussion wurde der „causa Groer“ und damit dem Missbrauch gewidmet. Ich war zur Diskussion eingeladen. Mein Anliegen in der Diskussion war, fachlich zur Aufarbeitung von kirchlichem Missbrauch beizutragen. Dabei sparte ich nicht mit Kritik daran, dass das Thema in der Kirche lange vernachlässigt worden sei und es daher in ihr einen enormen Handlungsbedarf gebe, damit die Kinder im kirchlichen Raum künftig vor Übergriffen gut geschützt seien.

Mitten in solchen Ausführungen, die ich durchaus engagiert und auch kirchenkritisch vorgetragen hatte, sprach mich der neben mir sitzende Diskussionsteilnehmer an. Er ist heute Chefredakteur einer großen österreichischen Tageszeitung: Warum ich mich denn so echauffiere? Pädophilie sei doch bisher in Künstlerkreisen durchaus akzeptiert gewesen. Niemand habe sich darüber aufgeregt.

Mir gegenüber saß ein „Missbrauchsopfer“ aus Deutschland. Er hatte ein Buch über seine sexuellen Erfahrungen mit einem Priester geschrieben. Dessen Einlassung irritierte mich gleichfalls sehr. Seine Eltern hätten ihn nicht in seine erwachende Sexualität eingeführt. Er sei daher seinem Pfarrer sehr dankbar, dass er ihm ein solche schenkte!

Nur ein Teil der DiskutantInnen teilte also in dieser Sendung meine Kritik am Missbrauch in der Kirche und meine Bemühung um den Schutz aller Kinder im Land. Es war die Zeit, in der die Grünen in Deutschland die Altersgrenze für sexuelle Begegnung senken oder überhaupt aufheben wollten. Auch in der Kommune von Otto Mühl standen sexuelle Begegnungen mit Kindern auf dem Programm. Mir sind solche Erinnerungen heute wertvoll, weil sie zeigen, in welch kurzer Zeit sich das gesellschaftliche Bewusstsein in dieser Frage gewandelt hat. Dabei kam der katholischen Kirche eine Art „Vorreiterrolle“ zu. Sie geriet in den Fokus der Diskussion, und dies fast ausschließlich. Immer deutlicher wird heute, dass diese Eingrenzung der Diskussion auf die Kirche  zum enormen Schaden für die in vielen außerkirchlichen Bereichen der Gesellschaft missbrauchten Kinder erfolgte.

Der Missbrauch von Kindern war also die längste Zeit in Europa (wie heute noch in anderen Kontinenten wie Afrika oder Asien) kulturell nicht geächtet. In den Familien wurde der verbreitete Missbrauch (wie auch die Gewalt gegen Frauen) vertuscht, um das familiale System vor dem Zerbrechen zu bewahren. Alle pädagogischen Einrichtungen waren allesamt weit mehr um Ihre Reputation besorgt denn um das Kindeswohl. Das galt für die Odenwaldschule ebenso wie für Kinderheime, egal, wer sie führte. Lehrer wurden ebenso versetzt wie Priester, wenn es „Vorkommnisse“ gab und wenn sich die betroffenen Kinder gegen die erwachsenen Täter überhaupt durchsetzen konnten. Am wenigstens geschützt war die Kinder in den Familien und in der Verwandtschaft – oder auch Freunde der Familie, wozu  ich selbst viel erzählen könnte. Die Bereitschaft, den Kindern Glauben zu schenken, war niedrig. Es gab eine Wand des Schweigens. Gerade deshalb schließt das Positionspapier mit dem Satz: „Die öffentliche Debatte des sexuellen Missbrauchs von Kindern sowie eine entsprechende Öffentlichmachung der Zielsetzungen, Rahmenbedingungen und Arbeitsweisen pädagogischer Einrichtungen dienen dem Schutz der Kinder.“

Eine solche öffentliche Debatte hatte es also bis dahin nicht gegeben, ebenso wenig wie #Metoo, den öffentlichen Diskurs gegen den Missbrauch erwachsener Frauen In keiner pädagogischen Einrichtung. Leider gab es auch keine solche Debatte über den Missbrauch in der „pädagogischen Einrichtung Kirche“. Es herrschte in der Gesellschaft eine „Kultur des Schweigens“. Alle Einrichtungen haben vertuscht und versetzt. Das Wohl der Einrichtungen stand bei allen über dem Wohl der Opfer.

Es wäre heilsam für unsere Gesellschaft, dieser Wahrheit vorbehaltlos ins Gesicht zu schauen. Um aller (!) Opfer willen. Damit äußere ich auch den Verdacht, dass die öffentliche Fokussierung auf den durchaus abscheulichen und verbrecherischen Missbrauch von Kindern in der Kirche manchmal für die Ablenkung von der großen Wunde der gesamten Gesellschaft missbraucht wird. Natürlich wird eine solche Aussage umgehend selbst noch einmal umgekehrt und als Ablenkung vom Missbrauch in der Kirche oder als dessen Verharmlosung kritisiert. Aber ich ziehe mir diesen Schuh nicht an. Zudem widerlegt dieser taktische Umkehrversuch noch nicht den von mir hier geäußerten Verdacht.

Kirche im Fokus

Diese Fokussierung hatte allerdings auch einen Vorteil. Die Aufarbeitung des Missbrauchs in der katholischen Kirche geschah gleichsam unter öffentlicher Beobachtung und konnte nicht mehr umgangen werden. Der katholischen Kirche  blieb gar nichts Anderes übrig, als sich auf der Bühne der Öffentlichkeit der Frage zu stellen und am katastrophalen Ausmaß des Missbrauchs in den eigenen Reihen zu arbeiten.

Die katholische Kirche ist das Thema inzwischen auch offensiv angegangen. Kommissionen wurde eingerichtet, in Österreich nahm die hochkarätig besetzte[2] unabhängige „Klasnic-Kommission“ unter der Leitung der renommierten Steirischen Landeshauptfrau Waltraud Klasnik ihre Arbeit auf. Mehr als 2000 Opfer wurden inzwischen gehört, ein beträchtlicher Teil „finanziell entschädigt“[3] –  ein Ausdruck, der eher Hilflosigkeit ausdrückt und guten Willen, weil Geld kein Äquivalent gegen die biographisch verursachten Wunden sein kann.

In Deutschland hat die Kirche eine Großstudie[4] in Auftrag gegeben, die medial großes Aufsehen fand und bei Verantwortlichen Entsetzen und Ratlosigkeit hinterließ.

Papst Franziskus gab dieser Thematik hohe Priorität in seiner Amtsführung[5]. Nach längeren Vorarbeiten berief er im Februar 2019 in den Vatikan eine Kinderschutzkonferenz ein. Deren Ziel war es, das Bewusstsein in allen Teilen der Weltkirche für das Thema zu schärfen und die einzelnen Kontinente in ihrem Bewusstseinsstand anzunähern. Vor allem die Kulturen Afrikas und Asiens kannten die Frage des Missbrauchs nicht so wie die modernen Regionen des Nordatlantischen Bereichs (Europa, Vereinigte Staaten); Lateinamerika wurde vor allem durch den breiten Missbrauch in Chile aufgerüttelt. Über diese Konferenz berichtete die Süddeutsche Zeitung zusammenfassend:

„Zum Abschluss der internationalen Kinderschutzkonferenz im Vatikan hat Papst Franziskus versprochen, dass die Kirche gegen sexuellen Missbrauch in ihren Reihen hart vorgehen und ihn nie wieder vertuschen werde. Verbrechen gegen Minderjährige seien ein ‚monströses Geschwür‘. Den Kindesmissbrauch verglich Franziskus mit ‚Menschenopfern‘ in ‚heidnischen Ritualen‘. Der Papst zählte zugleich mehrere Punkte auf, die umgesetzt werden müssten. Dazu gehört auch ein Umdenken bei der Priesterausbildung mithilfe externer Experten, die bessere Betreuung von Opfern, die Forderung nach härterer Ahndung pädopornografischer Inhalte im Internet sowie der Kampf gegen Sextourismus.“[6]

Papst Franziskus wurde vorgeworfen, dass dieser Kongress nicht sogleich auch klare rechtliche Regelungen gebracht habe. Vor allem Opferverbände erwarteten mit berechtigter Ungeduld angesichts der vom Papst stets vertretenen Nulltoleranzpolitik kantige Gesetze und Richtlinien sowie eine breite Zusammenarbeit auch mit staatlichen Stellen. Einschlägige Gesetze sind inzwischen auch erlassen. In Bezug auf den Vatikan scheint der mediale Sturm der Entrüstung gegen allzu zögerliches und unkonkretes Vorgehen etwas abgeflaut zu sein.

Ein Vorwurf lautete sodann, dass in den neuen rechtlichen Bestimmungen zum Missbrauch, hier insbesondere zum Umgang mit den Tätern auf allen Ebenen der kirchlichen „Hierarchie“, keine Zusammenarbeit dem den weltlichen Gerichten festgeschrieben wurde. Das beklagt auch eine Teilnehmerin an der Studie: „Missbrauch von Abhängigen gehört vor weltliche Gerichte, alles andere untergräbt die Glaubwürdigkeit der handelnden kirchlichen Institutionen.“ (Frau, 1954)

Nun macht der §19 des Rechtsdokuments[7] darauf sehr wohl aufmerksam: Wo solche Zusammenarbeit vereinbart werden kann, ist diese auch auszuführen. Das ist in Europa und den Vereinigten Staaten von Amerika inzwischen zur Regel geworden, wenngleich es nach wie vor Meinungsverschiedenheiten in Details (etwa hinsichtlich der Öffnung von Archiven) gibt. Ein für die ganze Weltkirche geltendes rechtliches Regelwerk kann aber nicht weltweit eine Zusammenarbeit mit dem Staat vorschreiben. Denn was heißt beispielsweise Zusammenarbeit mit den Gerichten in China, in Saudi-Arabien, in Indien?

Inzwischen hat sich freilich auch der Schwerpunkt der Missbrauchsdebatte verlagert. Dazu haben einige Begebenheiten beigetragen, welche die kulturelle und gesellschaftliche Debatte jenseits der Kirche(n) angefeuert haben. In Deutschland hat ein Dauercamper jahrelang über 1000 Kinder missbraucht.[8] In Österreich ist ans Licht gekommen, dass ein Urologe zwanzig Jahre unbehelligt in seiner Ordination und darüber hinaus mehr als hundert Kinder und Jugendliche sexuell misshandelt hat.[9] Im Österreichischen Schiverband gab es eine heftige Diskussion um den Missbrauch von Läuferinnen durch Trainer. [10] Die berühmte Ballettschule in der Wiener Staatsoper erhielt eine Kommission zur Aufarbeitung von einschlägigen Vorwürfen.[11]

Das größte „Tätigkeitsfeld“ für Missbrauch ist freilich immer noch nicht im Scheinwerferlicht der Öffentlichkeit: die familialen Lebenswelten. Gewalt gegen Frauen (und ihre Kinder) wird zwar inzwischen thematisiert.[12] Der Missbrauch von Kindern durch Väter und Verwandte hingegen verharrt aber immer noch im Dunkel. Es wird an der Zeit, dass alle Kinder unserer Gesellschaft eine Chance erhalten, unbelästigt und nicht missbraucht heranzuwachsen.

Erfreulicherweise gibt es bereits erste Schritte zur Aufarbeitung des größten Missbrauchsfeldes „Familie“. In Deutschland arbeitet eine „Unabhängige Kommission zur Aufarbeitung des sexuellen Missbrauchs“ und hat inzwischen einen beklemmenden Zwischenbericht herausgebracht.[13] Dennoch ist gesellschaftspolitisch zum Wohl aller Kinder im Land sehr viel zu tun.

Missbrauchsthema in der Studie

In der vorliegenden knappen Online-Studie bildete das Thema des Missbrauchs einen der Schwerpunkte. Ziel war es, einen Beitrag zur Ursachenforschung zu leisten, indem Fragestellungen präzisiert werden. Dies sollte speziell mit dem Fokus auf den Missbrauch in der Kirche und die Herausforderung einer gediegenen Prävention geschehen. Dabei sollten aber gesellschaftliche Hintergründe nicht von Haus aus ausgeblendet werden.

Neben der Ursachenforschung sollte auch zur innerkirchlichen Prävention ein Beitrag geleistet werden. Solide Ursachenforschung und gediegene Prävention hängen ja eng zusammen. Bei aller Fokussierung auf die katholische Kirche sollte künftig einer gesamtgesellschaftlichen Aufarbeitung des verbreiteten Missbrauchs zugearbeitet werden. Das leitende Prinzip sollte lauten: Jedes Kind, das der Kirche von Eltern anvertraut wird, ist absolut schützenswert. Dasselbe gilt aber für alle Kinder, auch jene in Familien und allen pädagogischen Einrichtungen und Vereinigungen der übrigen Gesellschaft. Derzeit scheint die Kirche einen beträchtlichen Aufarbeitungsvorsprung vor der Gesellschaft zu haben.

Einleitend zum Themenblock Missbrauch konnten die Beteiligten an der Umfrage zur Aussage Stellung nehmen: „Papst Franziskus hat mit den kirchenrechtlichen Maßnahmen, welche den Prinzipien der Null-Toleranz sowie des Vorrangs der Opfer vor dem Ruf der Institution folgen, den richtigen Weg eingeschlagen.“

Dieses Item ist deshalb von Bedeutung, weil der Kirche vorgeworfen wird, den Ruf der Institution (und damit auch der Täter) vor den Schutz der Opfer zu stellen – eine Praxis, die allerdings auch in anderen Institutionen verbreitet war. So vermerkte ein Umfragebeteiligter im Rahmen der offenen Schlussfrage und argumentiert dabei auch theologisch: „Im Hinblick auf die Behandlung der Missbrauchsfälle war der Kirche, und insbesondere Papst Benedikt, das Ansehen und die Reputation der Institution wichtiger als das Leid der Menschen. So hätte Jesus, auf den sich die Kirche als ihr geistiger Gründer beruft, nie gehandelt. Schlimmer kann man seine eigene Sache nicht verraten!“ (Mann, 1957) Auch andere Befragte haben sich gegen diese Praxis der Vertuschung vehement ausgesprochen. Ein erster Schritt sei, „statt Sünden zu predigen, den Missbrauch als Fehler einzugestehen und nicht schweigend darüber hinwegzugehen.“ (Frau, 1957) Eine andere klagt: „Die Kirche agiert nach wie vor zu abgehoben, hat teils keine Ahnung, was die Menschen wirklich belastet. Nach wie vor gibt es kirchliche Würdenträger, die den Missbrauch an Kindern leugnen oder nach Übergriffen ohne weitere Konsequenzen einfach versetzt werden.“ (Frau, 1962) Kurzum: „Es geht oft nur um bloße Systemerhaltung, wo es schließlich auch zum Machtmissbrauch (vor allem in Männerorden!) kommen kann.“ (Mann, 1967) Es sei also ein “Fehler in der Kirchenführung selbst: die ist in weiten Bereichen noch immer vom ‚Oben<Unten‘ Verhältnis und der Problemlösung (z.B. Missbrauch durch Priester) ‚in camera caritatis‘ geprägt.“ (Mann, 1943) Und das behindere die Aufarbeitung sehr.

63% haben nun der Aussage, dass Papst Franziskus in seinem Kampf gegen den innerkirchlichen Missbrauch den richtigen Weg eingeschlagen habe, in der nicht-repräsentativen Umfrage voll und ganz zugestimmt, weitere 28% stimmten zu. 9% wählten keine Zustimmungskategorie.

Diese Aussage wurde auch zur Errechnung des Papstsympathie-Index verwendet. Daher überraschen die Verteilungen bei den drei darauf aufbauenden Typen nicht: Papstfans geben hundertprozentige Zustimmung, bei SympathisantInnen ist die Zustimmung leicht abgeschwächt. Papstgegner schließlich stellen dem Papst kein gutes Zeugnis aus.

Dass die Gegner des Papstes seine Antimissbrauchspolitik nicht positiv würdigen, ist wohl ein ansätzlicher Hinweis darauf, dass die diesem Pontifikat aufgelastete innerkirchliche Aufarbeitung des weltweiten Missbrauchs in der katholischen Kirche sowie Maßnahmen zur Prävention von den Papstgegnern als „Waffe“ gegen das Pontifikat von Franziskus und dessen reformorientierte Amtsführung verwendet wird.[14]

TABELLE 10: Bewertung der Missbrauchspolitik von Papst Franziskus

“Der sexuelle Missbrauch, und damit der Missbrauch von klerikaler Macht, hat die Glaubwürdigkeit der katholischen Kirche schwer beschädigt. Wie sehen Sie diesbezüglich den Einsatz von Papst Franziskus?“

stimme voll und ganz zu stimme zu teils-teils stimme nicht zu stimme überhaupt nicht zu Zeile
Fan 100% 0% 0% 0% 0% 60%
Sympathisant 0% 82% 17% 1% 0% 31%
Gegner 31% 33% 25% 6% 5% 9%
Alle 63% 28% 8% 1% 0%

Annahmen

Die im Online-Survey gestellten Fragen gehen von Voraussetzung aus, dass alle Männer und auch Frauen, die Kinder in unterschiedlicher Weise missbrauchen, aus ganz gewöhnlichen Familien unserer Gesellschaften kommen. Diese Voraussetzung mag banal klingen, ist es aber nicht. Dennoch wird sie häufig übergangen. Mit Blick auf die Kirche wird sie manchmal auch deshalb ausgeblendet, weil sie angeblich von den innerkirchlichen „strukturellen Ursachen“ ablenke. Was aber ist letztlich die Ursache? Liegt diese in den kirchlichen Strukturen oder in der Persönlichkeit der Täter (und damit in ihrem familialen Ursprung). In einem Schlusskommentar wird dieser Aspekt mit großer Nachdenklichkeit aufgegriffen. Zunächst reflektiert der Schreiben die vorgelegten Items und bewertet sie kritisch: „Ich finde einzelne Fragen bzw. die vorgeschlagenen Antworten problematisch: – Ist die Eucharistiefeier die einzige Form den Sonntag zu feiern? Überhöht nicht genau solch ein Ansatz das Priesterbild? – Mir ist der Unterschied zu Ordination und Subordination zu billig.“ (Mann, 1954) Dann aber gräbt der Verfasser des Textes tiefer und gibt zu bedenken: „Natürlich kann es überall Missverständnisse und Missbrauch von Funktionen geben, aber das hat häufig andere Ursachen. – Ist es so, dass Strukturen nur Missbrauch durch Männer begründen? Ich halte von der Struktur- und der Systemursache nicht sehr viel. Das mag dazu kommen. Ursächlich sind aber vor allem (schwache) Persönlichkeiten, die sich dann bestimmte Systeme suchen oder sich hinter ihnen verstecken. Sonst wären ja solche Menschen Opfer von Systemen und hätten nicht selber versagt. Was ist mit Frauen als Täterinnen oder bezieht sich der Kirchenbegriff hier nur auf Kleriker, was ja doch etwas vorkonziliar wäre?“ (Mann, 1954)

Im Gegensatz zu dieser Position, welche die letzte Quelle in der verantwortlichen Persönlichkeit des Täters verortet, schreibt eine Teilnehmerin der Umfrage: „Sexueller Missbrauch ist auch ein strukturelles Problem (zu starre autoritäre Strukturen): schwache Kinder, die nicht angehört werden, schwache Erwachsene, die sich nicht an Erwachsenen messen wollen und können und niemand traut sich etwas zuzugeben, weil er/sie (aber eher er) Angst vor Gesichtsverlust hat.“ (Frau, 1968) Nun ist freilich diese zweite Position nicht wirklich ein Gegensatz zur ersten, zumal die Teilnehmerin das Wörtchen „auch“ einfügt. Auch treffen die Anmerkungen nicht nur auf das System Kirche zu, sondern auch auf andere gesellschaftliche Systeme.

Im Hypothesenrahmen der vorliegenden Studie wird angenommen, dass die in der Herkunftsfamilie geprägte Persönlichkeit die Letztursache ist. Es kommen dann aber durchaus strukturelle Momente im Kirchensystem dazu, die im Lauf des hier vorgelegten Forschungsberichts noch im Einzelnen vorgestellt und diskutiert werden.[15]

Prägende Sexualkultur

Also hypothetisch angenommen, dass die Täter –  und zwar alle, auch jene in den außerkirchlichen Einrichtungen –  eben aus unseren ganz normalen Familien in unserer Gesellschaft kommen: Dann ist weiter mitzubedenken, dass diese Ursprungsfamilien wiederum eingebunden sind in eine inzwischen sehr bunte Kultur. Eine ihren zentralen Dimensionen ist nicht zuletzt die Sexualkultur.[16]

Im Prozess der Menschwerdung soll sich, so die entwicklungspsychologische Vision, eine freie und erwachsene Identität ausbilden. Ein zentrales Moment dieser Identität ist das Selbstverständnis hinsichtlich der erotisch-sexuellen Begabung und deren Reifung und Integration in die Persönlichkeit. „Elterlichen“[17] Menschen, bei einem Großteil der Menschen erwachsene Personen mit unterschiedlichem „Selbstverständnis“[18], haben bei diesem Entwicklungsprozess einen „Grund-legenden“ Anteil. Sie, aber nicht nur sie, sind jene Schnittstellen, an denen kulturelle Kräfte, Werte, Annahmen, Orientierungen, Deutungen und überlieferte Handlungsmuster die Entwicklung der heranreifenden Menschen mitprägen.

Kein Mensch entwickelt sich in einem „kulturfreien Raum“. Das gilt auch für die erotisch-sexuelle Dimension der Person. Die Werte, Annahmen etc. zur Ausstattung und Integration einer Person mit erotisch-sexueller Begabung kann als „Sexualkultur“ umschrieben werden. Diese ist im Rahmen biologischer „Vorgaben“ ein „gesellschaftliches Konstrukt“ [19], weshalb auch die terminologische Unterscheidung von sex und gender sinnvoll ist. Auch die Sexualkultur kennt immer Anteile, die „vorfindbar“ und andere, die „erfindbar“ sind. Das eröffnet die Möglichkeit, dass sich die Sexualkultur in bestimmtem biologischem Rahmen entwickeln kann. Dabei ist die Grenze zwischen vorfindbar und erfindbar nur schwer zu ziehen. Zudem unterliegt auch das Vorfindbare, das Biologische also, einer (z.B. epigenetischen) Entwicklung.

Die traditionelle Sexualkultur in Europa war von den bedeutsamen kulturellen Agenten gemeinsam getragen und garantiert. Zu diesen Instanzen gehörten die Mächtigen, die Lehrer, die Richter, die Pfarrer. Bis in Gesetze hinein wurde die Sexualkultur „festgeschrieben“, als solche tradiert und religiös-kirchlich legitimiert. Die Forschung lässt keinen Zweifel daran, dass die überkommene, stark kirchlich geprägte und religiös legitimierte Sexualkultur restriktiv, ja teilweise rigide war. Dazu kam, dass Sexualität seit Jahrhunderten im christlichen Raum zum Teil dualistisch-manichäisch überformt war und unter dem Generalverdacht der Sündigkeit stand. „Geist“ (und damit Gott und der Mann) galt in der Europäischen Wertewelt als gut, Körper und Sexualität, damit auch die Frau als gefährlich bis böse. Lediglich eine kirchlich gesegnete Ehe ermöglichte „erlaubte“ erotisch-sexuelle Begegnungen und nahm nach überkommener Lehre diesen den Makel der Sündigkeit. In der christlichen Tradition galt der Vollzug der Sexualität mit dem Dienst am Heiligen die längste Zeit als inkompatibel. Das war einer der Entstehungsgründe für die zölibatäre Lebensform der katholischen Priester. Weil freilich das Heiraten und damit die Familiengründung an Besitz gebunden war, suchten sich besitzlose Unverheiratete eigene Wege für ihre erotisch-sexuellen Wünsche. Die Zahl unehelicher Kinder war daher hoch. Zudem war die patriarchale Gesellschaft Männern gegenüber weit großzügiger als gegenüber Frauen. Ein Zusammenhang zwischen dem Patriarchalismus und dem Kapitalismus wurde angenommen.

Spätestens die Achtundsechzigerrevolution führte zu einer raschen Veränderung der „(be)herrschenden“ Sexualkultur. Institutionen (wie die Kirche), Autoritäten (wie Eltern und Lehrer) sowie Normen (gesellschaftlich formuliert und religiös legitimiert) wurden im Namen der individuellen Gestaltungsfreiheit und Selbstbestimmung in Frage gestellt. Die Bindung der Sexualität an die Ehe wurde als Teil der Repression des patriarchal-kapitalistischen Systems angesehen. „Freie Liebe“ – frei nicht im Sinn von Promiskuität, sondern frei von der institutionalisierten Repression und den Interessen des Patriarchalismus – wurde nicht nur propagiert, sondern in breiten Kreisen der kulturrevolutionären Bewegung praktiziert. Viele Sexualtabus wurden in kurzer Zeit gebrochen. Eine „sexuelle Revolution“ war in Gang gekommen.

Ein treibendes Ferment bei der raschen Entwicklung der neuen Sexualkultur war die Trennbarkeit von generativer und symbolischer Sexualität durch die „Pille“. Paul VI. erblickte darin in Humanae vitae (1968) einen der Gründe für eine – seinem Urteil nach – schädlichen Entwicklung. Viele katholische Paare behalfen sich angesichts dieses ihrer Ansicht nach „übergriffigen“ Lehrschreibens mit der Berufung auf ihr Gewissen. Und nicht wenige Kirchenverantwortliche gaben ihnen Recht: Kirchlich orientierte Paare sollten lediglich die generative Seite der Sexualität nicht grundsätzlich ausschließen, sondern diese verantwortlich kultivieren. Die Wahl der Mittel sei ihnen selbst im Zusammenspiel mit ihren ärztlichen RatgeberInnen überlassen.

In Österreich findet sich diese pastorale Weisung in der „Maria-Troster Erklärung“ (22.9.1968), in Deutschland in der „Königsteiner Erklärung“ (29./30.9.1968). Beide Pastoralschreiben waren der Versuch, den massiven Widerstand auch von Kirchenmitgliedern gegen die „Pillenenzyklika“ pastoral abzufedern. „Humanae vitae“ erhält freilich heute gerade in der feministischen Vorhut partiell eine unerwartete Zustimmung. Es leuchte nicht mehr unbedingt ein, dass in einer nachpatriarchalen Gesellschaft es stets den Frauen zugemutet werde, durch einen inzwischen als durchaus ambivalent bewerteten Eingriff in das sensible hormonelle System der Frau die Generativität eines Paares zu steuern. Manche Frauen fragen unverdrossen, ob nicht die Männer eine „Pille für den Mann“ entwickeln könnten, damit zumindest die Risiken einer ungewollten Schwangerschaft auf die Schultern beider Geschlechter verteilt werden. Auch in der Entwicklung der Sexualkultur tauchten „humanökologische“ Argumente und mit ihnen Bedenken auf.

All diese kirchlichen Versuche waren aber nicht in der Lage, die gepriesene „sexuelle Befreiung“ aufzuhalten. In ihrem Gefolge wurden freilich nicht nur die generative und symbolische Seite der Sexualität getrennt, sondern – was vielleicht folgenschwerer ist – auch Sex und Eros. Der Kapitalismus kommerzialisierte rasch den enttabuisierten sexuellen Konsum. Das Internet schuf neue Möglichkeiten: „Das Internet ist wirtschaftlich gesehen der Wachstumspartner Nummer 1 für die Pornografiebranche.“[20] Pornographisches Bildmaterial reduzierte die reiche und poetische Welt von Eros und Sexualität auf geschönte Idealkörper und gespielte sexuelle Akte ohne „Geist“ und Poesie. Der Anteil der Menschen, auch junger, die sich heute dieser Bilder im Internet bedienen, ist überaus hoch.[21]

Noch ist nicht abzusehen, wohin diese Entwicklung führen wird und welche Auswirkungen sie auf das erotisch-sexuelle Heranreifen der Menschen in dieser „befreiten Gesellschaft“ haben wird. Klar ist lediglich, dass nunmehr Kirchen mit ihren restriktiven Sexualnormen so gut wie keinen Einfluss mehr auf die heutige Sexualkultur haben. Daran ändern auch vielfältige sexualpädagogische Anstrengungen von kirchengebundenen Fachleuten wenig. Zu sehr ist in der Öffentlichkeit das Bild einer Kirche verfestigt, die Sexualität abwertet und sexuelles Handeln an „eheliche“, also „personal verlässliche Beziehungen bindet, die sich sehen lassen können“. Dabei ist nicht zu übersehen, dass ein solcher Traum in jungen Menschen in den „Hochzeiten“ ihrer ersten Liebe durchaus wach sein kann und nicht wenige Paare ein Leben lang leitet. Auch heute haben viele Ehen lebenslangen Bestand und sind Orte von erotisch-sexueller Zufriedenheit.

Es kann nun durchaus der Fall sein, dass die von Kirchen legitimierte Sexualkultur unserer Vorfahren zu unreifer und „neurotisierter“ Sexualität geführt hat. Aber dieser negative Einfluss der Kirche(n) ist inzwischen einer völligen Bedeutungslosigkeit der Kirchen in Fragen der Sexualkultur gewichen. Die Kirchen selbst, von traditionsbesorgten Kreisen abgesehen, thematisieren ihre alten Normen (etwa zu vorehelicher bzw. „voreiliger“ Sexualität Heranwachsender) kaum noch, schon gar nicht mit jungen Menschen, bei denen die Kirchen diesbezüglich so gut wie keinen Kredit besitzen.

Darauf könnte man als Kulturoptimist folgern, dass das Ende der (neurotisierenden) kirchlich legitimierten Sexualkultur einen guten Raum für das Gelingen der erotisch-sexuellen Reifung der nachwachsenden Generation eröffnet hat. Hat es das aber? Genau dies ist eine gewichtige Frage, die sich jenen stellt, welche sich eine Kultur wünschen, die für das Heranreifen von Menschen (auch in ihrer erotisch-sexuellen Dimension) so gute Voraussetzungen bietet, dass dem Missbrauch von Kindern der Nährboden entzogen ist. Die Frage ist angebracht und soll hier unterstrichen werden, ob die „Befreiung der Liebe“, wie sie seit den Achtundsechzigern stattgefunden hat, tatsächlich zum besseren Gelingen der erotisch-sexuellen Reifung geführt hat? Oder eben nicht? Hätte dann nicht der verbreitete Missbrauch von Kindern aufhören müssen? Ist er nicht im Gegenteil angestiegen und unverfrorener, im Internet sogar kommerzialisiert geworden?

Familialer und kultureller Hintergrund

Dieser diskussionswürdigen Frage ist ein erstes Item in der Onlineumfrage gewidmet. Die Beteiligten an der Umfrage sollten zu folgender Aussage Stellung nehmen:

„Einige Strukturen und Haltungen in der Kirche verschärfen zwar die Gefährdung von anvertrauten Kindern. Aber die letzte Ursache liegt darin, dass in den Familien sowie in der diese umgebenden Kultur zu viele Männer erotisch wie sexuell unreif aufwachsen.“

Diese Aussage geht davon aus, dass alle Männer, die Kinder missbrauchen, aus Familien unserer Gesellschaft stammen und in diesen mit „elterlichen Menschen“ die prägenden ersten Lebensjahre verbringen. Von diesen aus gelangen sie nach Jahren an die Tore von Sportvereinen, von pädagogischen Einrichtungen der Gesellschaft wie Schulen, Kindergärten oder Heime. Und einige von ihnen (immer weniger?) klopfen an die Tore eines Priesterseminars.

Diese Frage wird selbst in dieser relativ „homogenen“ Gruppe von Beteiligten höchst kontrovers beantwortet: Etwa ein Drittel (36%) stimmt (voll) zu, ein Drittel hat sich der Kategorie „teils-teils“ zugeordnet, ein Drittel stimmt (überhaupt) nicht zu. Die Haltung zum Pontifikat von Papst Franziskus spielt beim Beantworten eine eher geringfügige Rolle.

TABELLE 11: „Einige Strukturen und Haltungen in der Kirche verschärfen zwar die Gefährdung von anvertrauten Kindern. Aber die letzte Ursache liegt darin, dass in den Familien sowie in der diese umgebenden Kultur zu viele Männer erotisch wie sexuell unreif aufwachsen.“

stimme voll und ganz zu stimme tu teils-teils stimme nicht zu stimme überhaupt nicht zu Zeile
Fan 18% 21% 37% 16% 9% 60%
Sympathisant 5% 25% 38% 22% 11% 31%
Gegner 21% 21% 27% 16% 15% 9%
Alle 14% 22% 36% 18% 10%

 

Diese Verschiedenheit in den Antworten macht verständlich, dass Benedikt XVI., als er kürzlich in der Missbrauchsdebatte auf eine mögliche Rolle der 68er-Revolution verwiesen hat, derart unterschiedliche Reaktionen erhalten hat, wobei in den Medien die Kritik überwogen hat.[22] „Zu Beginn seines Aufsatzes schreibt Benedikt XVI., dass es zur ‘Physiognomie der 68er Revolution’ gehört habe, dass auch Pädophilie erlaubt sei. In derselben Zeit habe sich ein ‘Zusammenbruch der katholischen Moraltheologie’ ereignet, der auch Teile der Kirche ‘wehrlos gegenüber den Vorgängen in der Gesellschaft’ gemacht habe. Auch in verschiedenen Priesterseminaren ‘bildeten sich homosexuelle Clubs, die mehr oder weniger offen agierten und das Klima in den Seminaren deutlich veränderten’.“[23] Diese Überlegungen des Altpapstes greifen einerseits zu kurz, weil sie nicht erklären, warum es schon längst vor der beklagten 68-Revolution derart viel Missbrauch in Gesellschaft und Kirche gegeben hat. Andererseits können die Kritiker von Papst Benedikt allein mit der Abweisung seiner Argumente nicht erklären, warum die Sexualkultur, die sich nach der „sexuellen Revolution“ ohne Mitwirken der Kirche, ja unter deren kantigen Widerstand ausgebildet hat, den Missbrauch offenkundig nicht vermindert hat – und zwar nicht nur nicht in der Kirche, sondern auch nicht in der Gesamtgesellschaft.

Könnte es also sein, dass es der „modernen“ Kultur ebenso wenig wie der „vormodernen“ gelingt zu erreichen, dass zumal Männer erotisch-sexuell derart heranreifen, dass sie ihre Sexualität in verantwortlicher Weise in Beziehungen unter Erwachsenen leben und sich folglich nicht missbräuchlich des „Autoritätsgefälles“ zu anvertrauten Kindern bedienen „müssen“? Diese Frage wird durch die Kritik an der Einlassung von Papst Benedikt nicht beantwortet, wobei auch der Altpapst mit seinen Ausführungen wohl zu kurz greift. Missbrauch gibt es eben auch unter den Bedingungen „aufgeklärter“, nicht repressiver und in diesem Sinn „befreiter“ Sexualkultur. Es lohnt sich daher um jener Kinder willen, die gar nichts mehr mit dem kirchlichen Feld und ihren „missbrauchsgeneigten“ Pastoralarbeitern zu tun haben, sich der Frage nach den nach wie vor vorhandenen Ursachen für den Missbrauch in der „sexuell befreiten“ Gesamtkultur zu widmen.

Die Frage, die auch in dieser Studie nicht beantwortet, aber immerhin gestellt werden kann, ist, wieso auch heute in Familien Männer (und auch Frauen) heranwachsen, die in den Familien, die sie gründen, und in den pädagogischen Einrichtungen, in die es sie hinzieht, zu einer Gefährdung für liebesbedürftige Kinder werden. Warum haben Männer (und auch einige Frauen), die ihre unreifen sexuellen Bedürfnisse auf Kinder richten, offenbar in ihrer innerfamiliären Entwicklung keine ausreichenden Entwicklungschancen? Warum konnten auch die zur Familie hinzukommenden pädagogischen Einrichtungen (Kindergärten, Schulen) keinen hinreichenden Entwicklungsbeitrag leisten? Welche Rolle spielen in der erotisch-sexuellen Entwicklung die Peers für die Heranwachsenden? Und heute natürlich: Was ist die Rolle des Internets und digitaler Kommunikation beim Stagnieren der sexuellen Reifung zumal von Männern?

Mögliche Missbrauchsursachen

Wie immer es um die Rolle des familialen und kulturellen Hintergrunds auch bestellt ist: Tatsache ist, dass es auch heute nicht wenige, ja zu viele Männer gibt, deren erotisch-sexuelle Reifung nicht ausreichend gelingt. Diese heiraten, gehen in pädagogische Einrichtungen in der Gesellschaft. Aber es besteht auch die Möglichkeit, dass sie an die Tore eines Priesterseminars klopfen, um in den pastoralen Dienst aufgenommen zu werden. Und in all diesen Lebensräumen treffen sie auf Kinder und werden für diese zur Gefahr. Manche Fachleute befürchten sogar, dass der Anteil von „unreifen Bewerbern“ unter den Kandidaten für das Priesteramt heute größer ist als früher. Die Verpflichtung zum Zölibat erweise sich als negativer Auslesefaktor. Reife Personen seien mit höherer Wahrscheinlichkeit als in früheren Generationen heute längst in erotisch-sexuellen Beziehungen derart erfahren, dass sie die ehelose Lebensform für sich ausschließen. Einige von ihnen wählen dann die Berufslaufbahn eines Pastoralassistenten/-referenten oder werden Diakon. Andere suchen sie sich einen Beruf außerhalb der Kirche.

An diesem Punkt stellen sich mehrere gewichtige Fragen, die allesamt mit dem Schutz der anvertrauten Kinder und damit mit Missbrauchsprävention zu tun haben:

  1. Zunächst: Hat die Kirche die Möglichkeit und auch das Rüstzeug, schon beim Eintritt in ein Priesterseminar jene Männer zu entdecken, deren erotisch-sexuelle Entwicklung nicht wünschenswert verlaufen ist? Schärfer gefragt: Können in einem gezielten Screening potentielle Gefährder frühzeitig „entdeckt“ und ausgesondert werden?
    Dabei wird es vermutlich einen Unterschied machen, ob jemand als junger Mann gleich nach der Matura/dem Abitur sich auf den Weg zum Priesteramt macht oder ob jemand als „Spätberufener“ etwa in der Mitte des Lebens oder gar erst nach dem Ende seiner Berufstätigkeit oder dem Tod der Partnerin (eheloser) Priester werden will.
    Die Frage nach der Thematisierung der erotisch-sexuellen Reife stellt sich allerdings nicht nur bei Priesteramtskandidaten, sondern bei allen Personen, die in den pastoralen Dienst aufgenommen werden wollen: also künftige Diakone, Pastoralreferenten und Gemeindereferenten.
  2. Eine zweite Frage bezieht sich auf die Ausbildungszeit. Besteht in dieser Zeit von fünf Jahren die Chance, dass der Reifungsprozess weiter begünstigt wird? Ist das in der Männergesellschaft eines Priesterseminars überhaupt möglich? Dabei stellt sich die Frage nach der erotisch-sexuellen Reife nicht nur jenen mit einer heterosexuellen Begabung, sondern auch jenen mit einer homosexuellen.
    In der mit Rom unierten griechisch-katholischen Kirche leben die Priesteramtskandidaten gleichfall in einem Seminar nur unter Männern. Dort müssen sie sich aber vor der Weihe entscheiden, ob sie ehelos leben oder heiraten wollen. Die Seminaristen müssen also in ihrer Seminarzeit sich auf „Brautschau“ begeben, was beträchtlichen Stress erzeugen kann. Es liegt im Interesse der griechisch-katholischen Kirche, dass eine Eheschließung für ihre künftigen Priester während der Zeit im Priesterseminar möglich ist und dass jene Kandidaten, die heiraten wollen, auch vor der Weihe eine Ehefrau finden. Der Unterschied zu den katholischen Seminaren ist diesbezüglich also beträchtlich. Denn die römisch-katholische Kirche ist eher daran interessiert, dass keine Beziehungen entstehen, die in einer Ehe münden könnten. Denn eine intensive Liebesbeziehung würde zur Beendigung der Priesteramtskarriere führen, was in einer Zeit dramatischen Priestermangel nicht gustiert wird. Jedenfalls lehrt das griechisch-katholische Beispiel, dass niemand geweiht werden soll, der nicht so gereift ist, dass er durchaus auch heiraten könnte. „Ehereife“ erweist sich als eine gute Voraussetzung für die Ehelosigkeit. Was aber heißt dies für die herkömmliche Lebenskultur in den römisch-katholischen Priesterseminaren? Wird bei römisch-katholischen Kandidaten nicht eher tiefe Freundschaft zu einer Frau skeptisch gesehen und „strukturell“ unterbunden? Der Hauptort für Begegnungen zwischen Männern und Frauen in der griechisch-katholischen Kirche sind die Hörsäle. Dort wächst nicht nur Gotteserkenntnis, sondern oft auch die Liebe zu einer Ehefrau. Tiefe Freundschaften sind also nicht die Ausnahme, sondern eher die erwünschte Regel. Die Studienzeit kann so für das Vorankommen der erotisch-sexuellen Reifung der Männer eine gute Chance bilden: in der griechisch-katholischen Tradition ist das so – aber auch in der römisch-katholischen? Es stellt sich somit die brisante Frage, welche Alternativen es für die römisch-katholische Priesterausbildung geben kann, und das für den Fall, dass bei den Kandidaten vor der Weise die erotisch-sexuelle Reifung gefördert und nicht erschwert werden soll. Angesichts dieser Vermutung ist durchaus zu fragen, ob die römisch-katholischen Priesteramtskandidaten die ehelose Lebensform wirklich „frei“, also als „ehereife“ Personen wählen.
  3. Die nächste Frage stellt sich bei der Weihe. Zu klären ist, ob der Kandidat ehe- und daher auch ehelosigkeitsfähig ist. Dazu legt sich ein Screening hinsichtlich der Reife vor der Weihe nahe. Zu klären ist: Ist die Entwicklung so weit gediehen, dass der Kandidat in der pastoralen Arbeit mit Kindern und Jugendlichen keine Gefährdung darstellt? Natürlich ist ein solches Screening nicht einfach, nie ganz sicher, und dennoch ernsthaft zu erwägen.
  4. Bleibt schließlich die Überlegung, ob es nicht für die Tätigkeit in pädagogischen Bereichen der Seelsorge (Schule, Kindergarten, MinistrantInnenarbeit, mit Jungschar- und Jugendgruppen auch Maßnahmen braucht, welche mögliche Gefährdungen mehr oder minder ausschließen, zumindest menschenmöglich minimalisieren. Vorschläge gibt es bereits im Wiener Positionspapier 1995. Einerseits soll es eine verbindliche Supervision geben, wenn jemand in pastoral-pädagogischen Bereichen tätig ist. In dieser ist die eigene erotisch-sexuelle Befindlichkeit ausdrücklich zu reflektieren. Andererseits wird von Fachleuten „Teamteaching“ vorgeschlagen – so wie es im Lukasevangelium heißt: Er sandte sie zu zweit (Lk 10,1).

Zu all diesen Aspekten der Aus- und Fortbildung mit dem Ziel des präventiven Schutzes von anvertrauten Kindern und Jugendlichen in pastoral-pädagogischer Arbeit wurde in der Online-Umfrage folgender Einleitungssatz formuliert: „Zu einer nachhaltigen Eindämmung der Gefährdung von Kindern in allen Bereichen der Gesellschaft (Familien, Sportverbänden, Schulen, Heimen, Kirchen) können – meiner Einschätzung nach – folgende Maßnahmen beitragen…“ Sodann wurde eine Reihe von Maßnahmen vorgelegt. Die Beteiligten wurden gebeten mitzuteilen, ob die jeweilige Maßnahme sehr viel (1) oder gar nichts (5) zur Missbrauchsprävention beitragen kann. Dazwischen konnte man abstufen.

Hier folgt zunächst ein kompakter Überblick über die Ergebnisse.

Unterschiedliche Gewichtung

Ordnet man die möglichen Maßnahmen nach der Zustimmung, so stehen ganz oben in der Liste die Aussonderung von unreifen Personen schon beim Eintritt in das Priesterseminar oder in eine Ordensgemeinschaft. 65% halten dies für eine sehr wirksame Maßnahme. Dabei ist es gar nicht leicht, bei der Anmeldung eines Kandidaten ausreichende Kenntnisse über die bisherige Lebens- und Reifungsgeschichte zu gewinnen. Die meisten Diözesen organisieren für diesen Klärungsprozess ein „Propädeuticum“, also ein vorgeschaltetes Jahr zum gegenseitigen Kennenlernen. Die menschliche Reifung – auch in erotisch-sexueller Hinsicht – spielt in diesem Vorbereitungsjahr eine Rolle. Erst dann wird über eine Aufnahme ins Priesterseminar entschieden. Vereinzelt werden Kandidaten auch abgewiesen.

Aber auch nach der Aufnahme ins Seminar soll dieses Thema der Reifung in der Ausbildungszeit auf der Tagesordnung bleiben. Die Maßnahme der „Thematisierung der eigenen sexuell-erotischen Entwicklung schon während der Ausbildung sowie in der pastoralen Supervision“ findet bei den Befragten Beachtung (48% „kann sehr viel beitragen“). In der Spitzengruppe von Maßnahmen steht auch die theologisch-spirituelle Maßnahme der „Enthöhung“ des katholischen Priesterbildes (62% „kann sehr viel beitragen“).

Die Freistellung des Zölibats folgt mit ebenso vielen Zustimmungen (62%).

Am wenigsten Beitrag zur Eindämmung bzw. Verhinderung des Missbrauchs in pastoralen Arbeitsfeldern wird von einem modernen Teamteaching erwartet (27% „kann sehr viel beitragen“). Der Umbau der Priesterseminare in gemischte „christliche Wohngemeinschaften“ wird von einer starken Minderheit nicht als zielführend erachtet (lediglich 37% entschieden sich für  „kann sehr viel beitragen“). Ebenso setzen nur wenige Befragte Vertrauen in ein entsprechendes „Screening“ vor der Weihe (34% „kann sehr viel beitragen“). Die Förderung einer personal gebundenen Sexualität sieht schließlich eine stärkere Minderheit skeptisch (nur 29% „kann sehr viel beitragen“)

TABELLE 12: Gewichtung möglicher Maßnahmen

stimme voll und ganz zu stimme tu Summe von 1+2 teils-teils stimme nicht zu stimme überhaupt nicht zu
Nichtaufnahme unreifer Personen vor dem Eintritt in Seminare und Ordensgemeinschaften 65% 24% 89% 8% 2% 1%
Überwindung eines überhöhten Priesterbildes und der daran geknüpften klerikalen Machtphantasien 62% 25% 87% 9% 2% 2%
Freistellung des Zölibats 62% 19% 81% 10% 4% 5%
Pflicht zur Supervision bei Personen, die im Namen der Kirche mit Kindern und Jugendlichen arbeiten 50% 32% 82% 12% 4% 2%
Für das Seelsorgspersonal: Thematisierung der eigenen sexuell-erotischen Entwicklung schon während der Ausbildung sowie in der pastoralen Supervision 48% 37% 85% 10% 3% 1%
Umbau der Priesterseminare zu Wohngemeinschaften von jungen Christinnen und Christen 37% 32% 69% 19% 7% 4%
Vor der Weihe ein strenges Screening bei Fachleuten der Psychologie und Psychotherapie 34% 36% 69% 20% 8% 2%
Förderung einer an personale Beziehungen gebundene Sexualkultur, diese in Familien einüben und in den Bildungseinrichtungen attraktiv machen. 29% 41% 71% 24% 4% 2%
Teamteaching: die Arbeit mit Kindern in der Pastoral geschieht immer zu zweit 27% 37% 64% 25% 10% 2%

Papstfans und Papstgegner

Die vorgelegten Maßnahmen werden von Papstfans im Durchschnitt als zielführender erachtet als von Papstgegnern. Der (virtuelle) Durchschnittswert für (volle und gänzliche) Zustimmung (1+2) liegt bei den Papstfans bei 81%, Bei Papstsympathisanten noch bei 77%, um bei den Papstgegnern auf 53% zu sinken.

Dabei sind sich diese drei virtuell gebildeten „Lager“ bei der Nichtaufnahme von Unreifen (Differenz zwischen Fans und Gegnern: 13 Prozentpunkte), beim Weihescreening (21 Punkte) und beim Teamteaching (19 Punkte) weithin einig. Markante Differenzen gibt es jedoch hinsichtlich der „Enthöhung“ des Priesterbildes (42 Punkte Differenz), der Freistellung des Zölibats (38 Punkte), der Förderung einer integrierten Sexualkultur schon während der Ausbildung (31 Punkte) und wohl in diesem Zusammenhang dem Umbau der Priesterseminare in (gemischte) christliche Wohngemeinschaften (40 Punkte). Bei supervisorischen Maßnahmen sind die Differenzen mittelhoch (26 bzw. 28 Punkte).

TABELLE 13:Maßnahmen zur Überwindung des Missbrauchs – geordnet entlang der Berufskarriere und aufgeschlüsselt nach Papstpolitiktypen

alle Fan* Sympa-thisant Gegner   DIFF Fan-Gegner
Überwindung eines überhöhten Priesterbildes und der daran geknüpften klerikalen Machtphantasien 87% 91% 90% 49% 5 42%
Nichtaufnahme unreifer Personen vor dem Eintritt in Seminare und Ordensgemeinschaften 89% 90% 92% 77% 1 13%
Für das Seelsorgspersonal: Thematisierung der eigenen sexuell-erotischen Entwicklung schon während der Ausbildung sowie in der pastoralen Supervision 85% 88% 87% 62% 2 26%
Pflicht zur Supervision bei Personen, die im Namen der Kirche mit Kindern und Jugendlichen arbeiten 82% 88% 79% 60% 7 28%
Freistellung des Zölibats 81% 86% 81% 48% 9 38%
Durchschnitt 78% 81% 77% 53% 10 28%
Förderung einer an personale Beziehungen gebundene Sexualkultur, diese in Familien einüben und in den Bildungseinrichtungen attraktiv machen. 71% 76% 69% 45% 3 31%
Umbau der Priesterseminare zu Wohngemeinschaften von jungen Christinnen und Christen 69% 74% 72% 34% 4 40%
Vor der Weihe ein strenges Screening bei Fachleuten der Psychologie und Psychotherapie 69% 73% 68% 52% 6 21%
Teamteaching: die Arbeit mit Kindern in der Pastoral geschieht immer zu zweit 64% 68% 60% 49% 8 19%

In den angeführten Prozentzahlen sind die Kategorien 1=“kann sehr viel beitragen“ und 2=“kann beitragen“ zusammengefasst.
*geordnet nach den Daten für die Fans.

Vom Eintritt bis zum Einsatz

Aufnahmescreening

Die Verantwortlichen für die Aufnahme von Kandidaten in Priesterseminare sowie in Ordensgemeinschaften sind schon geraume Zeit bemüht, „auffällige Persönlichkeiten“ auszusondern. Der notorische Mangel an Kandidaten hat allerdings in den letzten Jahren bei Ordensgemeinschaften wie Priesterseminaren zur Absenkung der Eingangsschwelle geführt. Damit wird auch, von Haus aus auch gar nicht zu Unrecht, die Hoffnung verbunden, dass es ja vor der Weihe noch einmal zu einer abschließenden Bewertung der Reife einer Persönlichkeit kommt. Zudem besteht Zuversicht, dass es auch während der Ausbildungszeit im wünschenswerten Normalfall noch zu (Nach-)Reifungsprozessen kommen kann.

Eine Zuversicht wird allerdings von Fachleuten gedämpft: Wenn die Unreife mit einer starken (krankhaften) „pädophilen Neigung“ einhergehe, seien die Entwicklungschancen gering. Das ist einer der Gründe, warum die Praxis der Versetzung von „Tätern“ heute als höchst unzulässig gilt. Diese wurde zwar in profanen wie kirchlichen pädagogischen Einrichtungen in der Vergangenheit selbstverständlich praktiziert. Dabei wurde aber zumeist den Gefährdern lediglich ein neues Tätigkeitsfeld eröffnet. Die Zuversicht auf eine Heilung der Täter wird heute von Fachleuten als sehr gering eingeschätzt. Auch die dem Bußsakrament zugemutete Wirkmächtigkeit ist zumeist nicht vorhanden. Das „Geh hin, sündige nicht mehr“ konnte auch nach noch so vielen Beichten von vielen schlicht nicht eingehalten werden. Das Bußsakrament verkam auf diese Weise zu einer Art „Bußumgehungssakrament“. Nicht Heilung wurde geschenkt, sondern der unheile Zustand lediglich religiös zugedeckt; schlechtes Gewissen wurde rituell gemildert. Das Bußsakrament beruhigte die Verantwortlichen, verschonte aber nicht die missbrauchsgefährdeten Kinder. Wenn man heute aus der alten Bußpraxis der Kirche für den Umgang mit „Tätern“ einen Stehsatz anwenden kann, dann ist es der Satz „Du sollst die Gelegenheit zur Sünde meiden!“ Und das gilt auch für die gängige Versetzungspraxis von „Tätern“. Die Prävention darf sich nicht auf vorgebrachte Versprechungen der Täter verlassen, sondern muss Missbrauch unmöglich machen.

Ob es angemessen ist, all jene, die in gutem Glauben und falscher Hoffnung Täter und Gefährder „versetzt“ haben – und das in allen pädagogischen Feldern in und außerhalb der Kirche – heute rückwirkend zu „kriminalisieren“ und ihrer Ämter zu entheben, mag dahingestellt sein. Vielleicht trösten solche „Bestrafungen“ traumatisierte Opfer, wird aber den kulturell damals durchaus gängigen und akzeptierten Taten in der Vergangenheit nicht wirklich gerecht.

Ausbildungszeit

Natürlich ist der Prozess der erotisch-sexuellen Reifung nie abgeschlossen. Daher ist im guten Fall auch während der Ausbildungszeit alles Erdenkliche zu tun, um den Entwicklungsprozess in einer positiven Richtung Gang zu halten.

Dazu kann es dienlich sein, mit den Priesteramtskandidaten den Reifungsprozess selbst zu reflektieren. Manche der Kandidaten kommen aus Familien, in denen Eros und Sexualität überhaupt nicht thematisiert werden. Die Heranwachsenden werden mit ihren körperlichen Erfahrungen und seelischen Sehnsüchten allein gelassen. Das Thema gilt als tabuisiert, Sexualität als verschattet und ambivalent. Heute bemühen sich Priesterseminare unter Beiziehung von Fachleuten um behutsam-gediegene Reflexionsvorgänge. Die Helligkeit des klaren Wortes wird nicht gescheut. Solche Reflexionsvorgänge wären auch im späteren Leben von Ehelosen hilfreich. Denn wenn die Ehelosigkeit auch bei reifen Personen in eine Krise gerät, bleiben viele mit ihren bewegten Erfahrungen des Liebens allein.

In aller Schärfe stellt sich die Frage, ob das „System Priesterseminar“ nicht strukturell ein Entwicklungshindernis für erotisch-sexuelle Reifung darstellen kann. Es sind hier nur Männer unter sich. Männerfreundschaften können sich ausbilden. Für homoerotisch begabte Kandidaten ist das ein idealer Lebensraum. Aber für heterosexuell Orientierte?

Um den Erfahrungsraum zu weiten, werden heute Freisemester vorgesehen. Auch eingestreute Pastoralpraktika dienen der Öffnung der reinen Männergesellschaft. Da und dort wird eine Frau in die Leitung des Seminars berufen.

Vereinzelt wird erwogen, auf das Priesterseminar in der derzeitigen Gestalt überhaupt zu verzichten. Die Kandidaten sollten bei Lehrpfarrern wohnen und in das buntgemischte Leben einer Pfarrgemeinde eintauchen. Erwogen wird auch, die Priesterseminare in eine Art christlicher Basisgemeinschaft umzuformen, in der (junge) Frauen und Männer gemeinsam leben, die Bibel lesen, Eucharistie feiern und diakonale Projekte machen, meditieren und studieren. Die bisherige Seminarleitung könnte, mit einer Frau angereichert, die Leitung und Inspiration dieser Basisgemeinde stellen.

Es wäre in solchen Basisgemeinschaften auch möglich, sich in einem Feld der Offenheit sich „freier“ weil erfahrungsgedeckter für die Ehelosigkeit, aber auch für eine Ehe zu entscheiden. Die Kirche ist gut beraten, auf beide Lebensformen vorzubereiten. Der Hauptgrund dafür besteht darin, dass zur „Hochrisikolebensform Ehelosigkeit“ in unserer individualisierten „Kultur verschwundener Sozialkontrollen“ nur mehr jene in der Lage sind, die auch zur „Hochrisikolebensform Ehe“ reif und fähig wären. Die Ehefähigkeit der Kandidaten ist daher auch die beste Vorsorge dafür, dass heute die ehelose Lebensform „im Frieden“ gelebt werden kann.

Es wäre durchaus schade, wenn die ehelose Lebensform in der römisch-katholischen Kirche gänzlich schwinden würde. Das ist aber allein deshalb nicht zu befürchten, weil zumindest die alten Orden in Europa überleben werden. Aber auch für die Orden stellt sich die Frage, wie die frei gewählte Ehelosigkeit lebbar ist. Gestützt auf meine Priesterstudien wage ich zu behaupten, dass die Zugehörigkeit zu einem Orden dafür heute keine Garantie darstellt.[24]

Es kann durchaus sein, dass zur Öffnung der Lebensform von katholischen Priestern in einem ersten Schritt nicht die kirchenrechtliche Zölibatsverpflichtung gestrichen, sondern eine „andere Art“ von Priesteramt entwickelt wird.[25] Dieses ist dann an eine Gemeinde gebunden. Lebendige Gemeinden wählen (unabhängig von Geschlecht und Ausbildung) eine Handvoll „gemeindeerfahrener Personen“ („personae probatae“), schlagen sie für eine auf Pastoral und Leitung konzentrierte (nebenberufliche) (dreijährige) Ausbildung vor. Denn kann der Bischof sie als „Team of Elders“ (Ältestenteam[26]) für diese Gemeinde ordinieren. Das würde in einem ersten Reformschritt dazu führen, dass es neben den hauptamtlichen, in Gemeinschaften für Ehelose lebenden und akademisch voll ausgebildeten Priestern die neue Art von ehrenamtlich wirkenden, verheirateten und auf neuen Bildungswegen vorbereitete Priester gibt. Die einen beschäftigen sich dann mehr mit dem Gemeindegründen, die anderen mit dem Gemeindeleiten.

Zölibat und Missbrauch

Wichtig für all diese Überlegungen ist die Annahme, dass nicht der Zölibat als solcher die Ursache für den Missbrauch darstellt. Wäre dies der Fall, dann würde das Hauptfeld des Missbrauchs in unserer Gesellschaft nicht in den Familien liegen. Vielmehr wird klar, dass es die erotisch-sexuelle Unreife ist, mit der ein Kandidat in die zölibatäre Lebensform eintritt.

Aber so sehr die ehelose Lebensform keine Missbrauchsursache darstellt: Sie kann durchaus von Personen, die in ihrer Unreife vor personalen Beziehungen mit integriertem Eros und Sexualität Angst haben und dazu auch nicht fähig sind, als „Schutzort“ angesehen werden. Die zölibatäre Lebensform kann dann einen Unreifen in seiner Unreife festhalten. Eine Chance zur Entwicklung stellt sich von Haus aus nicht ein. Die zölibatäre Lebensform kann somit insofern Missbrauch begünstigen, als es Personen in ihrer Unreife festhält. Es gibt allerdings nicht wenige, die im Laufe ihres priesterlichen Lebens aus der zölibatär stabilisierten Unreife ausbrechen, und in guten und befriedigenden Beziehungen „nachreifen“. Davon bleiben wieder einige nach bewegten Zeiten im Priesteramt, andere verbinden ihr Amt mit faktisch eheartigen Beziehungen, andere verlassen das Amt und heiraten.

Aber nicht allen ist eine solche Zeit der bewegten „Nachreifung“ geschenkt. Sie verharren in ihrem prekären unreifen Zustand. Aber auch in diesem melden sich erotische-sexuelle Bedürfnisse. Da unreife Personen diese aber nicht „auf gleicher Augenhöhe“ in „reifen Beziehungen“ unter Erwachsenen kultivieren können, richten sie diese Bedürfnisse auf Kinder, die ihrerseits nach Liebe und Zärtlichkeit verlangen und daher für Missbrauch offener sind als erwachsene Partnerinnen (und manchmal auch Partner).

„Enthöhung“ des Priesterbildes

Das Zustandekommen von missbräuchlichen Beziehungen zwischen unreifen Personen, die konkret im einem die Nachreifung nicht förderlichen Zölibat leben, mit liebesbedürftigen und vertrauensseligen Kindern wird durch ein überhöhtes Priesterbild stark begünstigt. Dieses überhöhte Priesterbild wurde in Theologie und Spiritualität entfaltet und wurde (wird?) den Priesteramtskandidaten angepriesen. Es wird in Primizen vom Kirchenvolk gefeiert und verinnerlicht.

Religionswissenschaftliche Gründe zeigen, dass diese Überhöhung aber nicht nur aus einer schlechten Amtstheologie kommt, sondern einem archaisch-religiösen Bedürfnis vieler Menschen entspricht.

Religion ist der Versuch, den Menschen inmitten zutiefst ambivalenter Erfahrungen zumal an den Übergängen des Lebens Heirat, Geburt und Tod, Ängste einzudämmen und Hoffnungen zu stärken. Das geschieht, indem das als ambivalent erlebte und erlittene Leben in eine heile und heilige „Welt Gottes“ eingeordnet, damit „in Ordnung kommt“ sowie auf die Seite der Hoffnung gerät.[27] Diese „Welt Gottes“ ist nicht sinnenhaft erfahrbar. Die Stärke der Religion besteht nun darin, diese tröstlich, aber mit den Sinnen nicht zugängliche „Einordnung“ sinnenhaft erfahrbar zu machen. Das geschieht in den religiösen Ritualen, und dies vor allem zu den großen Lebenswenden.[28]

Für die sinnliche Erfahrung ist nun die Ausgestaltung der Rituale von höchster Bedeutung. Dreierlei muss dargestellt werden:

  • die dichten Ereignisse des Lebens, die zwischen Angst und Hoffnung eingespannt sind: also das neugeborene Kind, die Eltern; das liebende Paar, der Leichnam und die trauernden Angehörigen;
  • die heilige Welt Gottes im Kirchenraum, aber auch durch den Priester, der wie ein „heiliger Außenseiter“ stilisiert wird, als „Mann Gottes“, Repräsentant der anderen Welt – anders gekleidet, anders sprechend als im Alltag; auch die ehelose (asexuell konzipierte) Lebensform kann zum Zeichen von einer anderen Welt sein;
  • in Erzählungen und Handlungen wird sinnlich erfahrbar die Einordnung in die heile Welt Gottes

Diese „religiösen“ Vorstellungen setzen religiöse Menschen mit einem Priester in Verbindung und „gestaltet ihn aus“. Es macht diesen zum der heillosen und doch hoffnungsschwangeren Welt zugewandten „Gesicht Gottes“, zum „Mann Gottes“, zum „alter Christus“. Mag sein, dass eine reformierte Amtstheologie sich mit guten Gründen gegen eine solche Aufladung des kirchlichen Amtes wehrt. Aber es ist anzunehmen, dass auch die Ordinierten der evangelischen Schwesternkirchen in den gleichen „religiösen Sog“ gelangen. Auch sie ziehen in den Ritualen, die sie selbstverständlich an heiligen Orten feiern, andere „außeralltägliche“ Kleider über, auch sie verwenden in ihrem rituellen Tun all jene sinnlichen Zeichen, die eine Verbindung zwischen dem Irdischen und dem Göttlichen erfahrbar machen. Sie salben, gießen Wasser, werfen Erde ins offene Grab. Auch sie sprechen den Menschen im Namen Gottes, den Segensuchenden zugewandt und „gegenüber“, Segen zu.

Diese archaische Überhöhung ist in Zeiten der Reduzierung der Kirche auf eine „Priesterkirche“ tief in die Theologie des katholischen Priesterbildes eingedrungen. Zudem ließen sich klerikale Machtansprüche mit dieser Überhöhung besser rechtfertigen. Dass Priester dem Irdischen entzogen wurden – bis hinein in die Gerichtsbarkeit (!) – sind Anhaltspunkte für die schleichende Verformung des katholischen Priesterbildes durch das heidnische Priesterverständnis. Das hat freilich schwerwiegende Folgen etwa auch in der Missbrauchsfrage. Denn die archaische Überhöhung des Priesters in einen „heiligen Bereich“ begünstigt bei Personen mit Selbstzweifeln und geringer Selbsteinschätzung zur Ausübung von Macht gegen Schwächere. Der Kampf gegen den Mitbrauch von Kindern muss daher mit der Enthöhung des Priesterbildes einhergehen: „Es geht um Widerstand gegenüber Lehren und Strukturen des Missbrauchs und der Unterdrückung auf allen Ebenen. Machtmissbrauch findet auf vielen Ebenen statt nicht nur auf sexuellem Gebiet.“ (Mann, 1957)

Denn diese Überhöhung begünstigte nicht nur die Ausbildung des von Papst Franziskus heftig attackierten Klerikalismus. Zugleich bildete sie die Grundlage für eine unterwerfungsbereite Verehrung der Priester durch das „gläubige“ Volk und hier wieder anhänglicher Kinder. Indem die Priester aus der „sündigen“ Welt herausgehoben wurden, akquirierten sie bei den Menschen ein Vertrauen, das theologisch nicht gerechtfertigt war, und das für die Vertrauensseligen brandgefährlich sein konnte. Aus der Ordination der einen entsprang eine tragische, weil ausbeutbare Subordination der anderen.

Zwar bemühte sich die Kirche, in der spirituellen Formung ihrer Priester, diese für einen verantwortlichen Umgang mit der ihnen zugefallen „Würde“ zu gewinnen. Aber diese wohlgemeinten spirituellen Appelle wurden zugleich unterspült durch die faktische Betonung eben dieser Würde und deren ständige Bestätigung im alltäglichen Umgang mit Menschen. Ein Priester wurde nicht nur als „Geistlicher“ angeredet, sondern auch als „Hochwürden“.

Auf diesem Hintergrund lohnt es sich, noch einmal die erste Aussage im Wiener Positionspapier von 1995 zu lesen. Denn hier wird die Affinität zwischen Kindern, die auf Vertrauen und Zärtlichkeit angewiesen, und Männern, die auf Grund dieser archaischen Überhöhung ein enormes Vertrauen besitzen (besaßen) und die ihre Überlegenheit zur Befriedigung ihrer durch die Weihe ja nicht ausgelöschten, sondern im Klima des Verbotes im Zölibat durchaus noch aufgeblähten erotisch-sexuellen Bedürfnisse im Akt des Missbrauchs klerikal missbrauchen.

„1. Kinder sind immer auf Anerkennung, liebevolle Zuwendung, Wärme und Geborgenheit seitens der Erwachsenen angewiesen. Erziehung braucht positive Identifikation des Kindes mit der/dem Erziehenden, deshalb sind maßvolle persönliche Beziehungen, Nähe und Zuwendung notwendige Arbeitsvoraussetzungen für den pädagogischen Beruf. Pädagogisch Tätige sind aber dafür verantwortlich, innerhalb dieses sensiblen Beziehungsgefüges die nötige professionelle Distanz zu wahren, damit es nicht zu Verzweckung, Ausbeutung oder Missbrauch von Kindern kommen kann. Die Gefahr gewaltsamer Übergriffe an Kindern seitens pädagogisch Tätiger ergibt sich u. a. aus den konkreten Rahmenbedingungen pädagogischer Einrichtungen. Vereinsamung, emotionale Defizite führen dazu, dass Kinder niederschwellig (also mit geschwächtem Widerstand) auf Zärtlichkeit und Zuwendung ansprechbar werden. Erziehende brauchen für derartige Arbeitsfelder eine hohe personale wie fachliche Kompetenz, die in Ausbildungen erworben und durch eine entsprechend qualifizierte Praxisreflexion (Supervision) beständig erweitert werden muss.“

Eine „Enthöhung“ des Priesterbildes ist aus vielen Gründen höchst dringlich. Sie kommt einer Reinigung des kirchlichen Amts von „heidnischen“ Verzerrungen gleich. Der Ordo in der Kirche dient der Spurtreue der anvertrauten Gemeinschaft in der Spur des Evangeliums, der Nachfolge Jesu also. In jenen sakramentalen Handlungen, in denen sich die Kirche voll engagiert, ist der Priester Vorsteher einer sakramentalen Feier, welche das Volk Gottes gemeinsam begeht, was ja diese Feiern erst zur Liturgie macht. Es stimmt auch nicht, dass nur Priester Geistliche sind, sondern nach biblischem Zeugnis sind alle, die der Kirche von Gott hinzugefügt wurden, „pneumatikoi“, also „geistliche“ Menschen. Und alle sind „priesterlich“, weil es das ganze Gottesvolk ist. Und wenn der Ordo als Dienst an der gläubigen Gemeinschaft bestimmt ist, dann sind sie wie Ober an den Tischen (Lk 22,24-27), wie Hirten (Ez 34, Joh 10,10), die sich um die Schwachen und Verwundeten kümmern, sie sind wie Galeerensklaven (Phil 2,6-10) und nicht zuletzt Fußwascher. Die Fußwaschung und damit eine Schürze (und weniger eine Stola) ist das Markenzeichen des kirchlichen Amtes.

Eine der positiven Nebenwirkungen der Missbrauchskrise ist, dass sie genau diese „Enthöhung“ des Priesterbildes der katholischen Kirche in der theologischen Arbeit vorangetrieben hat. Gleichzeitig gilt es aber auch, dieses Bild von den Priestern bei den Menschen zu „enthöhen“. Denn nicht nur eine klerizistische Theologie hat zu dieser Überhöhung geführt, sondern auch die unreflektierten überhöhten (allgemein religiösen und damit im besten Sinn dieses Wortes archetypisch-„heidnischen“) Erwartungen, welche die Menschen an die Priester herantrugen.

Einstieg in das pastorale Berufsfeld

Weitere Maßnahmen zum Schutz der Kinder vor Missbrauch beziehen sich auf das Berufsfeld. Schon beim Eintritt in dieses ist auf die Eignung und damit ausreichende psychosexuelle Reife zu achten. Als ich drei Jahre in der Leitung des Wiener Priesterseminars arbeitete, baten wir eine Therapeutin, sich in einer längeren Sitzung mit dem Weihekandidaten ein Bild zu machen. Es gab Einzelfälle, in denen die Weihe zumindest aufgeschoben wurde.

Sobald dann ein Priester einem Arbeitsfeld zugewiesen ist, können weitere Präventivmaßnahmen getroffen werden; das gilt auch andere pastorale Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter Wer mit Kindern und Jugendlichen arbeitet, soll sich einer regelmäßigen Supervision unterziehen: „Die Idee der Supervision finde ich absolut notwendig und auch die Verpflichtung der Fortbildung für PriesterInnen (Gleichstellung mit PsychotherapeutInnen)“ (Frau, 1960). In diesen begleiteten Selbstbeobachtungen sind die durchaus guten und legitimen erotisch-sexuellen Bedürfnisse wahrzunehmen und als Gabe Gottes zu schätzen. Vor allem aber ist der Umgang mit diesen Bedürfnissen zu reflektieren. Es ist auch durchaus positiv zu sehen, wenn anvertraute Kinder und Jugendliche solche Sehnsüchte in der pädagogischen Arbeit wachrufen. Dann aber gilt es auch genau anzusehen, was die betreffende Person dank seiner sexuellen Reife mit seinen Wünschen macht. Und wie geht er mit der Suche oft psychisch vereinsamter Kinder nach Nähe und Zärtlichkeit um? All das sind Fragen, die sich heute alle pädagogischen und therapeutischen Berufe selbstverständlich stellen. Auch für die pastoral in der Kinder- und Jugendseelsorge, aber auch im schulischen Bereich Tätigen, sollte eine solche fachkundige Supervision selbstverständlich sein. Diese dient in erster Linie dem Wohl der Kinder. Zugleich kann es aber auch die für die Kirche Tätigen selbst menschlich fördern und emotional entlasten. Auch die Eltern werden dafür dankbar sein, weil es eine der wichtigsten Maßnahmen ist, das Vertrauen der Eltern wieder zu gewinnen, dass durch die Missbrauchsfälle schwer beschädigt wurde. Eltern sind aber heute dank ihrer hohen Belastung im Spannungsfeld Beruf und Familie darauf angewiesen, um Vertrauensorte zu wissen, an denen sie ihre Kinder mit bestem Wissen und Gewissen untergebracht wissen.

Dieser Vorschlag zu einer Art „Pflichtsupervision“ (die ja insofern einen Widerspruch enthält, weil Supervision Freiwilligkeit und Mitwirken voraussetzt) stößt bei einer Teilnehmerin der Umfrage allerdings auf Widerstand. Sie schreibt: „Jedenfalls möchte ich nicht, dass Personen, die mit Jugendlichen zu tun haben, zum Thema Sexualität verhört und überwacht werden und so unter dem Deckmantel des Kinderschutzes eine neue Überwachungskultur eingeführt wird. Denn derjenige, der diese Instrumente überwacht, hat dann die ultimative Macht.“ (Frau, 1968)

Verantworteter Umgang mit Missbrauch

Natürlich kann keine Prävention sicherstellen, dass es künftig keine Missbrauchsfälle mehr gibt. Für diese Fälle hat inzwischen die katholische Kirche auf globaler Ebene wie in vielen Diözesen seriös vorgesorgt. Es gibt ein kurzwegiges Meldesystem. Die Kirchenleitung hat umgehend den bezichtigten „Täter“ vorläufig aus dem Dienst zu nehmen, wobei die Unschuldsvermutung für den „Täter“ nicht dazu führen darf, dass dem Kind kein Glauben geschenkt wird. Eine unabhängige Stelle, die nicht mit Klerikern, sondern Fachleuten besetzt ist, hat die Vorwürfe in Zusammenarbeit mit staatlichen Stellen zu prüfen. Ist ein Vorwurf begründet, ist der „Täter“ umgehend und dauerhaft aus dem pastoralen Dienst zu nehmen. Nicht nur den Opfern, sondern auch den Tätern gegenüber hat (bei allen fälligen Strafen) die Kirche eine Fürsorgepflicht.

Die Handlungsprinzipien sind heute klar. Die deutschen Bischöfe hatten, gestützt auf die großangelegte Missbrauchsstudie, folgende konkrete Maßnahmen in Blick genommen:

  1. Monitoring: Verbindliches überdiözesanes Monitoring für die Bereiche der Aufarbeitung, Intervention und Prävention;
  2. Unabhängige Aufarbeitung: Klärung, insbesondere wer über die Täter hinaus institutionell Verantwortung für das Missbrauchsgeschehen in der Kirche getragen hat;
  3. Anerkennung: Fortentwicklung des Verfahrens zur Anerkennung erlittenen Leids;
  4. Unabhängige Anlaufstellen: Angebot externer unabhängiger Anlaufstellen zusätzlich zu den diözesanen Ansprechpersonen für Fragen sexuellen Missbrauchs;
  5. Aktenführung: Standardisierung in der Führung der Personalakten von Klerikern.“[29]

Zusammenfassung

Abschließend zur Präsentation der Ansichten der Umfragebeteiligten zum Missbrauchsthema soll die Struktur der Ergebnisse graphisch dargestellt werden. Diese Darstellung stützt sich auf die statistische (faktorenanalytische) Durchleuchtung der vorliegenden Daten. Items, die in dieser Graphik nahe beieinanderliegen, stehen miteinander in enger Verbindung; wer also dem einen Item zustimmt, stimmt auch mit hoher Wahrscheinlichkeit den anderen zu.

In der Mitte der Graphik findet sich die Einschätzung der „Missbrauchspolitik des Papstes“. Auch die Frage nach den Familien als Herkunftsort unreifer Männer steht für sich. Beide Fragen haben also mit der Einschätzung der vorgelegten Missbrauchsursachen statistisch nicht direkt zu tun. Es sind damit Fragen, die in sich zu diskutieren sind.

Dann zeigen sich Maßnahmenbündel:

  • Ein Bündel umfasst das Priesterbild, die Zölibatsfrage und sowie den Vorschlag der Umwandlung der Priesterseminare in gemischte Wohngemeinschaften.
  • Zu einem zweiten Bündel zählen Aufnahmescreening, Weihescreening, Ausbildung, Supervision, Teamteaching und (in all dem) Sensibilisierung für die Entwicklung der eigenen Sexualkultur.

ABBILDUNG 1: Themenbündel in der Mißbrauchsdiskussion

Deutlich zeigt sich in diesem Überblick schließlich die Komplexität des Themas. Ersichtlich wird, dass nach Ansicht der Befragten der Missbrauch nicht nur eine innerkirchliche, sondern zugleich immer auch eine soziokulturelle Herausforderung ist.

Das zeigt nicht nur die Tatsache, dass die Männer, die auf dem Arbeitsfeld Kirche Kinder missbrauchen, aus Familien kommen, die von unserer heutigen Kultur geformt sind, auf welche die Kirchen kaum einen Einfluss haben.

Es wird auch daran ersichtlich, dass – wie das Wiener Positionspapier 1995 noch ohne Einengung des Missbrauchsthemas auf die katholische Kirche formulieren konnte – 80% der Kinder nicht in den pädagogischen Einrichtungen missbraucht werden, sondern der Missbrauch eine gesamtgesellschaftliche und familiale Wunde ist, in die heute unsere Gesellschaft zu Recht den Finger legt.

Viel zu lange war das Leid der missbrauchten Kinder in der Gesellschaft und der zur Gesellschaft gehörenden Kirche missachtet worden. Missbrauch galt als männliches Kavaliersdelikt. Zudem wurde das Kindeswohl von allen Institutionen dem Ruf der eigenen Einrichtung geopfert. Überall wurde vertuscht. Das Wohl der Institutionen stand über dem Kindeswohl. In den Familien „vertuschten“ die Mütter aus Angst vor der Auflösung des Familienverbunds. Um der betroffenen Kinder willen ist sehr zu hoffen, dass die ihnen zugefügten Leiden gemindert und dass künftig Leiden von Kindern durch gediegene Prävention in Familien und den pädagogischen Einrichtungen des Staates, der Zivilgesellschaft sowie allen voran der Kirche so gut wie möglich verhindert werden.

Abschließend eine nicht belanglose Anmerkung eines Umfrageteilnehmers zum Stichwort Missbrauch: „Der Missbrauchsskandal – zurecht innerkirchlich öffentlich diskutiert – verdeckt und verdrängt grundlegendere unaufgearbeitete Probleme der Katholischen Kirche!“ (Mann, 1938) Und ein anderer vermerkt warnend: „Außer der aus aktuellen Anlässen wie sexualisierte Gewalt und Machtmissbrauch in und durch die Institution Kirche notwendigen Kirchenkritik braucht es eine erneuerte Religionskritik, die eben kritisch die Ambivalenz des Beitrags der Religionen zur Sinnsuche in den Blick nimmt.“ (Mann, 1961) Wie eine kompakte Zusammenfassung vieler Überlegungen erscheint auch die Aussage einer Frau:

„Unfassbar für mich, wie ein Priester sich an den Kleinen (die Jesu so liebte) vergreifen kann und dann noch weiter am Altar stehen kann. Leider gibt es Menschen mit pädophilen Neigungen in jeder Bevölkerung. Es müssen Auswahlverfahren (psychologischer Art) da sein, die verhindern, dass diese Personen in Positionen kommen, wo sie ihre Neigungen an Schutzbefohlenen ausleben können. Natürlich: Gelegenheit macht Diebe! Dass die Kirche Priester, die sich an Kindern vergangen haben, einfach nur in eine andere Gegend versetzt hat, ist unverzeihlich und hat dem Ruf der Kirche unwiderruflich geschadet. Natürlich muss man bedenken, dass die Gesellschaft in der 50er Jahren insgesamt anders drauf war. Sexualität (auch die unter ‚normalen‘ Erwachsenen) war stark tabuisiert und wurde von der Kirche tüchtig mit Schuldgefühlen belegt. Es gab noch Schläge in der Schule (habe ich noch erlebt) und die Eltern fanden das total ok…“ (Frau, 1955)

 

[1] Die Umfrage war im Frühjahr 2019 im Netz und wurde nach 1000 „token“ beendet. Die Präsentation aller Ergebnisse erfolgt 2020.

[2] Dr. Brigitte Bierlein (Die langjährige Präsidentin und Vizepräsidentin des Verfassungsgerichtshofes hat ihre Mitgliedschaft in der Kommission für die Zeit ihrer Tätigkeit als Bundeskanzlerin ruhend gestellt); Univ.-Prof. Dr. Reinhard Haller (Psychiater und Neurologe); Hon.-Prof. Dr. Udo Jesionek (Präsident der größten Opferhilfsorganisation „Weißer Ring“); Mag. Ulla Konrad (langjährige Präsidentin des Berufsverbandes Österreichischer Psychologinnen und Psychologen, Vorstand Concordia Privatstifung); Dr. Werner Leixnering (langjähriger Leiter der Abteilung für Jugendpsychiatrie der Landes-Nervenklinik in Linz); (Mag. Caroline List (Präsidentin des Landesgerichts für Strafsachen Graz, Mitbegründerin des „Forums gegen Sexuellen Missbrauch“); Dr. Kurt Scholz (Langjähriger Präsident des Wiener Stadtschulrates und Restitutionsbeauftragter der Stadt Wien, Kuratoriumsvorsitzender des Zukunftsfonds der Republik Österreich).

[3] Bis 20. Mai 2019 gab es 2.107 positive Entscheidungen. Leistungen im Wert von 28,720 Mio. € wurden zuerkannt.

[4] „Sexueller Missbrauch an Minderjährigen durch katholische Priester, Diakone und männliche Ordensangehörige im Bereich der Deutschen Bischofskonferenz“, 2019.

[5] Ausführlich dazu Batlogg, Andreas/Zulehner Paul M.: Der Reformer, 2019.

[6] https://www.sueddeutsche.de/politik/kinderschutzkonferenz-im-vatikan-missbrauch-ist-monstroes-1.4342702

[7] Motu Proprio “Vos estis lux mundi” vom 7.5.2019 : „Art. 19 – Einhaltung der staatlichen Gesetze.
Die vorliegenden Normen finden Anwendung, ohne die jeweils von den staatlichen Gesetzen festgelegten Rechte und Pflichten zu beeinträchtigen, insbesondere diejenigen in Bezug auf allfällige Meldepflichten an die zuständigen zivilen Behörden.“

[8] https://www.welt.de/politik/deutschland/article188326979/Missbrauch-auf-Campingplatz-Der-Paedophile-der-alle-taeuschte.html

[9] https://de.euronews.com/2019/07/23/urologe-soll-fast-hundert-jungen-sexuell-missbraucht-haben

[10] https://orf.at/v2/stories/2415889/

[11] https://www.vienna.at/sexueller-missbrauch-und-gewalt-schwere-vorwuerfe-gegen-ballettakademie-der-wiener-staatsoper/6162896

[12] Appelt, Birgit/Höllriegl, Angelika/Logar, Rosa: Gewalt gegen Frauen und ihre Kinder, Teil VI. des Gewaltberichts des BM für Familienangelegenheiten, Wien 2001.

[13] Aufarbeitungsberichte zum sexuellen Missbrauch. Geschichten die zählen. Es wird auf fünfzehn Seiten die derzeit verfügbare Literatur zusammengestellt. https://www.aufarbeitungskommission.de/infothek/hintergrundmaterialien/

[14] Die Rücktrittsaufforderung des em. Nuntius in den USA Erzbischof Carlo Maria Vigano ist ein Beleg für diese Zusammenhänge. https://www.focus.de/politik/ausland/carlo-maria-vigano-das-ist-der-mann-der-ruecktritt-des-papstes-fordert_id_9502787.html . In ähnlicher Weise nützt die AfD jede sich bietende Möglichkeit, gegen die Flüchtlings- und Migrationspolitik der Regierung Angela Merkel Stimmung zu machen – so etwas den Vorfall auf dem Bahnhof Frankfurt, wo ein Eritreer, der in der Schweiz Asyl hatte, wartende Personen vor den einfahrenden ICE gestoßen hatte, wobei ein Kind überfahren worden war: „An Merkels Händen klebt das Blut eines unschuldigen Kindes.“ https://www.tag24.de/nachrichten/frankfurt-zugunfall-junge-vor-ice-gestossen-siegbert-droese-afd-leipzig-angela-merkel-blut-1152080

[15] Eine Teilnehmerin kritisiert, dass im Fragebogen „bei den Bekämpfungsmaßnahmen zum Missbrauch strukturelle Aspekte fehlen und vieles andere, was man aus der Forschung weiß, z.B. die Kultur des Wegschauens“. (Frau, 1967) Doch scheinen mir diese durchaus berücksichtig zu sein, wobei nicht vergessen werden soll, dass das Hauptinteresse mehr auf der Präsentation und weniger auf der schon kompetent laufenden Aufarbeitung in kirchlichen Einrichtungen gelegt wurde.

[16] Dabei ist es allerdings fraglich, ob hier die Einzahl überhaupt zulässig ist. Gibt es in einer pluralistischen, verbunteten Gesellschaft nicht nebeneinander höchst unterschiedliche Sexualkulturen?

[17] Dieser Begriff lässt die umstrittene Frage offen, ob es für die erotisch-sexuelle Reifung eines Menschen vorteilhaft, ja unabdingbar sei, mit Personen unterschiedlichen Geschlechts heranzuwachsen und ob ein gleichgeschlechtliches Paar dank seiner Liebe zum Kind nicht ebenso solide Bedingungen schaffe – manchmal bessere sogar, wenn das Paar einen „Raum, geprägt von Stabilität und Liebe“ bereitstellen kann, ein heterosexuelles Paar dies aber auch Schuld und Tragik nicht vermag. Dazu Berger, Brigitte und Peter L.: In Verteidigung der bürgerlichen Familie, Frankfurt 1984.

[18] Die meisten Beteiligten an der Studie haben sich den Kategorien Frau oder Mann zugeordnet, es sind aber auch einige darunter, die „divers“ gewählt haben.

[19] Berger, Peter L./Luckmann, Thomas: Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit. Eine Theorie der Wissenssoziologie, Frankfurt 1969.

[20] Gasnik, Alexander: Herausforderung Internetpornografie, in Forum Ethik. Impulse zur Orientierung. Texte zur Diskussion Nr. 11, https://www.ethikinstitut.de/fileadmin/ethikinstitut/redaktionell/Texte_fuer_Forum_Ethik/11-Internetpornografie_Gasnik.pdf

[21] „In Deutschland ist das Internet mit etwa 45 Millionen Nutzern wöchentlich der größte Onlinemarkt Europas.6 Insbesondere bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen ist es heute fest in den Alltag integriert.“ AaO.

[22] https://www.br.de/nachrichten/deutschland-welt/kritik-an-ratzingers-missbrauchstext,RNLXs6b

[23] https://www.katholisch.de/aktuelles/aktuelle-artikel/benedikt-xvi-68er-sind-verantwortlich-fur-missbrauchsskandal

[24] Zulehner, Paul M.: Priester im Modernisierungsstress, Ostfildern 2000.

[25] Zulehner, Paul M.: Naht das Ende des Priestermangels. Ein Lösungsmodell, Ostfildern 2019.

[26] Team of Elders ist der von Fritz Lobinger geprägte Begriff. Dieser orientiert sich am biblischen Terminus „presbyter“. Das ist kein Altersbegriff, sondern ein Begriff mit Ansehen und Autorität und Leitungsverantwortung. Lobinger, Fritz: Like His Brothers and Sisters: Ordaining Community Leaders, 2000.

[27] Berger, Peter L.: Sacred Canopy. Elements of a Sociological Theory of Religion, Ney York 2011. – Ders.: A Rumor of Angels, New York 2011.

[28] Van Genepp, Arnold: Les rites de passage, Paris 1909. – Zulehner Paul M.: Heirat, Geburt, Tod. Eine Pastoral zu den Lebenswenden, Freiburg 1978.

[29] https://www.dbk.de/presse/aktuelles/meldung/staendiger-rat-beraet-weiteres-vorgehen-zu-den-ergebnissen-der-mhg-studie/detail/

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