Church-politics of emotions: Bitte um Beendigung der Kirchenpolitik der Demütigung

Dominique Moïsi ist französischer Politologe. Er hat einen Bestseller geschrieben mit dem Titel “The Geopolitics of Emotion. How cultures of fear, humiliation, and hope are reshaping the world” (New York; London; Toronto, 2009). Seine Beobachtung: Heute werde die Weltpolitik durch Gefühle und nicht durch Argumente gemacht. Hauptgefühle sind Angst, Demütigung und Hoffnung.

Es ist unschwer, seine Überlegungen auf die Kirche und hier speziell aktuell auf die Vorgänge in Kärnten anzuwenden.

Denn auch dort geht es derzeit leidlich irrational und emotional zu. Als ich den neuen Nuntius bei der Einladung zum Antrittsempfang traf, hatte ich die Möglichkeit, ihm eine Bitte vorzuschlagen. Nachdem ich ihn zum Amt gratuliert und Auguri zugerufen hatte, habe ich ihm – wir sprachen miteinander Englisch – eine große Bitte vorgetragen: „Exzellenz, I have a great wish: Please dont humiliate the People of God in Austria!“ „Why this“? fragte er zurück. Ich: „You have given a crazy interview in the ‚Presse am Sonntag‘. You humiliated lay-people, parishes and above all women!” Oh – sagte er: Ich habe nur meine Positionen bezogen. Ich: Herr Erzbischof, es geht eben nicht nur um Positionen, sondern um Emotionen.

Demütigungen

Man kann nicht behaupten, dass die Verantwortlichen der Kirche in Österreich und im Vatikan der Diözese Gurk in den letzten Jahren und auch derzeit Hoffnung gemacht haben. Die Klagen, die zum Nuntius und zum Erzbischof gelangt sind, wurden nicht gehört. Die erste Visitation vor elf Jahren blieb ohne nachhaltige Auswirkung. Die Apostolische Visitation Anfang 2019 durch den befreundeten Metropoliten irritierte wegen vermeintlicher Befangenheit, wobei Erzbischof Franz Lackner und Bischof Benno Elbs ihren undankbaren Job gut gemacht haben. Aber es liegen bislang keine Ergebnisse vor: Die praktizierte Intransparenz schafft kein Klima der Hoffnung. Ein Domkapitel, das sich um Aufarbeitung und Transparenz bemüht, wird harsch kritisiert. Die auch von Bischof Alois Schwarz angestrebte Versetzung nach St. Pölten mit Auflagen (!) wird als Beförderung umgedeutet. Gleichzeitig wird die Diözese Gurk durch den Nuntius „klein geredet“ und neben der bedeutenden Diözese St. Pölten gering geschätzt.

Absetzung des Diözesanadministrators

Eine schwere Demütigung nicht nur des vom Domkapitels, sondern auch der Person Engelbert Guggenberger’s, ist die mit keinem Satz begründete und kirchenrechtlich durchaus zweifelhafte Absetzung des bisherigen Administrators. Sie kommt einer Entmündigung der Diözese gleich. Man traut dieser „portio ecclesiae“, der laut Lumen gentium von Gott alles geschenkt ist, was sie als eine Ortskirche braucht (Nr. 23), nicht zu, die nicht von ihr verursachten Probleme selbst zu lösen. Im Gegenteil, statt das Feuer zu löschen werden externe Feuerwehren zu Brandstiftern.

Eine weitere Demütigung droht

Aber offensichtlich ist die Politik der Demütigungen noch nicht am Ende. Die Kleine Zeitung berichtet in der heutigen Ausgabe (02. Juli 2019), dass möglicherweise der derzeitige Sekretär der österreichischen Bischofskonferenz als Bischof nach Kärnten geschickt werden soll. Dies werden die Kärntner als weiteren Affront erleben. Nicht wenige werden den Verdacht hegen, dass dieser nämlich nicht zur Aufarbeitung der Probleme geschickt wird, sondern als Aufpasser der Bischofskonferenz. Das Misstrauen, dass sich durch die Einsetzung eines Apostolischen Administrators zeigt, würde sich nahtlos fortsetzen.

Mir geht es hier nicht um die Person des Sekretärs, der freilich nicht slowenisch spricht. Vielmehr würde eine Ernennung seiner Person den Verdacht nähren, dass sich Kardinal Christoph Schönborn als Vorsitzender der Bischofskonferenz nicht gegen eine Ernennungspolitik des Kontrollierens und des Misstrauens zur Wehr setzt. Bischof Alois Schwarz war ja schon durch ihn geweiht und dann in Gurk eingesetzt worden. Er war – wie auch der frühere Nuntius – über die Probleme hinsichtlich der Amtsführung und des Lebensstils dieses Bischofs seit Jahren informiert. Er hat die Nachfolge von Bischof Maximilian Aichern in Linz persönlich bei Papst Benedikt XVI. „geregelt“. Es ist zu befürchten, dass er auch im Ernennungspoker in Gurk nicht auf der Seite der Diözese steht. Er wäre dann auch voll mitverantwortlich für die Fortsetzung der „Kirchenpolitik durch Demütigung“.

Noch nennt die Kleine Zeitung als Zweiten den Caritasdirektor der Diözese Gurk. Das wäre ein Kärntner, der aus der slowenischen Volksgruppe kommt. Er hat sich durch sein diakonales Engagement großes Ansehen erworben. Er wäre einer, der nach der Herde riecht, die Diözese in- und auswendig kennt, und eine wirkliche Leidenschaft für die Armen hat – also durchaus ein Kandidat nach dem Profil von Papst Franziskus.

(Als Dritter schmückt die geheime und deshalb bekannte [please smile!] Liste der langjährige Leiter der Anima in Rom.)

Demütigungen bleiben nicht folgenlos

Mein dringender Rat – nunmehr nicht nur an den neuen Nuntius, sondern auch an den Vorsitzenden der Bischofskonferenz, der durchaus Einfluss auch auf die Römischen Verantwortlichen hat: Beenden Sie alle umgehend diese „Kirchenpolitik der Demütigung“!

Das ist man der Würde des Volkes Gottes schuldig, auch in der liebenswerten Diözese Gurk. Nachweislich bleiben Emotionen nicht ohne Wirkung. Die Emotion der Angst führt in der Politik zu einem nationalistischen und mit Ressentiment gegen Fremde aufgeblasenen Populismus – auch in Teilen der Österreichischen Bevölkerung und in manchen politischen Lagern. Demütigung hingegen hat eine drastische Wirkung. Sie ist weithin verwandt mit Kränkung (Reinhard Haller). Sie ist die Ursache vieler Scheidungen. Von Paaren, aber auch von Kirchenmitgliedschaften. Hoffnungslos gedemütigte Christinnen und Christen werden über kurz oder lang innerlich emigrieren und aus der Kirche austreten. Das haben all jene zu verantworten, welche eine Politik andauernder Demütigung betreiben. Statt Menschen an die Hoffnung des Evangeliums zu binden, ihnen Mut zu machen, es auch zu leben, werden viele Mitglieder der Kirche durch ihre eigenen Hirten (in der Diözese und darüber hinaus) verletzt und verwundet.

Was für ein Verkommen des Hirtenamtes – das freilich im Volk Gottes gar nicht so selten ist: das Buch Ezechiel schreibt ausführlich darüber (Ez 34). Man kann nicht nur Kinder durch Missbrauch demütigen und lebenslang verwunden, sondern auch eine Diözese und dort vor allem ihre redlichen und engagierten Mitglieder.

Aufgabe der Hirten aber wäre es, durch Demütigungen nicht zu verletzen, sondern schon geschlagene Wunden zu heilen. Noch ist es nicht zu spät, sich für eine Bischofsernennung in Kärnten zu entscheiden, die nicht neuerlich demütigt, sondern dem Gottesvolk in Kärnten Hoffnung und Zuversicht für einen neuen Aufbruch, ein neues, heilendes Pfingsten beschert.

***

Hören Sie auch die Predigt der Direktorin des Seelsorgeamts der Diözese Gurk Dr. Anna Hennersperger bei einem Gebetsgottesdienst am 1.7.2019 im Klagenfurter Dom (die Tonspur befindet sich am Ende des Presseberichts).

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2 Antworten zu Church-politics of emotions: Bitte um Beendigung der Kirchenpolitik der Demütigung

  1. Joseph schreibt:

    Es ist schon recht sich zu engagieren …
    Aber es ist zuviel des Guten, wenn der Theologe Zulehner (der hier auch nur „Partei“ ist) meint, dass er die Diözese Gurk-Klagenfurt besetzen könnte …
    Ungeduld ist schon recht, aber ein wenig die Tugend des Schweigens zu üben, ist wohl das Bessere …
    Ja man hat sich gegenseitig viel Schmerz zugefügt! – aber es versöhnt niemanden und nichts, wenn man weiter Öl ins Feuer gießt!
    „Einer trage des Anderen Last“ — und ein Neuanfang gelingt nie in einer „aufgeheizten Stimmung“

  2. zulehner schreibt:

    Lieber Joseph, bitte genauer lesen – nicht ich besetze die Diözese Gurk um, sondern berichte lediglich von der kursierienden Liste von Kandidaten und mache mir dazu Gedanken – wie Sie ja hoffentlich auch. Und das mit dem „Öl ins Feuer gießen“ sehe ich ja genau wie Sie. Die Frage ist nur, wer das macht – in meinen Augen jene beispielsweise, die einen ehrlichen und redlich arbeitenden Diözesanadministrator in die Wüste schicken.
    Aber jedenfalls Dank fürs Mitdenken, paul

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