Bestellt zu ermutigen – nicht zu demütigen. Ein (leider nicht gegebenes) Interview mit dem neuen Nuntius in Österreich

Sie sind seit wenigen Tagen offiziell Nuntius. Wie gut kennen Sie die katholische Kirche ihr?

Ich freue mich, dass ich meinen Dienst in dieser wichtigen Ortskirche als Vertreter des Heiligen Stuhls machen kann. In der nächsten Zeit werde ich mit bemühen, die Stärken der katholischen Kirche im Land, aber auch aller anderen Religionsgemeinschaften kennenzulernen.

Und wie erleben Sie die Situation in Österreich?

Wie ich schon gesagt habe, stehe ich erst am Anfang des Kennenlernens. So kann ich darüber nur wenig sagen. Natürlich habe ich angefangen, mich über die Geschichte des Landes kundig zu machen. Auch die ehrwürdig lange Geschichte der Kirche habe ich angefangen zu studieren. Besonders beeindruckt mich der große Wiener Kardinal Franz König, der auf dem Zweiten Vatikanischen Konzil eine wichtige Rolle gespielt hat. Nach dem Konzil hat auch die Kirche im Land sich bemüht, die vom Konzil angestoßenen Reformen umzusetzen. Das hat zu einer starken Aufwertung der Laien im Leben der Kirche geführt. Ich schätze den Einsatz vieler Frauen und Männer im Leben der Kirche, in der Feier der Liturgie, in der Katechese, in Pfarrgemeinderäten. Ohne deren Einsatz – und es sind darunter sehr viele starke Frauen – wäre das Leben der Kirche in Land offenbar undenkbar. Allerdings wünscht sich nicht nur das Konzil, sondern auch Papst Franziskus, dass die Kirche vor allem durch gläubige Menschen in der Politik mitgestalten und dieser im Sinn der Katholischen Soziallehre ein menschliches Gesicht verleihen. Manchmal habe ich die Sorge, dass dieser gesellschaftspolitische Dienst durch Laien zu kurz kommt und die Laien ihre Kraft eher allein innerkirchlich binden (müssen).

Ist für diese Art der Aktivitäten aber nicht auch der Priestermangel in Österreich verantwortlich?

Das sehe ich differenziert. Einerseits sind alle Mitglieder der Kirche berufen, das Leben der Kirche zu tragen. Der Einsatz der Laien ist daher nicht nur eine Reaktion auf den Priestermangel. Er wird von der Lehre der Kirche und der „geistlichen“ Berufung aller gefordert. Aber der Priestermangel macht diesen Einsatz zusätzlich dringlicher. Dabei ist es nicht begrüßenswert, dass immer mehr priesterliche Aufgaben (wie taufen, Gemeinden leiten) ohne Ordination ausgeführt werden. Das könnte langfristig den Priestermangel sogar noch verstärken, weil pragmatisch gesehen das Leben in den Gemeinden auch ohne Priester ganz gut funktioniert. Daraus folgt für mich, dass sich die Kirche sorgen muss, dass in jeder gläubigen Gemeinde auch Priester sind. Sonst kann in diesen auch nicht Eucharistie gefeiert werden. Durch diese aber, so der heilige Papst Johannes Paul II. zusammen mit der Tradition wird die Kirche auf erbaut.

Papst Franziskus hat für den Herbst zu einer Amazonien-Synode wurde einberufen. Im soeben veröffentlichten Arbeitspapier wird eine Diskussion über die Priesterweihe für verheiratete Männer vorgeschlagen befürworten sie diesen Weg?

Das Hauptziel dieser Synode sind nicht innerkirchliche Fragen, sondern Herausforderungen, die den Dienst der Kirche in der Welt von heute betreffen. Es geht vorrangig um den Schutz des für das Weltklima so bedeutenden Regenwaldes in Amazonasbecken. Auch sind die Bischöfe besorgt um das Leben der vielen indigenen Völker im Regenwald. Dann aber fragen die Bischöfe, wie die Kirche in dieser Situation ihre Mission gut erfüllen kann. Dabei können sie stolz darauf hinweisen, dass sie viele lebendige Gemeinden haben. Diese werden mehrheitlich von Frauen und auch von Männern geleitet. Aber wie Papst Franziskus in einem Interview auf dem Rückflug von Weltjugendtag in Panama gesagt hat, leiden die Menschen an einem „eucharistischen Hunger“. Um diesen zu stillen, macht er die Bischöfe verantwortlich. Er hat sie auch gebeten, im dazu mutige Vorschläge zu machen. Und wie ich höre, werden sie dem Papst den Vorschlag unterbreiten, Personen, die im Gemeindeleben erfahren sind, zu Priestern zu weihen. Es ist zu hoffen, dass der Papst den Bischöfen Amazoniens diese Erlaubnis gewährt. Dabei gibt es Überlegungen, diesen erfahrenen Personen eine Art „begrenztes Priestertum“ zu übertragen.

Was verstehen Sie unter begrenztem Priestertum?

Begrenzt werden sollen die Tätigkeiten, die diese Priester anderer Art übernehmen sollen. Aber diese Idee, das Priestertum zu begrenzen, muss noch theologisch vertieft werden. Denn es ist nicht einfach, die Feier von Sakramente von der Auslegung des Wortes Gottes zu trennen.

Treten Sie für eine derartige lokal begrenzt der Regelung ein?

Wir sind es gewohnt, dass alle wichtigen Entscheidungen in Rom für die ganze Weltkirche getroffen werden. Das hat freilich in den letzten Jahrzehnten zu einer Stagnation in der längst notwendigen Entwicklung der katholischen Kirche geführt. Papst Franziskus hat sich nicht nur aus praktischen, sondern auch aus theologischen Gründen für einen synodalen Weg entschieden. Er ist der festen Überzeugung, dass Gottes Geist überall dort am Werk ist, wo gläubige Menschen in der Einheit mit dem Bischof auf das Evangelium setzen. Daher traut er auch den Bischöfen Amazoniens zu, dass sie den eucharistischen Hunger in den Gemeinden stillen werden, indem sie einen brauchbaren Vorschlag unterbreiten werden, wie die dazu erforderlichen Priester für den Vorsitz bei der Eucharistiefeier gefunden werden.

Könnte eine derartige Sonderregelung aber nicht der ein erster Schritt sein, dem später ein weiterer folgt, in Österreich?

Ich habe gehört, dass der stellvertretende Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz Bischof Franz-Josef Bode aus Osnabrück gesagt hat, wenn es dort geht, dann wird es auch mit kulturellen Modifikationen bei uns möglich sein. Und es werde daher bei uns nicht ruhig bleiben. Es kann also ohne weiteres möglich werden, dass eine wichtige Reform im kirchlichen Leben an der Peripherie ihren Ausgang nimmt von dort aus sich in der Weltkirche Schritt für Schritt ausbreitet also auch in Österreich.

Für wie groß halten Sie die Krise der katholischen Kirche in Österreich?

Wir sprechen heute leichthin von einer Krise, sind uns nicht einig darüber, ob es eine Krise der Kirche, eine Krise der Kirchenleitung oder gar eine Krise des Glaubens ist. Dabei übersehen wir aber, dass es weniger eine Krise, sondern zumindest in Europa einen tiefschürfenden Übergang der Kirche aus der Konstantinischen Zeit in eine moderne Ära gibt. Papst Franziskus hat die italienischen Bischöfe kürzlich darauf hingewiesen, dass wir nicht in einer Ära des Wandels leben, sondern den Wandel einer Ära erleben. Wahrscheinlich nähert sich die Kirche auch in Europa wieder dem biblischen Normalfall. Wir sollten daher aufhören, die Situation der Kirche an den 100 % zu messen: diese waren in der nachreformatorischen Zeit dadurch möglich geworden, dass „Thron und Altar“ zusammen mit allen ihren Instrumenten die Menschen gleichsam genötigt haben, katholisch zu sein. Religion war in dieser Zeit Schicksal. Heute aber können die Leute wählen. Da werden viele Menschen wegbleiben, andere werden sich der Kirche anschließen. Aber die Kirche muss lernen, im Sinn Jesu Licht der Welt und Salz der Erde zu sein. Und wenn sie das ist, wird sie sich auch angemessene Strukturen geben. Ich bin skeptisch, ob Strukturreformen allein die Kirchen in Europa in eine gute Zukunft führen. Vielleicht hat Papst Franziskus das gemeint, wenn der am Samstag vor Pfingsten in seiner Predigt dazu aufrief, mit dem Heiligen Geist ein neues Pfingsten zu wagen. Und wenn dies geschieht so sagte er wörtlich werde uns dies von der diözesanen Neustrukturierung erlösen.

Wien ist auch Sitz des Abdulla-Zentrums, bei dem der Vatikan Beobachterstatus hat. Sind Sie enttäuscht über den Beschluss des Nationalrates, es wegen der Menschenrechtssituation in Saudi-Arabien zu schließen?

In der Tat gibt es im Vatikan ein Bedauern, dass das Zentrum in Wien geschlossen wird. Unserer Einschätzung nach hat die Arbeit Jahr für Jahr an Qualität gewonnen natürlich lässt sich diese immer noch weiter verbessern. Aber für den Vatikan ist selbst ein holpriger Dialog wertvoller als viele Tote durch religiös gefärbte Kriege und religiös motivierten Terrorismus. Es gibt zum interreligiösen Dialog auch mit dem Islam keine Alternative.

Was halten Sie vom öffentlichen Gebet für Ex-Kanzler kurz?

Ich habe wahrgenommen, dass dieses Beten für den Ex-Kanzler heftige Diskussionen verursacht hat. Als Christ denke ich natürlich ganz allgemein, dass es angebracht ist für alle Politiker gleich welcher Partei zu beten. Aber was so allgemein richtig ist, muss auch noch mit der konkreten Situation in Beziehung gesetzt werden. Die Veranstaltung hat ja mitten im angelaufenen Wahlkampf stattgefunden. Und auch die historischen Erfahrungen eines Landes im Verhältnis von Politik und Religion sind zu berücksichtigen. Es gab eben Zeiten, in denen sich die Kirche in Österreich offenbar im Lager einer einzigen politischen Partei befunden hat. Und das hat bis zu einem Bürgerkrieg geführt, in dem viele Arbeiter ihr Leben verloren haben. Daher gehört es zur selbstverständlichen politischen Kultur in Österreich, dass sich die Kirche aus allen Vorgängen heraushält, die den Verdacht erwecken die Kirche würde ein politisches Lager neuerlich bevorzugen. Und dies ist von den Veranstaltern vielleicht zu wenig bedacht worden

Und was können Sie uns zur Visitation in Gurk-Klagenfurt sagen?

Die Vorgänge in der Diözese Gurk Klagenfurt bewegen ja offensichtlich viele Menschen im Land, vor allem aber in der betroffenen Diözese und in dessen verantwortlich wirkenden Domkapitel. Es ist zu begrüßen, dass schon unter meinem Vorgänger eine Visitation stattgefunden hat. Ich vertraue darauf, dass Erzbischof Lackner und Bischof Elbs zusammen mit den berufenen Fachleuten eine sehr gute Arbeit gemacht haben. Sie haben sich bemüht, möglichst objektiv die Sachverhalte darzustellen. Der Bericht liegt in Rom und ist in Bearbeitung. Es ist anzunehmen, dass von den zuständigen Stellen eine abschließende öffentliche Stellungnahme zu erwarten ist

Wird es eine Art Urteil über das Wirken von Bischof Alois Schwarz in Gurk-Klagenfurt geben?

Was ich über das Wirken von Bischof Schwarz bisher vernommen habe, ist sein anerkannter pastoraler Einsatz. Er war sehr leutselig und von den kleinen Leuten geschätzt. Seine Predigtbegabung wird gerühmt. Wie ich höre, gibt es zwei Bereiche, wo Klärungsbedarf ist: das scheint auf der einen Seite der Umgang mit den Finanzmitteln des Bistums zu sein, und auf der anderen Seite die Rolle, die eine seiner Beraterin in seinem Umfeld gespielt hat

D.h., er hat sich in Kärnten nichts zu Schulden kommen lassen.

Darüber habe ich nicht zu befinden. Und die Gründe, warum Bischof Schwarz vom Gurk-Klagenfurt nach St. Pölten transferiert wurde sind meines Wissens nach vielfältig.

Das Klagenfurter Domkapitel hat einen extremen großen Einfluss einer Frau auf die Amtsführung beklagt. Ist derartiges normal?

Natürlich ist es erfreulich, wenn Frauen in der Kirche in eine einflussreichere Position gebracht werden. Das ist ja in vielen Diözesen Österreichs auch schon der Fall, weil manche Abteilungen der Kirchenleitungen von Frauen geleitet werden. Das Besondere an der Situation in Gurk-Klagenfurt scheint mir freilich zu sein, dass die Rolle der Beraterin in der Amtsführung des Bischofs nicht hin reichlich klar und der Bischof dem Vernehmen nach auch nicht ganz frei war. Mehr kann ich bei meinem jetzigen Informationsstand zu dieser heiklen Frage freilich nicht sagen.

 

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3 Antworten zu Bestellt zu ermutigen – nicht zu demütigen. Ein (leider nicht gegebenes) Interview mit dem neuen Nuntius in Österreich

  1. Josef schreibt:

    Das eine mag „wenig diplomatisch“ sein, ist aber menschlich verständlich …
    das Andere ist „überfordernd“; weil der Nuntius ist nicht der Papst. Und der papst wird sich nicht „treiben lassen“ von ein paar in die Jahre gekommene „Reformeifrige Dauerkritikern“ .

    Die Ungeduld der fleißigen Reform-Forderer ist menschlich verständlich; aber auch „undiplomatisch“!

  2. Irmgard schreibt:

    Herzlichen Dank für diese Ausführungen; als ‚einfacher‘ Christ (oder-e Christin*) fühlt man sich hier in Kärnten sehr ohnmächtig zentralistischen Mächten ausgeliefert; und dass in einer solch prekären Situation noch immer versucht wird, die Missstände klein- bzw. schön zu reden, die betreffenden Personen mit dem Nimbus der Unschuld zu umgeben und gleichzeitig die Ankläger als ‚Gerüchte-Verbreiter bzw. Anpatzer‘ zu diffamieren, übersteigt alles bisher an Heuchelei Gebotene (oder man hat es halt nicht so erfahren). Dass es bei dem ‚Frauen an der Macht in der Kirche‘- Sager des neuen Nuntius nicht mehr Empörung gegeben hat, verstehe ich auch nicht. Allerdings- wo könnte man diese Empörung äußern, was könnte man diesem Verhalten entgegensetzen, bei wem Veto einlegen??
    Falls es eine Aktion geben sollte, in deren Verlauf die Kritik an der Behandlung des Kärntner Kirchenvolkes geäußert und öffentlich gemacht wird, gäbe es sicher viele Interessierte. Vielleicht eine Unterschriftenaktion?
    Ich bitte um Information, falls das geplant werden sollte.
    Vielen Dank im Voraus, und die große Bitte, diese Missstände weiterhin aufzuzeigen und wenn möglich zu bekämpfen!
    Herzlichen Gruß
    I. Oblin

    • Joseph schreibt:

      Aber auch in Kärnten haben die menschen – und vor allem die Katholiken – und besonders die Akteure auf beiden Seiten — ihre Vorurteile, und ihr selektives Wissen samt sehr persönlichen Beurteilungen!

      Jetzt warten wir mal den neuen Diözesanbischof ab, und dann soll die Sache Schritt für Schritt ab- und auf-gearbeitet werden!

      Inwieweit irgendwelche Diözesanfunkitionäre im Bereich des „bischöflichen Mensalgutes“ mitzuentscheiden haben muss auch dezidiert geklärt werden! …

      Weniger Erregung täte auf allen Seiten gut !

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