Herr Nuntius, demütigen Sie nicht die Kirche in Österreich – bitte!

Mit seinem Interview vom 23.6.2019[1] über mehrere sensible Fragen des kirchlichen Lebens in Österreich hat er sich wahrlich keinen guten Dienst erwiesen. Es ist geradezu beeindruckend, wie sich ein Diplomat so derartig undiplomatisch äußern kann! Die Rede ist vom neuen Nuntius in Österreich, Erzbischof Pedro López Quintana.

Dem Fragesteller von „Presse am Sonntag“ Dietmar Neuwirth ist es dabei gelungen, dem Nuntius jene Fragen vorzulegen, zu denen dieser letztlich als Diplomat hätte antworten müssen: „Ich beginne die katholische Kirche in Österreich kennenzulernen“.

Aber nach diesem erwartbaren Eingangsstatement geht es gleich zur Sache. Der Nuntius weiß über alles Bescheid. Sein Urteilen ist von einer Sicherheit geprägt, die man von einem diplomatisch geschulten Mann nicht erwarten würde. Denn jeder erfahrene Diplomat muss doch wissen, dass es zu den zumal sensiblen Fragen immer mehrere Aspekte gibt und daher Schwarz-weiß-Antworten falsch sein können und nicht selten auch sehr kränkend sind. Die Aussagen des Vatikanbotschafters sind von einer beunruhigenden Plattheit. Beispiele gefällig?

  • „Es gibt einen Klerikalismus – aber bei den Laien.“ Was für eine Botschaft an die Laien, sich ja nicht in den Herrschaftsbereich der Kleriker einzumischen, sondern sich um die Welt zu kümmern. Dass dabei – was theologisch absurd ist – Heilsdienst- und Weltdienst sträflich getrennt werden, tut der Kirche nicht gut. Die Arbeitsteilung: innerkirchlich den geweihten Männern alle Macht, den Laien hingegen außerkirchlich der Dienst an der Gesellschaft, schien seit dem Konzil überwunden zu sein.
  • „Beim Priestermangel ist der Verlust des Glaubens entscheidend.“ Und ganz dazu passend: „Die Krise der Kirche ist keine Krise der Strukturen, sondern eine Krise des Glaubens.“ Alle Forschungen zeigen, dass wir keinen Mangel an Berufungen haben. Lediglich die Kirche ist nicht in der Lage, die vielen Berufenen zu sehen und zu weihen. Freilich müsste man dann die Zugangskriterien zum Ordo völlig verändern (und damit zugleich das überhöhte Priesterbild) und fordern, dass jene ordiniert werden, die randvoll mit dem Evangelium sich der Jesusbewegung angeschlossen haben, Erfahrungen in dieser über Jahre gesammelt haben und daher „personae probatae“ sind und zudem die Fähigkeit haben Gemeinschaften zu leiten und Liturgien mit hoher Kunst vorzustehen.
  • „Manchmal sind Pfarren wie Zentren von Sozialarbeitern.“ Ein solcher Satz ist in Zeiten, in denen der Papst die Kirche und ihre Gemeinschaften und Gemeinden auffordert, an die Ränder des Lebens vorab zu den Armgehaltenen zu gehen, frivol. Er kränkt alle, die sich im Geist des Evangeliums (zum Beispiel von Mt 25) an der Seite der Armen wiederfinden. Dazu wieder die Eingangsfrage: Wie viele Pfarren in Österreich haben Sie bereits kennengelernt? Wenn noch keine – dann ist Ihre Pauschalkritik entbehrlich!
  • Zum Altbundeskanzler Sebastian Kurz und seine für ihn verblüffenden Segnung durch den Prediger Fitzgerald in der Stadthalle sagte er: „Da ist nichts Falsches daran. Wir haben für jeden zu beten“. Und diese kontextlosen theologischen Gemeinplätze werden dann noch ökumenisch fahrlässig getoppt: „Für Protestanten sind derartige öffentliche Gebete ganz normal, für die katholische Kirche in Österreich sind sie ungewöhnlich.“ Lernen Sie bitte rasch Österreichische Geschichte, Herr Erzbischof, bevor Sie solche Aussagen in Österreich machen. Dann wissen Sie, dass wir genau wegen solcher Vermischungen von Katholischer Kirche und einem politischen Lager einen blutigen Bürgerkrieg hatten. In diesem hatte ein „Prälat ohne Milde“ auf Arbeiter schießen lassen.

Den Tiefpunkt erreicht das Interview an seinem Ende. Die Aussagen machen fassungslos. Da kommt der Nuntius zum Visitationsbericht zur Lage in der Diözese Gurk-Klagenfurt zu sprechen. Seine zwei Positionen sind für die Betroffenen schlicht unerträglich. Denn in Wahrheit wurde Bischof Alois Schwarz nicht nach St. Pölten „befördert“, sondern wie mir der Vorgänger des Nuntius persönlich versicherte, an ihm vorbei von „Rom“ dorthin versetzt – und das erklärter Maßen gegen seinen eigenen Willen, so Bischof Schwarz selbst. Erklären sollte der Öffentlichkeit der Herr Nuntius auch, warum St. Pölten eine bedeutendere Diözese sei als Gurk-Klagenfurt. Welches Kriterium verwendet er für diese Einordnung? Alle Diözesen sind eine „portio ecclesiae“, also eine Portion des Gottesvolkes. Von daher kommt die Würde der Ortskirche, dass Sie Gottes Volk vor Ort sind.

Und dann die widerlichen Auslassungen zur Frauenmacht. Endlich eine Frau, die Macht hatte! So der Erzbischof, der die Kritik an der „Schattenbischöfin“ (ich weiß schon, dass dieses Wort Kollegen Sanders nicht gefällt) „witzig“ findet. Da hört in der Diözese Gurk-Klagenfurt, und zwar nicht nur im gescholtenen Domkapitel, jedes Verständnis auf. Was für ein Satz ohne Bezug zur Realität: „Oft wird die Rolle der Frau in der Kirche beklagt, aber wenn sie einmal Macht hat, wird das kritisiert. Ich denke, in der Beziehung zwischen dem Bischof und der Frau war nichts Unmoralisches“ (was hat das nun wieder mit der Macht der Frau über den Bischof und seine diözesanen Entscheidungen zu tun?). „Rom befasst sich nicht mit Gerüchten, wir können eine Person nicht danach beurteilen.“ Solche Aussagen wecken die Zweifel, ob der Herr Erzbischof wirklich schon Einblick in den Visitationsbericht genommen hat? Er hat doch mit den Visitatoren Erzbischof Lackner und Bischofs Elbs geredet und ist hoffentlich ausreichend informiert worden. Und hat er das Gespräch mit dem Kärntner Domkapitel gesucht, das solche unglaublichen Aussagen schwer belasten und die pastorale Großwetterlage in der Diözese Gurk-Klagenfurt weiter vergiften? Nach solchen undiplomatischen Winkelzügen, die niemandem nützen, werden sich weitere Leute enttäuscht von der „Kirche“ abwenden. Also wirklich keine Krise der Kirche und ihres hochrangigen Personals, sondern des Glaubens? Wandert nicht vielmehr der in Liebe gelebte Glaube aus einer „Kirche“ aus, die in ahnungslosen Beurteilungen und flotten undiplomatischen Sätzen ein unerträgliches „Gesicht“ zeigt?

„Si tacuisses“, Herr Nuntius. Dann hätten sie nicht zum Amtsantritt in Wien einen derartigen undiplomatischen Supergau produziert! Sich und unserer Kirche haben Sie damit einen Bärendienst geleistet.

[1] https://diepresse.com/home/panorama/religion/5647806/Mahnung-des-PapstBotschafters-an-Oesterreichs-Kirche

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6 Antworten zu Herr Nuntius, demütigen Sie nicht die Kirche in Österreich – bitte!

  1. Pingback: Bestellt zu ermutigen. Ein (leider nicht gegebenes) Interview mit dem neuen Nuntius in Österreich | Paul M. Zulehner

  2. albertpichler schreibt:

    Lieber Michael Zulehner, ich danke Ihnen für diese klaren Worte. Und bei dieser Gelegenheit auch für den Artikel in der aktuellen Furche zur Amazoniensynode. Für besonders beachtenswert halte ich, dass das Dokument zur Vorbereitung von PERSONAE PROBATAE spricht, also inclusiv; nicht nur von viri probati. Wieviele unentdeckte „personae probatae“gibt es doch in unseren Pfarren! Vielleicht kommt der Stein ins Rollen. Herzlich Albert Pichler, Kirchbichl

  3. Gerald Gump schreibt:

    Danke – der Kommentar spricht mir aus der Seele!
    Schön, dass man solche Fragen auch Christus-gemäß beantworten kann!
    Pfarrer Gerald Gump

    • hkarner schreibt:

      Lieber Herr Gump, So sehr ich von Zulehner’s Stellungnahme begeistert bin, so bin ich mir nicht sicher, ob das nicht rabiat gestoppt gehört: 1. Es schadet doch wirklich unserer Kirche 2. es karikiert das mühsame durch Papst Franziskus wiedererlangte Kirchenbild 3. stellen Sie sich vor, was dieser Herr bei den anstehenden Bischofsernennungen in Österreich anrichten wird, vor allem in Wien 4. Hat Jesus nicht die Tische der Geldwechsler umgeworfen und sie aus dem Tempel.vertrieben? 5. Vielleicht gehen wir zu „friedlich“ mit solchen Störenfrieden um?
      Ich werde jedenfalls den „sehr verehrten“ verhaltensgestörten Herrn Nuntius bei seinen Vorgesetzten im Vatikan „melden“. Sie hören auf diesem Blog davon!

  4. Pingback: Offener Brief an den Apostolischen Nuntius | Paul M. Zulehner

  5. Josef Ullitsch Mag. schreibt:

    Lieber Herr Dr. Zulehner!
    Sie haben meinem Mann und mir mit Ihrem Kommentar zum Interview des neuen Nuntius in Österreich (23. 6.19) aus der Seele gesprochen. Vor allem Ihr Satz: „Wandert nicht viel mehr der in Liebe gelebte Glaube aus einer „Kirche“ aus, die in ahnungslosen Beurteilungen und flotten undiplomatischen Sätzen ein unerträgliches „Gesicht“ zeigt?“
    Dieser Satz trifft uns in der Tiefe unserer Seele. Als Kärntner (und auch Niederösterreicher) waren wir zu besagter Zeit in der Diözese Gurk-Klagenfurt, wo viele unserer Freunde und Bekannten gemeint haben, jetzt bliebe ihnen nur mehr der Austritt aus der Katholischen Kirche als Zeichen ihres sichtbaren Protestes.
    Auch wir – als praktizierende Katholiken und überzeugte Christen – haben uns allen Ernstes mit der Frage auseinander gesetzt, ob es nicht besser wäre, dieser „Kirche“ den Rücken zu kehren.
    Wären nicht Papst Franziskus und unsere Hoffnung auf eine Kirche „zurück zu den Wurzeln“, hätten wir diesen Schritt vielleicht schon gesetzt. Von unserer Familie und unserem Bekanntenkreis in Kärnten sind inzwischen nur mehr die engsten Mitglieder in der Kirche dabei.
    Allerdings: Aus der Kirche auszutreten ist für uns schlussendlich keine Lösung. Wir finden uns eher in der „kämpfenden Kirche“ wieder.

    Mit herzlichen Grüßen
    Mag. Rosemarie und Mag. Josef Ullitsch
    9524 St. Magdalen und 2504 Sooss

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