Um gleich ein wenig Druck herauszunehmen: Es ist ein Dokument der Bildungskongregation. Lehramtliches Gewicht hat es keines, auch wenn es noch so viele päpstliche Zitate enthält. Zudem finden sich schöne Sätze über die Aufgabe christlicher Schulen. Vor allem diese sind lesenswert, obgleich es schwerpunktmäßig um Geschlechterfragen geht!

Für das Alltagsleben belanglos

Für das Alltagsleben von 80% oder auch mehr unserer Bevölkerungen ist es ein belangloses Dokument. Die meisten Menschen verstehen sich ohne Selbstzweifel als Frau oder Mann. Sie treten mit Personen des anderen Geschlechts in Beziehung, viele gründen eine Familie, selbst die Zahl kirchlicher Trauungen nimmt leicht zu. Sie freuen sich über eine Kind oder gar Kinder.

Das vorliegende Dokument über die Genderfrage wird diese Riesenzahl nicht irritieren, aber auch nicht wirklich unterstützen, selbst wenn sie Kircheninsider sind und in dieser Hinsicht Vertrauen in die Kirchen aufbringen. Schon hilfreicher sind für diese große Zahl die fundierten und spirituell reichhaltigen Überlegungen von Papst Franziskus in Amoris laetitia, und dies nicht zuletzt auch für den Fall, dass ihr Traum der Liebe des Anfangs nicht in Erfüllung geht. Nicht mehr ganz so einfach wird es für die Lehrkräfte in katholischen Schulen sein, an die sich die Überlegungen ja in erster Linie wenden.

Das hat vor allem damit zu tun, dass zwar ein Dialog über gesellschaftspolitisch gewichtige Fragen angekündigt wird, dieser aber letztlich unterbleibt.

Dazu ein paar erste Anmerkungen nach der Lektüre der englischen Fassung des Dokuments.

Gendertheorie

Es wird im Dokument ein „Gegner“ aufgebaut, der dann scharf verurteilt wird. Der Wolf der „Genderideologie“ hat zwar den Schafspelz der „Gendertheorie“ angezogen. Aber mit diesem vermeintlich semantischen Trick ist das Kernproblem nicht behoben: Das Dokument ist nämlich ebenso ideologisch wie der fingierte Gegner, den es bekämpft. Ideologie bedeutet hier, dass im Vorhinein feststeht, was am Ende herauskommen muss: Eine religiöse Legitimation der Bilder von Mann und Frau, die von Gott so geschaffen wurden, wie es ihm das Dokument vor-schreibt. Damit wird auch in theologisch unzulässiger Weise mitgedacht, dass auch Gott in sich Mann und Frau ist. Denn wie sollen wir sonst sein Ebenbild sein? Aber vielleicht bezieht sich die Ebenbildlichkeit gar nicht auf das Geschlecht, sondern die schöpferische Kraft, die weit mehr umfasst als Kinder zu zeugen. Schöpferisch ist der Mensch auch in seinen kulturellen Leistungen. Oder Menschen missbrauchen diese kulturelle Gestaltungsmacht. Ohne solchen Missbrauch gäbe es ja den Genderbegriff gar nicht.

Was ist mit dem Buch Genesis schon alles an Ungerechtigkeit allein im Verhältnis von Mann und Frau, aber auch in der ökologischen Zerstörung der Welt, gerechtfertigt worden! Ausläufer aus dieser patriarchalen Unkultur zeigen sich heute noch. Beispiel gefällig? Die ungleiche Entlohnung von Frauen und Männern, mit der zusätzlichen Nachwirkung, dass, wenn ein Kind geboren wird und jemand die Berufsarbeit unterbrechen muss, es zumeist die geringerverdienende Person ist, also die Mutter. Und dieser wird (was ja auch das Dokument) ohne mit einer semantischen Wimper zu zucken, gleich die Sorge um die Kinder zugeteilt, und zwar wegen der Eigenschaften, welche den Frauen nicht nur für die Familie, sondern die Wirtschaft oder auch die Weltpolitik zugeschrieben werden (und daher den Männern fehlen!). All das hat mit biologischem Sex wirklich nicht viel zu tun.

Genau dagegen kämpfen im Namen der Gendergerechtigkeit Frauen und mit ihnen auch gerechtigkeitssensible Männer an. Zu Recht haben vor allem Frauenrechtlerinnen mit den Argumenten der Bildungskongregation keine Freude. Sie finden es vielmehr gefühllos und abwertend, ihren Einsatz für mehr Gerechtigkeit zwischen den Geschlechtern, für den die Gendertheorie entwickelt wurde, allein schon begrifflich abzuwerten. Es geht also gar nicht allein um Diskriminierungen und deren längst überfällige Überwindung (Gal 3,28), sondern um himmelschreiende Ungerechtigkeiten – wobei der einmal verwendete Ausdruck „injust discrimination“ sehr befremdlich ist – als ob es gerechte Diskriminierungen geben könne!

Vorfindbar – erfindbar

Eine der wichtigsten und letztlich nicht gelösten Fragen der modernen Geschlechteranthropologie sind die Fragen: Was ist (biologisch) vorfindbar und was ist (kulturell) erfindbar? Mit wohl später vorgenommenen Einfügungen in das Dokument wird zugegeben, dass im Zuge der psychosexuellen Entwicklung eines Individuums kulturelle Einflüsse eine Rolle spielen. Sex und Gender, Biologie und Sozialwissenschaft lassen sich nicht trennen – wobei die letzten im Dokument immer nur als Gefahr vorkommen (ich spreche aus inzwischen 30 Jahren Männer- und Frauenforschung!). Aber lässt sich biologisch wirklich rechtfertigen, dass Frauen fühlen und Männer denken (so ein bis in Forschungsergebnisse hinein auftauchendes Stereotyp) – was Männer wie Frauen gleichzeitig diskriminiert. Oder ist es biologisch begründbar, dass Frauen in der Kirche schweigen sollen, wie im Neuen Testament noch nachzulesen ist?

Gesellschaftliche Kreise, die am status quo und damit zumeist auch an der eigenen Macht interessiert sind, werden möglichst viel als „vorfindbar“ und daher unabänderlich bezeichnen. Das bezieht sich dann aber nicht nur auf Geschlechtsorgane und Hormonhaushalt, sondern auch auf biblische Texte wie „als Mann und Frau schuf er sie“. Ein solches Dokument zu formulieren ohne einen Hauch von Exegese ist wagemutig!

Das Dokument ist bei allem eingestreuten Respekt für kulturelle Entwicklung der Geschlechterrollen letztlich biologistisch angelegt. Und das ist einer der Hauptmängel. Denn selbst die biologische Ausstattung eines Menschen (seine Gene) können sich im Lauf des Lebens weiterentwickeln. Wie wäre anders eine Evolution des Lebens möglich geworden? Selbst die Biologie kennt daher stets eine historische Dimension, und die Kultur hat ihrerseits natürlich einen biologischen Rahmen. Die schier unlösbare Kernfrage, um die letztlich gerungen wird, lautet aber: Wo ist die Grenze zwischen beiden? Macht begünstigt biologistische Ideologien, und das Dokument kommt einem solchen gefährlich nahe.

Die gar nicht so wenigen Anderen

Wie gesagt, der Großteil der Menschen in unseren modernen Gesellschaften kann durch die „Gendertheorie“ kaum in Aufregung versetzt werden. Sie leben, lieben, zeugen Kinder, erziehen sie nach bestem Wissen und Gewissen. Ich habe schon sehr viele Paare getraut und riskiere es zu sagen, dass sie in erdrückender Mehrheit just dieses Leben suchen und weit ernster nehmen und besser gestalten,.

Alleinlebende

Aber es gibt noch Andere. Zum Beispiel lebt ein Drittel der Menschen in modernen Ländern allein. Das bedeutet nicht immer ohne Feste der Liebe – aber gar nicht so wenige leben notgedrungen ohne Partner oder Partnerin. Wie es wohl jemandem aus diesem Kreis ergeht, wenn er oder sie im Dokument liest, man könne nur dann ein ganzer Mensch werden, wenn man in einer „totalen Hingabe“ an eine Person anderen Geschlechts lebt? Hier zeigt sich die Absurdität der Komplementaritätstheorie zwischen Mann und Frau. Der Männerforscher erhebt vehement Einspruch! Ein Mann ist ein ganzer Mann, auch ohne weiblichen oder männlichen Partner. Die kommunikative Liebe, die uns zu wahren Menschen macht, ist keineswegs immer und vorab erotisch-sexuell. Man lese bitte doch Benedikt XVI., Deus caritas est, wobei auch dieser Platon zitiert, aber auch nur halbiert – eben nur das Aussein auf die andere Hälfte, von der nicht so klar ist, warum diese auch die bessere sein soll!. Wäre dies der Fall, dann müsste die Bildungskongregation den Zölibat der Priester umgehend verbieten. Und auch die Predigten über die „Heilige Familie“ verlören jegliche Grundlage. Die moderne Geschlechterforschung hat die Formel der Komplementaritätstheorie ½ + ½ = 1 längst ausgetauscht mit der Formel 1+1=1.

Shemale

Es gibt noch eine weitere, gewiss nicht große Gruppe, deren Mitglieder die Würde der menschlichen Person besitzen und nicht einfach die sekundäre Würde eines Mannes oder einer Frau!. Das sind jene, welche die „Natur“ mit männlichen und weiblichen Geschlechtsorganen gleichzeitig ausgestattet hat. Ich habe einmal einen solchen Menschen getroffen, der Mesnerdienste verrichtete. Er hat sich wie ein Mozart gekleidet. Ich frage ihn, ob er angesichts seiner Frömmigkeit nicht Priester werden wolle. Sie nehmen mich nicht, war seine traurige Antwort und er erzählte mir warum.

Wo sind solch wunderbare Menschen unterzubringen? Sind sie lediglich „Zufälle“ der Natur, Gehören sie, wie das Dokument lapidar rät, therapiert? Aber dann sitze ich in einer Kommission, in der diskutiert wird, ob überhaupt zum Wohl eines dergestalt Neugeborenen operiert werden soll und ob die Eltern das Recht haben, dies zu veranlassen? Ob man nicht warten müsse, bis dieses Menschenkind selbst die Entscheidung zu treffen haben wird – eine Entscheidung, die in nicht wenigen Fällen längerfristig in den Selbstmord führt? Der besagte Mesner passt nun wirklich nicht in unsere beiden „Geschlechtertöpfe“.

Dann kommen noch jene hinzu, die hormonell und psychisch nicht dem idealisierten Wunschbild eines Mannes oder einer Frau entsprechen, die ja im Dokument immer heterosexuell sind. Warum beachtet das Dokument nicht die Homosexuellen (von denen ja nicht alle Priester werden können J), steht den Lehrenden in den katholischen Schulen und deren Eltern bei, wenn ein heranwachsender Schüler, eine Schülerin, „ihre wahre sexuelle Identität“ erfühlt und anfängt, zu dieser zu stehen? Die vielen Attacken gegen das Selbstbestimmungsrecht solcher Menschen sind unerträglich.

Ein Kommunikationsbruch

Wo das Dokument auch keinerlei Bereitschaft zeigt, sich den modernen gesellschaftlichen Entwicklungen zu stellen, ist der Begriff „Ehe“ und damit verbunden der „Familie“. Vorausgesetzt wird unhistorisch das Ehepatent von Joseph II. aus dem Jahre 1783: Mann, Frau, unlösbarer Vertrag (das Vertragen war zweitrangig), Zeugung und Aufzucht von Kindern.

Wahrscheinlich ist den Verfassern und Verfasserinnen die Vorstellung zu abwegig, dass sich auch zwei Frauen oder zwei Männer zu einer Ehe ohne Generativität verbünden können, was durch die Trennung der generativen und symbolischen Seite menschlicher Sexualität durchaus möglich geworden ist. Dass solche Paare gläubig sein und um einen kirchlichen Segen bitten können, ist für das Dokument einfach eine Fehlentwicklung.

Ganz klar wird ohne wissenschaftliche Belege auch betont, dass gleichgeschlechtliche Lebensverbünde kein guter Gedeihraum für Kinder sein können. In dieser Hinsicht sind ja die Bevölkerungen gespalten. Die Hälfte etwa sagt, es sei gut für die psychosexuelle Entwicklung, wenn die elterlichen Menschen männlich bzw. weiblich sind. Die andere Hälfte meint, es komme darauf an, dass die „Familie“ ein „Raum geprägt von Stabilität und Liebe“ sein müsse, wie dies Brigitte und Peter Berger formuliert haben. Ich kenne nicht wenige Kinder von Alleinerziehenden, die durchaus lebenstüchtige und liebenswerte Menschen geworden sind. Dabei weiß ich auch aus meinen Forschungen um die Leiden die durch Scheidungen entstehen und bekomme mit, wie umstritten in der Forschung die Lage von Patchworkfamilienkindern ist. Aber gleichgeschlechtlichen Paaren werden immerhin Pflegekinder anvertraut.

Das Dokument huldigt leider einem „Panikfamilialismus“ mit einem traditionellen Familienbild. In dieser Hinsicht findet keinerlei ernsthafter Dialog statt. Übersehen wird dabei, dass die „Kernfamilie“ verteidigt wird, Vater – Mutter – Kind. Manchmal ist es nur noch die „Madonnenszene“: Mutter mit Kind. Diese aber sind – auch wenn in dieser Kernbesetzung vollständig – zu klein, überfordert, schafft das Miteinander von beruflicher und familiärer Welt kaum. Kluge junge Familien wohnen hingegen vernetzt. Vielleicht wäre das auch Familien mit gleichgeschlechtlichen Partnern anzuraten, weil dann das Kind nicht nur zwei Väter oder zwei Mütter hätte. Ich hatte eine starke Mutter, mir war eine genug! Vielmehr könnte jemand im erweiterten Feld einer „Kunstgroßfamilie“ jener Menschengestalt begegnen, die er unter seinen elterlichen Menschen nicht antrifft.

Vieles steht noch aus an Dialog

Der Leiter der Bildungskongregation Kardinal Versaldi bemerkte nach der Veröffentlichung: „Auch wir als Kirche müssen diese Beziehung immer wieder aufs Neue vertiefen und dabei vielleicht einige allzu festgefahrenen Positionen im Blick auf die Natur korrigieren, die die kulturellen Aspekte völlig außer Acht lassen. Das heißt, wir sind gerne bereit, in diese Auseinandersetzung einzutreten, aber natürlich unter Beibehaltung der Vision der christlichen Anthropologie, die allerdings nicht durch Glaubenssätze, sondern durch rationale Argumente begründet wird.“ Es wäre nützlich gewesen, hätte dieser Dialog mit den vielen Wissenschaften, die sich mit der Geschlechteranthropologie befassen, schon vor der Veröffentlichung des Textes stattgefunden. Vielleicht wäre dabei am Ende herausgekommen, dass wir letztlich ebenso wenig über das „Wesen von Mann und Frau“ (im archetypischen Sinn) wissen als über Gott, weil vermutlich alle drei ein unauslotbares Geheimnis bleiben werden. Vieles, was im Dokument mit nahezu ideologischer Selbstsicherheit undialogisch vorgetragen wurde, wäre dann ungesagt geblieben.

Es wird wohl dem Dokument ergehen wie einem Erlass von Papst Johannes XXIII. Er hatte auf Drängen vieler 1962 das Dokument „Veterum sapientia“ verfasst, durch das er mit hoher päpstlicher Autorität – also mit mehr, als das vorliegende Dokument genießt- befahl, dass an allen theologischen Fakultäten in Latein unterrichtet werden müsse. Es wäre kein Schaden, wenn auch dem vorliegenden Dokument ein ähnliches Schicksal widerfahren würde.

 

 

 

 

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