Religionen- und Ethikunterricht in Einem!

Nachdem viele Stimmen aus der Kirche (z.B. das Präsidium der Katholischen Aktion Österreichs) den neuen Ethikunterricht als Alternative zum Religionsunterricht umstandslos unterstützt haben, möchte ich hier auch eine kritische Stimme zu Wort kommen lassen, deren Argumentation ich viel abgewinnen kann. Sie stammt von Dr. Klaus Heidegger, Religionslehrer an einem Oberstufenrealgymnasium, 5. März 2019. Danke, Klaus!

Stolz präsentierten in türkis-blauer Eintracht Kanzler mit Vizekanzler und Bildungsminister den neuen Plan für einen verpflichtenden Ethikunterricht. Dass dies gerade am Faschingsdienstag geschah, mag wie ein üble Ironie für jene sein, die sich anderes erhofft hatten. Um im Bild der Schiene zu bleiben, passt folgende Metapher. Ein Oberstufenschüler oder eine Oberstufenschülerin muss nun ab dem Schuljahr 2020/21 in Österreich die Entscheidung treffen: Steige ich in den Zug mit dem Namen „Ethikunterricht“ oder wähle ich einen der Züge mit dem Namen „Religion“? Letztere Züglein werden teils sehr klein und aus organisatorischen Gründen verspätet am Nachmittag abfahren, sodass die Wahl für einen Ethikunterricht wohl attraktiver sein wird, noch dazu, wo dort doch die „lässigen“ ethischen Themen behandelt werden und überhaupt: Im Ethikunterricht sitzen vielleicht mehr Mitschülerinnen und Mitschüler und es wird ja gesagt, dass dort die Vernunft eine Rolle spiele und nicht die unvernünftigen Glaubenssachen und vorgestrige Moral den Unterricht bestimmten. Ethik ist cool, Religion ist out, weil das, was die Schülerinnen und Schüler zunächst interessiert, doch ethischer Natur ist. Die Zuschreibungen von außen für die konfessionellen Züge sind stereotyp. Im Katholenzug unterrichtet ein Pfarrer mit Talar (Vorsicht!). Dort riecht es nach Weihrauch und man lernt, den Rosenkranz zu beten. Im lutherischen Zug ist Bibelunterweisung Programm. Auf den Teppichen des Muslimzuges lernt man die Suren des Koran auswendig. Klar ist auch, wer dem Ethikzug zugeteilt wird: All jene ohne Religionsbekenntnis. Man könnte auch sagen: Der Atheistenzug. Haben Konfessionsfreie kein Interesse an religiösen Fragestellungen? Oder anders gefragt: Ist nicht für alle eine aufgeklärte religiöse Grundbildung notwendig und laut Schulorganisationsgesetz vorgeschrieben – gerade für jene auch, die außerschulisch bisher wenig religiöse Bildung erhielten? Werden diese jungen Menschen nicht fehlen in jenen Zügen, wo die Konfessionellen zugeteilt werden, soweit sie sich dieser Zuordnung nicht entziehen? Ob sich die Konfessionellen überhaupt vom Religionszug abmelden müssen, ob es also eine sogenannte Opt-in-Variante gibt, bei der sie sich frei und ohne die 5-Tage-Abmeldefrist für einen Ethikunterricht entscheiden könnten, ist noch nicht klar geregelt.

Zugbegleiterinnen und Zugbegleiter

Wer die professionellen Zugbegleiterinnen und Zugbegleiter sein werden, ist ebenfalls noch nicht geklärt. Schon treten jene auf den Plan, die ausgebildete Religionslehrkräfte jedenfalls nicht als Fachkräfte für einen Ethikunterricht sehen, weil jene doch ideologisch kleinkariert und unvernünftig wären.

Religion und Ethik nicht trennen

In meinen Beiträgen habe ich versucht zu argumentieren, dass zwischen Religion und Ethik eine große Schnittmenge besteht, die im Unterrichtsgeschehen stets präsent sein kann. Mein Plädoyer lautet, Religion und Ethik nicht zu trennen. Fakt ist jedenfalls, dass in jedem guten Ethikunterricht eine Auseinandersetzung mit religiösen Grundwerten stattfinden wird. Die Schnittmenge zwischen dem, was in einem Religionsunterricht vermittelt wird, und den Inhalten eines Ethikunterrichtes ist groß. Durch die freie Wahl „Religion oder Ethik“ könnte zumindest indirekt der Eindruck entstehen, als könnte Religion ohne Ethik auskommen oder als würden im Religionsunterricht die ethischen Fragen keine Rolle spielen. Religiöses Handeln ist immer zugleich ethisches Handeln. Im Tun der Menschen und ihrer Organisationen offenbart sich erst die Religion. Der Glaube manifestiert sich in der Praxis. Man kann nicht über Jesus reden, ohne auch über Politik ins Gespräch zu kommen. Wo versucht wird, der Religion die Ethik zu entziehen, entstehen die religiösen Fundamentalismen. Ein Religionsunterricht ohne Ethik käme freilich all jenen entgegen, die sich stets infrage gestellt fühlen, wenn aus religiös-ethischer Sicht politische Vorgänge kritisiert werden. Ein Religionsunterricht ohne Ethik wäre blutentleert – genauso wie ein Ethikunterricht ohne die Auseinandersetzung mit den Religionen.

Interreligiöser und inklusiver Religionen- und Ethikunterricht als zeitgemäße Antwort

Was wir bräuchten, ist eine religiös-ethisches Fach ohne die Falle entweder Religion oder Ethik. Die Schulklassen sind konfessionell schon längst nicht mehr homogen. Dies bringt zum einen schulorganisatorisch große Probleme mit sich. Eine Klasse wird x-fach segmentiert in solche Schülerinnen und Schüler, die keiner Religionsgemeinschaft angehören – in Hinkunft würden sie genauso wie die vom Religionsunterricht Abgemeldeten automatisch dem Ethikunterricht zugeteilt – und solche, die sich in zunehmend kleiner werdenden konfessionellen Unterrichtsgruppen aufteilen. Diese Segmentierung einer Klasse geschieht gerade dort, wo es den Erfahrungsreichtum eines gemeinsamen interreligiösen und kulturellen Lernens bräuchte.

Es gäbe die Alternative eines gemeinsamen Religionen- und Ethikunterrichtes. Er würde nicht das Image einer Konfessionskunde haben, was auch der Religionsunterricht schon längst nicht mehr ist. Er würde gemeinsames interreligiöses und ethisches Lernen in den Schulklassen ermöglichen und erfüllte damit die notwendige Funktion von Inklusion und Integration. Er würde nicht die Themen Ethik und Religionen trennen, weil beide Bereiche wesentlich zusammen gedacht werden müssen. Er würde auch von den Religionspädagoginnen und -pädagogen oder Philosophielehrerinnen und -lehren unterrichtet werden können, die eine mehrjährige theologisch-philosophisch-ethische universitäre Ausbildung erhalten haben, was jedenfalls wesentlich mehr ist als die Zusatzausbildungen, die für künftige Ethiklehrerinnen und -lehrer angeboten werden sollen.

Der gemeinsame Religionen- und Ethikunterricht hätte keinerlei konfessionalistische Engführung und würde daher der Religionsfreiheit nicht widersprechen, da in ihm keine Indoktrination in ein bestimmtes Glaubenssystem stattfindet, sondern ein allgemeinbildendes Miteinanderlernen von religiös-ethisch-philosophischen Grundfragen. Eine Klasse würde nicht geteilt in vermeintlich religiöse und vermeintlich unreligiöse Schülerinnen und Schüler, sondern alle könnten miteinander lernen. Damit würden auch jene vielen Fragen aufgegriffen werden, die gegenwärtig so brennend sind: Wie geschieht Integration gerade unter dem Vorzeichen von religiöser Pluralität? Praktisch gesehen gäbe es auch ein Zweistundenfach. Würde es eine Wahl zwischen einem zugleich vielfach in Konfessionen und Religionsgemeinschaften aufgesplitterten Religionsunterricht und einem Ethikunterricht geben, so wäre es wahrscheinlich in beiden Fällen nur mehr ein Einstundenfach, was pädagogisch zweifelhaft ist.

Eine andere Zugwahl wäre möglich gewesen. Ein gemeinsamer Religionen- und Ethikunterricht, den alle Schülerinnen und Schüler verpflichtend besuchen. Aufgrund ihrer theologisch-ethischen sowie pädagogischen Ausbildung und auch ihrer Verankerung in den Religionen sind die bisherigen Lehrkräfte in Religion dafür geeignete und kompetente Pädagoginnen und Pädagogen. Längst schon sind die Lehrpläne des Religionsunterrichtes und die bildungspolitischen Vorgaben so gestaltet, dass es in einem konfessionellen Religionsunterricht nicht um Konfessionskunde geht, sondern um ein Miteinanderlernen an den ethischen Herausforderungen, für die gerade die Religionen wertvolle Lösungsangebote bieten. Die aktuellen Statistiken des Kirchenaustritts sind ein Indikator dafür, dass immer weniger Kinder und Jugendliche mit einem selbstverständlichen Wissen über die Religionen aufwachsen. Mangelndes Wissen über Religionen führt zu Vorurteilen. Es ist auch das Recht der Schülerinnen und Schüler ohne Religionsbekenntnis, dass sie sich mit den zentralen Inhalten der Religionen auseinander setzen können.

Religiös-ethische Zweigleisigkeit auf Schiene gebracht (Von Klaus Heidegger posted on 

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4 Antworten zu Religionen- und Ethikunterricht in Einem!

  1. Josef schreibt:

    Gerade weil dieser kluge Mann, so sehr viel RECHT hat, werden siene Worte von den Verantwortlichen nicht gehört und von den meisten nicht verstanden!
    Da rächt es sich wenn gerade die „Katholischen“ so sehr gejubelt haben über unseren Türkis-schwungvollen Jungkanzler, der grad noch nix fertigstudiert hat, und seiner Buberlpartie …!
    Schnelle Lösungen … / populistische Sager …. / „fetzerische“ Argumentation …. – da gibt es keine wohlüberlegten dauerhaften Lösungen, an der alle mitwirken und die von allen mitgetragen werden können. Da gibt es nur das Oberflächliche (den so lebt man ja auch selbst!) und an den Folgen werden sich andere abarbeiten ….
    (Es gibt aber eine große Mitschuld der Kirchen und Konfessionen, weil man seine Pfründe und Machtpositionen nicht zugunsten eines gemeinsamen „Religionen- und Ethikunterrichtes“ aufgeben will. – Eine „Seelsorgestunde“ für Kinder und Jugendliche ist ja auch was anderes als Religionsunterricht — aber wo gibt es noch Jungschar oder Pfadfinder oder dgl. ? — !

    Es ist in Wahrheit ein Verlust für alle die so um eine „Guzte Bildung“ gebracht werden!

  2. Susanne Gizicki schreibt:

    Herr Professor Zulehner Sie sind Spitze und wir freuen uns, dass Sie immer so großartig sich
    artikulieren und ausdrücklichen.Herzlichsten Dank

  3. Michael Päuerl schreibt:

    Dass es mit konfessionellem Religionsunterricht und Ethikunterricht jetzt zwei Züge werden, die vom Bahnhof Schule abfahren, lässt sich nicht leugnen.
    Und dass die Strecke von der Sache her teilweise gemeinsam führt hoffentlich auch nicht. Auch erachte ich die Argumente in diesem Beitrag und deren Gründe für diskussionswürdig und danke für den Beitrag meines Kollegen Dr. Klaus Heidegger.

    Ich bin nur von der schlussfolgernden Lösung der einfachen Zusammenlegung der Gleise zu einem allgemeinen Religionen- und Ethikunterricht nicht überzeugt.
    Ich denke nicht, dass ein solcher gemeinsamer Zug die bessere Lösung für religiöse Bildung wäre. Sind es nur die ethischen Themen, die Religiosität ausmachen? Kein Religionsunterricht ohne Ethik, aber wird ein Ethikunterricht einen spezifischen Religionsunterricht ersetzen?

    Ich möchte bei dem Bild bleiben: Es ist meines Erachtens nicht sinnvoll, zugunsten eines einzigen Gleises von den letzten Wagons – der christlichen oder religiöse Ethik – die ersten Wagen samt Lokomotive abzukoppeln. Auf welcher Strecke bleiben dann z.B. die christliche Mystik, Kennenlernen des Dialogs mit Gott, sich als Kind Gottes verstehen lernen und die Wahrnehmung der Geschwisterlichkeit auf Basis der Gotteskindschaft und (die Auseinandersetzung mit) Gott?
    Der Lehrplan eines nicht religionsgebundenen Ethikunterrichts ist verpflichtet, wesentliche Elemente des konfessionellen Religionsunterrichts auszuklammern. Warum gäbe es sonst die Möglichkeit der Abmeldung vom Religionsunterricht aus Gewissensgründen?

    Ich halte es auch für sachlich nicht gerechtfertigt, eine gut und mit hoher Toleranz für Andersdenkende vermittelte konfessionelle religiöse Bildung mit dem Geruch der „Indoktrination“ oder „konfessionalistischen Engführung“ zu behaften und damit zu disqualifizieren. Denn die religiöse Bildung kann viel mehr und ist kein Rest zu ethischen Lieblingsthemen. Und dieses „Mehr“ des Glaubens für die interessierten und dafür Interesse gewinnenden Schülerinnen und Schülern zu vermitteln ist ein „Schatz im Acker“, den man nicht ungeborgen lassen und im Sinne einer hoffnungsvollen Zukunft nicht einmal einer „salzgebenden“ Minderheit unserer Gesellschaft vorenthalten sollte.
    Zugegeben: Das ist die Perspektive eines glaubenden Menschen.

    Michael Päuerl, Religionslehrer und Schulleiter

  4. Robert Pretterhofer schreibt:

    Antwort auf Kollegen Heidegger Klaus
    Insgesamt ist der Argumentation Einiges abzugewinnen. Dazu ein paar Anmerkungen:
    a) Was die stundenplanmäßige Situierung des Ethikunterrichts anlangt, ist es in vielen ländlichen Gebiete oft umgekehrt. Ethik findet ungeliebt am Nachmittag statt. Allerdings „lässige“ Themen gibt es auch im RU.
    b) Da müsste sich die Katholische Kirche und damit alle anderen Kirchen und Religionsgemeinschaften aus der Sicherheit des Konkordates begeben. Einmal dort raus, wird wohl kein Zurück mehr geben.
    c) Prinzipiell wird zu schnell Moral und Ethik synonym verwendet bzw. kommen in der Praxis vermischt daher. Man könnte knapp sagen: Moral sagt „So ist es!“, die Ethik fragt „Ist es so?“
    Jeder Mensch wir von klein auf mit Moral konfrontiert und lebt auch seine persönliche Moralvorstellungen aus. Ein Ethikunterricht kann ein Forum bilden, diese Dinge zu hinterfragen. In einer sehr inhomogenen Ethikgruppe gibt es sehr unterschiedliche Moralvorstellungen.
    d) Bei einem Ethikunterricht geht es also um das Hinterfragen der Moral. Der Schüler (die Eltern) weiß (wissen) allerdings nicht genau, was ideologisch, weltanschaulich genau drinnen ist. Ein wertfreier Zugang zu den Themen wir schwer möglich sein. Jeder Lehrende liefert seine Moral mit. Bei Religionslehrern weiß man da schon eher, wo er moralisch steht, was ja nicht uninteressant ist, wenn das Fach Ethik unterrichtet.
    e) Der Dalai Lama hat in seinem Buch „Ethik ist wichtiger als Religion“ den Vergleich mit Wasser (Ethik) und Tee (Religion) verwendet und sehr ausführlich begründet, das alle Menschen Wasser brauchen.
    Gleichzeitig spricht er über seine buddhistische Spiritualität, die nicht jedem Menschen zugänglich ist. Das gilt für alle Religionen.
    f) Der Mehrwert eines konfessionellen Unterricht ist argumentierbar, nicht nur weil die Kirche ihre Felle retten möchte. Das Menschen mit dem gleichen Glaubensbekenntnis sich im Unterricht treffen und auf Schulebene Glaubensfragen (Katechese?) verhandeln kann nicht prinzipiell falsch sein, außer man meint, dass Religion hauptsächlich als Morallieferant nützlich erscheint. Das Christentum ist auf Ethik schwerlich zu reduzieren und das gilt wohl auch mehr oder weniger für andere Religionen. Die Frage nach Gott und Spiritualität interessiert sehr wohl. Im Unterricht sitzen religiöse, indifferente und „ungläubige“ Schüler*innen.
    g) In der Praxis wird tatsächlich der Religionsunterricht hauptsächlich als Ethikunterricht praktiziert bzw. von Schülern so erlebt. „Es ist schön das im Religionsunterricht nicht nur über Religion geredet wird.“ (Schüler, 17 J.) oder „eigentlich besteht der RU eh hauptsächlich aus Ethik“ (Schüler 18 J.) Andererseits „Wir reden zu wenig über den Sinn biblischer Texte geredet.“ (Schüler 17 J.) usw.
    Die Frage der Glaubensvermittlung im RU ohne Anbindung an die Kernfamilie ist heute tatsächlich schwer. Gläubig wird durch den RU wahrscheinlich kaum jemand.
    h) Ein schwerwiegendes Problem ist tatsächlich das Auseinanderdividieren der versch. Bekenntnisse und Richtungen. Integrative Auseinandersetzung mit versch. Wertsystemen sieht anders aus.
    i) Zu guter Letzt: es wäre wohl zu befürchten, dass die Einübung in religiöse Praktiken und Rituale, Sakramente, Gebet u.Ä. über kurz oder lang ganz aus der Schule rausfallen wird (siehe Luxemburg) bzw. in die Pfarren und Gemeinschaften verlagert werden muss. Den Verlust der Jugendlichen wir die Kirche wohl auch in Zukunft über die Schule nicht wettmachen können.
    Nur wo sind die Praktizierenden der Religionen über die im Ethikunterricht etwas gewusst werden soll?

    Dr. Robert Pretterhofer, Religionslehrer, HTL Weiz

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