Schmerzhaftes Lernen der Kirche, an der Kirche und in der Kirche

Brief eines engagierten Wiener Pfarrers zur Lage der Kirche

Liebe Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in unserer Pfarre Hildegard Burjan!
Dieses Jahr möchte ich euch allen vor Beginn der Fastenzeit einen Brief schreiben und dabei über verschiedene Themen nachdenken. Ich beginne mit einer sehr persönlichen Erinnerung, die ich umschreibe mit Schmerzhaftes Lernen der Kirche, an der Kirche und in der Kirche.

Es war ein katholisches Internat, in dem ich vom 10. bis 18. Lebensjahr meine Gymnasialzeit (1973-1981) verbrachte. Wir waren 250 Burschen, die von drei Priestern beaufsichtigt wurden. Diese waren das ganze erzieherische Personal. Die Priester hatten keine pädagogische oder psychologische Ausbildung. Somit war klar, dass es im Internat nicht um Erziehung und Begleitung gehen konnte, sondern mehr um einen Aufbewahrungsort während der Schulzeit. Die Priester waren bemüht, aber sie konnten die geballte Energie von 250 Kindern und Jugendlichen nur in einem System des Gehorsams und einer ‚schwarzen Pädagogik‘ (d.h. wer nicht gehorcht, wird bestraft) bändigen.

Aus meinem bäuerlich geprägten Heimatort im bayrischen Wald kannte ich die Erziehungsmethode von Zucht und Ordnung gegenüber Kindern und Frauen. Insbesondere außerhalb kirchlicher Einrichtungen. Überall. Daher war ich selber nicht überrascht, dass es im Internat ebenso war. Nichts desto trotz hatten wir als Jugendliche von einer kirchlichen Einrichtung einen anderen Stil erwartet; einen, der sich durch einen christlichen Geist abhebt. So kam es, dass viele meiner Mitschüler das Internat mit großer Enttäuschung verließen.

Wenn wir uns heute nach Jahrzehnten wieder treffen und zurückblicken, dann ist dieser Eindruck gleich geblieben. Es war auch klar, dass in einem solch geschlossenen System kranke Personen große Chancen hatten, ihren Neigungen im Nebel der Abhängigkeit nachzugehen. Solche Mechanismen waren zwar außerhalb des kirchlichen Internates ebenso zu beobachten: bei uns im Dorf, im staatlichen Gymnasium, in das wir gingen, in Vereinen, zu denen wir gehörten, aber im kirchlichen Raum hatten wir etwas anderes erwartet. Das ist der große Schmerz.

Gott sei Dank habe ich persönlich nie – außer den erwähnten körperlichen Strafen – eine schlimme Misshandlung erlebt. Deswegen wohl bin ich Priester in dieser so schwachen Kirche geworden. Ich habe nie an ihr insgesamt gezweifelt, sehr wohl aber an ihren Sünden. Berufen und gerufen fühlte ich mich durch die großartigen Beispiele eines Johannes Don Bosco, einer Mutter Teresa, von Adolf Kolping oder auch Óscar Romero.

Durch sie habe ich die Geschichte der Kirche studiert, die Veränderung der Welt durch den christlichen Glauben angestrebt und auch den Ehrgeiz entwickelt, vieles besser zu machen. Je schmerzhafter ich die Schwächen der Kirche und ihre dunklen Seiten wahrnahm, desto lauter vernahm ich den Ruf, an einer Veränderung mit zu wirken.

Es wurde mir möglich, viel zu unternehmen. Vor, während und nach dem Studium bin ich oft gereist und habe an allerhand Projekten mitgearbeitet. Vieler Not in der Welt bin ich so persönlich begegnet: dem Suff der Verzweiflung in Obdachlosenheimen, der Dämonie der Drogen bei Jugendlichen, dem Scheitern der Gefängnisinsassen. Ich durfte in Rumänien die Straßenkinder, in Kenia die an Aids Sterbenden, im Iran die Leprakranken und in Texas die Gefängniscamps der Flüchtlinge besuchen. Bis heute treibt mich diese Not an und um. In mancher Nacht schrecke ich auf – von den Bildern getrieben – und ich spüre, dass ich noch mehr dagegen tun könnte.

Angesichts dieser großen Ziele habe ich manches in der Kirche nie ganz ernst genommen. So kam es mir zum Beispiel lächerlich vor, dass noch vor 20 Jahren diskutiert wurde, ob Mädchen als Ministrantinnen erlaubt seien. Dieses und manch anderer Streit um ernstere Themen waren für mich einfach das normale Ringen um eine moderne Entwicklung. Da ich sieben Ordensschwestern in meiner Familie habe, konnte ich vielfach erkennen, wie die Hierarchiestrukturen drückend und lebensstörend waren. Ich empfand das als überholt und war überzeugt, dass es nur eine Frage der Zeit sei, bis sich ein „normaler“ Zustand einfindet. Ähnlich, als ich als Student öfters die DDR besuchte und mir klar war, dass dieses System zusammenbrechen muss.

Schockiert war ich im letzten Jahrzehnt, als das Ausmaß der Missbrauchsfälle zu Tage kam. Diese Brutalität und dazu die Falschheit des Vertuschens sind fürchterlich. Ich konnte mir gar nicht vorstellen, wie in so perverser Weise Kinder, Jugendliche missbraucht wurden. Dass so etwas jahrelang in kirchlichen Einrichtungen möglich war, ging über meine Vorstellungskraft.

In den zwei Jahren als ich in Wien bei P. Georg Sporschill SJ in Obdachlosenheimen wohnte und arbeitete, habe ich viele Gefängnisbesuche gemacht; Einbrecher, Mörder, auch Vergewaltiger und Kinderschänder besucht. Nach deren Entlassung war ich an der Resozialisierung vieler beteiligt. Die kriminelle Welt ist mir also sehr vertraut. Ich vergesse nie den Walter Klein, dessen Leitspruch war: „Alles ist vergänglich, auch lebenslänglich.“ Er hat tatsächlich die lebenslängliche Gefängnisstrafe (insgesamt dann 21 Jahre) abgesessen, weil er seine Frau erschlagen hat. Nach vielen Jahren auf der Straße hat er dann ein ganz würdiges Leben im Obdachlosenheim gefunden. ich habe ihn sogar zu meiner Priesterweihe und Primiz mit in meine Heimat genommen.

Dennoch, dass dieses Ausmaß krimineller und krankhafter Energie so lange innerhalb der Kirche existierte, ist nicht entschuldbar und sehr schwer erklärbar. Verständlich der große Verlust an Vertrauen. Verständlich die Abwehrreaktion vieler Menschen. Das habe ich im Jahr 2010, als die österreichischen Missbrauchsfälle in den katholischen Heimen aufkamen, bei jedem Besuch in unserem Pfarrkindergarten gespürt.

„Bist du auch einer, der für unsere Kinder gefährlich ist; der etwas vertuscht, der missbraucht, wenn keiner hinschaut?“ so meinte ich die Gedanken mancher Eltern zu hören.

 

Die Kirche steht an einer Zeitenwende. Es kommt mir vor wie im Jahr 1918 als die Monarchien in Europa zusammenbrachen. Die Staatsform der Demokratie, der Mitsprache, des Frauenwahlrechtes, der Transparenz, der Meinungsfreiheit war umstritten. Viele konnten sich nicht vorstellen, dass dies funktioniert; und es hat auch lange gedauert, bis sich das neue Denken in der Gesellschaft etabliert hat. Mehr oder weniger hat das noch einmal fünfzig Jahre gedauert.

Dieser Umbruch steht in der Kirche an. All das, was im 2. Vatikanischen Konzil (1962-65) schon gedanklich neu formuliert wurde, beginnt sich jetzt auf die Strukturen auszuwirken. Es lohnt sich die Predigt des Jesuitenpaters Mario von Galli SJ vom Katholikentag 1964 mit dem Thema: „Wandelt euch durch ein neues Denken“, anzuhören. (ich werde es auf CD brennen und in die Kanzleien legen) Dabei denke ich auch an ein Wort des Propheten Jesaja: „Seht hin; ich mache etwas Neues; schon keimt es auf. Seht ihr es nicht? Ich bahne einen Weg durch die Wüste und lasse Flüsse in der Einöde entstehen.“ Und dann heißt es weiter: „deine Priester und Propheten sind mir untreu geworden. Deshalb habe ich eure geistlichen Führer ihres priesterlichen Amtes enthoben, Jakob der Vernichtung ausgeliefert und Israel dem Spott.“ Jes 43, 19.28

Unser Auftrag ist klar: persönliche Umkehr und Verkündigung des Evangeliums Jesu. Das Glaubensbekenntnis hat sich bewährt. Beides gilt es besser zu verstehen, umzusetzen, sich einzuverleiben. Dazu braucht es die Gemeinschaft. Weil Gottes Geist wirkt, glauben wir an die gute Veränderung: „Der Wind weht, wo er will; du hörst sein Brausen, weißt aber nicht, woher er kommt und wohin er geht. So ist es mit jedem, der aus dem Geist geboren ist.“ Joh 3,8

Noch ergriffen bin ich vom Einsatz der Sternsingerinnen und Sternsinger. Was für eine Freude. Was für ein Aufbruch. Wie viele beeindruckende Begegnungen. Wie viel Hoffnung. Das Video, das daraus entstanden ist, gibt zutiefst das göttliche Geschehen bei der menschlichen Anstrengung wieder. Die Kinder, so natürlich. Schaut euch das öfter an auf www.pfarreburjan.at

Es ist meine feste Überzeugung, dass wir gut unterwegs sind in der Gemeinschaft der Kirche; dass Neues angebrochen ist. Die nächsten Jahre werden dennoch stürmisch werden. „Da brach ein gewaltiger Sturm los. Hohe Wellen schlugen ins Boot, es lief voll Wasser und drohte zu sinken. Jesus aber schlief hinten im Boot auf einem Kissen. Da rüttelten ihn die Jünger wach und schrien voller Angst: «Herr, wir gehen unter! Merkst du das nicht?» Sofort stand Jesus auf, bedrohte den Wind und rief in das Toben der See: «Sei still! Schweige!» Da legte sich der Sturm, und tiefe Stille breitete sich aus. «Warum hattet ihr solche Angst?» fragte Jesus seine Jünger, «habt ihr denn gar kein Vertrauen zu mir?»“

Meine große Bitte darum in diesem Jahr: Lasst euch nicht verwirren, wenn die Nachrichten, wenn Nachbarn, Freunde, Fremde uns die Gemeinschaft der Kirche oder den christlichen Glauben insgesamt in Fragen stellen möchten. Unterscheidet zwischen berechtigter Kritik und Grundablehnung des christlichen Glaubens. Als Mittel zur Unterscheidung und als Stärkung will ich euch das Gebet empfehlen, speziell das Gebet, das unsere Pfarre Hildegard Burjan betrifft. Unsere Pastoralassistentin und Gemeindeleiterin Petra Wasserbauer hat es geschrieben:

„Guter Gott, du beauftragst uns, die Botschaft Jesu Christi umzusetzen. Das fordert uns, weil wir keine perfekten Menschen sind. Doch der Glaube an dich stärkt uns dabei. Durch diesen Glauben kann das Zusammenleben der Menschheit friedlicher werden. Lass uns aufmerksam sein für die Einmaligkeit eines jeden Menschen. Mache uns Mut den eigenen Weg zu dir zu finden, die Welt positiv zu erleben und sie mitzugestalten. Schenke uns ein gastfreundliches und einladendes Herz, damit ein jeder Mensch in unserer Pfarre Gemeinschaft erleben kann.

Von deinem Willen, Gott, wollen wir uns leiten lassen – hinein in unsere multikulturelle Gesellschaft, wo wir einen positiven Beitrag für das Miteinander geben können. Jeder Mensch ist ja dein geliebtes Kind, durch das du zu uns sprichst. Du hast uns den Sonntag geschenkt, an dem wir der Auferstehung deines Sohnes gedenken. Lass uns diesen nützen, um in der Gemeinschaft mit dir und untereinander zu wachsen, durch das Lesen der Bibel und das gemeinsame Mahlhalten.

Rufe du viele Menschen in unsere Gemeinschaft und zur Mitarbeit in den Gemeinden. Gib uns Vertrauen, dass du für alles sorgst. Wir bitten um das Wirken deines Heiligen Geistes, denn ohne ihn bleiben unsere Anstrengungen unvollkommen.

In all dem möge uns die Selige Hildegard Burjan Vorbild und Fürsprecherin sein. Sie hat die Not gesehen, und sich eingesetzt. Selige Hildegard Burjan, bitte für uns!“

In dankbarer Verbundenheit,

Martin Rupprecht, 0699 1 882 22 41, pfarrer@pfarreburjan.at , Meiselstraße 1, 1150 Wien

 

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