Die un-heilige Wirklichkeit der Kirche als theologische Erkenntnisquelle

Vom Hinhören und Hinsehen auf die Leidensgeschichten von Menschen in und mit der Kirche.

Von Klaus Pfeffer, Generalvikar des Bistums Essen, Februar 2019

Vielfältige Leidensgeschichten brauchen Öffentlichkeit

Wenige Tage nach der Veröffentlichung der Missbrauchs-Studie war ich zu Gast im „Tagesgespräch“ des WDR, um Hörerinnen und Hörern Rede und Antwort zu stehen. Es war herausfordernd, mich angesichts der öffentlichen Stimmungslage vor laufendem Mikrofon den Fragen der Menschen zu stellen.  Ich spürte den Druck meines Amtes, das mehr oder weniger subtil von mir verlangt, meine Kirche zu verteidigen oder zumindest Erklärungen zu finden. Zugleich spürte ich meine eigenen Fragen, weil ich ja über eigene Erfahrungen in der Kirche verfüge, die nach der MHG-Studie einmal mehr zu der Erkenntnis führen: Es stimmt vieles nicht in meiner Kirche. 

Während der Sendung erzählten einzelne Menschen tief berührende Leidensgeschichten – Leidensgeschichten, die keine Einzelfälle sind. Viele davon waren und sind in den letzten Jahren zu hören und zu lesen. Und ich kenne aus meinem persönlichen Umfeld ebenfalls Leidensgeschichten kenne, die vielleicht weniger spektakulär, aber doch von gravierender persönlicher Tragweite sind.

Darum sage ich hier zunächst als katholischer Christ und als Mensch: Ich will es nicht mehr einfach mittragen, wenn meine Kirche menschliches Leid ignoriert; und wenn sie sogar zulässt, dass durch ihre Lehren, durch ihre Strukturen, durch ihre Repräsentanten menschliches Leid verursacht wird!

Beispielhaft skizziere ich die Leidensgeschichten aus der WDR-Sendung:

Ein älterer Mann erzählt von seinen Erfahrungen in einem katholischen Internat während der 1960er Jahre: Demütigung, brutale Gewalt, Missbrauch von Macht. Sein weiteres Leben ist davon geprägt, als Kind klein gemacht worden zu sein – von Katholiken, von Priestern. So waren diese Zeiten, so war die Pädagogik in den Nachkriegsjahrzehnten. Das mag sein – und ich erinnere mich selbst an die Ausläufer dieser Zeit. In meiner Grundschule gab es noch Lehrer, die zuschlugen; und auch meine Eltern schlugen mich. Dass dies damals „üblich“ war, entschuldigt aber nichts. Im Gegenteil: Es deckt nur auf, aus welch einer gewalt-tätigen Tradition wir kommen. Es deckt auf, dass ein kirchliches System  Gewalt legitimierte und bagatellisierte – und damit brutal eskalierende Gewalt systematisch ermöglicht hat. Eine Aufarbeitung dieser Geschichte steht noch aus. Und auch das Eingeständnis, dass es immer noch subtile Formen von Gewalt in unserer Kirche gibt.

Ein anderer Mann erzählt von der Lebenslast seiner Frau. Sie hätte eigentlich nicht leben sollen, weil ihr Vater Priester war. Als dessen heimliche Freundin schwanger war, verlangte er eine Abtreibung. Die Gründe lassen sich erahnen. Die Abtreibung „misslang“ – und das Mädchen überlebte. Sie wuchs mit der schrecklichen Hypothek auf, ein unerwünschter Mensch zu sein. Der spätere Versuch, mit dem Priester-Vater Kontakt aufzunehmen, gelang nicht. Einzelheiten erzählte der Mann am Telefon nicht – seine tränenerfüllte Stimme ließ nur erahnen, wie verletzend und kränkend all das war, was seine Frau erleben und erfahren musste.

„Herr Generalvikar Pfeffer, wie geht es Ihnen, wenn Sie eine solche Geschichte hören?“, fragt mich der Moderator. Ich ringe um Worte. Ich spüre meine Wut, weil mir so viele weitere Leidensgeschichten einfallen. In welche schrecklichen Situationen werden Menschen in unserer Kirche hineingetrieben; welch eine Verlogenheit wird da teilweise provoziert? Und wohin kann das im schlimmsten Fall am Ende führen? Mir fällt nur eine Antwort auf die Frage des Moderators ein: „Diese Leidensgeschichten müssen an die Öffentlichkeit! Schonungslos. Sie müssen erzählt und gehört werden! Damit das ‚System‘ aufgedeckt wird, das Leben zerstört und das nichts mit dem zu tun hat, wozu Jesus von Nazareth Menschen hinführen will.“

Die beiden Leidensgeschichten sind keine Geschichten von sexuellem Missbrauch. Es ist aber kein Zufall, dass sie im Zusammenhang mit der öffentlichen Debatte um sexuellen Missbrauch wachgerufen und erzählt werden. Ich stelle sie an den Anfang meines Beitrages, weil sie deutlich machen, „dass sexualisierte Gewalt eingebettet ist in andere Dimensionen von Missbrauch“[1].  Es gibt ein „Dunkelfeld menschlichen Leids“, das verursacht wird von geistlichem Missbrauch, von Missbrauch durch Macht, von Missbrauch durch Glaube und Religion. Es gibt religiöse und theologische Konstruktionen, Menschen- und Gottesbilder, Morallehren, deren „diabolische“ Wirkung Menschen zutiefst verletzen und schädigen, und sie in lebensgefährdende Abhängigkeiten führen können.[2]

Wer immer noch der Meinung ist, der sexuelle Missbrauch könne losgelöst betrachtet werden von den sehr grundsätzlichen Fragestellungen zum Selbstverständnis unserer Kirche, von ihren Strukturen und ihren Lehren, liegt falsch. Und wer denjenigen, die grundsätzlichen Erneuerungen und Reformen anmahnen, einen „Missbrauch des Missbrauchs“ vorwirft, hat die zerstörerische Kraft nicht verstanden, die in religiösen und auch kirchlichen Idealen verborgen sein kann – gerade auch deshalb, weil jeder Mensch verführbar ist, seine ureigenen, egoistischen Interessen mit dem Mantel von Tugend, Moral und „übernatürlich“ begründeter „Wahrheit“ zu umkleiden.

Der Mensch als „Antlitz“ – ein kurzer philosophischer Exkurs

Andreas Kruse, der Heidelberger Gerontologe und Biographieforscher, der dem Forschungskonsortiums der MHG-Studie angehört, hat bei der Vorstellung der Studie in Essen auf ein zentrales Anliegen der Studie aufmerksam gemacht: Es geht darum, auf die Betroffenen zu hören und die Leidensgeschichten aufmerksam wahrzunehmen, die in unserer Kirche möglich geworden sind. Kruse warb darum, sich von diesen Geschichten und von den betroffenen Menschen berühren und erschüttern zu lassen. Dabei verwies er auf die Philosophie des Emmanuel Levinas, der vom „Antlitz des Anderen“ spricht, das es in den Geschichten der Menschen zu entdecken gelte.

Levinas beschreibt mit diesem Begriff, was den einzelnen Menschen unverwechselbar und einzigartig sein lässt: Das „Antlitz“ ist das, was ich nicht mit dem Blick meiner Augen wahrnehmen kann; es geht über die Person hinaus, die jemand aufgrund seines Kontextes und seines Bezogen-Seins ist. Das Antlitz ist „für sich allein Sinn“, sagt Levinas. „Du, das bist du“, wie du mit Augen äußerlich nicht gesehen werden kannst, was „nicht ein Inhalt werden kann, den unser Denken fassen könnte; es ist das Unenthaltbare, es führt uns darüber hinaus.“3 Den Menschen in seinem Antlitz wahrzunehmen, das bedeutet, ihn nicht länger wie ein Objekt zu betrachten, sondern ihn als ethischen Anruf zu verstehen. Als Theologe wird mir durch diese berührenden Formulierungen deutlich, was es heißt, im Antlitz des Anderen das Antlitz Gottes zu erahnen:

Die Menschen, ihre Erfahrungen und ihre Leidensgeschichten werden damit zu einer gewichtigen theologischen Erkenntnisquelle. Wenn im Raum der Kirche die Antlitze der Menschen nicht wahrgenommen, sondern objektiviert und benutzt werden, dann ist es auch eine Aufgabe der Theologie, diesen Skandal aufzudecken, zu benennen und aufzuarbeiten.

Missbrauchsgeschichten stellen kirchliche Idealisierungen in Frage

Die Betroffenen sexueller Gewalt wurden und werden zu wenig oder gar nicht gehört – und ebenso wenig die Betroffenen vieler anderer Formen des Missbraucht Werdens im Raum der Kirche. Ihre Geschichten führen vor Augen wozu Menschen mit einer religiös aufgeladenen Machtfülle in der Lage sind. Das zerstört idealisierte Bilder von der Kirche und ihren Strukturen – und es deckt auf, dass Taufe und Weihe nicht die „Heiligkeit“ von Menschen bewirken und diese gut und moralisch unantastbar werden lassen. Letztlich stellen ihre Geschichten auch unsere Vorstellungen von Sakramenten in Frage – vielmehr zeigen sich die „diabolischen“ Wirkungen eines Sakramentes, wenn es Menschen überheblich werden lässt und vorrangig benutzt wird als Instrument zur Befriedigung eigener Bedürfnisse und Interessen.

Die Lebensgeschichten von Menschen als Quellen theologischer Erkenntnis zu verstehen, bestätigt den Anspruch, den sich die Kirche in der Pastoralkonstitution des II. Vatikanischen Konzils, „Gaudium et spes“ ,  aufgegeben hat. Es bedeutet, die konkreten Erfahrungen der Menschen zu hören und in Verbindung zu bringen mit den theologischen Theorien und Behauptungen in Lehre und Strukturen. Das ist eine revolutionäre Herausforderung, weil in unserer Kirche in der Regel nur wenige „Auserwählte“ für sich beanspruchen (dürfen), über die Lehre und die Strukturen zu entscheiden. Die Bilder der letzten Bischofssynode sind bezeichnend, wenn überwiegend ältere, geweihte Männer allein Entscheidungen treffen – und die Menschen, um deren Leben und Glauben es dabei geht, lediglich zuhören und allenfalls ein paar Worte „beratend“ formulieren dürfen. Solche Muster folgen zwar einer theologischen Logik – in einer aufgeklärten, demokratischen Welt, in der die Prinzipien eines partizipativen, argumentativen Diskurses gelten, wirken sie jedoch absurd.

Die Wissenschaftler der MHG-Studie haben aufmerksam hingehört auf das, was Menschen ihnen erzählt haben: Betroffene und Beschuldigte, Mitarbeitende im System der Kirche. In ihren Einschätzungen machen sie auf die Zusammenhänge aufmerksam, die den Nährboden des sexuellen Missbrauchs bilden. Sie warnen vor der Illusion, durch Symptombehandlung diesen Nährboden beseitigen zu können. Natürlich sind die vielen präventiven Maßnahmen wichtig, ebenso der angemessene Umgang mit den Betroffenen – aber langfristig entscheidend sind die grundsätzlichen Veränderungen der systemischen Ursachen, des „Nährbodens für Missbrauch“ – die ein theologisches Weiterdenken brauchen. Wer in diesem Zusammenhang jegliche Versuche des Weiterdenkens mit dem Vorwurf unterbinden will, es handle sich um einen „Missbrauch des Missbrauchs“, stellt damit nur unter Beweis, dass er die MHG-Studie nicht verstehen will. Gerade angesichts der differenzierten Hinweise aus der MHG-Studie, die keine Vorentscheidungen trifft, wohl aber  einen erheblichen Bedarf des Nachdenkens, der Diskussion und des Weiterfragens anmahnt, sind solche Vorwürfe inakzeptabel.

Anforderungen an die Theologie

Unsere Kirche braucht jetzt die Theologie als einen Motor kirchlicher Erneuerung. Wir brauchen eine Theologie, die die Wirklichkeit der realen Kirche und der in ihr und mit ihr lebenden Menschen als Erkenntnisquelle begreift. In den Antlitzen der Menschen erscheint der Gott auf, der als Mensch in die Geschichte eingetreten ist – und uns gerade dadurch auffordert, in die Antlitze der Menschen zu blicken.

Die Verfasser der MHG-Studie haben aus der Analyse ihrer „Blicke in die Antlitze der Menschen“ unterschiedliche Einschätzungen und Empfehlungen abgeleitet, aus denen sich einige Anforderungen an die Theologie als Wissenschaft ergeben:

Eine zentrale Ursache für sexuellen Missbrauch in der katholischen Kirche ist der MHG-Studie zu Folge ein „Klerikalismus“ als spezifisches Strukturmerkmal unserer Kirche. Darunter verstehen die Wissenschaftler ein „hierarchisch-autoritäres System“, das eine Haltung hervorbringen kann, in der Menschen aufgrund eines durch Weihe verliehenen Amtes eine übergeordnete Position einnehmen, mit der sie nicht geweihte Menschen dominieren. Was die Forscher relativ trocken beschreiben, verweist auf eine große Gefahr: Das Weiheamt ist theologisch, strukturell und auch im traditionellen Gefühl vieler Menschen seit Jahrhunderten hochgradig aufgeladen. Es verleiht ihren Empfängern einen „unauslöschlichen Charakter“, ein „Prägemal“ im Sinne eines „wesensmäßigen“ Unterschieds gegenüber nichtgeweihten Personen.

Psychologisch ist das eine Herausforderung und Verführung zugleich, weil Menschen durch dieses Amt  eine hochgradig aufgeladene Machtfülle verliehen wird. Die Verfasser der MHG-Studie fordern daher zurecht „eine grundsätzliche Auseinandersetzung mit dem Weiheamt des Priesters und dessen Rollenverständnis gegenüber nicht geweihten Personen“[3]. Sie betonen ausdrücklich, dass alle anderen Maßnahmen nur einer Symptombehandlung gleichkommen, wenn diese grundsätzliche Auseinandersetzung nicht erfolgt.

Zu dieser grundsätzlichen Auseinandersetzung gehören auch die mit dem Weiheamt verbundenen Phänomene eines auf Männer beschränkten geschlossenen Systems, der Verpflichtung zu einem ehelosen und asexuellen Leben sowie eine insgesamt durch die katholische Sexualmoral verursachte Tabuisierung von sexuellen Bedürfnissen. Die MHG-Studie konstatiert hier eine erschreckende Verharmlosung der Wirkungen und Folgen dieser Phänomene. Die Feststellungen der Wissenschaftler sind eine Ohrfeige für die gegenwärtige Praxis unserer Kirche: Die offiziellen Haltungen und Verlautbarungen in der katholischen Kirche, so heißt es, „berücksichtigen nicht ausreichend biologische und psychosoziale Bedürfnisse nach Bindung“. Eine reife und freiwillige Entscheidung zu einer solchen Lebensform setze eine hochgradig intensive persönliche Auseinandersetzung und Reifung voraus, und zwar dauerhaft. Und: Nicht für alle Priesterkandidaten wird diese Lebensform tatsächlich möglich sein. Möglicherweise hat die hohe, aufgeladene Bedeutung des Pflichtzölibats sehr wesentlich auch mit der grundsätzlichen Bewertung der Sexualität zu tun. Nach katholischer Lehre hat sie – voll ausgelebt – allein ihren Platz in der sakramentalen Ehe; außerhalb steht sie unter einem extremen moralischen Druck und muss geradezu verleugnet werden. Die psychologischen Folgen sind wohl noch nicht im Ansatz erkannt.

Die MHG-Studie äußert sich ausdrücklich zur Bewertung der Homosexualität in kirchlichen Verlautbarungen und wirft einigen Terminologien vor, „jeder wissenschaftlichen Grundlage“[4] zu entbehren. Aufgabe der Theologie könnte es sein, die Studie hier genau zu rezipieren und der auffallenden Homophobie innerhalb der Kirche nachzugehen. So gilt es, deren Wurzeln in der gängigen moraltheologischen Bewertung homosexueller Orientierung und Praxis zu analysieren. Die MHG-Studie betont ausdrücklich, dass Homosexualität nicht als Ursache für sexuellen Missbrauch betrachtet werden kann. Wohl aber hält sie den komplexen Zusammenhang für ursächlich, zu dem vor allem

Moralvorstellungen gehören, die zu einer Unterdrückung der Sexualität bzw. insbesondere einer homosexuellen Orientierung beitragen. Hier sind neuere humanwissenschaftliche Forschungen und Perspektiven in die Moraltheologie zu integrieren, die zu einer grundsätzlichen lehramtlichen Neubewertung der Sexualität führen müssen. 

Für die Theologie liegen auch viele weitere Themen auf der Hand, die zugleich in komplexer Weise miteinander verbunden sind: Es geht nicht nur um die grundsätzliche Auseinandersetzung mit dem Amt in der katholischen Kirche, sondern um Grundzüge des theologischen Selbstverständnisses der katholischen Kirche insgesamt. Diese Auseinandersetzung muss die Theologie auch im Dialog mit den Humanwissenschaften führen, um hinreichend zu analysieren und zu verstehen, warum kirchliche Strukturen so viel Leid auslösen und ihre Träger zum Machtmissbrauch verführen. Es dürfte sich lohnen, dabei den ernsthaften Dialog mit provozierenden Positionen zu suchen, die auf psychologischem und psychoanalytischem Hintergrund bereits wertvolle Anstöße geliefert haben. Dieter Funke beispielsweise, Theologe und Psychoanalytiker in Düsseldorf, hat sich eingehend mit den Auswirkungen kirchlicher Gottesbilder und der daraus folgenden Ideale in der Geschichte der katholischen Kirche auseinandergesetzt.[5] Er macht auf die Gefahren unerreichbarer religiöser Ideale aufmerksam, die sich in den Strukturen der katholischen Kirche manifestieren. Er spricht vom „Klerikerideal“, das von einer vollkommenen jungfräulichen sexuellen Enthaltsamkeit geprägt ist – und in einem steten Konflikt mit gelebter Sexualität gerät. Jungfräulichkeit, Asexualität, Unterwerfungsbereitschaft, Gehorsams-Strukturen, Leidenssuche und Entwertung des Irdischen sind für Funke tiefe Prägungen in der katholischen Kirche, die es aufzuarbeiten und zu überwinden gilt, wenn in Zukunft schreckliche Leidensgeschichten vermieden werden sollen. Funke zeigt Perspektiven auf, wie aus dem trinitarischen Gottesbild heraus die rigiden, starren Idealisierungen der Kirchengeschichte überwunden werden können. Wenn Gott als Beziehung gedacht wird und nicht als starres Prinzip, wenn er noch dazu die Verbindung mit dem Menschen sucht und auf diese Weise Gegensätze zusammenführt und Trennendes verbindet – dann kann das heilsame Wirkungen auf kirchliche Praxis und Strukturen haben.

Ziel muss es sein, zu einer Ent-Idealisierung und Ent-Klerikalisierung des Amtes in der Kirche zu kommen. Dazu braucht es eine Rückbesinnung auf die Frage, wozu das Amt in der Kirche dient, wie es dafür angemessen ausgestaltet wäre, und wie eine abgeschlossene „amtlich-klerikale“ Sonderwelt überwunden werden kann. Dass damit die Fragen der Lebensform und auch der Zulassung von Frauen zu allen Weiheämtern auf die Tagesordnung gehören, versteht sich von selbst – wobei diese Fragen in den Gesamtkontext der Bedeutung des Amtes gehören.

Als Priester – noch dazu als „alter ego“ eines Bischofs – weiß ich um die potentielle Machtfülle, die dem Amt in der Kirche innewohnt. Sie kann  aufgrund ihres religiös aufgeladenen Charakters einen Menschen überfordern – und enthält auch deshalb ein so hohes Verführungspotential. Dem Amt wird eine „Heiligkeit“ zugesprochen, die ein Mensch als Träger dieses Amtes für sich gar nicht beanspruchen kann. Ohne beständige persönliche Selbstreflexion kann das auf Dauer nicht gutgehen. Das Amt braucht eine Erdung, es muss menschengerechter und menschlicher werden, es braucht eine Befreiung aus einer geschlossenen, männlichen Sonderwelt. Das Amt ist ein Dienst an der Kirche und ein Dienst an den Menschen in der Kirche – es soll symbolisch-sakramental mit dem Ursprung verbinden, der Christus ist; und es soll strukturierend verbinden, um die Kirche in der Einheit zusammenzuhalten. Im Moment scheinen eher Gefahren vom Amt in der gegenwärtigen Gestalt auszugehen – jedenfalls wird kaum mehr einsichtig, welchen Dienst es für die Menschen innerhalb wie außerhalb der Kirche zu leisten vermag. Das ist beunruhigend und es treibt mich an, für einen Weg der Erneuerung in unserer Kirche zu werben – und die Theologinnen und Theologen in unserem Land dabei um ihre denkerische Unterstützung zu bitten.

[1] Striet, Magnus: Sexueller Missbrauch im Raum der katholischen Kirche. Versuch einer Ursachenforschung. In: Ders./Werden, Rita: Unheilige Theologie. Analysen angesichts dexueller Gewalt gegen Minderjährige durch Priester. Freiburg. 2019, 17.

[2] Der Begriff „diabolisch“ geht auf meinen Lehrer Hermann Stenger zurück, der damit einen Gegenbegriff zum „Symbol“ als Bedeutungsträger von „Objektivationen menschlicher Praxis“ entwickelte. Dabei verstand er das Symbolische sehr weit und bezog es auf alle Träger christlicher Botschaft – von der Lehre, über Rituale bis hin zu kirchlichen Repräsentanten. Solche Symbole werden nach Stenger zu „Diabolen“, wenn sie der Vermittlung der christlichen Botschaft schaden, sie verfälschen und verraten. Vgl.: Stenger, Hermann: Symbole und Diabole. In: Ders.: Verwirklichung des Lebens aus der Kraft des Glaubens. 2. Aufl. Freiburg 1989, 105-129.  3 Levinas, Emmanuel: Ethik und Unendliches. Wien, 4. überarb. Aufl. 2008, 64.

[3] MHG-Studie, 18

[4] MHG-Studie, 17

[5] Funke, Dieter: Die Wunde, die nicht heilen kann. Oberursel 2010.

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2 Antworten zu Die un-heilige Wirklichkeit der Kirche als theologische Erkenntnisquelle

  1. dierkschaefer schreibt:

    Endlich jemand, der eine theologische Antwort gibt. Er hat das zur Schau gestellte Leiden Christi theologisch fruchtbar gemacht.

  2. Sophie Charlotte schreibt:

    Lieber Herr Generalvikar,
    ich freue mich, wenn Sie nun endlich Erfahrungen von Machtmissbrauch in der Kirche ernst nehmen. Nun sind nun leider nicht nur Kleriker in Versuchung, sondern auch Laien wie ich aus eigener Erfahrung weiß. Es waren geradezu menschenverachtende Verhaltensweisen von Laien in der Kirche, die mich bewogen, nicht in der Kirche zu arbeiten.
    Was ist denn die Ursache dafür, dass man Menschen so behandelt?
    Ist es nicht der mangelnde Glaube an das Evangelium?
    Sagt ein wirklich von der Botschaft des Evangeliums überzeugter Christ Folgendes in einem sog. geistlichen Gespräch zu jemandem, den er erst seit 24 Stunden kennt: „Man muss in der Scheiße wühlen, wenn man sich mit Dir beschäftigt.“
    Ich habe den Eindruck, dass die Verantwortlichen in der Kirche die Verflüchtigung des Glaubens in der Kirche selbst nicht sehen wollen. Und deshalb wird sich nichts ändern.

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