Das holprige Ringen um Transparenz in Gurk-Klagenfurt

Es ist ein spannungsreicher Vorgang geworden, der sich noch immer in der Eskalation befindet. Dabei lohnt es sich, mit kontrollierten Emotionen ein paar Aspekte getrennt zu betrachten, die aber faktisch ineinander verwoben sind und einander aufschaukeln.

Bistumsfinanzen

Da ist zunächst das ökonomische Sachproblem. Das beginnt damit, dass es zwei Einrichtungen gibt, die beide mit unterschiedlichen Rechtsstrukturen von einer Person, nämlich dem Bischof geleitet werden: das Bistum als „Mensalgut“ des Bischofs, Erbe der Heiligen Hemma, nach Ihrem regen Vorbild vor allem für gute Werke einzusetzen; daneben die Diözese Gurk-Klagenfurt.

In der Diözese sind Finanzverwaltung und Kontrolle höchst transparent. In den Vermögensdebatten sind die Finanzen der Diözese kein Thema. Der verantwortliche Bischof hat selbstverständlich die rechtlichen Regeln eingehalten, das Konsistorium konsultiert, hat sich auch in einzelnen Fällen nicht durchgesetzt. Anders das Bistum: Hier trägt auch der Bischof die Verantwortung, aber es gibt eigene Statuten; auch Kontrolle ist grundsätzlich vorgesehen. Statuten wie Kontrolle sind in den letzten Jahren vom Bischof „angepasst“ worden, letztlich mit dem Ziel, seinen Handlungsspielraum auszuweiten und damit unbürokratisch Finanzentscheidungen zu treffen, an denen ihm in seiner Amtsführung gelegen war. Dazu gehören auch Investitionen in Prestigeprojekte oder Gehaltsabschlüsse. Dass dabei ein Bischof unternehmerisch auch mit Risiko arbeitet, dafür musste auch der Vorgänger von Bischof Schwarz, nämlich Bischof Kapellari, Lehrgeld bezahlen.

Im Blick auf das Bistum gab es nun eine Prüfung durch externe Experten, beauftragt durch das Domkapitel. Der Prüfbericht hat Kritisches benannt. Das ist nunmehr wie in allen Rechtsstreitigkeiten die eine Seite. Inzwischen hat sich auch Bischof Schwarz zu den im Bericht gemachten Vorwürfen öffentlich geäußert. So stehen nunmehr Aussage gegen Aussage.

Gilt auch für kirchliche Rechtsstreitigkeiten die Unschuldsvermutung, so ist in einem Verfahren Klarheit zu schaffen.

Visitation

Hier zeigt sich ein zweiter Aspekt, der derzeit die Debatte überlagert: Wer kann in diesem Rechtsverfahren unabhängig und fachkompetent wirken?

Dazu kann man sich bei Jürgen Habermas kundig machen – eine Aussage, die auch Papst Benedikt XVI. in seiner Enzyklika Deus Caritas der Sache nach übernimmt: Unser Erkennen ist immer durch Macht und Interesse verschattet. Ich will als dritte und vielleicht wichtigste Quelle von Verschattungen auch erlittenes Unrecht und Leid hinzufügen. Das gilt für alle Mitspieler im rechtlichen Ringen um einen verantwortlichen Umgang mit Geldern, die ja nie dem Domkapitel oder dem Bischof gehören, sondern dem Kirchenvolk.

Ich verstehe die Interessen der Kirchenleitung, allen voran Kardinal Schönborn. Er will und muss Schaden abwenden. Daher kann er öffentlichen Streit nicht dulden. Zugleich aber ist Kardinal Schönborn ein Musterbeispiel für zeitgerechte Sensibilität: also für das Verlangen der Menschen im Land und in der Kirche nach Transparenz. Das hat er in der causa Groer vorbildlich bewiesen, er hat auch das Domkapitel sowie die Dechanten der Diözese Gurk-Klagenfurt im Streben nach Transparenz unterstützt und seinerseits eine zeitnahe Veröffentlichung des Prüfberichts des Domkapitels verlangt.

Zur Ermöglichung von Klarheit soll nun die Päpstliche Visitation dienen. Dazu habe, so die Medien, Papst Franziskus den Metropolitanbischof Franz Lackner (mit Sicherheit per Zuruf aus Österreich) als Visitator eingesetzt. Ob das wirklich klug war? Vermutlich hat dieser als Entlastungsschachzug im Tauziehen gemachte Schritt kein Problem abgemildert, sondern lediglich ein neues geschaffen. Denn Erzbischof Franz Lackner muss als (strukturell, nicht persönlich!) befangen gelten. Er weiß spätestens nach allen verfügbaren Berichten seit 2008 (damals noch als Weihbischof und damit Mitglied der Bischofskonferenz, ab 2013 Erzbischof von Salzburg und damit zuständig für das größere Kirchengebiet, zu dem auch Gurk-Klagenfurt gehört) von den Vorgängen. In der Bischofszeit von (Erz-)Bischof Lackner hat es schon 2008 eine Visitation in Gurk-Klagenfurt gegeben – was man im profanen Bereich dienstrechtlich vielleicht eine „Abmahnung“ nennen würde. Bischof Schwarz konnte damals die Prüfer beruhigen und sich im Amt halten. Und nun ist der Konflikt in eskalierender Heftigkeit wieder aufgebrochen. Rom versetzte kurzfristig Bischof Schwarz gegen dessen Willen (wie mir sowohl der Nuntius wie der Bischof persönlich bestätigt hatten) nach St. Pölten. Man hoffte durch einen neuen „Arbeitsplatz“ eine Zäsur zu schaffen und dem Bischof einen „Neuanfang“ zu ermöglichen.

Ein befangener Visitator

Erzbischof Lackner musste von den Vorgängen in Gurk-Klagenfurt informiert sein (wäre er es nicht, würde das seine Amtsführung massiv in Frage stellen!). Wie die gesamte Bischofskonferenz hat auch er geschwiegen und bange weggeschaut. Bis eben dann Rom den Bischof versetzte. Weggeschaut hat auch die Bischofskonferenz, um die Ruhe zu bewahren und der „Kirche“ nicht zu schaden, in der Hoffnung, dass der Konflikt nicht öffentlich wird. Ob das eine gute Strategie war, bezweifle ich mit vielen. Unsere Kultur verlangt in allen öffentlichen Bereichen – einschließlich Kirche – Transparenz. Sie erwartet nicht, dass es kein Versagen und keine Fehler gibt. Aber Vertuschen ist inzwischen ein fast größerer Fehler geworden als die Fehler selbst. So ist nahe liegend, dass sich in der Zwischenzeit die öffentliche Debatte hinsichtlich Klagenfurt von den ökonomischen Sach- und Beziehungsfragen zur Frage verlagert hat, warum just der befangene Erzbischof Lackner eingesetzt wird, und wie dieser in der Lage sein soll, Klarheit herzustellen . Die Alemannen würden sagen, das Ganze habe ein „Gschmäckle“. Noch einmal: Das liegt nicht an der Person Lackner, sondern an den Strukturen.

Natürlich hat die katholische Kirche in solchen Fragen strukturell massive rechtliche Mängel. Sie hat – neben durchaus modernen (wie eben die Finanzgebarung in der Diözese Klagenfurt) noch viel zu viele feudale Strukturen. Und dazu gehört nicht nur die für manche operative Aspekte ja auch vorteilhafte Doppelung Bistum – Diözese, sondern auch – was viel gravierender ist – das Ineinander von Legislative, Exekutive und Rechtsprechung. Ein Bischof vereint alle drei in seiner Person.

Um aber für heutige Zeitgenossen umstrittene Sachfragen zu klären, braucht es ein unabhängiges Gremium, vielleicht einen nicht aus Österreich kommenden Bischof, den Rom ohne Rücksprache mit dem Kardinal benennt, oder ein Gremium kompetenter und unabhängiger Laien (wie die Klasnik-Kommission in der Missbrauchsfrage), das nicht befangen ist. Die Einsetzung des befangenen Erzbischofs schadet deshalb verständlicher Weise der Aufarbeitung des Konflikts mehr als sie nützt. Die Reaktionen bei vielen Nachdenklichen sind folglich schroff. Es ist ja für demokratisch gesinnte Menschen von heute so, wie wenn einem Minister ein Amtsversagen vorgeworfen wird und der Bundeskanzler oder der Vorsitzende seiner Partei entscheiden sollen, ob die Vorwürfe zu Recht bestehen.

Die geschlagenen Wunden

Die Auseinandersetzung hat schließlich eine „menschliche und allzumenschliche Seite“. Das scheint zunächst eine Banalität zu sein. Um die Heftigkeit des ausgebrochenen Konflikts zwischen Domkapitel und Bischof Schwarz verstehen zu können ist es unabdingbar, die vielen Wunden nicht zu übersehen, die nicht wenigen wichtigen Persönlichkeiten in der Diözese in der Amtszeit des Bischofs faktisch zugefügt worden sind. Einige sind ihres Amtes enthoben worden: als Dompfarrer, als Generalvikar, als Mitarbeitende. Die Tragödie besteht zusätzlich darin, dass viele dieser Persönlichkeiten „in Ungnade gefallen sind“. Wieder zeigt sich eine feudale Note. Diese „Ungnade“ hat aber nichts mit Inkompetenzen zu tun, sondern mit der personellen Konstellation rund um den Bischof. Ich kenne Personen, die Angst hatten, dass ihnen Ähnliches passieren könnte. Solche Vorgänge verliefen zumeist emotional und irrational. Sie hatten etwas mit der Kritik am Bischof zu tun, dass er sich in seiner Amtsführung zu sehr von der einen oder anderen Person in seinem Umfeld abhängig gemacht habe.

Nur wenn man diese vielen Verwundeten nicht übersieht und das denen zugefügte Leid, das auch mit dem Gefühl, ungerecht behandelt sein und wie Johannes der Täufer Salome geopfert worden zu sein, versteht man die enorme Energie, die in der Veröffentlichung des Prüfberichts durch das Domkapitel zum Vorschein kommt. Ich kann Dietmar Neuwirth von der Presse nicht zustimmen, wenn er von einem Rachefeldzug des Domkapitels spricht. So kann nur ein Unbetroffener formulieren. Vielmehr ist es ein Aufschrei vieler Verwundeter, deren Klagen bei den Verantwortlichen in der Kirche Österreichs Jahre lang ungehört blieb und deren Leid sich jetzt unüberhörbar Raum verschafft hat.

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5 Antworten zu Das holprige Ringen um Transparenz in Gurk-Klagenfurt

  1. hkarner schreibt:

    Wie ganz richtig angemerkt, ist der wahre Skandal das systemische Problem der Kirche, keine saubere Trennung zwischen Legislative, Exekutive und Gerichtsbarkeit zu kennen. Die aufgeklärten Staaten kennen das seit 2 Jahrhunderten, bei Unternehmen stellt das die Corporate Governance sicher. Nur die Schurkenstaaten und unsere (geliebte?) Kirche haben das unterdrückt. Übrigens: ob EB Lackner PERSÖNLICH UNBEFANGEN ist, wage ich zu bezweifeln, wenn er (lt. heutigem „Standard“) mit Bischof Schwarz und Frau Enzinger in derselben „Whats App“ Gruppe war! Am 17/7/2008 hat mich Bischof Kapellari in grosser Sorge angesprochen, wie er denn mit den „Gerüchten“ über seinen Gurker Nachfolger umgehen soll. 10 Jahre Verdrängen ist unanständig. Und zeugt von grosser „Zivilcourage“ aller Befassten, in Rom, in der Bischofskonferenz, in der Diözese. Also: Mitleid und Verständnid sind nicht angebracht!

  2. Gerhard Gruber schreibt:

    Ich möchte hier nur mal von mir persönlich sprechen: ich bin Diözesanpriester in St. Pölten und in einem 7 MitarbeiterInnen umfassenden Team für die Seelsorge in 7 Pfarren im Waldviertel verantwortlich. Ich kenne Bischof Schwarz von der Pastoraltagung und von der Österreichischen Pastoralkommission deren Mitglied als Vertreter der österreichischen Priesterräte ich seit einem Jahr bin. Mir ist er in keiner Weise bis jetzt seltsam vorgekommen (und als jemand, der Krenn und Groer persönlich kannte, bin ich schon so manchen seltsamen bischöflichen Vögeln begegnet). Im Gegenteil: Er war am 5. Tag nach der Einführung in St. Pölten in unserem Pfarrverband, hat bei der Arbeitssitzung teilgenommen, sich wirklich für unsere Arbeit interessiert – und ehrlich gesagt, hat das in der Weise noch kein Bischof bis jetzt gemacht … – Ich weiß nicht was in Kärnten vorgefallen ist – ich bemerke nur, dass in erster Linie hochrangige Kirchenfunktionäre auftreten. Bin lange genug bei diesem Verein, um so manche Feinheiten – vor allem klerikale Empfindlichkeiten – zu riechen. Und da sammelt sich ein Haufen „Hörensagen“ an … – will nicht sagen, dass er nichts falsch gemacht haben mag – aber wenn es strafrechtlich nicht fassbar ist, sollte man das ganze wiriklich nicht all zu hoch hängen … – andernfalls ganz knochentrocken vor staatlichen Gerichten ihn anklagen …

  3. Johanna Spoeth schreibt:

    Lieber Bischof Dr. Schwarz – mein Beitrag zu obiger Diskussion ist folgender: in der Sache verstehe ich nichts – daher kein Kommentar, da gibt es Berufenere!
    Aber von Ihnen persönlich als Seelsorger und Autor des kleinen Advents- und Weihnachtsbüchlein bin ich überzeugt. „Wir bilden mit unseren Händen eine Wiege, um darin das Jesuskind aufzunehmen (frei zitiert)“, ein schöneres Bild für die Handkommunion kann ich mir kaum ausmalen.
    Mit friedlichen, weihnachtlichen Grüßen – Ihre J.Spoeth

  4. Dr. Andreas Rizzi schreibt:

    Sehr geehrter Herr Prof. Zulehner,

    Ich darf Ihnen schreiben als katholischer Laie in Österreich, der seine Kirche vor allem in ihrer spirituellen Dimension sieht, sie trotz allem dringenden Reformbedarf für unverzichtbar hält und daher wertschätzt. Ich bin aber kein kircheninstitutioneller Insider.
    Ich begreife die große Krise der Kirche in deren Unfähigkeit, ihre Glaubenswahrheiten zeitgemäß und auf der Höhe eines mündigen (naturwissenschaftlich geprägten) Weltbildes zu verkündigen. Dagegen sehe ich in dem Mangel an demokratischen Strukturen, wie Sie ihn hier stark beklagen, kein so gewichtiges Problem, an dem die Summe des „Kirchenvolkes“ wirklich Anstoß nehmen würde.
    Innerorganisatorische Probleme der Kirche sollten daher nicht so hochgespielt werden, dass die spirituelle Bedeutung und Aufgabe der Kirche verdeckt wird. Das als Vorbemerkung zur richtigen Einordnung der Aktionen des Domkapitels in Gurk.
    Ich bin von der hochgespielten „Causa“ Bischof Alois Schwarz sehr ambivalent berührt, so wie vermutlich viele andere auch. Einerseits wollen wir wissen, was an der Causa wirklich „dran ist“, andererseits erscheinen die mobbingartigen Aktivitäten des Domkapitels, ein halbes Jahr nach der Berufung des Bischofs in eine andere Diözese, als völlig überzogen. Sie nennen das wiederholt „couragiert“, ich sehe das anders. Daher wäre es gut, klärende Fakten auf den Tisch zu legen und aufbereitet mit dem Wissen eines Insiders, der kein Naheverhältnis zu einer Partei hat und auch keine eigene Demokratisierungsagenda voranbringen möchte, in der Öffentlichkeit klar darzustellen.

    (i) Erwünschter Pressekommentar
    Ich suche eine solche Person mit Zugang zu fundierten und verlässlichen Informationen, die auch breites Vertrauen genießt und a priori keiner der Parteien nahesteht. Ich möchte diese Person dazu motivieren und darum bitten, einen umfassenden und ausgewogenen Kommentar zu den hier auf- und vorgeworfenen Fragen abzugeben. Sollten Sie eine solche Person kennen, bitte ich um Ihre Unterstützung. Dieser Kommentar könnte dann an die wichtigen Tageszeitungen Österreichs weitergeleitet werden. Zumindest könnte ein solcher in „Die Presse“ und „Der Standard“ erscheinen, denn diese Zeitungen sehen solche Kommentare externer Persönlichkeiten regelmäßig vor. Es würde in den Zeitraum des großen kirchlichen Festkreises jetzt ja wohl auch gut passen.
    Warum sollte ein Kommentar in den Presseorganen erfolgen: Die Gehässigkeit, mit der diese „Causa“ in der Öffentlichkeit am Köcheln gehalten wird, sucht ihresgleichen. Sie wird fast immer in einem Atemzug – oder Schriftzug – mit der „Causa Groer“ genannt, die einen völlig anderen Verfehlungsvorwurf beinhaltete und eine andere globale Dimension erlangte im Rahmen der Kirche. Zuallererst muss einmal klar auch in den Medien festgehalten werden, dass es einem seriösen Journalismus widerspricht, wenn so ungleiche Vorwürfe (intransparente Gehaltabschlüsse und möglicherweise unrentable Investitionen in ein Bildungshaus einerseits, und sexueller Missbrauch mit Abhängigen andererseits) gedanklich und rhetorisch zueinander in die Nähe gebracht werden. Mitschuldig an dieser Praxis sind, nach meiner Einschätzung, auch die Pressekonferenzen des Domkapitels, bei denen nicht auf eine saubere Trennung dieser Vorwürfe geachtet wurde und ein Vermischen mit der Causa Groer nicht scharf genug zurückgewiesen wurde. Dieser Umstand erschwert ganz offensichtlich auch die pastorale Arbeit des Bischofs in seiner neuen Diözese St.Pölten.

    (ii) Was ist an den Vorwürfen gegen den Bischof daran?
    Das wissen die allermeisten Mitglieder des Kirchenvolkes nicht. Ihre Äußerungen im Morgenjournal in der letzten Woche, Herr Prof. Zulehner, hat hier wenigstens etwas zur Klärung beigetragen. Danke dafür. Wenn ich Sie dabei richtig verstanden habe, dann sind folgende Aspekte relevant:
    (-) Der Bischof war sehr erfolgreich in der Seelsorge. Da Pastoralarbeit wohl einer der wichtigsten Aspekte bischöflicher Tätigkeit ist, müsste der Klerus der Diözese, wenn das stimmt, doch hoch zufrieden sein. Warum wird diesem Aspekt der bischöflichen Tätigkeit so wenig Raum gegeben? Seien wir doch froh, dass wir einen Seelenhirten als Bischof haben, nicht nur einen Geldhüter.
    (-) Der Hauptvorwurf lautet nämlich, dass Geld verschwendet wurde und für die Diözese „großer Schaden“ angerichtet wurde. Das lässt sich doch durch externe Wirtschaftsprüfer, die im kanonischen Recht bewandert sind, leicht verifizieren oder falsifizieren. Natürlich muss bei der Klärung dieses Vorwurfs auf Basis der gültigen rechtlichen Situation argumentiert werden, nicht unter Einbeziehung von Zukunftsperspektiven wie einer kirchensoziologisch mancherorts gewünschten Demokratisierung (was immer damit gemeint ist). Dass ein Bischof sein exklusives Gestaltungsrecht über die Finanzen des Bistums (Mensalgut) nützt, kann man ihm nicht zum Vorwurf machen. Ein exklusives Gestaltungsrecht zu nützen, das macht übrigens jeder gute Manager in der Privatwirtschaft oder Leiter großer Institutionen (Universitäten, Museen, Theater) und das machen Minister in der öffentlichen Verwaltung auch, sofern ihnen dieses exklusive Recht zugestanden wird – dort nennt man das meist Ermessensspielraum.
    Dass Gehälter dabei oft ungleich (und wahrscheinlich auch manchmal ungerecht) festgesetzt werden (und schon aus diesem Grund fast überall ein gewisses Maß an Intransparenz gepflegt wird), wer kennt das nicht sowohl bei öffentlichen Institutionen als auch in der Privatwirtschaft?
    Am besten wäre es, der nunmehr durch einen Visitator ersetzte Administrator, der ja unter Bischof Schwarz auch Generalvikar war, klagt, wie er ja bereits breit angekündigt hat, den Bischof auf Schadenersatz. Da wird sich ja dann vor einem unabhängigen Zivilgericht zeigen, ob er belastungsfähige, gute Argumente hat.
    Es scheint bei den am Tisch liegenden Vorwürfen doch eher mehr um den Mammon zu gehen, gepaart mit institutionellem Reformstau, als um die eigentlichen kirchlich spirituellen Dinge. Sind die leitenden (supplierenden) Amtsträger einer Diözese wirklich gut beraten, wenn sie das so exzessiv hochspielen?
    (-) Bleibt noch der Vorwurf der Verfehlung gegen den Zölibat. Ausgesprochen widerlich da perfid war dabei die Formulierung des Domkapitels, der Bischof wäre „in Fragen des Zölibates erpressbar geworden gegenüber den Priestern seiner Diözese“. Das Perfide an dieser Formulierung ist, dass die Herren damit dem Bischof den Bruch des Zölibates unterstellen ohne es direkt auszusprechen. So verhalten sich nur „Schriftgelehrte“. Hier wäre eine öffentliche Entschuldigung absolut angebracht. Das gebietet wohl der Anstand.

    (iii) Verwundungen
    Der zuletzt genannte Punkt führt direkt zur Frage der „Verwundungen“ – ein Thema bei dem Sie, Herr Prof. Zulehner, offenbar viel Verständnis für die „Ankläger“ aufbringen.
    Darf ich Sie dazu folgendes fragen: Kennen Sie irgendeinen Mitarbeiter oder eine Mitarbeiterin in größeren Organisationen, zuvorderst Universitäten, Museen und Bildungsinstitutionen, Ämter oder auch in der Privatwirtschaft, der/die nicht auch diese Erfahrungen machen musste, übergangen zu werden, in seiner/ihrer Meinung nicht beachtet worden zu sein, im Karriereweg abgeschnitten zu werden durch Newcomer? Kennen Sie nicht auch, um als Beispiel bei Ihrem früheren Wirkungsfeld zu bleiben, hochqualifizierte Universitätsmitarbeiter aller Fakultäten, die bei einer Berufung oder einem anderen Karriereschritt nicht zum Zug gekommen sind? Würden Sie es gut finden, wenn bei jedem dieser Fälle die Dekane und Rektoren in Pressekonferenzen attackiert würden?
    Was ist dagegen einzuwenden, dass der Bischof eine Frau in eine Leitungsposition berufen hat? Üblicherweise vertrauen Manager ihren Abteilungsleitern oder Leiterinnen, wenn sie diese berufen haben. Das ist doch gut so. Die Berufung von Frauen in Leitungspositionen wird allerorts gefordert, in diesem Fall entsteht plötzlich durch die Bestellung einer Frau, zu der in ihrer Leitungsposition ein Vertrauensverhältnis gegeben ist, ein Zölibatsproblem. Das Problem war offenbar, dass der Herr Generalvikar mit der leitenden Managerin des Bildungshauses nicht friktionsfrei zusammenarbeiten konnte. Dass leitende Mitarbeiter innerhalb einer Institution nicht gut miteinander können, ist nicht wirklich selten. Besteht die „Verwundung“ darin, dass der Herr Bischof nicht die Partei des Generalvikars ergriffen hat? Wenn dem so ist, dann möge das Kirchenvolk von dieser „Causa“ verschont bleiben.
    Ich darf zusätzlich noch darauf hinweisen, dass die Rechtfertigung einer Grenzüberschreitung durch das Argument der „Verwundung“ der Billigung eines „Revanche-Fouls“ ziemlich nahe kommt.

    (iv) Eingeforderte Transparenz
    Nun ein paar Kommentare zu Transparenz und zu Administrativem in der Kirche – soweit ich das als Nichtkleriker verstehe. Es soll vor allem dazu dienen, die Kirche im Dorf zu belassen und einer allgemeinen Abregung das Wort zu reden.
    Wenn im Bereich der staatlichen Verwaltung der Rechnungshof einen Prüfbericht über ein Amt oder ein Ministerium verfasst, wird der sogenannte „Rohbericht“ der geprüften Stelle zugesandt. Die geprüfte Stelle hat nun die Möglichkeit, zu allen Vorwürfen Stellung zu nehmen. Diese Stellungnahmen führen dazu, dass der Bericht modifiziert wird – oder auch nicht. Jedenfalls aber werden diese Stellungnahmen in den „Endbericht“ eingearbeitet. Die Veröffentlichung des „Rohberichtes“ ist daher aus nachvollziehbaren Gründen nicht erlaubt, da ja die Stellungnahme des Geprüften noch nicht vorliegt. Wenn der Vatikan daher die Veröffentlichung des vom Domkapitel und dem Administrator bestellten Prüfungsbericht in seiner Form als Rohbericht nicht erlaubt, hat das nichts mit Vertuschung zu tun, wie das die Medien und viele andere Mitschreier oft behaupten, sondern nur mit Fairness. „Audiatur et altera pars“ hatten schon die Römer als Prinzip, das sollte auch für die Kirche eine Selbstverständlichkeit sein. Ich kann in dieser Weisung des Vatikans daher keine wie immer geartete Vertuschung sehen.
    Dass das Domkapitel gegen die Weisung aus dem Vatikan den Rohbericht dennoch veröffentlicht, ist ein Skandal und keineswegs couragiert, wie Sie das nennen. In jeder privatwirtschaftlichen Institution würde die Veröffentlichung eines Rohberichtes gegen die Weisung des Vorstandes zur sofortigen fristlosen Entlassung führen, in jedem Amt zur sofortigen Suspendierung und Einleitung eines Disziplinarverfahrens. Dies gilt auch für Personen, die sich durch den Geprüften „verwundet“ fühlen oder auch wirklich „verwundet“ wurden.
    Der wirtschaftliche Schaden, den der Bischof seiner Diözese (oder doch nur dem Bistum) angeblich zugefügt haben soll, wird durch diese Vorgehensweise des Domkapitels unter Führung des Administrators ausgeweitet auf einen pastoralen und emotionalen Schaden für seine Diözese und für die Kirche in ganz Österreich. Wenn Sie das couragiert nennen, stimmt das lediglich insoweit es den Mut der Beteiligten betrifft, nicht aber hinsichtlich eines allfällig positiven Drives dieser Aktion. Wie gesagt, in nahezu allen privaten und öffentlichen Organisationen wäre ein, wenn auch couragiertes, Übergehen einer dienstlichen Weisung ein Entlassungs- bzw. Amtsenthebungsgrund. In diesem Fall auf eine Gewissenspflicht zu verweisen, erscheint doch sehr übertrieben und aus einer beachtlichen Fixierung und Verengung der Sicht resultierend.

    (v) Befangenheit
    Dass der zuständige Metropolit, der Erzbischof von Salzburg, als Visitator eingesetzt wurde, sehe ich als völligen logischen Schritt der Kirchenleitung. Erstens ist er dafür formal zuständig. Ein kurzes Analogiebeispiel aus den staatlichen Institutionen: Vorgänge in einer Staatsanwaltschaft werden von der zuständigen Oberstaatsanwaltschaft geprüft. Jeder Gerichtsbeschluss hat eine Überprüfung in einem vorgesehenen, geregelten – nicht willkürlich ernannten – Instanzenzug. Wo ist da das „Gschmäckle“? Zweitens, die Ernennung eines externen Visitators (zB eines ausländischen Erzbischofs) würde dem zuständigen Erzbischof unterstellen, er wäre befangen, weil er im Falle einer Beanstandung zugeben müsste, seine Aufsichtspflicht schlecht wahrgenommen zu haben. Inwieweit eine laufende Aufsichtspflicht des Metropoliten zu finanziellen Details einer anderen Diözese und eines anderen Bistums seines Metropolitangebietes überhaupt gegeben ist, wie die von Ihnen behauptete strukturelle Befangenheit implizit unterstellen würde, dazu wird es wohl eines Kommentars eines Kirchenrechtsexperten bedürfen.
    Wenn „die Vorwürfe“ den österreichischen Bischöfen und dem zuständigen Metropoliten in Salzburg schon seit Jahren zugetragen wurden und daher bekannt sein mussten und dennoch nichts geschehen ist: Was schließen die Domkapitulare daraus? Ich würde zuerst daraus schließen, dass die Oberbehörde meine Vorwürfe entweder als sachlich nicht zutreffend eingestuft hat (zB Verletzung der Zölibatpflicht nicht gegeben), oder eine andere Bewertung der Sachlage vorgenommen hat als ich (zB, dass das Geld in ein Bildungshaus aus pastoraler Sicht gut investiert ist, auch wenn es in der Investitionsphase monetäre Verluste schreibt).
    Es kann auch sein, dass ich in einem durchgeführten Verfahren kein Kläger mit Parteistellung bin (weil ich als Vertreter der Diözese eben nicht befugt bin, in der Finanzgebarung des Mensalgutes mitzuwirken) und ich daher zB über den Verlauf einer Visitation des Mensalgutes auch nicht am Laufenden gehalten werde. Im Übrigen weiß niemand, ob der Metropolit dem Bischof nicht unter vier Augen dazu sehr wohl etwas gesagt hat. Ist das wirklich Intransparenz, die man öffentlich beklagen muss?
    (Ich darf Sie in Analogie zum letzten Punkt daran erinnern, dass es in staatlichen Verwaltungsverfahren Standard ist, dass Sie eine Antwort auf eine Eingabe oder Beschwerde nur dann erhalten, wenn Ihnen das Gesetz Parteienstellung einräumt. Viele Leute kennen das aus Bauverhandlungen. Ist manchmal sehr frustrierend, aber es ist auch im durchaus demokratischen staatlichen Bereich so, keine Eigenheit der Kirche.)
    Warum fällt meine Stellungnahme so negativ zuungunsten des Administrators aus: Wenn das „Kirchenvolk“ (zu dem ich mich zähle) etwas nicht mag, dann ein eitles, gekränktes Gezänk unter Klerikern. Und genau so ein Schauspiel führt uns das Gurker Domkapitel derzeit vor. Echte oder vermeintliche Verwundungen hin oder her: Ich bin sehr froh, dass der Vatikan dieses inszenierte Mobbing gegen den nach St.Pölten berufenen Bischof durch die Einsetzung eines Visitators beendet hat. Lassen Sie doch Erzbischof Lackner jetzt arbeiten, bevor alle schon vorher wissen, dass er befangen ist. Er ist nicht strukturell befangen, sondern zuständig!

    Zu Ihrem Nachtrag am 26.12.2018
    Wenn ich ihre letzte Stellungnahme lese, bemerke ich, dass die Beachtung demokratischer Prinzipien, möglichst auch über die rechtlichen Vorschriften hinausgehend, in Ihrer Einschätzung eine besondere, fast primäre Gewichtung bekommt. Ich denke, dass eine (Über-)Betonung demokratischer Prinzipien ein Problem der Kleriker unter sich ist, nicht aber die des breiten Kirchenvolkes. Viel wichtiger ist den Gläubigen die spirituelle Dimension der Kirche. Kirche besteht nicht nur aus Verwaltungsstrukturen. Ich darf Ihnen versichern, dass diese Streitereien, ob nur der Bischof über eine Investition entscheidet oder auch der Herr Generalvikar demokratisch miteingebunden wird, das Kirchenvolk kaum interessiert. Diese Diskussion ist kirchensoziologisch vielleicht für Kleriker von Interesse, für die anderen ist das lediglich Störfeuer in ihrer Beziehung zur Kirche.
    Schade !

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